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Die neue Welt · 1928-01-06 · Heft 16 (6.1.1928) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 16 (6.1.1928)
Date
1928-01-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 16 DIE NEUE WELT Seite 5 Ester Kaschowy, -~y. Die trübe Sensationsaffäre, die in der vorigen Woche alle Zeitungen und Tratschgeister der Großstadt Wien beschäftigt hat, ist zu einem hoffentlich endgültigen Abschluß gekommen. Die Mutter, die ihren Sohn als Last empfindet, der Sohn, zehn Jahre'alt, der die Mutter haßt, Selbstmordversuche macht und schließlich die Mutter des Sälzsäurealten<. täts beschuldigt — das klingt eigentlich wie der Vorwurf eines Filmstücks. Tatsächlich ist auch die Begebenheit, um die es sich handelt, wie ein Kinodrama aufgebaut. Fast unglaubhaft und unwirklich, aber trotzdem ein düsterer Ausschnitt aus dem jüdischen Leben 'inserer Tage, das an spukhaften Vorfällen so überreich ist. Man geht an solchen Ereignissen leicht gleichmütig vorbei, das Elend der Zeit hat die Nerven abgestumpft, der Wirbel der Großstadt immunisiert die Gesellschaft gegen Fälle solcher Art. Aber für die jüdische Gemeinschaft ist der Fall dieser Frau und ihres Kindes ein schreckhaftes Erlebnis, das die Tiefe der sittlichen und geistigen Not mit einem Ruck aufreißt und uns die Gefahr ahnen läßt, ijr der sich das Judentum befindet. Zum Abfall und zur materiellen Verelendung gesellt sich noch eine, psychische Verwahrlosung, die wir hier an einem einzigen Fall in der krassesten Form sehen. Wir wagen uns kaum die Frage zu stellen: welches glend hat doch der Krieg über uns gebracht, wie groß ist das Ausmaß? Denn dieser Fall greift uns tiefer und schärfer an. Er ist aus dem Krieg erzeugt und er gehört in die Reihe der Schläge, die uns dieses Unglück der Welt versetzt hat und die uns tiefer treffen als irgend ein Volk, das mit der organisierten Kraft des Staates Schäden solcher Art lindern oder bekämpfen' kann. Es ist in einem Brennpunkt gesammelt die unsägliche Not eines zur Wurzellosigkeit verdammten Volkes. Ester Kasohowy, die Tochter einer angesehenen jüdischen frommen Familie in Lemberg, hat infplge der glorreichen Evakuierungsfeldzüge mit ijiren Eltern im Herbst 1914 die Heimatstadt ver< lassen müssen. Sie kam in die westliche .Gastfreund schäft eines Flüchtlingslagers und verlor sich dort an einen bisher unbekannten Offizier. Die Frucht des Verhältnisses war ein Knabe. In Elend empfangen, in Elend geboren, fern von der Heimat, von dem Fluch der strengen Eltern bedroht, in der Wirrnis der „großen Zeit" ist das junge Mädchen der Verführung erlegen und es hat dann das Kind als eine unerträgliche. Last empfunden; Wäre.: diese Jüdin eine mit robusteren Nerven ausgestattete Christin gewesen, so hätte sie das Kind beseitigt. Die jüdische Scjieu vor dem Blut war stärker und der Knabe kam zur Welt, zu dieser vom Haß gegen das Volk seiner Mutter starrenden, im Haß gegeneinander sich verzehrenden Welt. Er mußte vom ersten Tag seines Lebens der Mutter entbehren, kann in die Fürsorge efes Joint, später, in eine städtische Anstr.'r, wurde * getauft und dann, christlichen Pflegeeltern*übergeben. Die Mutter.kannte er nur als Tante. Und da wuchs in ihm der Haß gegen sie, bis er eines Tages die, Mordanklage gegen sie erhob, der zehnjährige