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Die neue Welt · 1927-12-30 · Heft 15 (30.12.1927) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 15 (30.12.1927)
Date
1927-12-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite ft DU NEUE WELT Nr. IS gebung die Voraussetzungen der nationalen Existenz gebracht hatte, wehrten sich stürmisch und energisch gegen das neue System; das Bürgertum, zu dieser Zeit in der Reichshauptstadt und in Budapest stark jüdisch durchsetzt, erkannte in der auf territoriale Expansion sich orientierenden Balkanpolitik die große Gefahr und verweigerte die Zustimmung zur Annexion Bosniens, wobei auch die deutschnationalistische Propaganda abgelehnt wurde: Hof, Genieralität, Klerisei, Adel und Hochschulen antworteten mit dem antisemitischen Schlagwort. Der Liberalismus wurde zersprengt; das Bürgertum rettete sich ins nationale oder christlichsoziale Lager. Den Juden ging man im Westen mit der Ritualmordlüge, im Osten mit der gewaltsamen wirtschaftlichen omd politischen Unterdrückung an den Leib und lieferte sie der Schlachta aus. Der Anstoß zur neuen Verfolg-ungsära war von Wien, aus dem deutschen Westen gekommen und das Judentum, das sich schon deutsch gefühlt hatte, .wurde der Sachlage bald inne und erinnerte sich wieder seines Judentums. Die ersten zionistischen Ideengänge kamen als bewußte Reaktion eines durch die Schule der Dezember-Verfassung gegangenen jüdi* sehen Bürgertums und 1896 schrieb Herzl in Wien den „Judenstaat". Die liatioimldemokratische Freiheitsbewegung faßte im Judentum mit. blitzartiger Schnelligkeit Fuß. .' * ' : Diese Dezember-Verfassung, geboren aus der Not eines verlorenen Krieges, erzwungen vom eng- Iisch-aTiierikaniscihen Freiheitssinn, ist auch für uns Juden ein. Jubiläum. Sie war der Ausdruck der indi^ virtuellen Emanzipation und aus ihr zog das Judentum Mitteleuropas die Kraft, den Gedanken der nationalen Emanzipation zu fassen und aus sich selbst zu entwickeln. Wir haben in diesen 60 Jahren viel gelitten und wir haben uns mit jedem Antisemitismus, mit dem deutschen, tschechischen, polnischen, .abplagen müssen*. Aber wir sind; an der Hand dieser Gesetze aus dem Ghetto zum freien Bürgertum erwachsen und es ist ein Symbol 'dieser Erziehung, daß der politische Zionismus, die Idee vom freien jüdischen Volk und vom jüdischen Land als dem Kern jüdischer Volkssouveränität die Antwort freier jüdischer Menschen auf Haß und Verfolgung, zugleich aber auch der Dank an die iiberale Demokratie war. Der Zeitgeist von heute, der voll ungerechtestem Hochmut sich von dieser Demokratie abwendet, streitet auch gegen uns. . Er wilf das judenfcum und das,: Jüdische ausrotten und denV?Geist 'des Abfalls in das jüdische Haus tragen. Er. will uns zwingen, daß wir. uns selbst aufgeben, daß Vir 30 Jahre nationaler EnrMckliung, :60 Jahre politischer .Erziehung aus unserem Leben streichen.''' Aber es ist doch heute ein anderes Judentum da, voll des uationäien Trotzes, das sich nicht mehr zurückwerfen läßt. Wir sind durch. die Schule der Dezember-Verfassung gegangen, wir haben. Krieg und Revolution durchgemacht und der Völkerbund hat unser Recht auf Land und Freiheit unterschreiben müssen. Dem neuen Judentum'wird sich! auch der neue Zeitgeist beugen müssen. Zur Östjordanfrage. Das Mitglied des jüdischen .Nationalrates jn Palästina, Rechtsanwalt Dr. Ephraim Waschitz in Haifa, richtete dieser Tage das folgende Schreiben an die Leitung der . Körperschaft: „Im offiziellen Berioht der Genfer Mandatskommission (8. bis 25. Juni 1926), welcher durch diese Kommission dem Völkerbundrate unterbreitet und von diesem genehmigt wfarde, finden sich auch Bemerkungen zaim Memorandum des W<ad Leumi (Nationalrates) vom 14. Mai 1926 (Berichterstatter Herr d'Andrade). Im