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Die neue Welt · 1928-01-13 · Heft 17 (13.1.1928) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 17 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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SetteS DK NEUE WELT Nh IT '\ DSe Geschworenen, die Vertreter der Familie Hruza, die Advokaten Dr. Baxa — heute Oberbürgermeister von Prag — und Dr. Pe.v.ny wurden mit Blumen beworfen und auf den Schultern zum Hotel getragen. Hilsners Verteidiger Dr. Aurednicek und Dr. Vodicka mußten im Gerichtsgebäude hinter einem Polizeikordon bleiben. Im Schwurgerichtssaal aber rief der Präsident Doktor Winter mit gerungenen Händen: „Um Gottes willen, da ist ein Unschuld ig er verurteilt wo rden!" Die Ungeheuerlichkeiten, die sich in diesem Prozeß zugetragen hatten, lassen sich in den engen Raum eines Zeitungsartikels nicht zusammendrängen. Die Beschuldigungen des getauften Juden Johann Aufrecht, das theatralische Auftreten des Kronzeugen, des Schlossers P esc hak, der den Hilsner auf eine Entfernung von 900 Schritten erkannt haben wollte, die Taglöhnerin Huber, welche mit Hilsner einen fremden, rothaarigen hinkenden Juden gesehen hatte (der dann nicht mehr aufzufinden war) — das alles hätte vielleicht nicht genügt. Aber die Art der Untersuchung, die mit scharfer Nuancierung vom Staatsanwalt gestellte Anfrage an die Gerichtsärzte, „ob hei der Leiche gen.iig Blut gefunden wurde", die Uebergabe der blutigen Kleider an Dr. Baxa und schließlich die Führung der Verhandlung durch den Staatsanwalt — er hieß Sc;hneide r-S wo b O da — der die jüdischen Entlastungszeugen mit sofortigem Einsperren bedrohte — das wirkte suggestiv auf die Schuster und Schneider, die auf der Geschworenenbank saßen und so entstand das Urteil, das erste und bisher -einzige rechtskräftige Todesurteil auf jüdischen Blutmord . . . Der Oberste .Gerichtshof wandelte dann die Todesstrafe in lebenslänglichen Kerker um. Die vollkommene Schuldlosigkeit Hilsners wurde unmittelbar nach dem Prozeß zuerst durch. den deutschen Juristen Professor Franz v. Liszt, durch den Rechtsanwalt Dr. Artur Nußbaum in Berlin erwiesen. Am stärksten wandte sich Professor Masaryk in Prag gegen den Justizmord, nachdem er in Polna selbst eine eingehende Untersuchung durchgeführt hatte.. Die fanatisierte Straße antwortete mit Exzessen und Masaryk mußte seine Vorlesungen im Prager, Clernen tinum abbrechen... Hilsner ging in den Kerker., Von Pankraz kam er bald nach Stein und hier nahm sich seiner der Rabbiner von Krems Dr. Diamant (jetzt in Marienbad) väterlich an. Im April 1918 gab die Amnestie "des Kaisers Karl dem armen Sträfling die Freiheit wieder. ' Alle Versuche, eine Rehabilitierung zu erreichen, scheiterten an der Politik. Hilsner mußte die Gnade annehmen. Krank, gebrochen, von Tuberkulose und Rheumatismus zermürbt, schwerhörig, verließ er den Kerker. Und das Judentum hatte ihn vergessen; Er wurde ein lästiger Mahner an eine vergessene Zeit. Die täglich wiederkommen kann. Er ist als Bettler gestorben, einsam und verlassen, nachdem er sich selbst zur Last geworden war. Die Märtyrerkröne hat ihn erdrückt . . , Hotel „NATIONAL S Restaurant m Wien, IL, Taberstraße 18 K'.'