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Die neue Welt · 1928-01-20 · Heft 18 (20.1.1928) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 18 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIE NEUE WELT Nf. 18 Hotel „NATIONAL" 35 Restaurants] Wien, ll=, Taborstraße 18 1?!Ä5 Zentrale Lage, 200 Zimmer« fließendes in Unter der bewährten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. G r ü n e r I kaltes und warmes Wasser und Zentral- Vorzügliche Wiener, ungarische und ORIENTALISCHE | heizung. In allen Zimmern Telephon III (rumänische) Küche. Wienerbräu und Pilsner Urquell Seite 2 daß Frau Kremnitz recht bald weitere Entdeckungen 'mitteilt. Denn auf das allzulange Zuwarten kann man •sich nicht einrichten. Was ist nicht alles im Zusammenhang mit dem Barmat-ProzeB an Enthüllungen versprochen worden? Iis hat dieser Tage das zweite Verhandlungsjahr begonnen und man erinnert sich noch des hysterischen Geschreies der Hakenikreuzler, noch mehr aber ihrer Taten. Einige schmissebedeckte Staatsanwaltsjünglinge eroberten die Villa des jüdischen Verbrechers in Schwanenwerder, einer flog mit dem Aeroplan bis nach Kassel, um auch dort zu inquirieren, politische Zusammenhänge zu finden und die nach Judenbluf lechzende Presse mit sensationellen Nachrichten zu versorgen. Und nun geht der Prozeß ins zweite Jahr» und es sind alle Pikanterien ausgeblieben. Nur das eine steht fest, daß der Barmat-Konzern an der Inflation zugrunde gegangen .ist. Sein Begründer war nicht so geschickt wje der Arier Stinnes, den die Staatsanwälte durch Strammstehen ehrten . . . N Nicht mehr Trotzki, sondern — Braunstein. Als er allmächtiger Führer und Liebling des Volkes war, nannte man ihn Genosse Trotzki. Jetzt, da er in, Ungnade gefallen wd .auf dem Wege in die Verbannung ist, spricht man in den Versammlungen und schreibt in der Regierungspresse vom Verräter und Verbrecher B r a oi n s t e i n. Dem Ausgestoßenen gibt man wieder den jüdischen Namen zurück, den er ablegte, als er seine Laufbahn als 'Führer des russischen Volkes betrat. Auch von Sinowjew und R.a:de.k spricht man. njcht mehr,.--man sagt: der Lump Zteß-e'rfaÄ um; def 'Schädling * S\i b e 1 s ö h n.' Im 'sibirischen Sträflingswagen feiern die ' gestürzten Tribunen ein Wiedersehen mit ihrem Judentum, sie ..sind zurückgestoßen in das jüdische Volkstum, aus : dem sie sich fortgestohlen haben, als sie M-ensohheitsführer werden wollten. Sie fahren durch viele Länder, an vielen Völkern vorbei und überall glotzen haßerfüllte Gesichter durch die Gitterfenster und schäumende Manier geifern ihnen ihr „Jud!" hinein. Dehn, in Rußland hebt allerorten der Antisemitismus sein Haupt. Die Zeitungen klagen darüber, daß es überall gärt. In Gewerkschaften, Jugendbünden, in staatlichen Betrieben werden die Juden beschimpft, ferngehalten, Ritualmordlügen werden verbreitet, schuld an allem Elena* ist wieder der Jud.'Man hat immer; davon gesprochen, daß der Antisemitismus in Rußand wieder kommen wird, a'ber man glaubte, erst im Gefolge der Reaktion, erst aus Anlaß des Sturzes der bolschewikischen Herrschaft. Nun erweist es sich, daß der Umsturz aus sich selbst' den Judenhaß zu neuem Leben erweckt. Jetzt beginnt wieder die alte jüdische Tragikomödie. Die Welt haßt die Juden als Schöpfer und Stützen des Moskauer Systems, Bolschewismus ist identisch mit Judentum, und in Rußland verfolgt man sie als Verräter und Schädlinge der pröletarischen, Revolution, Diese Wendung ist nicht