Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 15 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 15 ME NEUE WELT Sefte 3 VersiGherono gegen Oberhestenernng \n1agen, Bilanzen, Siundenbuchhalungen, Organisationen, .Revisionen .'Auffindung edes Fehlei*), Speziallst für verworrene Buchhaltungen sxperte fOr die Ru>«Buchha;tung Mäßiges Honorar Bachhaltungs und XVII.. HernalserHauptstr. 24-26 Tetephon Nr. 22-1-12 „TAUSIK" Qbernimmt volle Haftung und Verantwortung ffir richtige Besteuerung sprengen, den Selbstschutz aufgeben, unsere Fahne ausliefern an Trödler? Was bleibt uns dann noch? Ist das überhaupt möglich? So fühlen wir, die wir die Vorurteile noch nicht liquidiert haben. Aber das ist doch ei^ Gefühl und kein Beweis! , loh weiß nicht, wie es bei den anderen ist, die klüger sindals ich, aber ich muß sagen: Ich kann das nicht beweisen!. In Odessa kam im Jahre. 1907 ein junger Mann zu mir, der einmal mein Protege war, amd hat mir den für jene Zeit gewöhnlichen Plan seines Lebens erzählt: Er werde an diesen oder jenen Bankier einen Brief schreiben und von ihm soundsoviel Tausender verlangen, und wenn er sie nicht erhalten werde, werde er ihn erschießen. Ich. war entsetzt, aufgeregt, ioli habe begonnen, ihm zuzureden, aber er hat meine Rede mit einer Frage unterbrochen: Warum -darf man das nicht tun? Beweisen Sie es mir! .". Und von seiner Seite hat er alle Argumente vorgebracht, die dafür sprachen. Er 'hungert, die Mutter hungert, und der Bankier, ist reich. Die Argumente kennen wir alle und wir erinnern,-uns noch gut an . sie. Und obzwar ich mit ihm nicht gestritten habe, hat er recht behalten, weil das alles nach der Logik richtig war; es gibt aber doch Dinge, die manscht beweisen kann. Einige Jungen gingen noch weiter. Sie haben lange nachgedacht und sind darauf gekommen, daß man, wenn man einen Bankier „enteignen" dürfe, dasselbe auch mit der Inhaberin eines Vorstadtgeschäftes tun dürfe. Reichtum ist ein dehnbarer und relativer Begriff. Reich ist für mich der, der jetzt mehr hat als ich. Wenn in der Lade der Händlerin" einige Heller liegen und ich hungrig bin, dann ist sie für mich reich, und ich habe alle Rechte... Andere gingen noch weiter: Mu3 es denn unbedingt Hunger im einfachen Sinne des Wortes, physischer Hunger sein? vU.nd wenn mein Magen gefüllt ist, und meine Seele dürstet danach, daß ich mich wie ein Geck kleide,, ins Theater gehe, meine Zeit mit.jungen Mädchen verbringe, warum soll ich .leiden, warum soll ioh in meiner Jugend ohne Glanz verwelken, wenn eine gelungene Tat mir die ganze Weite des Lebens öffnen kann? Und ich-mußte wieder schweigen und wußte keine Antwort Denn das Einmaleins ist auf soziale Bedingungen nicht anwendbar. Diese Jugend, die in der guten Zeit des Raubes unseren Volksnamen beschmutzt hat, die die arme Volksmasso ärger als die „Schwarzen Hundert" mit Peitschen geschlagen hat, bestand zum größten Teil aus flinken Dialektikern und hat ihr höheres Recht mit dem Einmaleins bewiesen. Gleichzeitig aber umgab diese Menschen die Atmosphäre einer unerträglichtiefen Demoralisation, und es war klar, daß gegen jede Dialektik unerlaubte Dinge vorhanden sind, und daß bei einem jeden Menschen ein innerer Ekel da sein rmiß, der keine Worte hat und ihm doch sagt, warum man „nicht darf*. Was sittlich ist, erfährt man nicht auf dem Wege der Ueberlcgung, sondern durch das Gefühl, und wer dieses Talent nicht besitzt, ist ein