&oS Unter der bewährten Leitung des bestbekännten ftestaurateurs S. G rvün Är, I Vorzügliche Wiener, ungarische und ORIENTALISCrft (rumänische) Küche. Wienerbräu und Pilsner Urquell | Zentrale Lage, 200 ZlftimAr, fließendes kaltes und warmes Wasser und Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon RUNDSCHAU. Die Sowjetdiktatur geht in ihrem Kampf gegen die Opposition mit aller Rücksichtslosigkeit vor. Das Rüstzeug des Zarismus wird in - Jeder Hinsicht angewendet: . Todesurteil^ Kerker, Verbannung. Jetzt. hat die Dissidenten das Schicksal der D ep o r t a t i o <n( erreicht. Dreißig hervorragende, Mitglieder der Opposition haben von .der G. P. U. (der früheren TTscheka), de.n Befehl zur Abreise erhalten. T r o t z k i, R ade k, R a k o \y s k i, K a m e ne w, Sin o w j e w und . andere werden künftighin in Sibirien und in den unwirtlichen Gegenden von Wibko und Archangelsk, wohnen müssen, fern von, jeder Eisenbahn und von den Zentren der Politik. Es hat Katnenew nichts..genutzt, daß er sich von Trotzki lossagte, und die herrschende Gruppe will es nicht zu einer Wiederholung des. so viej zitierten 9. Thermidor kommen lassen. Sie. geht den Obstinaten an die Kehle und wirft sich mit besonderem Elan auf die jüdischen Führer der Gegenpartei. Es sind hauptsächlich Juden, die vom Banhstrahl getroffen werden und der Prozeß, der sich gegenwärtig in Rußland vollzieht, ist so auffällig von antisemitischen Tendenzen durchsetzt, daß ihm u. a. die Wiener „R eich spo st" ihren Leitartikel vom 9. Jänner widmet. Hoffnungsvoll prüft sie die Angelegenheit und verbirgt ihre Freude nur notdürftig hinter „antimarxistischen" Erwägungen. „Wer-ging, wer/blieb?" fragt sie und erblickt den Schlüssel der Situation, in der Antithese: Hie Rykow und Stalin, die Nichtjuden, hie Trotzki, Kamenew und Radek, die Juden. Sie sieht auch die sonstigen, Zeichen einer wachsenden antijüdischen Stimmung, und zitiert die Artikel der „Kamsomolskaia Prawda" gegen den Antisemitismus, das Martyririum der jüdischen jugendlichen Arbeiter sowie den im Gouvernement Briansfc durchgeführten Prozeß gegen einen des R i tm a l ra o r d es beschuldigten 70jährigen Juden. Ein zweiter Prozeß dieser Art stehe bevor und es werden auch Aufrufe zu Pogromen verbreitet, gegen die die Behörde nicht einschreitet. Das sind Symptome, die der „Reichspost", aber auch der jüdischen Welt Anlaß zur Nachdenklichkeit bieten. Der Universitätsprofessor Karl Diener, der dieser Tage in Wien gestorben ist; ist in einer der unerfreulichsten Perioden der an Skandalen so reichen Universitätsgeschichte Oesterreichs viel genannt worden. Er hatte als einer der ersten, die Unterwerfung unter den Ungeist des Hakenkreuzes vollzogen und sich als Rektor im Winter 1922 den Befehlen des „Kulturamtes" gefügt. Es gab damals an der Hochschule für Welthandel in einem Ausschuß einen Hakenkretizradau gegen die jüdischen Hörer und den Rektor Gr ti n t z e 1. Der Universitätsrektor griff unnötigerweise ein und schrieb in der „Reichspost" einen. Artikel, in dem er erklärte, daß für ihn bei der. Habilitierung eines Dozenten nicht die Qualifikation, sondern die Person maßgebend sei und daß er auch die Uni versität vor einer B a 1 k a n i s i e r u n g u n d L evantisierung schützen wolle. Das war