Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1928-01-20 · Heft 18 (20.1.1928) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 18 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711630-2711633--0237-2713364
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Nr. IS m NEUE WEIT Seife 9 Sämtliche KLAVIERE auch auf Marken W- KREITLER A Teilzahlung IX.Unlv©rsIiaisslrafleTt aufs Krankenlager geworfen hatten, siechte immer mehr dahin. Die ganze Gemeinde trauerte mit ihm um den verlorenen Sohn und um ihren in Aussicht genommenen geistigen Führer. Mit Entsetzen dachte sie daran, welchen Gefahren die Judengemeinde von Varasdin durch ein besonderes Glück entgangen war. Lebte doch <m ihrer Erinnerung das Schicksal anderer jüdischer Gemeinden in Ungarn, die durch ihre Rabbiner bis an den Rand der Abtrünnigkeit gebracht und bloß durch einen Zufall davor bewahrt wurden, wie eine Herde auf die Schlachtbank samt und sonders, mit Kind und Kegel der Mission in die Arme getrieben zu werden. Die Eltern des berühmten Täuflings Dr. Roscheid haben die Kränkung nicht lange überlebt. Aber auch die Ehe Dr. Rosenfelds war nicht von langer Dauer. Vorn Geist der Unruhe gepeinigt, von seelischen Skrupeln gehetzt, hielt es ihn in keiner Gemeinschaft, auch nicht in der sclbstgcwollten Ehegemeinschaft. Er erwirkte in Rom die Lösung seiner Ehe durch das Versprechen, die schweren Bürden des strengen Bcnediktinerordens auf sicli 7,u nehmen und in die weite Welt »u ziehen, um als Missionär zu winken. Die seiner Ehe entsprungenen zwei Kinder wurden gleichfalls in ein Kloster gebracht. Doktor Natham (Nahum) R o s e n f e 1 d, der Sohn des Varasdiner Oberrabbiners, erhielt als Benediktinerpatcr den Namen Hilarius, „der Fröhliche". Es war jedenfalls eine Benennung nach der Formel des „lucus a non lucendo"; er nannte sich der Fröhliche, weil er im Herzen gar so traurig und gramerfüllt war. Aber auch als Benediktinermönch konnte er das interne Klosterleben, das ihn lange an eine Stelle fesselt, nicht vertragen. Unstet und unruhig zog er hinaus zu den „wilden" Menschen, die noch frei von jedem durch Religion- und Kultur erzeugten Zweifel ihr Naturleben führen, um sie mit den Lohren eines Glaubens bekannt zu machen, der nicht der seine war und vor dem er eigentlich zu den Wilden geflüchtet ist. Pater Hilarius soll als Missionär unter den Negern und sonstigen Fanbügen erfolgreich gewesen sein. Menschen, die ihm nahestanden, erzählen von ihm, daß er es stets vermieden habe, Juden in seinen Bannkreis zu ziehen.,, Es wind auch behauptet, daß Pater Hilarius erst in der letzten Zeit, wenige Tage vor seinem plötzlichen Tode, an eine be>kannte jüdische Familie einen hebräischen Brief geschrieben habe, in welchem er seine große seelische Not klagte und versichert haben soll, daß er die wichtigsten jüdischen Gesetze und Feiertage bis ah sein Lebensende getreu eingehalten habe. Ich weiß nicht, was an dieser Behauptung Wahrheit undwas Legende' ist. "'Aber'" ich:^-selbst kenne einige Fälle von Altersgenossen des Pater Hilarius recte Nathan (Nahum) Rosenfeld, die gleich ihm mit der Rabbinerhatarah in der Tasche den Sprung über den Abgrund taten und dann als christliche Geistliche einen Marannenieben führten, von dem ihre Gemeinde keine Ahnung hatte. Im nächsten Artikel sollen diese Fälle 'behandelt werden. Das Jubiläum der Katharina Steiner. In den Wiener Zeitungen wurde küralich die Oeffent- IicÜkeiit auf die große Notlage einer alten Frau aufmerksam gemacht. Es handelt sich um Katharina Steiner und der Zufall fügt es, daß diese arme Frau, eine Jüdin, in