Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1928-01-13 · Heft 17 (13.1.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 17 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711630-2711632--0216-2713342
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Hr. 17 DIE NEUE WELT Seite 3 \MaMbmj' - **»~)m*»mm&'?&»'**-- Ab Montag den 16. Jänner Großer Inventurverkauf Schilling 12,50, 14.50, 17.53, 19.50 Direkt in der Fabrik, VII., Kaiserstraße Nr. 46 Großwardein, Nicht die Schändung von Gotteshäusern, nicht die Fetzen der Thorarollen, von antisemitischen Jünglingen hohnvoll zu Knopflochabzeichen gedreht, nicht die körperliche Züchtigung, sondern die Ohnmacht, das Hinnehmen« müssen, das entsetzliche Schweigen — nicht der Mutige Effekt, sondern der moralische ließ „Großwardein" eine der schmachvollsten Niederlagen des jüdischen Volkes werden. Ich war in der rumänischen Hauptstadt zur Zeit der Begebenheiten in Siebenbürgen. Ich war weiter entfernt von Großwardein, als die Juden von Wien, Berlin, London, New York. Man erfuhr nichts als Gerüchte. Man sah keine Ansammlung von Juden, keine spontane im jüdischen Viertel oder in irgendwelchen Volks- oder Vereinsheimen, keine inoffizielle, die Situation beratende Maßnahmen beschließende Versammlung, geschweige denn eine öffentliche, manifestierende. Ein zionistisches Organ erschien mit einer Serie von Lichtbildern zionistischer Führer auf der Titelseite, Die Zensur duldet dort (keinen „weißen Fleck" und befiehlt, inhibierte Artikel durch Druckmaterial zu ersetzen. Die mißbrauchten Klischees von Weizmann, Soikolow, Grünbaum, Jiafeotinski begruben die Wahrheit, erstickten die Anklage, verscharrten den Protest. ., Eine Miilipn Juden siedelt in diesem Balikanlande, eine starke Minorität, ein sehr bedeutender wirtschaftlicher Faktor lebt gut mit dem rumänischen Volk, sehr gut mit seiner Regierung. Es ereignet sich, daß man sie verhöhnt, schlägt, erschlägt, Terror übt, die Masse gegen sie aufhetzt, grausam ihr Heiligstes verunglimpft und--Schah! •:' Nicht die zahmste Kundgebung, kein Sterbenswort — bloß eine angeordnete Trauer, ein angeordnetes Fasten. Wie einst, in bitterster Epoche der Ghettovcrsklavung. i Ich 'kann mit dem Fragment eines Interviews mit einem Augenzeugen dienen. Nur mit einem winzigen Fragment. Er begann zu erzählen, er setzte nicht fort. Ich fürchte, er 'hatte Furcht, fortzusetzen, ich fürchte, kluge jüdische Zeugen meiner zufälligen Begegnung mit ihm hatten gute Gründe, ihn von weiteren „unüberlegten" Aeußerungen abzuhalten. Sie kennen ühr Land, sie kennen die Gefahren für die Juden Rumäniens, sie kennen die Ohnmacht wohlmeinender Regierungsmitglieder und die Macht minder wohlmeinender, die ihren lieben Juden allerhand Hochachtung bezeigen und „Großwardein" mit RcgierungsgeM.i bezahlen.. — Schah!! Hier das Fragment des Interviews: „Das Schrecklichste war das Gefühl der Unsicherheit, das sohon die Nachricht von der 'bevorstehenden Abhaltung dieses Studentemkongresses in dieser jüdischen Stadt auslöste. Just in den Tagen, da Innenminister Du k a die Bukarcster Zionistentagung herzlich begrüßte und sich feierlichst zur Balfour-Dcklaration bekannte, steigerte sich diese peinvolle Sorge der jüdischen Bevölkerung Großwardeins uui;Leb.en und Gut bis zu einer Gemütsverfassung, die der Todesangst nahe kam. Man wußte doch, daß dieser Studenten<kongreß bloß die Verhandlungspunkte „Numerus clausus'* und „Antisemitismus" auf der Tagesordnung haben werde und daß die Regierung den 5000 Teilnehmern die Fahrt zahlt. Wie im Kriege wurden Wohnungen requiriert, mau mußte Quartiere beistellen oder Geld geben. Es war viel Militär in Großwardein und Klausenburg. Aber jeder besorgte — und erkannte sofort nach der Ankunft der Studenten die Berechtigung seiner peinvoMcn Sorge -—, daß die Truppenmacht nioht zum Schutze der Bürger konzentriert war, sondern um dem einziehenden selbstherrlichen machtvollen „Eroberer" zu dienen. Die Bevölkerung wurde abgedrängt, „Zivilisten" durften nicht passieren — freie Balm den jungen Errettern des Landes für ihr Werk der Erlösung Rumäniens von der Judenplagc, Militärschutz für ihre Judcnhatz! — Alles, was Panikstimmung erzeugt, wurde gestattet und gefördert. Man wollte zeige n, d a ß d c r J u d c i m Staate v o g c 1 f r c i ist. Die Studenten waren ehrlich und haben sich bezahlt gemacht: durch drei Tage währende, tüchtige, erfolgreiche Arbeitsleistung." Weiter ikam mein Gewährsmann nioht. denn es traten Hemmungen ein, die ihn vcranlaßten, seine Schilderung abzubrechen, die Beurteilung der Vorfälle, die weitere Begründung seiner Ucberzciugung, wer allein die Scihuldtragenden sind, in seiner Brust zu bewabren. Aber was war auch diesen wenigen Sätzen noch hinzuzufügen, was konnte ihren trostlosen Inhalt stärker erweisen, als dieses plötzliche Verstummen? Pogrome sind arg, Wehrlosigkcit ist ärger, am furchtbarsten ist das entsetzliche Gliettowort „Schab". Es entnervt, entwürdigt, degradiert wahrlich nicht nur die große jüdische Minorität Rumäniens, es ist leider noch allenthalben im Judentum im Schwung und wird erst entbehrlich sein, bis unser Recht auf die eigene Nation vom Judentum selbst einmütiger gefordert, Ercz Israel rascher, opferfreudiger gebaut, die Regelung und Sicherung des Minoritätenschutzes gemeinsam mit anderen nationalen Minderlieiten ernster, nachdrücklicher betrieben wird. Und — ich kann das nach dem rumänischen Intermezzo nicht unterdrücken — bis sich die jüdische Jugend ein wenig unbekümmerter, energischer, zorniger gegen die Schah-Stimmung in ihrem Volke zur Wehre setzt. Otto Abel es. R O TA REX Staubsauger-Bodenbürsten 1. Bezirk, Rotgasse 3 "f-'ftö} Die geschändeten Thorarollen. in aller Stille wurden am 3. Jänner in der Mittagsstunde in Bukarest, Großwardein, Klausenburg, Bacau und Kischinew die von den Studenten in den Synagogen geraubten, geschändeten und vernichteten Siphrc Thora nach jüdischem Ritus zu Grabe g e t r a g c n. Die Regierung hatte die öffentliche Bestattung strengstens verboten und anbefohlen, daß das Publikum zu diesem rituellen Akte keinen Zutritt haben solle. Die Führer der jüdischen Gemeinden mußten sich diesem Verlangen der Regierung beugen; nur wenige jüdische Repräsentanten wohnten dem Begräbnis bei. In allen Städten sowie in den übrigen Orten Rumäniens wurde der Tag von den Juden durch Fasten und Buße begangen. In allen jüdischen Häusern herrschte Trauer. Die Ruhe wurde nirgends gestört. Die Antwort Tittilescns auf den Protest der englischen Juden. Anläßlich der rumänischen Studentenexzessc in Siebenbürgen hatte das auswärtige Komitee (Joint Foreign Committec) der englischen Judenschaft an den rumänischen Außenminister Titulcscit ein Protesttelegramm gerichtet. Der Minister hat in seiner- Antwortdepcsche dte^ energischeste Ahndung, dn