Knabe gegen die eigene Mutter. Er hatte m mit einer faszinierenden Schlauheit angelegt. Hatte sich ein Fläschch'en mit Salzsäure verschafft, sich damit bespritzt und; dann auf der Straße geschrien, die Mutter — in diesem Augenblick gab er ihr zum ersten Mal diesen heiligen Namen -r habe ihn ermorden wollen. Ester Kaschowy;w<urde verhaftet und erst nach dem Geständnis des Knaben auf freien Fuß gesetzt. Sie wird jetzt heiraten und ihr Kind zu sich nehmen und . damit tritt hoffentlich wieder Ruhe und Sammlung für sie ein* . ' . . Die jüdische. OeffentMchkeit aber.kann sich mit dem harmonischeii Schluß nicht zufrieden geben. Sie muß es einsehen, in welcher Gefahr ihre Töchter schweren und einen automatisch funktionierenden Sipherüngsappa'ratschaffen, der es verhütet, daß das. Kind einer, jüdischen Mutter so. verwahrlost, der den jüdischen Müttern: die Möglichkeit, schafft, ihr Kind ernst und.' ehrlich zu erziehen. Freilich ist das nur ein halbes Ding. Gegen das furchtbare Flüchtlingseiend kann, nur die Kraft einer ganzen Nation aufkommen. Wir hoffen, daß es keinen Krieg mehr geben wird, aber auch ohne ein solches Katastrophen, ereignis> existiert Heute ein jüdisches Wanderungs¬ und FIüchtHngsprbblem von unheimlichen Dimensionen,'Dieser Not kann nur die nationale Konzentration "des Judentums in einem freien jüdischen Staat steuern. Soeben erschienen: •: i im von Dr. S. 1 Sösklit« DasAgrarprögramm clerZionisten-Revisionisten ■ , Prol» S 1.^ , .. p,els 5 1.- V«rUig Dr. Zahn und Dr. Diamant W<en, f., Werdertorgasse 12 Die Protokolle der Weisen von Zion in China. Ein Missionär als Hetzer. . In seinem in Schanghai erscheinenden Blatt „Israels Messenger" beschäftigt sich der Herausgeber N.E.B.Ezra mit der neuen, sehr bedenklichen antisemitischen Welle in dem auch sonst durch inneren Bürgerkrieg bis auf den Grund aufgewühlten Reiche von China. Importiert und mit den verwerflichsten Mitteln gezüchtet wird auch hier der Antisemitismus durch ausländische Chi r s t e n. An der Spitze der Bewegung steht dermalen der Missionär Edgar E. Strother. Nachdem dieser Verkünder der Nächstenliebe unter den „Wilden" ein ans den trübsten Quellen zusammengetragenes Buch des Kapitäns Howard, „Ei" bolschewistisches China die größte Wcltgefähr", in billiger Volksausgabe unter den Massen'verbreitet hatte, trat er mit einemmal mit der chinesischen Ueb e r s e t z u n g der in Europa schon längst zu allen Türen hinausgejagten und als niedrigste Fälschung göbrandmarkten „Protokolle der Weisen von Zion" auf den Plan und erzielte damit, daß die — allerdings nacht allzu vielen — Juden, die auf ihrer Flucht vor christlicher Grausamkeit in China einen Ruhepunkt fanden, auch hier in ihrer unsicheren Existenz gefährdet sind. Missionär Strother empfindet noch so etwas wie Schamgefühl vor den Menschen, die er zu seinem christlichen Glauben bekehren möchte, und glaubt sich wegen dieses Angriffes auf den von europäischer Kultur und Ver-' logenheit noch nicht angefressenen gesunden Menschenverstand rechtfertigen zu müssen. Er sagt daher in seinem Vorwort, zu den Protokollen in altgewohnter jesuitischer Weise, daß er beileibe kein Antisemit sei, daß er sich wohl dessen bewußt sei, daß sowohl der Begründer als auch die späteren Verbreiter der christlichen Die Judenverfolgungen in