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Die neue Welt · 1928-01-20 · Heft 18 (20.1.1928) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 18 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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l¥r. ß DIE NEUE WELT Seile X gewandelt worden ist. Benjamin von Tudela schrieb, daS dort früher eine Synagoge war. Ueber den Gräbern von Abraham und Sarah sind zwei achteckige Kapellen errichtet Diese Gräber sind nördlich des Gebäudes gelegen. Die Gräber von Isaak und Rebekka liegen innerhalb de9 Gebäudes, die von Jaakob und Lea im Norden des „Haram" benannten heiligen Gebietes, das Grab von Joseph befindet sich innerhalb einer besonderen Umfriadung. Alle Gräber sind mit reichbestickten Decken und Teppichen bedeckt. Das „Haram"-Gebiet ist eines der drei Moslem-Heiligtümer erster Ordnung. Joseph Cowens 60. Geburtstag. Herr Joseph Cowen, der bekannte zionistische Führer, vollendete am Sonntag den 8. Jänner sein 60. Lebensjahr. Aus diesem Anlaß sandte ihm Dr. Chaim Weizmann, der Präsident der Zionistischen Weltorganisation im Namen der Exekutive der Zionistischen Organ** sation ein Glückwunschschreiben, in welchem es heißt: „Denkt man an Ihre glänzenden Leistungen für die zionistische Sache, so ist dieser Glückwunsch mehr als eine bloße Formalität. Sie sind mit unserer BewO <tung' seit ihrem Entstehen eng verbunden und waren in Ihrer Hingabe stets freigiebig gewesen. Sie haben schon dem unsterblichen Begründer unserer Bewegung, dem Sie persönlich nahestanden, einzigartige Dienste . erwiesen und haben allen anderen, die ihm in der Führerschaft gefolgt sind, Ihre wertvolle Mitarbeit nicht •entzogen. Sie haben der Exekutive mit Ihrer reifen Erfahrung und Ihrem gesunden Urteil stets beigestanden. Wir sind besonders glücklich darüber, daß die Zahl der Jahre so leicht auf Ihnen lastet und Sie sich einer Gesundheit erfreuen, um die Sie viele Junge 1 beneiden. Wir freuen uns dessen um der zionistischen Sache willen und hoffen, daß uns noch viele Jahre lang Ihre Kameradschaft und Ihr guter Rat begleiten werden. Wir wünschen Ihnen unverminderte Kraft, da wir wissen, daß diese unserer Sache mit unvermindertem Eifer Ihrerseits gewidmet sein wird. Wir hoffen, daß Sie die ruhmreiche Erfüllung unserer Bestrebungen denen Sie Ihr Leben geweiht haben., erleben werden." Die amerikanische Mlsrachl-Konierenz. Die in Boston abgehaltene Jahreskonferenz des amerikanischen Misrachi ging zu Ende, ohne daß es gelang, die Führerschaftskrise beizulegen. Es wurde weder ein Präsidium, noch ein Verwaltungskomitee gewählt; Rabbi Mayer B e r 1 i n. der Präsident^des Weltmisrachi, wurde gebeten, bis zur Beilegung der Differenzen in Amerika zu verbleiben und die Organisation zu leiten. In der Jahresversammlung hielt Rabbi Mayer Berlin eine große Programmrede, in der er die zionistische Leitung scharf kritisierte. Er sagte unter anderem, die Zionistische Organisation beschränke sich heute darauf, ein Samuel-Organ zu sein, statt die Judenheit mit erneuter Kraft für die Arbeit im Interesse des Palästinas aufbaues zu organisieren. Ungültigkeit der Leipziger Gemeindewahlen. Aus Leipzig wird berichtet: Die am 27. November 1927 stattgefundenen Wahlen, zur Repräsetttantenvcrsam>ni- •lun.g der Israelitischen Religionsgemeiude in Leiipztig sind vom Wahlprüfungsgericht. in einer am 11. Jänner 1928 getroffenen Entscheidung für ungültig erklärt worden. Eine Pogromreliquie im Odessaer Mendele-Museum. Das, vor kurzem in Odessa eröffnete Museum für jüdische Kultur, das den Namen des Dichters Mendel e M o c h e r . S f o r i m trägt, beherbergt eine Reliquie, die erschütternde Erinnerungen weckt. Es ist dies e i n gedruckter Aufruf der jüdischen Gemeinde der ukrainischen Stadt Ananiew an die Banden Petljuras, in welchem diese beschworen werden, von ihrem blutigen Handwerk zu lassen und . die friedliche jüdische Bevölkerung ziu schonen. Das Exemplar ist durchtränkt mit jüdischem Blut; dies war die Antwort, die die Pogrombaiiden auf den Aufruf zur Menschlichkeit gaiben. Ritualmordhetze in einer litauischen Stadt. In dem litauischen Städtchen S c h i d J e w e (Kreis Rassein) leibt die jüdische Bevölkerung wahre Schreckenstage durch. In der Nacht auf den 8. Jäiwier