Piumkt 7 der Bemerkungen lesen wir unter der Überschrift „Oeffentliche Sicherheit" folgendes: „Die jüdische Gemeinschaft zeigt Beunruhigung über die. Art der Rekrutierung der militärischen oder Polizeikräfte und insbesondere in bezug auf die Grenzschutzverordnung. Sie beschwert sich darüber, daß die Grenzschutztruppe hauptsächlich, aus Arabern zusammengesetzt ist. Es muß jedoch bemerkt werden, daß faktisch von den 475 Soldaten der palästinensischen Gendarmer'ieabteilüng 100 Juden sind. Obendrein macht die Administration keinen Unterschied in Rasse oder Religion bei Annahme Freiwilliger zum Grenzkorps. Es stellt sich also heraus, daß die Beschwerde jeder Grundlage entbehrt." Ist es Ihnen bekannt, woher die Mandatskommission die Ziffer 100 genommen hat? Ich suchte in dem offiziellen Berioht über die Administration Palästinas und Trahsjordäuiens für das Jahr 1926, welcher von der Regierung Seiner Britischen Majestät dem Völkerbündrate vorgelegt worden ist, und fand dort (S. 37), daß in der palästinensischen Polizei außer 245 Briten 1507 palästinensische Soldaten dienen, darunter 212 Juden und daß in der Gremzschutztruppe neben 31 Briten 744 Nichtengländer eingereiht sind, darunter 3 7 Juden. Es bleibt also die Frage aufrecht: Wer sind denn die hundert jüdischen Soldaten: Sind es die Angehörigen der Polizei? Dort gibt es ja 212 Juden! Sind es Angehörige der Grenzschutztruppe? Dort linden sich ja nur 37. Woher stammt also diese interessante Ziffer, die Kraft genug besaß, um die Mandatskommission von der Grundlosigkeit der jüdischen Beschwerde zu überzeugen? Ich frage: Ist Ihnen die erwähnte offizielle Veröffentlichung der Antwort auf die Beschwerde des Waad Leurni bekamt? Sind die nötigen Schritte zur Aufklärung und Richtigstellung des Tatbestandes, in Jerusalem, London und Genf unternommen worden? Haben Sie die Aufmerksamkeit der Zionistischen. Exekutive auf . diese Tatsache gelenkt? .; Ich möchte nicht mit der Phrase abgefertigt werden, daß ich- Sie mit Fragen belästige, deren Zeit längst vorüber ist. Geht doch in den letzten Tagen vor unseren Augen der Prozeß der vollständigen Lostrennung des Bodens „der Söhne Reubens, der Söhne Gads und des halben Stammes Mönasse" von Palästina z>u Ende. Es ist nicht hier der Platz auszusprechen, wieviel Gram diese Tatsache jedem jüdischen Herzen verursacht; es ist nicht hier der Platz klarzustellen, daß die Schaffung eines unabhängigen Fürstentumes oder Königreiches, mit dem man sogar Verträge abschließt, entschieden * gegen die S a t zu n geil des Man'düts verstößt. Zweifellos interessiert sich die Zionistische Exekutive für' diese wichtige Frage, zweifellos verfolgt sie ihre Entwicklung aus nächster Nähe und wacht darüber, daß. jüdischen Interessen kein Abbruch geschieht. Mich jedoch interessiert in diesem Augenblicfc die Wirklichkeit, und diese ist: Ein ostjordanisches Emirat, welches staatsrechtliche Individualität bekommt und notwendigerweise nach dem Westjordanlande hinüberschielt. Eine neue Grenze wird geschaffen. Und welches soll denn nun die Aufgabe der Grenzschutztrttppe sein, die aus der palästinensischen Staatskasse mit erhalten wird? Wird sie nur die Grenze des neuen Emirates bewachen? Warum soll dann Palästina zu ihrer Erhaltung beitragen? Wenn es aber ihre Aufgabe seift soll, die neu entstandene Grenze zwischen Palästina und dem transjordanischen Emirat zu bewachen — warum gibt es dann dort keine Juden in entsprechender Anzahl, nicht einmal die 100, die im Bericht des Herrn d'Andrade erwähnt sind? loh werde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mich sobald als möglich mit der Antwort auf meine Fragen beehren." * Dieser Brief ist der palästinensischen Presse veröffentlicht worden und hat die volle Aufmerksamkeit der jüdischen