für die junge Garde vom Hakenkreuz das Signal zum Losschlagen. Es kam zu schweren Exzessen in der Aula und auf der Rampe. Vor der Universität brannte die hoffnungsvolle- Jugend einen Scheiterhaufen an und-zog dann im Parademarsch an dem Rektor-vorbei, der in Begleitung des seither über Veranlassung der Wirtschaftspolizei ver schwundenen Kanzleileiters Blumauer die Defilierung abnahm. Der Unwille in Wien war allgemein und der Bundeskanzler S e i p elsagte einer bei ihm erschienenen Abo r dnu n g de s K u 1 tu s v o r s t a ndes Abstellung., des Skandals zu. Geschehen ist natürlich gar nichts und der Universitätsskandal ist zu einer ständigen Einrichtüng geworden . . ...Herr Diener ist seither wieder zur Paläontologie zurückgekehrt. '' '' :' .juden folfern unj berauben,— in tjngarn ggricht(icji] vf ^erk^|terau^% <f.';£ e5 Vor" dem' 1'B Ud'a p e s"'t e r 'Strafgericht ha.tte .sich, am: 1QI .J^imifer ' de^^ge^esene^:0ffizier des zur Zeit'der Weißen Schreckensherrschaft berüchtigten B r i t a-n n i a-.de.jtachements, B e ö 1lj y, wegen des Verbrechens der Erpressung ' zu verantworten. Gegen Beöth&;h"a&'de^ DaYid.SXe^rn.^ie Anklage erhoben;'' Haß ^eöliiy ihm Tm jalire 19201 in den Kellern des Hotels 'Britannia nach schweren M ißih an d 1 u n g-e h 's ein\ g e samtes Bargeld, die goldene Uhr. ..samt Kette . und einen goldenen Siegelring abgenommen habe. In der Verhandlung,bekannte sich Beöthy .als .n i c, h t s c h u 1 di g, und gab an, daß er lediglich .i m A u ft r a g des Kommandanten des Britanniadetachemeuts, des Oberleutnants Baron Barba rc.z.y».gehandelt habe. E.s s ,e i dam'a'l s d e r B r a u c Ii' g e w e s e n, J u d e n in das Hotel Britannia zu. schleppen und solange zu prügeln, bis'sj e';,e i n L ö.s e gel cl . z a h lte n oder ihre Wertsachen hergaben. Der als Zeuge Vernommene gewesene Oberleutnant Babarczy, heute Steuerkontrollor. .bestätigte im. wesentlichen die Angaben seines damaligen Untergebenen- und fügte hinzu, er habe die Tätigkeit des von ihm geleiteten Detachements für durchaus gesetzlich angesehen, da der Sold^der Offiziere vom Landes-, verteidig u ngs m i n i &;t e r i u m liquidiert wurde. Der Strafgerichtshof fällte darauf ein freispreche ndes Ur tei 1, mit der Motivierung, daß der Angeklagte Stephan Beöthy auf Befehl gehandelt habe und anderseits die obersten staatlichen O r g a n e in jener Zeit von der Existenz der Offiziersdetachehients Kenntnis hatten und wüßten, daß diese Detachements sich selbst die'Machtbefugnis einer Verwaltungsbehörde anmaßten. |Kennen Sie schon! die grandiose Wirkung des. DIANA I FRANZBRANNTWEIN?| Jeder Gesunde und jeder Kranke I wird es Ihnen bestätigen), daß die denkbar beste I I Wirkung durch I DIANA-FRANZBRANKTOEin Aus der Wiener jüdischen Gemeinde. Zum Wahlrechtskampf. Nach dem. -am 1. Jänner erfolgten Ableben, des Herrn Direktors Siegmund Epler sollte der in. der Reihe der zionistischen Liste nächstfolgende Ersatzmann Dr. Israel W a 1 d mann in „ den Vorstand der Wiener jüdischen Kultusgemeinde einberufen werden. Herr Dr. Waldmann, hat nun, an das zionistische La n d e s k o m.i t e e für Oesterreich zu Banden des Herrn Dr. Georg Weiner das folgende Schreiben gerichtet, das er uns zürn Abdruck übergibt: „Sehr geehrter Herr