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Die neue Welt · 1928-01-20 · Heft 18 (20.1.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 18 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. 18___ DIE NEUE WELT__^ Seife 3 v&tans Grosser Inventarverkauf Schilling 12.50, 14.50, 17.5®, 19.50 Direkt in der Fabrik, VII., Kaiserstraße Nr. 46 jahrelang „unsere Chahizim" in den Himmel «cliobcn hat, *bcute am Schicksal eben dieser Chaluzim sich uninteressiert zeigen können? Und will man im Ernst sagen, daß das Gallith am Ende seiner Leistungsfähigkeit angekommen ist? Wer wagt zu (bestreiten, daß nur die organisierten Zionisten, ohne sich selbst weh zu tun, ein Vielfaches von dem tun könnten, was sie tun? Es scheint, daß auch liier die Gewohnheit die Hand im Spiele hat. Ich stelle mir vor, daß ein Ziouist, dem man flaute von Arbeitslosigkeit in Palästina spricht, sich gelangweilt abwendet.' Das hat er nun wirklich oft genug gelesen und gehört. Und in der Tat, man kann wenig Neues darüber sagen, zumal die Palästinenser sich bisher noch nicht dazu entschließen konnten, direkt an die Tränendrüsen zu appellieren und Elcndsschikleniiigcn zu geben, zu denen es an Material kaum fehlen dürfte. Es ist ja auch . viel bequemer, mit überlegener Weisheit festzustellen, daß diese Krise die .unvermeidliche Folge unserer Fehler gewesen sei, daß wir durch sie 'hindurch müßten .und daß es dann schon wieder besser werden würde. Argumente, die man besonders gern aus dem Munde derjenigen hört, für die dieses Durchhalten so leicht und schmerzlos verläuft. Sollte es nicht vielleicht an der Zeit sein, auch hier etwas zu unternehmen, um das Entstehen sohlechter Gewöhnungen zu verhindern? Wir sollten wirklich dafür sorgen, daß Zionisten nicht außer der Untätigkeit der Mandatsregicrung auch steigende Auswanderung, aufhörende Kolonisation und verhungernde Chaluzlm als gottgegebene Tatsachen anzuerkennen lernen. I ROTAREX Staubsauger- Bodenbürsten 1. Bezirk, Rotgasse 3 T9,Ton S:!:5? Senator Jewelowski wieder Mitglied des Danziger Senats. Der neue Volkstag der Freistadt Danzig, der über eine demokratische Mehrheit verfügt, trat am 11. Jänner zum erstenmal zusammen und nahm die Wahl des Präsidiums und des Senates vor. Es wurden 14 Senatoren gewählt und zwar acht Sozialdemokraten, vier Zentrumsiangehörige und zwei Liberale. Einer der liberalen Senatoren ist der bekannte Industrielle Julius Jewelowski, ein Jude. Herr Jewelowski wurde schon vom ersten Volkatag der freien Stadt Danzig zum Senator gewählt. Allein die Völkischen konnten sich nicht dabei beruhigen, daß ein Jude Mitglied des Danziger Senats und also der Regierung des Freistaates sein soll. Eine maßlose Hetze setzte gegen Jewelowski ein, die diesen schließlich zum Rücktritt bewog. In der Erwartung des großen Wunders, Die Nachricht von der Millionenspende Rothschilds unwahr. In der vergangenen Woche brachte eine jüdische Zeitung die Nachricht, daß Baron Edmondc Rothschild dem Präsidenten der Zionistischen Organisation, Doktor Weizimann den Betrag von 1 Million Pfund für den Palästhiaaurbau übergeben habe. Die Meldung wurde von etlichen zionistischen Blättern übernommen. Einige Stunden herrschte unter der zionistischen Judcnsohaft freudige Aufregung, dann kam es zu trübseliger Reaktion. Die Nachricht erwies sich als glatt c r f u u d c n. Man darf den zionistischen Journalisten und den Zionisten im allgemeinen ans ihrer Leichtgläubigkeit und Kritiklosigkeit keinen allzu schweren Vorwurf machen. Sic sind das Opfer einer Stimmung, welche von der zionistischen Leitung und ihren Organen systernatdsch erzeugt wurde. Das Warten auf das große Wunder, auf den Goldstrom von oben! Mit der Annahme des Programmes von der Erweiterung der Jcwish Agency, der Heranziehung reicher, antinationaler Nichtz/ionisten zur Leitung der zionistischen Politik und des nationalen Aufbauwerkes hat diese verheerende, die Kraft der Volksbewegung lähmende Stimmung eingesetzt. Was das Volk tut, ist unwichtig, Arbeit unter den Massen ist Phrase, die kein Geld (bringt. Ob die Finanzniagnaten in New York, London und Paris schlecht oder gut aawgclegt sind, das ist ausschlaggebend! Damals begann diese Uebcrschwemmung der zionistischen Presse mit Berichten von