Rumänien* Einbringung einer Resolution im Kongreß der Vereinigten Staaten. Das jüdische Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten William I. Sirovitch hat im Repräsentantenhaus ' eine Resolution eingebracht, in der Präsident C o o 1 i d g e aufgefordert wird,, für den Fall ..einer Fortdauer der Judenverfolgungen in Rumänien die Beziehungen zu der rumänischen Regierung abzubrechen. Die Resolution lautet: ,yOie Regierung des Königreiches Rumänienhat uni geachtet der feierlichen Garantien gegenüber dem Völkerbund und den Großmächten, daß die Angehörigen jeder Rasse, und jeden Glauibens vor dem Gesetz gleich sein und den gleichen Schutz genießen werden, es wieder »ugelässen^^aß.vAngriffe auf. Leben und Eigentum jener; Stapfe* Mr^ei , jh der unmenschlichsten Form gerichtet werben; die nicht Anhänger der herrschenden Kirche' sind. Da'sö|che entsetzlichen Anschläge auf Leben, pgentüm tf^.^ifie4t.def Person die Sitten und Abmachungen der or^anfsierteh Menschheit mißachten und jene verderbliche P^itik^Rumäniens wiederholen, die schon in der Ve:)r- ^angeTiheit das Gewissen der zivilisierten Welt aufgerührt und auch schon einmal die Regier u ifcg v'd'e'V Vle'rveihtfg t e n Staaten veranlaßt hat, gegen; dfe rR^Mi.8"©h^ Regierung durch die Person des hervorragen* d<?n arnerikanisohen Staatssekretärs, des verstorbenen;1 John Hajr, Protest zu erheben, und da die Unfähigst*:, der rumänischen Regierung, eine Gruppe ihrer Untertanen, die ejjue rassische und religiöse Minderheit bilden, gegefn; Te-rrprJstnus zu .schütten, der rumänischen y{jr-; fassung; und den internationalen Verträgen ins G^sf^ht si$J§gt 'und diese Regierung mnerhaJb der Familie der Nation als Uebeltäter kennzeichnet — so möge das. Re-; pra^utanteiilbaus der Vereinigten 'Staaten in aller Ißwfurobt; den: Präsidenten der Vereinigten Staaten; Calvin C&o'lidSc, auffordern, die rumänische Regierung daran; $u nfehnen,'daß sie verpflichtet sei, allen ihren UntertaiÄn die. Gleichheit vor dem Recht, sowie gleichen politischen Sornitz zu gewähren, und daß sie deshalb sofort Maßnahjntin ergreifen müsse, um der barbarischen un<ä grau- Siam en. Behandhing der unschuldigen jüdischen Börger ^^•au ..machen und Leben und Eigentum die^r Börger...-' in' .Uetoerdnsünwnung mit den bestehenden Ve% tiägen.. zwischen dem Königreich Rumänien und der Regierung der/Vereinigten,- Staaten zu schützen. Ferner ni^je : <%s: Repräsentantenhaus. beschließen,, daß im FaHe eines V^agens der rumänischen Regierung, derhumanen Federung des ■ Volkes der Vereinigten Staaten naohzi*- kQinmen, die Regierung der Vereinigten Staaten' verpjlßli; tfefs^j, die diplomatischen Beziehungen zwischen der Regferun« der Vereinigten Staaten und der Regierung des K$hig/eicbs Rumänien abzubrechen."; Ente Abordnung des Ausschusses für die Rechte de;r religiösen Minderheiten, in dem santtfiche Konfessionen vertreten sind, hat dem Staatssekretär Kellogg e% Eijt^chließung überreicht, in der gegen die Duldung orgflnj». silier §tudentenausschreitungen gegen die jüdische Minderheit ,djirch die rumänische Regierung Protest erhoben wird, : . .' - V... Religion Juden oder Judenstämmlmge waren, er könne es auch nicht leugnen, daß er in seinem Bekanntenkreis eine große Anzahl von angesehenen, wertvollen und einwandfreien Juden habe, aber das hindere ihn