neu. Sie erfolgt immer, wenn sich Juden omter; Verleugnung ihres Volkstums als Führer fremder geT sellschafRicher Gruppen, sei es nationaler, sei es sozialer, betätigen. Was den russischen Assimilationsjuden heute widerfährt, das haben die bürgerlichen Assimilationsjuden vordem erfahren. Sie haben im Dienste der Deutschen und MagVaren gegen die Slawen,, mit den Polen gegen die Ukrainer usw. gestritten. Im Anfang ernteten sie den. unversöhnlichen Haß der Bekämpften, dann aber die Todfeindschaft und Verachtung jener, denen sie dienten. Ob bürgerlicher Assfornlationsjude, ob revolutionärer jüdischer Wegläufer, die Wirkung ist die gleiche, Sie belasten ttfcj&ßljch die Sache, 4er #te dienen wollen, «und machen sich und ihr verleugnetes jüdisches Volik -.unglücklich. Der jüdische Mädchenhandel verschwindet nun auch aus den Publikationen des „Deutschen Nationalkomitees". Die „Neue Welt" hat bereits darüber berichtet., daß der Regierungsrat K u nd t,-Beamter im deutschen Auswärtigen Amt, eine Reise nach Oberschlesien gemacht und dann einen für den Londoner Kongreß gegen Mädchenhandel bestimmten Bericht geschrieben hat, in welchem jüdischer Menschenschmuggel und Mädchenhandel, sowie Bestechlichkeit der Breslauer Polizei behauptet wurde. Die Angaben dieses Kundt wurden nachgeprüft und es stellte sich heraus, daß er dm Ganzen und in den Einzelheiten gelogen hatte. Nicht ein einziges Wort seiner Erzählungen entsprach der Wahrheit und das deutsche Auswärtige Amt hat nunmehr verfügt, daß der Bericht des Kundt nicht mehr verwendet werden darf. Es. wird zugleich amtlich erklärt, daß Kundts Behauptungen über den Menschenschmuggel' „auf irrigen Informationen" beruhen und daß Fälle von jüdischem Mädchenhandel bei der Breslauer Polizei nicht bekannt geworden sind. Die Lüge wäre also restlos aufgedeckt, aber was nützt das? Was wäre Gott, wenn er von außen stieße, Im Kreis das All um seinen Finger laufen ließe? Was ein Likör, der. statt mit .Geist Keinischt, ' Nur Alkohol besitzt, der den Verstand auswischt? Darum kauft HUBER-LIKÖRE 1____ Man gewöhnt sich an alles. Von Dr. Fritz Loewenstein, Jerusalem. ' Als vor etwa einem Monat in der palästinensischen Presse der Meinung Ausdruck segeben wurde, das Gallith werde es nicht umtauschen können, wenn durch die Ersparnismaßnahmen hunderte jüdischer Kinder ohne Unterricht bleiben würden, meinte der ,,Hapoel Hazair" 'bitter, das Galuth halbe sich überraschend schnell an Anbeitslosigkeii und Aufhören der Einwanderung gewöhnt-und es werde ihm auch nicht allzu ' sclvwer'fällen, sich' an jüdische Kinder ohne Unterricht zu'gewöhnen. In der Tat 'ist hier eine"Ge: fahr bezeichnet, der jede Bewegung unterliegen kann, der, die Zionistische Organisation schon häufiger unterlegen ist, die aber gerade in diesem Augenblick besondersgefährlich ist. Vorgänge,. Gedankengänge, die im ersten-Augenblick als unerträglich und. unfaßbar erscheinen, werden bei jeder weiteren Wiederholung immer erträglicher und faßbarer, bis sie am Schluß sich als selbstverständlich durchsetzen, .auch wenn dadurch Grundsätze und Prinzipien des Zionismus außer Kraft gesetzt werden. Eine zu nichts verpflichtende Verbeugung vor .dem heilig gehaltenen Prinzip und im übrigen: die Wirklichkeit ist eben stärker: und wir müssen Uns ihr anpassen. Die politische Konzeption des Zionismus hat bereits einmal eine solche Wandlung durchzumachen gehabt und steht vor der Gefahr einer zweiten, Als Herzl starb, der Traum voir Uganda ausgeträumt