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Die neue Welt · 1928-01-13 · Heft 17 (13.1.1928) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 17 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 30 Groschen V. b. b. DIE NEUE WEH BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A2S-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 2 Freitag, den 13. Jänner 1928 Nr. 17 ^Leopold Hilsner gestorben. Der Tod eines Märtyrers der Ritualmordlüge. Im Spital der Wiener israelitischen Kiultusscmcindc ist in der Nacht von Sonntag den 8. d. Leopold Hilsner nach längerer Krankheit gestorben. Er war 51 Jahre alt " geworden. Leopold Hilsner, der nach der Amnestierung mit Bewilligung der tschechischen Regierung, seinen Namen in „Heller" geändert hatte, war am 10. Juli 1876 geboren. Am 15. Dezember hatte er mit einem schweren Herzleiden das Krankenhaus der Kultusgemeinde aufgesucht. Das Leichenbegängnis fand am Mittwoch um 10 Uhr vormittags auf dem Zentralfriedhof vom dritten Tor aus statt. Hinter dem Sarg schritten der Vizepräsident der Kultusgerneiride, Herr Dr. Ornstein. Herr Doktor Leopold P1 ä s c h k e s, Dr. Zdenko Atire dnicek (Hilsners Verteidiger),* Amtsleiter Frei s t a d t und die ' Lebensgefährtin ' Hilsners, Frau Rosa Reinolt. Die Beisetzung erfolgte in einem von der Kultusgemeinde gc- . Widmeten Grab. ' ~y. Im Sommer des Jahres 1899 reiste Kaiser Pranz" Josef zu den Manövern in: Böhmen. Aufdejrj Bahnhof in Küttenberg großer Empfang. Die Spitzen der Behörden begrüßten den Kaiser. Einen hohen Gerichtsbeamten sprach er an: „Na, Sie haben ja jetzt viel Arbeit mit diesem Prozeß ...?"„Maj es t ä t k ö n n e n s i c h v e r 1 as sen. Der Mann wird, verurteilt!" Der Kaiser ging wortlos weiter. Der Mann wurde verurteilt. Sogar zweimal. Er hieß L e opo 1 d Hilsner. Er war ein Märtyrer und er trug die schwere Last, seiner weiß Gott nicht angestrebten Krone durch ein qualvolles Leben. Er war als zweifacher Mörder, als jüdischer Mörder '.verfemt, saß neunzehn Jahre lang, neunzehn schwere bittere Jahre in den Zuchthäusern zu Pankraz und Stein, wurde amnestiert. Dem.. Henker entging er, um dem- Bettlerdasein zu verfallen. 22 Jahre zählte er, als er' vom Netz des antisemitischen Blutrituals gefaßt wurde. Ein verträumter, etwas arbeitsscheuer beschränkter junger Bursche war er, harmlos, der gern in dem Tannenwald von Nova Ves lag lind in den Himmel sah. Bei der Assentierung in Polna war er Wegen allgemeiner Körperschwäche zurückgestellt ."' worden.; Er war' Schuhmjach'ergehilf e, lebte bei seiner .alten Mutter Marie Himmelreich in einer..elenden Hütte am Ende der Judengasse von P o Ina, trieb sich mit Altersgenossen auf .Tanzfesten heru;ti;. und war unbeachtet Als am 1. April 1899 in denr Breziriawald auf dem Wege nach Klein-Wiznitz ^ie'teiohe 'der Agnes H r u z a aufgefunden ' wurde, dachte man kaum an Hilsner. Alle jungen Burschen, die\'sichrin'der kritischen Zeit im Wälde aufgehalten iiatteh, wurden festgenommen.' Unter ihnen auch Hilsner; Alle wurden freigelassen, auch Hilsner. Der Polnaer Bezirksrichter, Dr.-Reichenbach, zufällig ein Christ, fand ihn nicht verdächtig. Da setzte die antisemitische Kampagne mitvoller Kraft ein. Das ' Wieher „D e.u. t s c h e V o 1 k s b 1 a tt" beschuldigte;den- Richter. der, Parteilichkeit. und der. Wiener Geinelnderät' Hans ■.Arnold Schwer, der später so berüchtigt gewordene „B l'u t h ü it d von P o 1 n a", fuhr mitr) den tschechisch-katholischen Journalisten Touzil und Huschek nach Polna, wo sie sich als Untersuohungsbehörde etablierten. Ihre Berichte, die, sofort vom Ritualmord. und. von dem Schächtschnitt sprachen, setzten die Regierung in Angst. Der. christlichsoziale Abgeordnete Ernest Schneider in Wien richtete heftige Angriffe gegen den Justizminister Ruber, den er anklagte, er habe von den Juden Geld genommen, um einen Ritualmord zu vertuschen. Ruber enthob den Richter Reichenbach von der Untersuchung und betraute einen Funktionär des Kuttenberger Kreisgerichtes mit den Erhebungen. 1 Aus dem Inhalte: I Gedcnkblatt für Zwi Perez Chajes mit Aufsätzen von: J- Hofrat Professor Dr. Alois Pick, Präsident der J. Israelitischen Kultusgemeinde Wien; Frau Anitta M ü 11 e r - C o Ii e n; Hofrat Professor Dr. S. Frankfurter; Rabbiner Dr. D. Feuchtw a n g; Dr. Oskar K a r b a c h. Aus der Wiener jüdischen Gemeinde. Dr. Otto Abeles: Großwardein. S. L. Perez: Wandel der Zeiten. Aus Palästina. Dr. Leopold Pia senke s: Schutz der jüdischen Minorität. Polen vor den Wahlen. Bethlen und seine Protestler. Dr. Ephraim W a s c h i t z, Haifa: Transjordanien. Der antisemitische Kurs in Litauen. Der Schnorrer von Jerusalem. Wie 20.000 Juden auf den Prinzen von Wales warteten. Karl Baum, Brünn: Die Juden von Sainarkand. Aus der jüdischen Turn- und Sportbewegung.. — Die Fußballspiele.. der Haköäh. Austritt? aus. dem.Judentum. ,, .