nicht, festzustellen, daß die Juden überall und zu jeder Zeit die Pio* nierc des Modernismus waren und daß eine, und zwar die gefährlichste Form des Modernismus, der Bolschewismus, gleichfalls von de* Juden ausgegangen sei. Gleichzeitig betätigen sich auch andere europäische Christen in China als antisemitische Wanderredner, veranstalten in den Städten und auch in der Provinz Versammlungen, in denen aus den Protokollen ganze Kapitel verlesen und durch lügenhafte Angaben über bekannte jüdische Persönlichkeiten in Amerika illustriert werden. Das einzige jüdische Blatt in China „Israels Messenger" hat Jetzt die größte Mühe, durch Aufklärung und Enthüllung der wahren Absichten dieser plötzlichen christlichen Chinafreunde die Falschheit nicht nur des Materials, sondern auch der Menschen, dl/ für fremdes Geld auch In China Judenpogrome hervorrufen möchten, den wahren Wert dieser ganzen Lügensammlung dem chinesischen Volk vor Augen zu führen. Wie In Europa, sind auch in China die Uebersetzer und Verbreiter der berüchtigten Protokolle und die skrupellosen antisemitischen Propagandisten Abenteurer, die auf verschiedenen Gebieten bereits Schiffbruch gelitten und sich des Antisemitismus als der einzigen noch denkbaren Quelle eines Erwerbes ohne Arbeit bemächtigt haben. Tatarescu läßt alle Prosromstudenten frei; Beim Unterstaatssekretär Tatarescu erschit» eine Abordnung der antisemitischen Studentenschaft unter der Führung des Vorsitzenden der christlichen Studentenliga Popescu und des Vizevorsitzenden Wer ebner« Die Studentenabordnung teilte dem Minister mit, daß sich der Studentenschaft infolge des Gerichtsurteils, mit welchem neun Studenten zu Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, eine ungeheure Erregung bemäch« tigt habe. Sie fordert die sofortige Freilassung der 40 noch in Haft befindlichen Studenten und d ie Amn e stierung der vom Gericht verurteilten Studenten, da sonst die Studentenschaft zu Gewalttaten schreiten würde. r Tatarescu verfügte die sofortige Freilassung aller noch in Haft befindlichen sowie der verurteilten Studenten, warnte aber die Studentenschaft durch ihre Führer vor weiteren Unruhen, die von der Regierung mit äußerster Gewalt unterdrückt werden würdem Cuzas Phantasien. Die Buikarester Presse glossiert ironisch die Redcj Professor Cuzas als Verteidiger der angeklagten Stu* denten. Cuza, hatte erklärt, daß der englische Politiker Rothermere und der amerikanische Senator Bora'bj jecte Boruch, beide Juden seien und Rumänien vernichten wollen. Die Studenten hätten darum an den Juden Rache genommen. Die Mehrheit der Abgeordneten der Partei des Ministers Lupu ist aus der Regierungskoalition ausgetreten, well Lupu ungeachtet der Pogrome in SiehenbArgen und des Verbleibens des Unterstaatssekretärs Tatarescu im Amte sein Ministerportefeuilte behalten hat. ' QUALITÄTS-MÖBEL Orößt« Auswahl! Billigst« Preis« I Zahlungserlelchterungait I MSbelhaos J. WÜHL Iii Klub radikaler Zionisten Mittwoch, den U.Jänner 1928 um halb 9 Uhr abends findet im Klublokale Cafe Atlashof, Wien, I., Aspeinplatz, eine ''illllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllliiiiiiiiiiiiiii' statt Gegenstand: Die Vorgänge in der österreichischen Organisation. Zutritt haben nur Mitglieder des Klubs*

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