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Die neue Welt · 1928-01-13 · Heft 17 (13.1.1928) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 17 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 11 DIE NEUE WELT Seite 0 GEDENKBLATT FÜR ZWI PEREZ CHAJES Gruppenaufnahme aus dem Jahre 192o. Sitzend (von links nach rechts): Johann Kremenetzky, Chajes, Botschafter a. D. Dumbn, Hofrat!)r Frankfurter. Vizekanzler Dr. Kreisky. Stellend: Bezirksrat Kohn, Dr. Horowitz, Dr. Karbach, Dr. Goldhnmtner, Dr. Desider Friedmann, Direktor S. E i> 1 e r, Dr. GeorK Weiner, Ludwin Bato, Paul Stein, Dr. Bernhardt. Phot. Willinger. Der große und gute Mensch. Von thriversitätsprofessor Dr. Alois.Pick, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Wien. (Aus einem Gespräch.) Es Ist mir unsäglich schwer, mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß ich von Chajes ""als von einem Toten reden muß. Er steht noch so lebendig vor mir, wie ich ihn gekannt, gesehen und geliebt habe, ein Mann voll Güte und von einer ausgeglichenen Harmonie des Wesens, ein Weiser im Judentum. Ucber sein politisches Wirken, über seine wissenschaftliche Bedeutung als Gelehrter haben die Berufenen schon so viel gesagt, wenn auch sicherlich noch nicht alles. Ich kann nur einige kleine itriche zu dein ßikl dieses Mannes beitragen, der eine Persönlichkeit im Goethesohcn Sinne gewesen ist. Er war oft Gast in meinem Hause, saß bei uns bis tief in die Nacht und wir hörten ihm nur zu, voll Staunen über diesen reichen Geist, über -diesen Menschen, dessen Herz der ganzen Welt offen stand. Er hatte eine hohe und schöne Auffassung vom Judentum, dem er sich mit Stolz zugehörig fühlte, weil es für die Welt immer Hervorragendes gegeben hat und weil er in diesem geistigen Reichtum auch die Bedeutung des Judentums -in der Zukunft sah. Chajes' Wissen konnte man nur mit Staunen betrachten. In den jüdischen Disziplinen war er heimisch, so sehr, daß er .zum Beispiel nicht nur den Talmud auswendig beherrschte, sondern auch zu jedem Zitat Seite und Zeile der betreffenden Stelle anzugeben wußte. Ich habe ihn einmal gefragt, ob zur Zeit des Talmuds die Zahnheilkunde bekannt war, und der Oberrabbiner zitierte sofort unter genauester Angabe des Anlasses die Stelle, in der ein Gelehrter einer Frau, von der sich der Gatte wegen ihres' körperlichen Verfalls trennen wollte, einen goldenen Zahn gegeben hatte, nachdem er ihr eine Mastkur verschrieben hatte. Ich fragte einmal nach der für gewöhnlich nicht sehr bekannten jüdischen Militärsiedlung von Elephantine in Aegypten (zur Zeit der Perser) und Professor Chajes gab mir Auskunft mit dem Hinzufügen, er habe am Abend in der Toynbee-Halle zu sprechen und er wolle, da die Frage sehr interessant sei, über diese Episode sprechen, ich möge hinkommen. Tatsächlich, hielt er am Abend einen höchst fesselnden, instruktiven Vortrag über diese jüdische Militärgrenze und zitierte aus dem Gedächtnis die ■Mitteilungen aus den in verschiedenen Sammlungen befindlichen Papyri. Sein Gedächtnis war ein Und das, wonach mich möglicherweise gelüstet hätte, fiel mir von selbst in den Schoß. Es war einfach alles für mich da, alles, stand mir zu * Gebote — und galt es, einmal etwas erreichen zu wollen, so verhalf mir mein Reichtum dazu. Alles — das Lächeln auf dem Antlitze meines Freundes, den ersehnten Kuß von blühenden Lippen/, nicht zuletzt die Befreiung vom Kadischsagen um meinen Vater -—. dies alles habe ich mir um schnöden Mammon erkauft... Aber die Seligkeit des freiwilligen Gebens und Schenkens — die hat, mich niemand gelehrt... Das Unbedeutende wurde für mich mehr als bedeutungslos, c'ts Erhabene hat zuletzt — erdrüdkend auf mich gewirlkt! Ich sterbe, da ich unfruchtbar an Leib und Seele bin. In mir ist nichts, was eigentlich lebt oder eben spendend sein könnte... Schon längst habe ich eigentlich zu leben aufgehört und das Leben als solches zu genießen — nun ist es mir vollauf zum Ekel geworden. Man ging mit nur um, ungefähr so, wie der Bauer mit seinem Schwein: man mästete mich... Jedoch der Bauer schlachtet sein Schwein, wenn es genug Fett angesetzt hat, mich dagegen zwingt man, mich selbst umzubringen und ich habe nicht die Kraft, mich diesem Zwang zu widersetzen. Das Opium steht vor mir auf dem Tisch — der letzte Trank, bestimmt, mich für immer trunken zu nutchei; — denn aus dieser Trunkenheit werde ich nicht mehr erwachen ... Ob es wohl am Platze ist, daß ich Verfügungen über mein Vermögen treffe? Doch wozu — es wurde mir ja nur zum Fluch ... Habe ich vielleicht noch irgend jemand etwas zu danken? . Neiu — denn ich habe jedem und für jedes bc- Sogar den letzten Trunk .. staunenswertes, ebenso erstaunlich wie seine tiefe Kenntnis der verschiedenartigsten Fragen, so der naturwissenschaftlichen Disziplinen. Seine Leistungen auf den differentesten Gebieten sind so hervorragend gewesen, daß sie die Anerkennung in den weitesten Kreisen der Welt gefunden haben. Mehr noch hervorheben aber möchte ich seine große Güte und seine fast kindliche Bescheidenheit. Wie ich haben alle, die ihn kannten, ihn. mit Verehrung umgeben. Jeder .hatte die tiefe Ueberzougung, daß Chajes nicht nur ein guter Jude, sondern ein guter Mensch war, der Gutes geschaffen hat, weil er Gutes wollte. Zu Chajes' Tod. Von Anitta Müller-Cohen. Da er unter uns weilte, nahmen wir die Kostbarkeit seines Seins als etwas Selbstverständliches hin; heute, da er uns entrückt wurde, ist es uns erst zum Bewußte sein, gekommen, wie viel er uns gewesen ist. Jeder. Tag, der .sich trennender zwischen uns und den Dahingegangenen schiebt, bringt ihn uns näher; jeder Tag, an dem: wir seinen:Verlust beweinen, lernt uns verstehen, wie viel wir an ihm besessen haben. Er war groß wiie alles Natürliche, alles- Selbstverständliche. Wie die Luft, die uns umgibt und uns das Leben schenkt, so war er da selbstverständlich, natürlich, ohne daß man seine Gegenwart drückend empfand. Man nahm das Geschenk seiner Gegenwart hin wie etwas Naturgegebenes, Ruhigbeglückendes. Ungezählte und große Worte sind über ihn gesprochen worden, und doch hat man immer das Gefühl, als ob das Letzte und Tiefste über ihn noch nicht ausgesprochen werden kann. Wer von uns hat diesen Mann wirklich und ganz gekannt! tu einer seiner vielen schönen Predigten, die darum so ■ groß, so schön waren, weil sie von einem Manne gesprochen waren, der nicht belehren und erbauen, sondern als Mensch vor Menschen treten wollte, in einer dieser Predigten sprach Chajes von dem Jardin secret, von dem verschlossenen Garten, den wir alle in uns tragen. Er stellt das Tiefste und Beste in jeder Menschenseele dar, aber er verschließt sich vor den andern, den Fremden, er gehört uns allein. Wenn wir alles andere, was wir denken, fühlen, besitzen, mit den Menschen um uns teilen, dieser verschlossene Garten ist unser alleiniges Eigentum, wie immer er aussehen, wie immer er heißen möge. Auch tiefernste, heilige Namen wie Frömmigkeit oder Glauben kann dieser Garten tragen. Worin Chajes' Macht bestand, seine Stärke und die wundervolle Gabe, diese Kraft auf alle Menschen in seiner Nähe zu