umzingelte eine von Agitatoren aufgehetzte christliche Menge das Haus eines jüdischen Kaufmannes und forderte die Herausgabe eines angeblich z u rituellen Zwecken geraubten christlichen Kindes. Eine Bedienstete des Kaufmannes wurde durch Schläge über den Kopf schwer verwundet. Gegen alle benachbarten, von Juden bewohnten Häuser wurde ein Steimbomfoard erneut eröffnet, so daß keine Fensterscheibe ganz blieb. Der Kreischet von Ras sein entsandte nach Schldlewe eine Abteilung Polizei, die sich um dl« Aufrechterhalturig der Ordnung bemühte. Geldstrafe für Ritualmordhetze. Aus Göttingen wird berichtet: Vor dem Schöffengericht hatte sich der völkische Agitator Berengar EÜsn-er von Gronow zu verantworten. Der Angeklagte hatte in der von ihm geleitetem Buchhandlung Exemplare des „Illustrierten Völkischen Beobachters" zum Aushang gebracht, in denen die Bilder von angeblichen Ritualinorden enthalten waren. Mit einer Rotstiftnotiz hatte er zum Ausdruck gebracht,, daß die Bitern ihre Kinder auf diese Dinge hinweisen sollten. Die Anlklagefoehörde erblickte darin nicht nur eine Beschimpfung der Jüdischen Religionsgemeinschaft, sondern auch eine Aufreizung zum Klässenhaß. In der Verhandlung stellte es sich heraus, daß die Polizei die Bilder anfangs beschlagnahmt, befreandlicherweise aber die Beschlagnahme später r ü c k g ä n gl g g e m a c h t hatte. Auf diese Tatsache nahm ein erneuter Aushang än der Buchhandlung Bezug. Das Gericht erkannte auf eine Geldstrafe von 300 Mark tuid auf Einziehung der Wer« Exkaiser Wilhelm II. und die Juden. In dem vor kurzem erschienenen Buche „Das Zeitalter Bismarcks" des Kölner Historikers S. Ziekursch, findet, sich folgende Stelle, welche vom Prinzen Wilhelm, dem späteren Kaiser Wilhelm IL,, handelt: Ende November 1887 ließ sich der Prinz mit seiner der Orthodoxie zuneigenden Frau durch den Generalquortiermeister Grafen Waldersee zur Teilnahme an einer Versammlung in Waidcrsecs Hause zugunsten der vom Haupt der christlichsozialen Partei, dem Hofprediger S t o e c k e r, geleiteten Berliner Stadtmission verführen. Bei dieser Zusammenkunft sprach der Prinz davon, daß nur durch c h r istlich so zialenGeist der Umsturz zu' überwinden sei. In seiner politischen . Harmlosigkeit übersah er, daß er sich durch sein Verhalten als Parteigänger des rechten Flügels . der Konservativen, der Feinde des Kartells, und der A nt i s e m i t e n und damit, als Gegner der Politik Bismarcks und des . Kaisers, wie der Ideen seines Vaters vor der Oeffentlichkeit festlegen ließ. Der in der Presse bis zu den freikonservativen Organen und der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" einsetzende Widerspruch . gegen die „Stoec'kere'i und Muckerei" führte dazu, daß der Prinz auf einer Hofjagd dem preußischen Innenminister v. Puttkamer erklärte, wenn er zur Regierung komme, werde er nicht dulden, daß'diejuden in.der Presse'tätig seien. Als Puttkamer auf die durch Gewerbeordnung verbürgte Gewerbefreiheit hinwies, erwiderte der-Prinz: Dann schaffen wir die ab." Der Leiter der „Kreuzzeitung", Freiherr y. Hammerstein, der Gesinnungsgenosse Stoeckers, trat natürlich für den Prinzen ein und empfing am Jahresende aus der Umgebung des Prinzen einen Brief, der mit den Worten begann: „Prinz und Prinzeß (Wilhelm) sind sehr zufrieden über Ihren gestrigen Leitartikel. Verhauen Sie das v e r j u d e t e Lumpenblatt, die (freikonservative) „P o s t", n u r g r ü n d 1 i c h.-' Vor der Öffentlichkeit mußte natürlich erklärt werden, daß der Prinz kein Antisemit sei, und als künftiger Thronfolger sich wohl bewußt wäre, daß er keiner Partei angehören dürfe. Er hat als Kaiser gehalten, was er als Prinz so schön versprach. In einer seiner berühnnen Neujahrsreden führte er aus, daß nur ein Christ ein guter Soldat sei« könne und hat sich immer dagegen eingesetzt, Juden;den Offiziersr.ang zu verleihen. Als Exkaiser ist er der anti: semitischen Tradition treu geblieben und in kürzeren und längeren Zeiträumen sendet er von Doorn aus Epistel in die Welt, in welchen er den Juden die Schuld an Deutschlands Niederlage zumißt. Ein deutscher Friedhofschänder freigesprochen. Am M. Jänner verhandelte das große Schöffengericht Breslaus gegen den Studenten des Maschincubaufaches Wilhelm Gensert aus