wenigen Tagen das 50jährige Jubiläum des an ihr begangenen Justizmordes feiern kann. Sie wurde im Jahre 1878 unter der. Ausdhukligung veKhaiftet, ihre Zimniemaohbartin, eine Prostituierte, namens Balogh, erfnordet' und beraubt zu haben.. Es kam zu einem: Serisa- Öonsprozeß und die Steiner wurde auf Grund eines reinen rndizienverfathrehs zum Tode durch den Strang verurteilt. Als sie atis dem Saale geführt wurde, rief sie: „Ich bin.unscihu.ldig!" Das Urteil wurde in lebenslänglichen Kerker umgewandelt. Fünf Jahre saß sie im Zuchthaus zu Wi ener-Neudorf. Endlicfh im Jahre 1883 wurde der wirkliche Mörder aufgefunden, ein Bujährlg-Freiwilliger in Znaim, der Sohn des Grazer Staatsanwaltes ..Warschauer. Kathanina Steiner, die sich im Kerker fast blind geweint hatte, wurde aus der Haft entlassen. Die Gesellschaft, die an ihr ein Verbrechen verübt hatte, ließ ihr Opfer hungern. Katharina Steiner wurde eine Bettlerin Juden in der preußischen Akademie für Dichtkunst. Am 12. d. M. fand in Berlin in einer Vollsitzung der Sektion für Dichtkunst an der preußischen Akademie der Künste die zweite Zuwahl neuer Mitglieder statt. Da man nach den Satzungen sich auf 30 Mitglieder zu beschränken beabsichtigt, so standen noch fünf Plätze zur Verfügung. Hinzugewählt wurden: Theodor Täubler, Alfred Döblin, Leonhard Frank, Alfred Mombert und Fritz von Unruh. Von diesen sind der Romanschriftsteller Alfred Döblin und der Lyriker Alfred Mombert Juden. Auch unter den bisherigen Mitgliedern der Dichterakademie zählt QUALITÄTS-MGBEL QröBttt Auswahl! Billigste Preise! . Zahlungserlelchterungen! Möbelhaus J. WÜHL 3 man eine Anzahl Juden, unter anderem Ludwig Fulda, Franz Werfel und Arthur Schnitzler. Der Sinn der altjüdischen Verlobung. Aus Paris wird uns berichtet: Das Leben in dem in Paris nach dem Krieg entstandenen jüdischen Emigrantenghetto mit seiner Vielgestaltigkeit und seinen kleinlichen Streitigkeiten und Zänkereien bringt den Pariser Zivilrichter oft in arge Verlegenheit. Er hat über Fragen zu entscheiden, die allerdings besser vor einem Rabbinatskolleghjm ausgetragen werden als vor dem weltlichen Gericht, für welches manche jüdische Volkssitten und manche eingewurzelte Gebräuche unentwirrbare Rätsel sind. So hatte ein Pariser Zivilrichter in der Klage des Abraham N. zu entscheiden, der von seiner ehemaligen Braut Bella (Scheindl) Schadenersatz für Verminderte Ehefähigkeit und Kreditfähigkeit forderte, weil sie die mit ihm geschlossene Verlobung rückgängig gemacht hat. Der Kläger erzählte bei Gericht, wie zeremoniell die Verlobung vollzogen worden sei; es wurden die Tenoim, der Bhevertrag, der allerdings erst nach vollzogener Trauung in Kraft tritt, geschrieben und unterfertigt, es wurden alle Vorbedingungen für den Vollzug der Ehe geschaffen, auch der Tag der Eheschließung sei bereits bestimmt gewesen, so daß der Kläger, wie er behauptete, nach dein mosaischen Gesetz sich bereits mit seiner Braut seelisch verbunden gefühlt habe. Dadurch, daß seine Braut nun die „Tenoim" zerriß und die Verlobung auflöste, sei er in seiner Bhefähigkeit wie auch in seiner Kreditfähigkeit als Kaufmann arg geschädigt worden. Denn in seiner alten Heimat und auch jetzt im Pariser Ghetto werde jeder Jude mit Recht behaupten, daß ein jüdischer Kaufmann, dem seine Braut die „Tenoirn" zurückschicke, so bemakelt sei, daß er keines Vertrauens mehr würdig wäre. Die Braut erklärte demgegenüber, daß sie, als sie über Wunsch ihrer Eltern sich mit dem Kläger Verlobte, der Meinung war, daß sie ihn auch liebgewinnen werde. Da dies nicht der Fall sei, wolle sie sich