Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 17 (13.1.1928)
- Date
- 1928-01-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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fett» 6 DIE NEUE WELT Nn 17 Chajes9 Persönlichkeit. Vm Hof tat Dr. S. Frankfurter. Am 15. Dezember fand eine Sitzung des Kuratoriums des „Jüdischen Museums" statt, in welcher der Präsident Holrat Dr. S. Frankfurter eine Ansprache Weit, deren Text er uns liebenswürdigerweise zur Verfügung steült. Zwischen Lipp' wüd Keldhesrand streckt der Tod seine ftmöcheroe Hand. Vorgestern ist uns jäh unser verehrtes Mitgflied Oberrabbiner Prof. Dr. Chajes entrissen worden und wir müssen fortan auf seinen wertvollen Rät und seinen Beistand verzichten. Ich Welt es *ür richtig, die anberaumte Sitzung dennoch ahzuihaflten, und aus einer Geschältssitziing ist eine Trauersitoung geworden. Unser verehrtes Mitglied Herr Dr. Knöpf.mach er hat den Wunsch geäußert, daß auöh die Mitglieder des geistigen Komitees der Loge „Wien" unserer Trauersitzung anwohnen, loh (begrüße Sie alle, die Sie so zahlreich erschienen sind, und möchte an Sie einige Worte der Trauer um unseren dahingeschiedenen Freund und Mitarbeiter richten. (Die Versammlung erhebt sich von den S*teen.) Sie werden es, meine lieben Freunde, begreifen, daß war heute, da wir noch unter dem unmittelbaren schweren Eindruck des Aibflebens dieses Mannes stehen, nicht in der Lage sind, unsere Gedanken zu sammeln, und Sie werden es um so mehr verstehen, daß ich im besonderen heute nicht imstande bin, die Summe seiines Löbens zu ziehen, der ich ihm so nalhe stand und für den sein Tod so viel bedeutet. Dennoch will ich mich der Pflicht wicht entziehen, in wenigen Worten zu saigen, was ums alle bewegt. Es wird sich ja bei anderem Anlaß Gelegenheit bieten, ein ausführlicheres BM seines Wesens und seines Wdrkens zu entwerfen. Es bedarf ja auch nicht vieler Worte, um Ihnen, die Sic den Mann gekannt haben und sein Werk, zu sagen, was wir an ihm besessen und was wir durch seinen Tod verloren haben. Es ist schwer, eine Persönlichkeit wie die unseres Dr. Chajes. zu. kennzeichnen. Alles, was bereits über ihn geschrieben'.worden ist, und alles, was morgen im Tempel und auf dem Friedhof gesagt werden wird, 'kann nur Bruchstücke , enthalten von dem vielseitigen Wesen und reichen Leben dieses einzigartigen Mannes. Mau hat es bei .ihm nicht nötig, sich in Superlativen zu ergehen, die "seiner" echten und schlichten Art fremd waren: Dr. Chajes war wirklich ein bedeutender Mann und bei einem solchen hat man es nicht nötig, zu übertreiben. Doch es gibt wenige Menschen, soviel darf gesagt werden, die in ihrer Gesamtheit das verkörpern, was wir: von einem ganzen Mann erwarten. Er war ganz in seinem Wirken und Streben, ganz in seinem Sinnen und Denken: ein Gelehrter in der besten Bedeutung des Wortes. Ich, der ich ihn seit 30 Jahren kannte, dem er immer näher getreten ist, dem er sein innerstes Wesen aufgeschlossen hat und der an seinem Werk so manchen Anteil hatte, darf; wohl behaupten, ihn ganz gekannt zu haben und ihn richtig beurteilen zu können. Wenn man ihn rühmt als bedeutenden' Taknudisten, so sagt sich das leicht, aber wie wenige machen sich klar, was das heißt, In der ganzen Tiefe und Weite, des biblischen und talmudischen Schrifttumsals