Ratibor und den Schlosser Paul Schönborn aus Breslau wegen eines versuchten Einbruches in den jüdischen Friedhof. Dort waren im Dezember 1926 eine große Anzahl Grabsteine -umgeworfen worden. Im Mai 1927 bemerkte nun der Sohn des Friedhofverwalters in einer Nacht gegen drei Uhr zwei Männier, die sich am Friedhofsportal zu schärften machten. Der Wachhund schlug an, worauf die beiden Männer davonliefen. Sie wurden, als die ihueu Nachsetzenden sie ergriffen, erkannt und vor Gericht gestellt. Die Angeklagten bestritten, die Täter zu sein, obwohl die Türklinken des Friedhoftores, an welchem sie sich zu schaffen machten, abgebrochen waren. Der Vertreter der Synagogen- Abonniert die | „Neue Welt" gemeinde, die als Neben'klägerin zugelassen war, Rechtsanwalt Förder, stellte fest, daß Gensert sich bereits früher schwerer antisemitischer Ausschreitungien schuldig gemacht habe. Gensert selbst gab zu, er sei völkisch gesinnt und betrage sich wie ein „echter deutscher Man n". Der Staatsanwalt hielt eine Verteidigungsrede für den Angeklagten und stellte seinen Versuch am Friedhofstore als einen Scherz blin; die antisemitische Betätigung des Gensert tue nichts zur Sache. Das Urteil des Gerichtes lautete auf Freisprechung, weil auch bei Unterstellung der antisemitischen Betätigung des Gensert das Ergebnis der Beweisaufnahme zur Uieberführung nicht für ausreichend erachtet worden war. Ein Antrag auf Schächtverbot im New Yorker Repräsentantenhaus. Der New Yorker Tierschutzverein hat dem Repräsentantenhaus des Staates New York ein Memorandum mit der Forderung unterbreitet, die Schächtung von Vieh nachjüdischem Ritus als tierquälerisch und barbarisch zu verbieten. Es wird auf das i n der Schweiz bereits bestehende Schächtverbot hingewiesen. Nahida Ruth-Lazarus gestorben. Wie aus Berlin berichtet wird, ist dieser Tage in Mcran Frau N a h i da R u t h-L a z a r u s, die Witwe nach dem bekannten Völkerpsychologen Professor Moritz Lazarus, hochbetagt gestorben. Frau. Nahida Ruth- Lazarus ist als Verfasserin eines Werkes über die Ethik der jüdischen Frau hervorgetreten. Wie Trotzki Mitbegründer eines jüdischen Theaters in Paris wurde. Ein Pariser Blatt erzählt die folgende Reminiszenz über den jetzt in Verbannung geschickten Gründer des bolschewistischen Regimes in Rußland, Leon Trotzki. Als der Krieg ausbrach, wurden in Frankreich jiddische Theatcraufführungen mit der Begründung verboten, daß Jiddisch und'Dexitsch dasselbe sei. Zwei Jahre lang kämpften die jüdischen Schauspieler von Paris, besonders jedoch Frau Arnstein um das Recht der Wiedereröffnung des jüdischen Theaters, bis es ihnen gelang, im Jahre 1916 die Erlaubnis, jiddisches Theater zu spielen, zu "erwirken. Um diese Zeit entstand auch eine Gesellschaft jüdischer und ntichtjüdischer Künstler und Kunstenthusiasten, die sich die Aufgabe stellte, in Paris unter dem Namen P e r e z- Th e a t e r ein rein literarisch-jüdisches Theater zu schaffen. Alle damals in Paris befindlichen jüdischen Schauspieler und Schauspielerinnen, unter ihnen auch Frau Wachsm a n n - <B 1 u m e n t h a 1, wurden für diese literarische Bühne engagiert. Als Premiere wurde Jn PoÜisch auf n Kait" von Perez bestimmt. Dem literarischen Komitee, welches das letzte Wort bezüglich der zur Aufführung zu bestimmenden Stücke hatte, gehörten unter anderem an: Lasowsky, S c h e r k i s, R o s e n f e 1 d, Jizka Glaser und Leon Trotzki, der damals dn Paris seine Zeitung „Naschalo" herausgab. Troteki nahm an der ersten Sitzung dieser Kommission teil und gab sehr wertvolla Anregungen. Doch hatte er es bald heraus, daß Paris für ein solches Theaterunternehmen, besonders was die materielle Sicherung anlangte, kein geeigneter Boden sei. Er zog sich auch nach einiger Zeit zurück, und In der Tat mußte das Theater nach zwei Monaten seine Pforten schließen. Das Experiment endigte mit einem ungeheuren Defizit, das niemals beglichen wurde. Auch der Versuch, das Peres-Theater durch Rückkehr zum alten melodramatischen und Operettenrepertoire au retten, war mißlungen. Leon Trotzki ist inzwischen der dranrtaische Held eines die ganze Welt in Atem haltenden Stückes geworden, urtd wer weiß, welches tragische Ende ihm noch bevorsteht?

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