Aussicht gestellt, indem er gleichzeitig ciubclkanntc, daß chrzehic r u m ä n 1 s ch e V c r w a 11u ngs'bc am t c sich -tatsächlich schuldig gemacht haben. Cuza in Pension. Das Bukarestcr Amtsblatt vom 1. Jänner d. J. veröffentlicht ein Dekret, mit welchem Professor Cuza, der Führer der rumänischen Hakenkreuzlcr, wegen Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand versetzt wird. Cuza war schon im Jahre 1923 wegen seiner Hetzereiert diszipliniert worden, die Regierung A v er cscu setzte ihn jedoch wieder in die Profcssur in Jassy ein. Der jüdische Friedhof in Piatra Neamtze zerstört. Aus Bukarest wird berichtet: Jn der Nacht zum 5. Jänner wurde der jüdische Friedhof in Piatra N c a im t« c von unerkannt gebliebenen; Tätern in , der rohesten Weise geschändet 59 Grabsteine wurden niedergelegt und zerschlagen. Unter der Judenschaft herrscht große Erregung; die Behörden haben eine Untersuchung eingeleitet. Ein Reiclisblock der Juden Grqßrumäniens. Der Vorstand der jüdischen; Einheitspartei, in C'/, c r n o w i tz befaßte sich in seiner letzten Sitoung,mit der Frage .der Schaffung eines .5ü.dii'schen Reidhsbjocks für Gr o ß -Rum a n i cu. Nach einer i lebhaften Debatte wurde der Beschluß gefaßt, einen L a n d e sv c r b a n d der Buköwinaer Juden zu.igrühden'und mit de«, in Betracht kommenden .jüdischen';Persönlichkeiten Bessarab i ens und des A! tr eich es Verhandlungen über Gründung eines Roichslblockes einzuleiten, Admiral Tsai Ting Kau und die Baliour-Deklaratioa Aus Shanghai wird berichtet: Admiral T s a i T i n g K a n, der sich vor 10 Jahren für die Anerkennung der B a 1 f o u r - D c k 1 a r a t i o n seitens Chinas mit Erfolg eingesetzt hat, hat aus Anlaß des 10. Jahrestages der internationalen Anerkennung des jüdischen Nationalheims in Palästina ein Schreiben an das offizielle Organ der Zionisten Chinas, „Israel's Messenger", gerichtet, in welchem er unter anerem schreibt: „Wie schnell hat sich die Balfour-Deklaration zum' zehnten: Male gejährt! Ich beglückwünsche Sie und Ihre Mitkämpfer dazuj daß Sie fortfahren, für eine unabhängige jüdische Nation zu arbeiten. Die Juden haben eine an Wundern reiche Geschichte und verdienen es, ein freies Volk zu sein und unter einer eigenen Regierun g zu leben." Wandel der Zeiten. V i e r T e s t a m e n t e — y i e r a u f e i n a u d e riolgender Generationen. Von S. L. Perez. Uebcrsetz't von R a j a B a r b e r. I. Nachdem Rcb Elieser, Ben Haikels Sohn, in die Ewigkeit eingegangen war, fand mau unter seinem Kopfpolster eineu Zettel folgenden Inhaltes: „Nach 'meinem Willen geschehe es, daß meine Kinder zu gleichen Teilen von dem mir gehörigen Walde Besitz ergreifen. Nach feinem Ableben sollen sie um den Friedhof herum ein Gitter aufstellen und das Dach des Tempels ausbessern lassen. Die heiligen Bücher vermache ich meinern Sohn Benjamin, der noch unbeweibt ist, Gott schenke ihm ein langes Leiben die übrigen Söhne und Schwiegensöhne haben ihre Gebetbücher bereits erhalten, als sie unter die . Chuppe gingen. Mein Weib, Gott schenke ihr noch viele Tage, soll nach wie vor, von ihren Kindern unabhängig, weiter im Hause verbleihen; sie möge eine arme Waise zu sich nehmen, damit sie sich nicht einsam fühle. An den betreffenden Feiertageu mäge sie die Broche über Wein und Brot machen. An Erhgut soll sie den anderen Erben gleichgestellt werden. Unabhängig davon..." ' Das Weitere war nicht zu