Kenner und selbständiger Forscher zu Hause zu sein. Aber damit."verband er gründliche philosophische und Philologische Bildung, Kenntnis der . außerjüdischen Li-, teraturen, der 'deutschen und französischen sowohl wie der englischen und namentlich' der italienischen. Aber auöh damit ist nicht alles' gesagt, was über ihn-gesagt werden kann. Wenn Sie sich vor Augen halten, daß er schon in jungen Jahren, große Bedeutung, erlangte auf fremdem Boden, als Lehrer am Collegio ra'bbimicö und "an der Universität in Florenz und als Forscher, als Historiker, als Bibeler-klärer und -kritiker des Alten und Neuen Testaments, als Talmudist, daß er seine Klassiker sich zu eigen gemacht und ebenso das Wissen der Völker auf mannigfachem Gebiet, so werden Sie verstehen, daß man unseren Ohajes nicht mit einem Wort kennzeichnen kann. Aber das Wichtigste ist doch der Mensch. Er war ein Mann mit seelenvollem' Herzen, voll Güte und steter ■ Hilfsbereitschaft, vor allem von einem tiefen Ge4ühJ für fremdes Leid und einer seltenen Reinheit und Tiefe des Gemütes. Und wenn er allzu früh an gebrochenem Herzen zugrunde ging, so mag das dn Beweis dafür sein, wie lebhaft dieses Herz geschlagen hat. Nicht mir bei uns, sondern auf dem ganzen Erdenrund wird sein Hingaug beklagt. Denn H. P. Ohajes gehörte der Gesamtheit des jüdischen Volkes, für das er lebte und wirkte, und der ganzen Menschheit, deren Wohl und Höherentwicklung er erstrebte. Er gehörte nicht nur unserer engen Gemeinschaft, sondern zum Kulturbesiitze dieser Stadt, die durch seinen Tod ärmer geworden ist. Aber wir wollen uns doch vor Augen halten, was wir im besonderen mit ihm verloren haben. Daß ei« Mann wie unser Dr. Chajes mit seinem umfassenden Wissen und seinem tiefgehenden Sinn für die Geschichte des jüdischen Voftkes, daß ein Mann, dem die Erhaltung der Denkmäller — nicht Konservierung, dieses Wort hätten wir längst beseitigen sollen — und Verbreitung des Wissens von jüdischen Dingen angelegen waren, dem solche Ziele als die wertvollsten galten, daß ein solcher Mann unsere GeseMscbaft au* das tatkräftigste unterstützen mußte, war Idar. Woh4 war es auch ein persönliches Moment, daß er mir heften woMte, das mag richtig sein, aliein dieses per* , söniiiohe Moment war nicht allein maßgebend. Ihm handelte es sich darum, auch hier ein Forum zu finden, und er glaubte, daß es auch im Museum und seinen Bestrebungen liege,-und deshalb hat er uns seine Hilfe nie versagt und war auch sonst bereit, sich in den Dienst unserer Aufgab zu stellen. Seine rege Teilnahme an unseren Arbeiten ist Ihnen ja bekannt, aber erinnern möchte ich an seine Vorträge in unserem Museum, durch die er unseren Veranstaltungen höhere Geltung und tieferen Gehalt gegeben hat. Mit einem Vortrag trat er in den Dienst unserer Sache ein, dann wurde er Mitglied unseres Kuratoriums und seither hat er jährlich sich' uns zur Verfügung gestellt. Es waren Festtage, an denen wir ihn als Vortragenden begrüßen konnten. Er war es auch, der den Rahmen für unsere Vorträge absteckte, es sollte im wesentlichen die Bibel sein, die Grundlage für, die Kenntnis des Geistes der jüdischen Kultur. Und nun, meine Höben Freunde, ist all das dahin . . „Die Krone ist gefallen!" Von Rabbiner Dr. D. Feuchtwang. (Trauerrede, gehalten am Grabe Chajes'). „Wisset Ihr, daß heute