Banken, Empfängen, Tees und Cerclcs, die Berichterstattung, welche aus dem Smoking und den Lackschuhen nicht herauskommt. Seit damals hörten die Berichte über die Vorgänge und die Bewegung im jüdischen Volke auf. Seit damals fahren und gehen die zionistischen Führer und Funktionäre nicht mehr zum Volke, um zu agitieren und zu arbeiten, sondern „begeben" sich zu hochwichtigen Zusammenkünften mit noch hochwichtigeren Persönlichkeiten, um goldene Wunder zu vollbringen. Das jüdische Volk darf hübsch danebenstehen und warten. Aller Segen wird von oben kommen! Daß in dieser Stimmung der Mißachtung der eigenen Kraft, der . Volkskraf.t und der Erwartung von Wundern das Geschichtchen von einer Million Pfund bar auf den Tcctisch allzu williges Gehör fand, ist wirklich nicht erstaunlich, umso weniger erstaunlich, als Edmondc Rothschild eine Ausnahme in seinen Kreisen ist, ein wirklicher Zionist. r. st. Wir empfehlen Miseren sehr 'geehrten Kunden jetzt einzukaufen, da, wie allgemein 'bekannt, infolge Rohmaterial- und Lederpreissteigerung die Schuhe teuerer werden. Dcl-Ka, Schuhindustrie- und Haudclsaktierrigesellschaft. Damenhandtaschen. modernst, ä S 9.50 im Wiener Taschner- und Ledcrwarcn-Kaufha'us Redisch, 1. Bez., Franz-Josefs-Kai 25. Jüdische Wählerversammlung, Am (Montag, den 16. d. M. veranstaltete der Klub radikaler Z i c>n i s t c n in Wien eine große Versammlung mit der Tagesordnung: „D a s W a h 1 u n r c c h t in der J ud c n g c m c i n d c und die Abf al'lbcwcgung". Die Referenten, Dr. Leopold Plaschkcs und Obenbaurat Robert S t rl ck e r, forderten zum Kampfe für das a 11 g c in eine, g 1 c i c h c und direkte W a h 1recht f ü r d i c K u 11 u s g c m c i n d c auf. Die Gemeinde, welche durch die Ah f a 11 h c w e g u n g in ihrer Grundlage erschüttert wird, muß aus einer Administration für rituelle Angelegenheiten in die V o 1 k s g e m e i n d e umgewandelt werden, welche alles Leib-endigc im Judentum in ihren Wirkungsbereich zieht. Jugenderziehung und soziale Arbeit dürfen nicht länger Nelbengeschäifte 'bleiben, der Gegenstand einer kärglichen Sailbventionierung. Sie müssen zum Hauptinhalt der Gemeindetätigkeiit erhöben werden. Das wichtigste Mittel zur Herbeiführung dieses Zustandcs ist die Einbeziehung aller Juden, vornehmlich aber der durch das herrschende Wahlunrecht heute ausgeschalteten Frauen, die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes. Der Klub radikaler Zionisten wird alles tun, um diesem Gedanken zum Sliogc zu verhelfen. NEUERSCHEINUNG: ARTHUR SCHNITZLER BUCH DER SPRÜCHE UND - BEDENKEN Die seit vielen Jahren erwartete Publikation können wir nun endlich der grossen Gemeinde dieses Dichters In die Hände legen. Schnitzlers persönlichstes Buch: eine Art Tagebuch, in welchem er zu den grossen'Fragen der Zelt und Ewigkeit Stellung nimmt — zu Religion, Philosophie, Kunst, Politik, Seclenkunde und Eros: In allen Buchhandlungen vorrätig PREIS: Broschiert S 6.80 Biegsamer Leinenband S II.--. P HAI DO N- VERL AG . WIE N MM Seiie I____S 1.60 Serie IV .... S 6.?0 Serie II____S 3.80 Serie V .... S 7.80 Serie III____S 4.90 Serie VI. . . . S 9.90 » Ii Wie Michel, der Musikant, starb! Skizze von J. L. Perez. Auf dem Bett ausgestreckt, ein bloß mit Haut überzogenes Knochengcrippe — Michel, der Musikant —, liegt im Sterben. Auf einem Koffer neben seinem Bett hockt mit Augen, die vom Weinen ganz verquollensind, sein Weib Mirl. Acht Söhne — lauter Musikanten wie Michel selbst,/- drängen sich in der engen Kammer aneinander. Es herrscht lautlose Stille. Niemand unterbricht das Schweigen, denn man hat sich nichts zu sagen. Der Arzt Hat den Kranken schon längst aufgegeben, desgleichen der Bader des Dorfes; sogar der alte Rüben aus dem Versorgurigshaus, der sich doch gewiß in solchen Sachen gut auskennt, hat gesagt, es sei gar keine Hoffnung . . . Erbschaft bleibt keine zurück, das Totengewand und das Grab stellt die Chcwra Kadischa bei und für das Gläschen Schnaps, das die Träger in solchen Fällen bekommen, wird schon irgend jemand Sorge tragen. Und da alles so einfach und klar ist, gibt es auch keinen Gesprächsstoff unter den Anwesenden. Nur Mlrl will sich damit nicht abfinden! Heute morgens ist sie mit verzweifeltem Wehegeschrei in den Tempel eingedrungen, und jetzt