>',-. S c ojl'.e;'tti Ale jenem: Menachem Mendel. (Humoristischer Roman.) ... Schalpm,A s c h:. Die Zauberin von Kastilien» Dieser, ein junger, unerfahrener Mensch", verließ sich auf den GendarmeriepostenMirer Klenovec, einen Freund der 'Kompagnie;'. Schwer-Touzil. Hilsner wurde wieder verhaftet, trotz des Protestes des aus Prag eingetroffenen Kriminalisten Polizeirat Olitsch, der den Mörder der Hruza in ihrem engeren Kreis gefunden zu haben glaubte. Der jüdische Schustergeselle wurde gefesselt ins B e z i r k s g e r i c h t a b g e f ü h r t . . . Hunderte Menschen folgten ihm, johlend und Steine werfend. Am Abend des 4. April mußte aus Iglau Gendarmerie nach Polna beordert werden, um die Judenschaft zu schützen. Zweimal stand Hilsner vor den Geschworenen, vom 12. bis 16. September 1899 in K u 11 e n b e r g und dann wieder 17' Tage lang im November 1900 in Pisek; beidemale lautete das Urteil auf Tod durch den Strang. Nach dem ersten Prozeß wurde Hilsner ins Kuttenberger Gefängnis von seinen Mithäftlingen mißhandelt und geprügelt. Der Gefängniswärter zeigte ihm durchs Fenster ein TelephongeKüst; das sei der Galgen, an dem Hilsner schon morgen hängen werde, falls er nicht gestehe.- Der geprügelte, bis zur Todesangst gemarterte, kranke Bursche gestand. Er habe mit zwei Juden namens Wasser m a n n und E r b m a n n die Hruza geschlachtet ... Die Maschine der Justiz begann wie geölt zu arbeiten. Telegramme flogen in die Welt, der ganze Polizeiapparat kam in Bewegung. Man erwischte Wassermann in Mährisch- Ostrau, Erbmann in irgend einem mährischen Dorf. Beide wurden verhaftet und im Triumph nach Kattenberg gebracht. Aber die Freude währte nicht lange. Die beiden, armselige Schnorrer, konnten ihr unanzweifelbares Alibi erbringen: Wassermann hatte in der kritischen Zeit in Znaim gebettelt, Erbin a n n war im Spital von Deutschbrod an einem Bruch operiert worden. Man mußte sie. freigeben, die nach Kuttenberg enttäuscht ab. geeisten Journalisten reisten In Pisek hatte, , man noch einen . zweiten Mord für Hilsner präpnriert, den an der Taglöhnerin Marie. Klima, die im Juli 1898 als Skelett im Walde aufgefunden worden war., Die beiden Prozesse bilden eines der traurigsten Kapitel der österreichischen Justiz. Insbesondere aber der zweite, der Piseker Prozeß, war ein politischer Akt, ein .Rückfall in die finsterste Zeit des Mittelalters. In den tschechischen Gebieten Südböluncns herrschte eine fast unbeschreibliche Erregung. Es war die Zeit des Kampfes der tschechischen Parlamentsfraktion gegen die Sprachenverördnungen des* Kabinetts Cläry. Das Parlament war aufgelöst und man stand in heftigen Walilkämpfen. In diese Stimmung schlug wie ein zündender Blitz dieser Prozeß gegen einen Juden, gegen ein Mitglied jener Gemeinschaft, die sich in den großen Städten Böhmens auf die Seite der Deutschen gestellt hatte. Nationaler Haß also,. und die freche Hetze (Jes K ö n i g g r ä t z e r Bischofs Brynich gaben der Affäre die Marke und fast die gesamte tschechische Presse ging getreulich in der Bahn des Ritualmordes. Nur der „Cas", das realistische Organ des Professors M a s a r y k, bewahrte Würde und Objektivität. Hilsner. wurde bald ein Heid der Volkspliäntasie; Auf Jahrmärkten zeigten Bänkelsänger, wie der Jud Hilsner die schöne Agnes Hruza schlachtete; Volkslieder entstanden und der jüdische Schuster, der. im Gefängnis saß, wurde so populär wie der ermordete Polizeispitzel Mrva. Ansichtskarten mit dem Bild Hilsners und der Hruza, Flugblätter, Bilder verbreiteten die Seuche. Wo jüdische Schächter lebten, mußten sie von den Behörden in besonderen Schutz genommen werden. Als am M. November 1900 das zweite „Tod durch den Strang" in Pisek gesprochen war, standen vor dem Kreisgericht Tausende von Menschen aller Klassen.. Als ihnen das Urteil bekannt wurde, b r a c h alles injube 1 aus. Man sang die:Nationalhymne. Der elekrüch'automatüche KÜHLSCHRANK für Jen HAUSHALT ist die beste, billigste und kugieniseJ^vollkQtnmenste Methode sur IDEALEN KONSERVIERUNG ALLER LEBENSMITTEL! — Das Kühlhaus für den Bausgebrauch! DIE PRAKTISCHE HAUSFRAU verlange Prospekte oder besuche unser AusstellungsloJcal! — GENERALREPRÄSENTANZ Warchalowski, Finsterle <& Co., Ges. vi. b.H, Wien, I., Am Hof Nr. 3. Telephon: 66-1-74

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