übertragen, das wissen wir nicht. Aber wir wissen, daß man größer, besser, stärker, ausgeglichener wurde, wenn man neben ihm schaffen durfte. Ii Engen Buchbinder Stadtbaumeister II., Taborstrasse Hb - Telephon Nr. 48-1-38 übernimmt alle Arten von Bau- und Adapiierungsarbeiien Es ist merkwürdig, wie schwer sein Wesen sich'!n eine Formel fassen läßt. Vielleicht geschieht dies darum, weil er selbst jeder Förmlichkeit und jedem Formelwesen so fremd war". In vergangenen Zeiten hätte man seines Wesens tiefsten Kern vielleicht als Autorität angesprochen, aber in unseren Tagen, da man die großen Worte, aber auch die großen Begriffe so gerne materialisiert, Ist auch' dieses Wort in Mißkredit geraten, Chajes führte, weil er nicht anders konnte. Man glaubte seinem Wort, weil man fühlte, daß es aus den Tiefen eines reinen und echten Menschentums kam. Heute, da Chajes nicht mohr unter uns weilt, wissen wir, wie viel der Glambe an einen Menschen,, wie er es war, bedeutet. Diesen Glauben an seine Persönlichkeit: er wurde nicht geschaffen, durch sein Amt, durch seinen Namen, er schuf ihn selber — in sich, um sich und in uns allen. Und darüber hinaus den Glauben an ein Judentum, an ein Menschentum, das soweit entfernt Ist von: aller Banalität des Alltags, und das wir. doch In unseren Alltag . reißen können, um ihn zu erheben, zu vergolden. Weil Chajes so alltäglich war, den Alltag verstand und1 den alltäglichen, müden, gequälten Menschen mit seinen Alltagssorgen und Nöten, darum stand er so hoch über dem Alltag, darum trug er das Licht einer besseren, höheren Welt in die Trauer und die Schwere des kleinlichen Geschehens. Darum wurde es heller, freudiger, friedlicher, wohin er immer kam. Er war so linnig verbunden mit unser aller Leben, daß wir auch heute noch keine Distanz gewinnen können, uns keine Rechenschaft darüber geben können, worin dieses tiefe Verbundensein bestand. Wir fühlen nur in den Tiefen unserer Seelen den quälenden Schmerz um den Verlorenen, wir fühlen, daß er in den verborgenen Garten unserer Seelen einen Keim gepflanzt hat, der' uns mit dem Ewigsten und Heiligsten verband. Diese letzten und tiefsten Dinge, dieses Ewigste und Heiligste aber läßt sich nicht in Worte fassen, und darum vermögen wir es nicht", zu sagen, was und wie Chajes gewesen ist. Große Gelehrte, große Rabbiner hat es im Judentum immer gegeben, aber große Gelehrte und große Rabbiner, die es zugleich verstehen, große Menschen zu sein und dieses wundervolle starke, gütige, verstehende Menschentum über ihre Gelehrsamkeit und über Ihre Würde zu setzen, sie gleichsam damit zu durchdringen, die gibt es selten — die gibt es wohl nur einmal in einer Generation, vielleicht sogar in vielen Generationen; und darum werden wir wohl niemals wieder einem Manne begegnen, der ist wie Chajes war. 0 Unser Leben ist reich an Fortschritt, an technischen Erfindungen, aber es ist so arm an Menschentum. Darum haben wir den Besitz dieses Mannes, der wahres Menschtum in reinster Form verkörperte, als eine so wundervolle stärkende und tröstende Schicksalsgabe empfunden -— darum beklagen wir heute seinen Verlust so schwer, darum fühlen wir die Lücke, die sein Fortgehen hinterlassen hat und die sich niemals schließen kann, so schmerzlich. Wir können in Worten seinem Wiesen nicht gerecht werden. Wir können ihn nicht verstehen, nur empfinden. Nur ein Mensch wie Chajes wäre imstande, über Chajes den würdigen Nachruf zu schreiben. Er würde reden können, wo wir alle nur zu stammeln vermögen.

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