ein Fürst und ein Großer gefallen ist in Israel!" Das ist der Ausdruck unserer Gefühle. In diesem Satz, aus dem zweiten Buch Samuel können wir den Verlust kennzeichnen, den wir erleiden. Uns allen ist ein Großer gestorben. Zuerst Euch, der Familie, Euch ist die Krone vom Haupte gefallen. Das war allerdings eine Krone, wie sie herrlicher kein Fürst je getragen hat. Das war ein Stolz für Euch, meine Lieben. Auch uns ist eine Krone genommen, unserer ehrwürdigen jüdischen Gemeinde, uns Rabbinern ist eine, ich wage es zu sagen, ist d i e Krone genommen, nicht nur uns Rabbinern hier in Wien, nein, den Rabbinern und jüdischen Gelehrten ganz Europas und nicht nur Europas, der Welt ist eine Krone genommen. Denn seinesgleichen gibt es wenige, wirklich seinesgleichen in unserer Zeit — soviel ich weiß —- keinen. Eine Krone ist genommen dem jüdischen Volk, dem großen jüdischen Volk in allen Sprachen, auf der ganzen Welt. Eine Krone' ist genommen uns allen, die wir mit ihm eines Sinnes waren; Uns" Vertretern der großen gewältigen Idee, dieser erschütternden, vielleicht auch tötenden Idee," für die man nur arbeiten kann, wenn man in ihr aufgeht. Er war ein Fürst, ein Fürst und ein Großer. Große Worte verklingen an deiner Bahre, du großer Mensch! Du warst so groß, daß du dir jeden äußeren Schein des Größen schenken, deine innere Hoheit Und Würde so groß, daß du auf jedes Hoheits- und Würdczeichen verzichten konntest; denn deine Persönlichkeit, deine große Persönlichkeit in ihrer geradezu frappierenden Schlichtheit' und Einfachheit, sie wirkte wie die Natur selbst. Er wollte nämlich für sich gar nichts, er hat einfach gewirkt» gewirkt, wie; ein Magnet, und alles, was in seinen Wirkungskreis kam, mußte ihn lieben, lieben und verehren. Er hatte eine solche innere pi!llllllll!illlllllllllllll!llllllllll!llllllllllllllllll.....Ii haben den Ruf unseres Hauses begründet! Elegante Mantel, Kleider, Kostüme etc. nach Original Parisei Modellen in unseren Ateliers hergestellt M«li H KRDPIIIK NUR v»- Kaiserstr.115 ■ m^SF *TO flflEOBBl KtlNE FtUAkE! BJHMMI Führendes und größte* Spezialhaus Oesierreich.v |f lllillilllilllllllilllllll In iiipiiiii Grundstück g Angelegenheiten H ■ Kauf * Verkauf Verwaltung Belehnung ■ ■ Häuser «Villen | Güter H Hl wendet sich jeder Interessent an die j=s I Realitäten-und Verwaltungskanzlei ||| Dr. jur. Marem Somer |f§§ Wien,IX.Währingersrra^e3§fl Telephone: A 26-4-47 ♦ 15-506 I Bai IIIIIÜl Persönlichkeit und Größe und Fürstlichkeit, daß man sagen kann, wem er nicht innerlich gut sein konnte, in dem mußte etwas Ungutes sein. Er war gut .wie die Natur. Groß sein Geist, groß, phänomenal sein Wissen, phänomenal auch für den, der weiß, was jüdisches Wissen heißt. Aber bei ihm sind die Kenntnisse zu Erkenntnis und Weisheit, Gelehrsamkeit zu Tugend geworden, zum Typus der Tugend und Heiligkeit der Person. Er war groß als Jude; ein Jude, den die Leidenschaft zum Judentum innerlich verbrannte, der im Judentum loderte und der die Idee nur schlummernden Volksbcwußtseins aufgestürmt und aufgeweckt hat. An dieser Bahre soll es gesagt sein, weil es wahr ist, daß es keinen Moment in unserer Geisteswelt und Kulturgeschichte gibt, in dem wir nicht an dem unzerreißbaren Junktim Gott und Volk, Volk und Gott festhielten. Und das war in ihm zu großer Harmonie