Bevölkerung auf diese Frage gelenkt. Die Greuel in Rumänien. Der rumärtische? Minister des Aeußeren, Herr T i t u 1 e s c u, hat an den englisch-jüdischen Gemeinde- Verband das folgende Telegramm gerichtet: „Ihnen sind die wahren Gefühle der rumänischen Regierung nur zu gut bekannt, als daß ich er$t feststellen müßte, daß wir uns mit tiefer Empörung und Trauer gegen die in Kläusenburg und Großwardein begangenen Gewalttaten wenden. Obgleich wir schlüssige Beweise dafür besitzen, daß fremde Provokateure mit im Spiele waren, obgleich man die Masse der rumäni-. sehen Studenten mit den irregeleiteten Opfern dieser fremden Propaganda sicherlich nicht identifizieren darf, ist die Regierung entschlossen, unverzüglich die strengsten Maßnahmen zu ergreifen, um jede Möglichkeit einer Wiederholung solcher Akte in Zukunft auszuschließen. Infolgedessen hat die Regierung jene, administrativen und polizeilichen Organe, die sich durch die Unruhen haben überraschen * lassen, entlassen. So wurde die Entlassung des Präfekten des Departements Biho r und der Polizeipräfekte'n von Klaws enbuT g und Großwardein verfügt. Die militärischen und Justizbehörden haben bereits eine erste, Gruppe schuldiger Personen festgestellt. In Großwardein würden 21 Studenten und 28 Privatpersonen wegen Aufruhrs in den Anklage zu stand versetzt, in Kläusenburg wurden 44 Studenten und 9 Privatpersonen wegen Ausschreitun-; . gen und Devastierungen festgenommen,. ebenso in Bukarest 11 Studenten, die sich in Großwardejn und Klausenburg an den Unruhen beteiligten. Alle diese werden durch, das.. dn Klauseniburg eingesetzte Kriegsg e r i c h t' a bg'eu tte"i rt■■i^eW6,ii:''^täätt^c^'■TÜI^I^öi,' näre, die'djär Mitschuld' an den Unruhen überwiesen werden, werden aus dem Staatsdienst entfernt. Schuldige Studenten werden relegiert, weniger' Schuldige von den betreffenden Universitätssenats , disziplinarisch bestraft. Die Regierung hat eine Sonderkommissioh zur Feststellung der Schäden eingesetzt. Der Ministerrat hat. bereits einen Kreditvon 5 Millionen Lei bewilligt, der zur Wiederherstellung der Synagogen verwendet wenden wird. Als ein Trost in dieser traurigen Sache wird es: angesehen, daß kein einziger Toter-zu verzeichnen ist. Lassen Sie mich noch hinzufügen, daß die Regierung ihre Pflicht bis zu Ende erfüllen wird, denn es gibt keinen unter uns, der' nicht einsieht, daß das eigentliche Opfer solcher Unruhen Rumänien selbst ist." 'Diese telegraphische Erklärung spricht, wie man sieht, von einer irregeleiteten Jugend, ohne aber darauf einzugehen, daß diese Irreleitung sich durch lange Jahre ungehemmt durch behördliche Kontrolle entwickeln konnte.. Der Minister verschweigt es auch, daß der Justizminister seiner Regierung acht Tage vor dem Kongreß in Klausenburg eineantisemitische Hetzrede an die Studenten gehalten hat und daß der Unterstaatssekretär Tatarescu die Exzesse organisiert hat. Den „irregeleiteten" Studenten wurden Freikarten und Sonderwagen zur Fahrt nach Großwardein zur Verfügung gestellt. Ueber alle diese Dinge; b ^miiiiimiiiuifiiiiiiHiiii imimimiimiUEHifmii^pgi Grundstück H Angelegenheiten ■ Kauf * Verkauf _ ■ Verwaltung gj I Belehnung §j Hl betreffend I Häuser »Villen ff Güter 3S wendet sich jeder Interessent an die i—t"—- ■ Realitäten-und Verw«Jruntf#haD*W Dr.jur. Marem Somer IS WienJX.Wähdngerstrafie 3 H§ Telephone; A» 15-504 Eine Erklärung des Außenministers. % geht der Außenminister rasch hinweg. Und was die Stlhne durch die. Gerichte artbetrifft, so liegt bereits das Urteil des Bukarest er Kriegsgerichtes gegen die erste Gruppe der Exzedenten vor. Einer wurde zu fünf Monaten, zwei zu zwei Monaten, zwei zu einem Monat und vier zu zehn Tagen Arrest verurteilt. Diese auffallende Milde eines Kriegsgerichtes (die übrigens