nicht für immer an ihn binden, obgleich sie zugeben mußte, daß im Osten bei sehr frommen Juden die Verlobung unter Einhaltung der geschilderten Gebräuche fast einer Eheschließung gleichkomme. Der Richter fand sich in diesem ihm ganz fremden Milieu nicht zurecht. Er klammerte sich .schließlich an die falsche Behauptung des Klägers, daß die Verlobung bei den Juden nach mosaischem Gesetz der mündlichen Ehevereinbarung gleichkomme. In seiner Verwirrung rächte sich der arme Richter an dem Gesetzgeber Moses, indem er rundweg erklärte, die mosaische Gesetzgebung bestehe heute nicht zu Recht und alle unter Berufung auf diese Gesetze gestellten Forderungen seien null und nichtig. Der Kläger ..berief. Sir Alfred Mond — ein Repräsentant des neuen England. Der Londoner 'Wirtschaftsberichterstatter des „Berliner Tageblattes", Günther Stein, veröffentlicht im „Berliner Tageblatt" einen längeren Aufsatz, der eine eingehende Würdigung der Persönlichkeit Sir Alfred Monds und seiner Rolle in der heutigen Wirtschaft Großbritanniens enthält. Er schreibt unter anderem : Sir Alfred Mond, Baronet (Exminister und Leiter des größten britischen Industriekonzerns, der Imperial Chemical Industries Ltd.), ist zweifells eine der interessantesten Persönlichkeiten der englischen Wirtschaft^, weil er einer der Vollstrecker der stillen Wirtschaftsrevolution ist, die sich in England vollzieht und die dem Lande Aussicht auf Ueberwindung seiner schweren Entwicklungskrise gibt. Sir Alfred Mond ist — so stark betont auch sein Patriotismus und so groß auch sein Bemühen um das Wohl Englands, beziehungsweise des britischen Imperiums sein mag — durchaus unenglisch. Er ist, wie man es in London nennt, ohne damit etwa eine abfällige Kritik zu äußern, „kontinental". Er ist Jude, ja, einer der Repräsentanten des politischen Zionismus in England, und sein Vater, der bedeutende Chemiker Doktor Ludwig Mond, der den Baronettitel noch nicht besaß, war in Darmstadt zu Mause. Dr. Ludwig Mond wanderte in jungen Jahren naefi England aus und gründete .gemeinsam mit einem anderen Deutschen, Brunner, mit minimalen Mitteln die Firma Brunner, Mond u. Co., die aus winzigen Anfängen zu dem größten englischen Chemiewerk und schließlich zum Mittelpunkt der kürzlich erfolgten Fusion fast aller bedeutenden chemischen Fabriken Englands in der Imperial Chemical Industrie Ltd., einem Unternehmen mit etwa 1200' Millionen Mark Aktienkapital, geworden ist'. Sir Alfred Mond hat seinen Weg zur Führerschaft in der englischen Wirtschaft und zu einer bedeutenden und vielleicht noch zukunftsreichen Stellung in der britischen Politik dadurch gemacht, daß er seinen auf „kontinentaler" oder jedenfalls nicht insulär-englischerj Einstellung und Sachkenntnis beruhenden Ideen mit derselben unbeugsamen Energie und demselben arbeitsamen Ehrgeiz, wie ihn sein Vater besaß, in England Geltung zu verschaffen wußte. In dem intinktiv empfundenen Bedarf an neuem Blut — und nicht nur in dem besonders weitgehenden Liberalismus sowie der im Volksdurchschnitt besonders großen Toleranz und politischen Klugheit Englands — liegt vor allem auch der Grund dafür, daß die Juden heute, ohne durch praktische Auswirkungen des latent auch hier vorhandenen Antisemitismus gehemmt zu sein, in der Politik und in der Wirtschaft (nicht etwa nur in der Finanz und im Handel) Großbritanniens eine so bedeutende Rolle zu spielen vermögen. Hierin liegt jedenfalls aber der Erfolg der Monds, begründet. SPEZIALIST Ifür Kinder- und Mädchenzimmer-, Küchen» und Vor-■ zimmer-MOBEL. Schlaffauteuiis, Diwans und Ottomanen eige- ■ ncr Erzeugung. Ocscliaftsbesiand seit 60 Jahren. Motto: OroBer ■ Umsatz — kielner Nutzen. Größte Auswahl! Billigste Preise! ■ Jose? Kobllt« » Sohn. VII., Slebemterng. 