entziffern. Augenscheinlich war der Zettel unter den Polster gesteckt worden, bevor die Tinte ausgetrocknet war, und dadurch hatten sieh die Schrjftzeichen venvischt. II. Reb Benjamin, Ben Eliesers Sohn, hatte schon ausführliche Weisungen hinterlassen: „Meine Stunde hat geschlagen, und in Bälde werde ich meine Seele dem, der sie mir einst verliehen, der Herr ist über alle Seelen, empfehlen." „Die Menscher* erzittern vor Seinem heiligen Namen und vor Seinem Gericht, jedoch ich verlasse diese Welt, Gott behüte, ohne Furcht, erfüllt von einem tiefen Glauben in Seine Barmherzigkeit und erhoffe, daß Er mit mir nicht nach der ganzen Strenge des Gesetzes Moses verfahren wird, sondern so, wie es Seine große Barmherzigkeit erheischt. Denn ich bin mir dessen bewußt, daß ich des vollen Vertrauens Gottes unwürdig bin, denn meine Seele ist während ihres Wandeis auf Erden nicht unberührt und unbefleckt geblieben." Wir übergehen die nachfolgende Beichte und die Ermahnungen an seine Kinder und lesen dann weiter: „Meine Füße erkalten, mein Bewußtsein trübt sich immer mehr und gestern widerfuhr mir etwas ganz Uligewöhnliches: in das Lesen der Heiligen Schrift vertieft1,, schlummerte ich ein, und da träumte ich Seltsames durcheinander und das Buch entfiel meinen Händen. Da erwachte ich und begriff sogleich, daß das ein Fingerzeig Gottes war und daß icii abberufen werden sollte... Ueber meine wahren Verdienste auf dieser Welt will ich vorläufig Schweigen bewahren, das wird mir unser Hergott nach hundertzwanzig Jahren lohnen. Die Früchte meiner Taten werde ich vor dem Antlitz Jehovas ernten, Sein Wille geschehe — amen!... Niemals HieK ich für mein, was ich nicht mft mir herübernehme, und Gott sieht es, ich lasse alles ohne Bedauern zurück. Ich lasse auch gar keine Bestimmungen wegen der. Erbteilung zurück, da ich davon überzeugt bin, daß meine; Familie, Gott möge ihr noch ungezählte Tage schenken;» in Frieden und Eintracht beisammen bleiben wird, andern^ falls aber über das Erbe nach Gesetz und'Recht verfügen und keiner den anderen, was Gott verhüten möge, überfvorteilen wird. Ich verlange, "daß meine Familie .—- mein Weib, meine Söhne und Schwiegersöhne, lang sollen sie leben' — zwei Zehent ihrer Habe ausscheiden mögen. Sogleich nach meinem Ableben sollen sie eine genaue Aufstellung über alles bewegliche als auch unbewegliche Gut, über die Wechsel und Schuldeu auf „Ehrenwort" machen , und ein Zehent davon an Arme, in meinem Namen, für, mein Seelenheil, verteilen. Und nun sollen sie von dem, was ihnen geblieben, das zweite Zehent in ihrem Namen abheben und den Armen geben, so wie ich es immer gehalten, indem ich den Unbemittelten stets den zehnten Teil meines Gewinnes zukommen ließ. Und außerdem soll von jedem Zehent noch drei Prozent darüber verteilt werden, denu es könnte sein, daß ihnen ein Irrtum unterlaufen wäre. Dii bestimmten zwei Zehent sollen nur an fremde Unbemittelte verteilt werden — unter gar keinen Umständen an Verwandte. Wieviel an arme Verwandte zu geben wäre, sollen sie selbst bestimmen, aber keinesfalls soll dazu von dem geerbten Gelde genommen werden, sondern sie müssen es aus Selbsterworbenen geben. Auf meinem Grabstein soll nur. mein Name und der meines gottseligen Vaters stehen. Und meine Söhne und Schwiegersöhne bitte ich, sich nicht allzusehr; mit irdischen Dingen zu befassen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.