an die Freisprechung der Mörder Morarescu und Codreanu erinnert) ist die Illustration zu der Erklärung des Ministers. Ein Manifest der siebenbürgisehen Juden. Die drei Zentralorganisationen der siebenbürgischen Juden veröffentlichen ein Manifest, das ungefähr besagt: „Im zehnten Friedens jähre Rumäniens hat die Regier u ri g die Veranstaltung eines Kongresses gestattet u n d unterstütz t, dessen Prograrnmstandpunkt. auf die Unterdrückung der nationalen Minderheiten abzielt. Während die Regierung das Machtgefühl der Studenten'steigerte, unterließ sie es, die öffentliche Ordnung zu schützen. So konnte es kommen, daß die entsetzlichen Strafhandlungen unter den Augen der Polizei- und Militärkräfte verübt wurden, ohne daß deren Verhinderung auch n u r versucht wurde. Diese tragischen Ereignisse sind die logischen Folgen ,eilies Syste ms. Tausende von Flugschriften, die zu Raub und Mord aufhetzten, den Geist „der Gehässigkeit atmende Vorträge von Universitäitsprofessoren, verpesten die Seele der Studentenschaft. An,den, Universitäten gibt es kaum 'noc h j ü d i sehe S,tu d e n t e n, und auch - die dort hoch geduldeten' sind durch Terror an der Fortsetzung ihrer " Studien -behindert. Dieses System würdigt die jüdischen Studenten'zu wehrlosen Staatsbürgern -zweiter Güte in den Äugender- Jugend oder, zu vpgelfreien Menschen herab. Früchte •dieses Systems sind die Entweihung von Heiligtümern, die SchäiK dung von Gotteshäusern, die Verheerung von Privatvermögen,, die Gefährdung der Lebenssicherheit der jüdischen Bevölkerung. Vor G o 11 u n d d e r W e 11 p r o t e s t i e r e-n wir mit lauter Stimme gegen dieV Ver-: 1 e t z u n g d e r H e i Ii g t ü m e r unseres G 1 a u b eti s und gegen die planmäßige Verfolgung der Ju denheit. Wiir fordern die exemplarishce Bestrafung der Urheber der judenfeiiidlichen Kundgebungen. Wir fordern die Verhinderung der .antijüdischen Agitation, Wir fordern die Verwirklichung der verfassungsrechtlich gewährleisteten volkliohen, religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Rechte." Unterschrieben ist das Manifest von den Oberrabbinern Dr. Matthias E i s 1 e r, Dr. Josef F i s c h e r, Dr. HiMel K o h n und dem Präsidenten Solomon S. U11 man n. Außenpolitische Wirkungen. Ministerpräsident Vintilla Bratianu ' hielt am 23. Dezember in der Kammer eine Rede über die Aussichten der rumänischen Ausländsanleihe und stellte fest, daß jetzt der Moment gekommen sei, die Frage der Mitarbeit des Anslandskapätals zu lösen. Die Stüdentenün ruhen, fuhr er fort, haben unserem Lande sehr geschadet, da sie-den Bestrebungen unserer Gegner, die Revision der Friedensverträge herbeizuführen, neuenNährstoff gegeben haben. Der Ministerpräsident (berührte auch da,s Minderheit e n p r o b 1 e m, das, wie er sagte, einer definitiven Lösung zugeführt werden müsse. Das rumänische Volk sei von jeher duldsam gewesen und denke nicht daran, das Volkstum oder das Glaubensbekenntnins anderer anzutasten. Die Minderheiten mögen aber durch loyales Verhalten zur Konsolidierung des Staates beitragen, Ministerpräsident Bratianu hatte eine Unterredung mit dem Oppositionsführer Maniu, Nach der „Politica" hat er Maniu ersucht, die Vorfalls in Großwardein und Kläusenburg nicht mehr! im Parlament zur Sprache zu bringen, um den s c blechten Eind r« c k der Vorgänge im Ausland nicht auverstärken. Maniu soll geantworteT haben, daß nur strenge Be- •strafung ailer Schuldigen Rumänien rehabilitieren könnte. , Die Regierung wünscht kein Aufsehen. Kultusminister La.pedatu, der jetzt in .Klausenburg weilt, empfing die Qberrabbiuer, sowie die Vorsitzenden der orthodoxen und der neolpgen jüdischen Gemeinden und erlklärte ihnen, die Regierung habe zwei Mik

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