121 Und hierin Hegt schließlich die Ursache dafür, daß man Sir Alfred Mond als den markantesten Vertreter der „neuen" englischen Wirtschaft bezeichnen darf, die immer stärker den insular-traditionellen Charakter verliert und immer mehr durch äußeren Einfluß gewandelt und modernisiert;wir.d. . . . . v ... Sir Alfred Mond, der annähernd 60 Jahre alt ist, gilt vielen in der englischen Politik als ein kommender Mann. Er war bereits zweimal Kabinettsmitglied und man sagt, in einem neuen konservativen Kabinett würde man ihm einen wichtigen Posten, vielleicht den des Wirtschaftsministers (President of the Board of T^d.:) anbieten. _ Theater und Kunst Konzert Louis W. Krasner. Am 24. d. M. findet im Großen Konzcrtliaussaal eif« Konzert des Violinvirtuosen Louis W. Krasner aus Boston statt. Das Programm enthält u. a. die Erstaufführung des Violinkonzerts op. 60 von Joseph Achron. Das Wiener Sinfonieorchester wird unter der Leitung von Direktor Niilius mitwirken. Kunstgesellschaft zur Pflege synagogischer Musik, Unter diesem Titel hat sich aus den hervorragendsten Kantoren und Tempelsängern Wiens eine Vereinigung gebildet, um die schlummernden Schätze der so mannigfachen synagogalen Musik der breiten Oeffentlichkeit szu erschließen. Die Vereinigung steht unter Führung des Horm •Oberkantor I. Müller und gehören derselben nachstehende Herren an:' B a l a b a n, B o « w m o l Ii y, E i nhorn, Frankel, Funke, Groß, Katz, Land et er, Mandel, Marguli es, Percz ig, Postolow, Redlich, Reich, Reich mann, Schacht er, Stift, Trager, W a h r m a n n, Z e i s l. Das erste Debüt der Vereinigung findet Sonntag, den 5. Februar 1928, im Pazmanitentempel .im Rahmen eines C h a m i s c h o o s o r- . T e rii p c 1 f e s t e s statt. Nach den bisherigen Proben unter Leitung des Dirigenten S i m e r o f s k y zu schließen, dürften diese einzig gearteten Darbietungen nicht nur für jüdische Kreise, sondern auch für alle Fachleute von größtem Interesse sein; Kartenanmeldun.gen nimmt das Sekretariat des Pazmanitentempels, Wtien, IL, Pazmanitengasse 6 (Telephon 47-8-63), entgegen. ' : Isaak Deutsch, der seinenzeitige Regisseur der Freien Jüdischen Volksbühne, kehrt, in den nächsten Tagen von einer südamerikanischen Tournee nach Wien zurück •und wird, wie wir erfahren, seine Tätigkeit an den „Jüdischen Künsfclerspieien" aufnehmen. Hermann Weinberg, der Begründer der „Jüdischen Bühne" in Wien, feiert sein SOjähriges Bühnenjubiläum. Aus diesem Anlaß findet am 1. Februar ein Ebrenabend in den „Jüdischen Kiinstlerspielen" statt. „Künstler-Diele" (früher Leopoldi-Wiescnthal). Dieses in Wien flbestbeikannte und beliebte VergnüffunigsetaMisscment wurde kürz'Hch unter neuer Leitung mit einem großartigen Schlagerprogramm wieder eröffnet/ Täglich gelangt unter stürmischem Lachen und nicht endenwollendem Beifall des entzückten Publikums die unverwüstliche Posse „Die K'laibriasipartic" mit .Adolf Glinger, Josef Fleiscihmann, Das 1 sehnlichst erwartete Buch | ist da! I Herausgegeben von Max Präger und Siegfried Schmitz Diese Sammlung von Anekdoten # Witzen | Schwänken g führt in das | Reich echten Humors I. Jede Seite zwingt zur Heiterkeit | Wer bei diesem Buch nicht lacht, | der hat das Lachen nie gekannt! 1 Eleganter Ganzleinenbarid 8 Schilling I Durch alle Buchhandlungen j§ oder direkt von | R. Löwit Verlag, Wien, I. | Fleischmarkt 1 * Rotenturmstraße 22 iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.