war, die europäische Politik keine Kennzeichen einer veränderten Einstellung zum Zionismus aufwies, begann sicli die zionistische Arbeit auf die praktische Kclouisationstätigkeit zu kour zentrieren. Das war in der damaligen Situation ein begreiflicher, vielleicht unvermeidlicher Vorgang, aber man begnügte sich «icht damit. Schnell gab es eine Theorie, die die Abkehr von Herzls „utopischem" Charteris-mus predigte •und die aus der Not eine Tugend machte, die politische Arbeit zur Magd des Kolonisatiohswerkes erniedrigen wollte. Und sohneil kam die Gewohnheit: wer 1914 davon gesprochen hätte, daß ein völkerrechtlicher Akt den Juden das Recht auf ihre Heimat wiedergeben, daß eine Großmacht die Durchführung des Zionismus zu ihrer eigenen Aufgabe machen werde, er wäre als Phantast verlacht worden. Die Gewohnheit war stärker geworden als Herzls Lehre und der Grundgedanke des Zionismus. Dann kam der tffieg, kamen Weizmann und Soko- Iow, kamen Bialfour-Erkläruiig und Mandatserteilung. Die Gewohnheit unterlag, Herzls großer politischer Gedanke schien Wirklichkeit zu werden. Das etwa hatte er doch geträumt: England als Mandatar der Völkergemeinschaft, das den Juden nach besten Kräften hilft, ihr Heimatland wieder zu erbauen. In diesem Gedanken schuf man den Keren Hajessod und begann man die Arbeit in Erez Israel, Und dann kam der Umschwung^ die Maipogrome und jene veränderte Politik Herbert Samuels, die im Weißbuch ihren Niederschlag fand £|nd die bis zum heutigen Tage unverändert die Richtschnur der Mandatsrogieruiig gell, BÄSCH, IV. AßaüNTlNlERSTRASSB Nr. 22 KOHLE * KOKS T«>. 91**87 ANTHRAZIT Tel. 50-403 RabatUoktlon des KEREN K AI EM ET H blieben ist, unbeschadet der Tatsache, daß kleinere Nuancen zu unseren Gunsten oder Ungunsten zu verschiedenen Epochen bemerkbar waren. Wie reagierte die zionistische Oeffentlichkeit auf diese Vorgänge, die eine Durchlöcherung der Balfour-Erklärung und ein Erschüttern der Grundlagen bedeuten, auf denen wir nach dem Kriege zu bauen begonnen haben? Sie reagierte nach dem Gesetz der Gewohnheit. Wir befinden uns heute in einem Gewöhnungsprozeß, der erfreulicher weise noch nicht so weit fortgeschritten ist, daß keine Abhilfe mehr möglich wäre, aber deutlich genug in die Erscheinung tritt. Balfour-Erklärung und Palästinamandat sind, wenn man bedenkt, daß es diplomatische Urkunden sind, erstaunlich eindeutig. Man findet dort nichts von einer erhaben über den Wassern schwebenden Maildatsmacht, die die alleinige Aufgabe hat, Konflikte der beiden Natives, Juden und Araber, zu verhindern. Der Gedanke, die Regierung könne nicht genügend für die jüdischen Arbeitslosen sorgen, weil darin eine Bevorzugung der Juden gefunden werden könne, obwohl es zugestandenermaßen' arabische Arbeitslose nicht gibt, wäre absurd, an Balfour-Erklärung oder Mandat gemessen. Aber die zionistische Oeffentlichkeit beginnt sich an den Zustand zu gewöhnen. Sie weiß bereits; daß die Regierung keinerlei Maßnahmen unternimmt, um die Errichtung des Nätionalheims zu erleichtern, sie weiß, daß die Regierung nicht einmal die Pflichten erfüllt, die ihr auch ohne Balfour- Erklärung obliegen würden, sondern es gern der Zionistischen Exekutive überläßt, Schulen und Krankenhäuser zu bauen und zu unterhalten, Sümpfe, auszutrocknen;und Wüsten zu besiedeln; .sie' "Weiß*'das alles'und so'zahm!sind wir bereits geworden, daß .wir jeden Akt der Regierung, wenn ei" auch Hur einen Meinen'Brüchtcildessfcn enthält; ivas wir