vereint. Der große Jude und Führer seines Volkes, wir übertreiben es nicht, meine mittrauernden Freunde, mögt Ihr seine Wege geteilt haben, gegangen sein oder nicht, war der historische Jude, historisch vom Scheitel bis zur Zehe, einer Unwahrheit nicht fähig, weil er die verkörperte Wahrheit war. Was er noch war? Ein Exemplar eines Menschen und wenn man den Typus Mensch schaffen wollte, man müßte ihn zum Muster nehmen. Dieses Kinderherz, diese Kinderseele, beinahe naiv, trotz der Größe des Geistes. Wie ein Kind so weich, und wenn mau ihn mit oder unter Kindern sah, da vergaß man den Professor und Oberrabbiner, nur der große Mensch war da. Ja, dieser Prachtmensch, hinter dem in wesenlosem Schein lag, was' uns alle bindet, das Gemeine, er war ein Adeliger, ein Fürst, weil er ein Großer gewesen ist. Er war nicht nur ein großer Mensch, ein großer Jude, ein großer Gelehrter, ein großer Führer seines Volkes, er war ein wahrhaft frommer, gotteriüllter Mensch, dessen heiße Liebe, folgend dem Beispiel der Propheten, dem Judentum, dem jüdischen Volk, der ganzen Menschheit gehörte, deren Erhebung'zu sittlicher Größe sein Endziel war. Nicht andächtiges Schwärmen war seine Art, andächtig handeln war sein Ziel. Das ganze Leben zum Gottesdienst, das ganze Volk zu einem bewußten Gottesvolk zu machen, das war die Aufgabe seines Lebens. Wie ihm das gelungen? Er hat seih Ziel noch nicht erreicht. Daß er nicht in Erez Israel leben und wirken konnte, war schmerzvoll, .daß er aber nicht eimmal dort sterben konnte, tragisch. Das war sein Schicksal, eines Menschen, dessen ganzes Leben von diesen Idealen erfüllt war. Sie'waren ihm kein Traum, lebendige Wirklichkeit ind sie ihm gewesen. So geht er ein in die Ewigkeit, i n di e Geschichte. Er hat in unserer Gemeinde unsterbliche Kultur werke geschaffen. Beinahe mit seinen zwei Händen und mit dem einen G c h i r n, mit dem e i n ea Herze nf Sollen sie verdorren, weil er nicht mehr ist, sollen sie zugrunde gehen, weil sein Geist nicht mehr in ihnen lebendig st? Die Größe eines Menschen besteht darin, daß, wenn er scheidet, Erben da sind, Erben seines Geistes, seines Schaffens und seines Willens. Mögen Erben seines Geistes sein Werk fortsetzen! Tausende und Tausende weinen, Alte und Junge, Kinder und Greise, die ihn nicht einmal kannten, denen er aber half, wo er helfen konnte. Eine 'Güte, eine Größe war in ihm, die Vergleiche kaum duldet. Nun danken wir ihm alle für das Qlück, daß wir ihn besessen als Gnade Gottes. Aber bitten wir ihn auch um Verzeihung; es ziemt sich, daß wir ihn um Verzeihung bitten, wenn wir ihm einmal wehe getan durch unbewußtes oder gar beabsichtigtes Mißverstehen und Mißdeuten. „Die Krone ist geifatU i, denn wir haben gesündigt." Es ist viel an dir gesündigt worden, Oberrabbiner Chajes, aber du hast auch eine Liebe empfangen, eine fanatische Liebe, die bereit gewesen wäre, ein Stück Leben für dich zu geben. Da steht Jugend, die Wiener jüdische Jugend, die für dich durchs Feuer ging. Da stehen wir alle, Zeugen deiner Größe. Diesem Frommen und Gerechten und Edlen danken wir, der unserer Gemeinde, uns Rabbinern und den Gelehrten und allen edlen Menschen Zierde und Vorbild, der Welt und allen Leidenden und Verfolgten Vater und Beschützer war, dessen Andenken gesegnet sein wird für alle Zeit und Ewigkeit.