Krüppel. Es gibt natürlich Krüppel .verschiedener Art. Aus den Beispielen, die ich, gebracht '.habe, darf man nicht den Schluß ziehen, daß ich das Desertieren auf eine Stufe stelle mit einer der oben aufgezählten Heldentaten. Sicher nicht. Aber so gutherzig hat mich Gott nicht erschaffen, als daß ioh den Uebergang zu einem anderen Glauben aus Gründen des Vorteiles für etwas Unschuldiges hielte. Ich glaube, daß eine solche Tat klar und deutlich die sittliche Minderwertigkeit des betreffenden Subjektes beweist. Besonders dann, wenn es unter unseren heutigen Bedingungen geschieht, am niedergetretenen und verwundeten: Körper des verjagten, von. allen Seiten 'umzingelten und den Feinde» wehrlos preisgegebenen Judentums, In der Zeit der StudentenkrawaMe gab es einmal folgenden Vorfall: Zehn Studenten wurden in einem kleinen Zimmer eingesperrt, das eng war, stickig und schmutzig. Einen von ihnen kannte der Polizist, denn er hatte mit seinem Vater Karten gespielt. Er rief ihn .heraus und schlug ihm vor, in eine andere Kammer zu übersiedeln: „Ihnen wird es 'bequemer sein und auch Ihre Kameraden werden mehr Raruni haben", hat der liebenswürdige Polizist gesagt. Aber der Student hat sich bedankt. Ich will sagen: Warami war er nicht einverstanden? Von ihm hatte man doch niohts. gefordert. Und seinen Kameraden hat die Ablehnung keinen greifbaren Vorteil gebracht, im Gegenteil, wäre er hinausgegangen, dann hätten die übrigen mehr Raum .gehabt. Aber der Student schlug aus, weil er ein sittliches Empfinden hatte. Er hat verstanden, oder besser: gefühlt, daß seine Uebersiedlung in ein bevorzugtes Zimmer, wenn die Genossen seines Mißgeschickes zurückbleiben, in die Atmosphäre etwas Unsichtbares, eilne gewisse Demoralisation ausgestreut hätte, die viel giftiger ist als stickige Luft. Das war ein kleiner Vorfall. Und auch das Unglück War hier verhältnismäßig klein. Jetzt stehen wir vor einem großen nationalen Unglück. In einem Kellerloch wimmelt es nicht, von 10, aber von 15 Millionen Menschen, und die Frage, ob wir das Gefühl haben werden für die unsichtbaren Grenzen», wächst zu einer großen nationalen Tra- I Wir verkaufen wegen Saisonsch l nfi unser reichsortiertes Pelzlager für Damen ttnd Herren, and zwar: Feh * Persianer __ Breitschwanz I Seal * Nutria sowie stlle anderen modernen Fellsorten zu überraschend niederen Preisen! Das Renommee unserer .seit 30 Jahren bestehenden Firma bürgt für Erstktassigkeit der Arbeit und, des Materials i Pelzhaus Pipersberg Praterstrasse 9. gödie auf. Angesichts einer solchen Tragödie hat. ein Mensch, der die Feder in der Hand hält, kein Recht, , auf die persönlichen Erlebnisse einzelner Ueberläufer Rücksicht zu nehmen. Er muß laut an die alte Wahrheit erinnern, über die die Menschen zynisch hinweggegangen sinduDaß diese Fähigkeit des inneren Sich-Bkelns, daß das Gefühl unsichtbarer Heiligtümer und Grenzen das .schafft, was wir Ordentliokkeit nennen, sittlichen Emst.:Und wer gerade in dieser Zeit der langsamen Qual, der Pogrome, nicht dieses GcfühJ hat, der muß'seinen Wert selbstabschätzen*, können und darf sich nicht wundern, wenn •'andere ihn laut , abschätzen. Wir wollen hier ganz ruhig sprechen, und gerade deshalb kommt es mehr auf die unsichtbaren Momente' an. Denn diese Menschen stellen folgende Entschuldigung 'auf: Ich habe nach der Moral streng gelebt und nie im Leben jemandem etwas Böses angetan. Wir; wclllen sie daran