au'fördern, berechtigt wären, mit größter Freude rbegrüßen. Wenn, wie es scheint, die Regierung jetzt '.bei Aufforstuiigsarbeiten B.00 jüdische^ Arbeitslose be«chä.nfgcn wird, so ist däs'hür eine Abschlagszählung atif das,-'was wir zu fordern berechtigt .wären. _ Aber wir sind schon darüber beglückt,'daß hier nach zweijähriger' Arbeitslosigkeit wenigstens etwas 'Erleichterung geschaffen wird. Die Jurispkdenz 'kennt den Begriff der V e r j äh r u'n g: Unter bestimmten. Unfst'änden' erlöschen Rechte,; wenn der ■Berechtigte lange. Zeit iiiticlurcii von' ihnen keilten Gebrauch gemacht hat. Jedoch kann ein solcher in einem Verjähtuingsprozeß begriffener Anspruch' .stets wieder aufgenommen .werden, wenn der Berechtigte zum Ausdruck bringt, daß er auf sein Recht.nicht verzichtet. Das war die Bedeutung xler politischeil Resolution des letzten Kongresses, die" klar und deutlich von der Mandatsr.egierung die Entfaltung einer Aktivität und nicht eine bloße wohlwollende .Neutralität zugunsten unseres Aufbauwerkes verlangte.. An uns ist es, dafür zu sorgen, daß wir nicht von neuem anfangen, uns air den Zustandzu gewöhnen, der 'noch immer unverändert in Erez Israel herrscht. Wir wollen nicht zulassen,; daß das Schicksal der Balfour-Erklärung dem Schicksalvon Herzls großer politischer Konzeption «leicht, nämlich ehrfurchtsvoll, zu den 'Akten rgelegt wird,, während die Wirklichkeit uns dazu führt, 'uns mit Neutralität der Mandats- •regieruri'g abzufinden. Hüten wir uns: vor schlechten Gewohnheiten! Aber der „Hapoel Hazair" hat schon ganz recht: auch auf anderen Gebieten geht ein gefährlicher Verjähru.ng.sprozeß vor sich. Wie lange liegen die Jahre .hinter uns, da eine stetige Einwanderung den Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung Von Monat zu Monat Verbesserte, da wir auf immer neue kolonisatorische Leistun- *> gen in Stadt und Land hinweisen konnten und unsere Redner und Schriftsteller dem Volk durch immer neue Tatsachen zeigen konnten, wie der Aufbau des Landes fortschreitet. Im Laufe weniger Jahre hat das alles so aufgehört, als wäre es hie .gewesen. Seit mehr als einem Jahr überwiegt die monatliche Auswanderung die Einwanderung. Seit fast vier Jahren hat die Zionistische Organisation keine neue kolonisatorische. .Leistung aufzuweisen, denn der im Vorjahr unternpmmene Versuch, den Kischonkomplex zu besiedeln, ist ja in diesem Jahre so gut wie fallen gelassen worden. Mehr als zwei Jahre sprechen und schreiben wir von der Arbeitslosigkeit, dulden wir/ daß unsere besten Menschen durch Bettelpfennige am Leben erhalten, werden, ohne daß wir in irgend einer Weise Anstrengungen unternehmen, um diesen unwürdigen Zustand zu beseitigen. Wir wissen, daß das die Folgen komplizierter Vorgänge . sind und keine Schuldfrage soll hier erörtert werden, Aber wie ist die Reaktion des Galuthzionismus und jener Kreise,, die uns bei unserem Werke helfen wollen, zu diesen, Vorgängen? Wo findet man jene Reaktion, die man als selbstverständlich erwarten sollte: ein Aufbäumen aller zionistischen Instinkte, ein Gefühl brennender Schmach, daß wir unsere besten Menschen zum Hungern oder Auswandern verurteilen, unserer chaluzischen Jugend nicht gestatten können, nach Erez Israel zu gehen? Man hätte denken mögen, daß die Zionisten aller Länder ihr Letztes tun, vor allem aber ihr Letztes «eben würden, um radikale Abhilfe m schaff ens Ist es wirklich so, daß Zionisten, flachdem jnan

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