ist sie vom Friedhof heimgekehrt, wo sie nach altem Brauch die Gräber „gemessen" hat. Und immer hat sie dasselbe krampfhaft wiederholt: „Er stirbt für die Sünden seiner Kinder — sie sind nicht fromm genug gewesen, haben das Wort Gottes nicht geachtet — und dafür straft sie der Himmel, indem er ihnen den Vater wegnimmt . . Nun ist es aus mit dem richtigen Aufspielen, denn der Hauptmusikant wird fehlen, und es wird keine rechte, lustige jüdische Hochzeit mehr geben. Aber es heißt doch, daß Gottes Barmherzigkeit keine Grenzen kennt — und so muß man eben schreien und jammern, daß man die Toten damit erwecken kann! Ja, wenn die eigenen Kinder nicht solche „Abtrünnige" gewesen wären ... Sie hat zwar oben im Himmel einen Onkel, einen frommen Schoichct, der sitzt sicher an erster Stelle; der würde sich für ihren sterbenden Mann verwenden — Zeit seines Lebens war der Onkel gut zu ihr gewesen ... er würde sicher auch jetzt weiter das Möglichste für sie tun . . . Aber die Sünden der Söhne... Die halten Freundschaft mit den „Gojim", setzen sich an ihren Tisch, essen „trefe"! Bei solchen Sünden wird der Onkel im Himmel auch nicht viel ausrichten können . . . oh, über diese Söhne ..." Die Söhne sitzen da, jeder stumm in seine Ecke gedrückt; „Es ist noch nicht zu spät, Kinder!" stößt sie bitterlich schluchzend hervor. „Kinder! Kinder! Ihr könnt noch immer dem Vater Abbitte leisten — tut es doch!" „Mirl,*Mirl!" läßt der Kranke seine Stimme vernehmen, „laß das, Mirl, es ist zu spät, ich habe meinen Teil abgespielt, Mirl: ich habe genug, Mirl, laß -mich sterben." Mirl schluchzte auf. „Hört ihrs... sterben will er, sterben... und ich? Was geschieht dann mit mir? O nein, ich laß dich nicht sterben. Du mußt leben, du mußt weiter, leben . . . ich werde so schreien, daß sich der Todcsengel nicht trauen wird, an dich heranzutreten!" Man merkte es deutlich: in Mirls Seele war eine noch nicht vernarbte Wtunde aufgebrochen, „Ich flehe dich an, Mirl", bittet der Kranke, „hör' auf, wir haben uns unser Lebtag genug gegenseitig verwünscht, höre endlich auf! Vor dem Tode gehört sich das nicht... Ach, Mirl, Mirl, wir sind beide gleich schuld gewesen ... laß «es schon lieber zu Ende sein ... schweig endlich. Die ganze;Zeit spüre ich, wie.die Todeskältc mir zu Herzen' steigt, wie steif meine Glieder werden . . . Laß dir sagen,. Mid: Höre mi zu schreien -= es , ist besser so!" „Ja, weil du mich los Averden/ willst", unterbricht Ilm Mirl. „Du hast mich ja immer los sein wollen", fährt sie bitterlich aufschluchzend fort, ,,ja, schon immer! Denn du hast die schwarzhaarige Pesja im Sinn gehabt ... und da hast du immer gesagt, daß du am liebsten sterben möchtest . . . Weh mir, weh — nicht einmal jetzt will er es zugeben . . . nicht einmal jetzt ..." „Nicht nur die schwarzhaarige Pesja allein," /lächelt bitter der Kranke. „Es waren ihrer gar viele: schwarze, blonde, roihaarige! Aber deshalb wollte ich doch niemals von dir loskommen, Mir! . . . Mädel bleibt Mädel, und das liegt schon so in uns Musikanten, daß die Mädel uns anziehen, es ist uns im Blut, wie ein süßes Gift, das uns erfüllt . . . Aber deshalb bleibt die eigene Frau doch die eigene Frau! Das ist wieder etwas ganz anderes . * , Du wirst dich doch noch darauf besinnen, wie die schwarze Pesja einmal keck zu dir war und wie ich sie mitten auf der Gasse fest abkanzelte . . . Rede nichts, Mirl! Die Frau bleibt immer die Frau! Außer man ließe sich scheiden, aber auch in diesem Falle täte einem das Herz weh . . . Du kannst es mir glauben, Mirl, ich werde mich gewiß nach dir sehnen . . , und —- Kinder — auch nach euch . . < Ihr habt mir sicher auch nicht wenig Kummer bereitet, aber das macht nichts . . . das ist so Musikantenlos — das bringt der Beruf mit sich . , . Ihr habt mir manchmal die richtige Ehrerbietung zwar versagt, aber gerne gehabt habt ihr mich doch! . , , Wenn ich manchmal ein Gias über den Durst getrunken hatte, nanntet ihr mich einen Trunkenbold . ., Das war nicht recht — mit einem Vater darf man nicht so umgehen .. , Aber schließlich Ist es nun einmal geschehen .. . ich hatte ja auch einstens einen Vater und habe es auch nicht besser gemacht ..» Doch genug davon! Ich verzeihe euch! s.

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