Kollege! Im Auftrage des. Landeskomitees der Zionistischen Organisation für Oesterreich haben Sie mich angefragt, ob ich das mir nunmehr zufallende M a nd a t in de n V o r s t a n d der i s r a e 4 it'i sc h e n K u 11 u s g e m e i n d e annehme. Ich * erlaube' mir, Ihnen mitzuteilen,, d a ß :i c h leider n i c h t 1 n de r Lag e b i n, d a.'s erwähnte M a li d a t a u s z uü-b'en. Die letzten Vorfälle in der Kiültusgemeltlde und insbesondere der von den zionistischen Mandataren perhorreszierte Eintritt in die Opposition, trotzdem d e r 'z i o n i s t i sehe Ä n t r a g a u f E i nf ühr u rt g d es aI Igemeinen W a h 1 r'e chtes von' d e r 'Majorität d es K.u'l.tu s v-o r s"f;ä nd e s ih, i e'de r g e s t i m in t w u r d e, machen es^mir u n m ö g il' i c h, das mir zufallende' Mandat' anzunehmen. / . Ich müßte ' mit ''her : Annahme die "bVs^h err fg; e Taktik der z-i oni s tl s che ri M a n d a't a're:ge. genüber ' der Wiener 'assimilatorischen '•'Vertretung mitmachen, was :g e>g e n m'e ine U e b e*r z e -ugiu ng wäre; ■ ''•'-; Ich ziehe es daher vor, dem Vorstände der Kültusgemeinde fernzubleiben.; . , ' ' Ich ersuche Sie höflichst, hieyon deni .Landeskbmitee Mitteilung zu machen. . I Mit kollegialer Hochachtung und Zioiisgiuiß Dr. Israel Waldmann; mit Menthol «ratlelt wird Ueberau erhaltlich! Der jüdische Kul^usgemeindeverbarid in <Jer Tschechoslowakei. Der Oberste Rat der jüdischen Kultusgemeindcnverbände in der Tschechoslowakei wird demnächst in Prag zusammentreten. (Er ist entstanden durch den Zusammenschluß der fünf KuUusgemeindeverbände in Böhmen, Mähren und, Schlehen zu einer Arbeitsgememschaft.^ pie Tagung, die für den 22. jänner in Aussicht genommen" ist, wird sich mit der;Errichtung, einer Hochschule für Rabbiner in Verbindung mit einer Ausbildungsanstalt für „Religionslehrer zu befassen haben. Auf der Tagesordnung stehen die Regelung der Kultusgemeindegebiete in Böhmen, ferner die Veranstaltung einer tschechischen Pentateuch- Ausgabe und die Pflege und Erhaltung der jüdischen Denkmäler, die vom jüdischen kulturhistorischen und künstlerischen Standpunkt wertvoll sind, die Sammlung von Archivalien u. a. . m. Es ist auch anzunehmen, daß der Oberste Rät beschließen wird, mit Landesverbänden der angrenzenden Länder,- so vielleicht mit dem preußischen Landesverband oder dem österreichischen L a n d e s v,e r b ä n d, zwecks Austausches: von Erfahrungen und der Bearbeitung gemeinsamer überterritorialer Fragen Fühlung zu nehmen. Die Mandatskommission., Im Juni 1928 tritt die Mandatskommission desl Völkerbundes in Genf zu ihrer 13. Session zusammen. In dieser Session wird unter anderem auch der Bericht, der englischen Regierung über die Verwaltung Palästinas im Jahre 1927 behandelt werden. Jüdische Völkerbundliga für Oesterreich. Der Vorstand der judischen VöSfeertyindliga.'für Oesterreich Montag den 16.'d. M. im ^r^u.V.4es Zionistischen Landeskomites (■!., Kärntnerstraße 28). edne Trauersitzwng zum Andenken an den verstorbenen Präsidenten Oberrabbiner Dr. Chajes und das Mitglied, des Vorstandes Direktor Sigmund E p J e r ab. Nach der Trauerkundgtbung wird sieh der anfangs Dezember . gewtWlte Vorstand konstituieren'.

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