erinnern, daß, selbst wenn wir annehmen, daß sie „keinem etwas Böses angetan haben", dies uochlauge nicht , die Türe öffnet zu jenem Zimmer, in dem bei Gott alle, anständigen Menschen sitzen, Menschen, denen man glauben'darf, mit denen man leiden kann .und die nicht durch das Fenster hinausspringen werden... Aber schließlich ist nicht einmal dieser alte Refrain eines jeden Deserteurs wahr, daß er „.keinem etwas Böses tut". . Als die Menschen in Rußland «och an die Wahlen in das Parlament glaubten, hatte man in einer Stadt die Kandidatur eines Juden, eines populären Arbeiters aus der Gesellschaft, aufgestellt. Die Nationalisten toaren gegen .diese Seidenstoffe uni Samte fllllllfllllllltllllfUlfilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIlIlllllIllllIIIIlllflllllltX jetzt zu jtSutnnngsjirtistti ifl der VI., Jtfariahilfcrstrajsc ]<r. 3 Exzellenz Rubinstein. ' Dem vor drei Jahren erschienenen Buche 'Leo' L a n i a s „Gewehre auf Reisen" ent- , nehmen wir die folgende Charakteristik des bekannten russischen Finanziers Dmitri R u b i n s t e i 11. dessen neueste Affäre bei der Banque Centrale du Commerce in Paris große Sensation erregt hat. Rtibinsteins Person ist _auch von A. Tolstoi in seiner Revue „Rasputin" tfuf die Bühne gebracht worden. Es sei noch bemerkt, daß er seine Karriere mit dem Uebertritt zur russisch-orthodoxen Kirche einleitete. Sein Start war Charkow. Aus sehr wohlhabender Familie stammend, hatte der junge Rubinstein nach Absolvierüng des Gymnasiums die Charkower Universität bezogen. Flottester Kavalier und Lebemann, glänzender Tänzer und sein* begabter Klavierspieler — die Musik liegt der ganzen Familie, die mit großem Stolz den berühmten Virtuosen zu ihren nahen Verwandten zählt, im Blut — war der junge Student Mittelpunkt der Charkower Jeunesse dorSe und als guter, zu allen tollen Streichen aufgelegter Kamerad als „Mitka Sohalapaj" bald eine beinahe stadtbekannte Persönlichkeit. Mit dem Studium nahm er es, obwohl alle seine Professoren seine brillanten Fähigkeiten und seine glänzende Auffassungsgabe rühmten, nicht recht ernst, dagegen: überraschte er fast täglich seine Kollegen und Freunde mit neuen, stets phantastischeren Projekten zur Gründung aller möglichen Gesellschaften und Unternehmungen, deren Aufgabe es sein sollte, zusammen mit den französischen Finanziers, die gerade in. Schwärmen nach Rußland einwanderten, den Bau der großen Bahnen und Schiffahrtslinien durchzuführen. Bis eines schönen Tages der junge Lebemann und Hasardeur als — Revolutionär vor das Rektorat zitiert wurde. Ein Dozent, den der Junge Student 'schwärmerisch verehrte, hatte sioh, obwohl er Jude war, um eine Professur an der Charkower Universität beworben, und — die Revolution von 1905 lag in der Luft — eine große Schar der Studenten als begeisterte und treue Anhänger gewonnen, denen der besondere Fall ein willkommener Anlaß war, um gegen den reaktionären und antisemitischen Kurs der Professorenschaft., insbesondere des Rektorates zu demonstrieren. Es. kam m sehr stürmischen Kundgebungen für den verfolgten Dozenten, bei denen sich der junge Rubinstein besonders hervortat und zu solch radikalen, umstürzlerischen Reden hinreißen ließ, daß er im abgekürzten Verfahren relegiert wurde und gezwungen war, die Universität mit einem Bankkonto!- zu vertausohen. In wenigen Jahren ihatte sich Rubinstein mit einigen ebenso kühnen wie glücklichen Coups in die Reihe der bedeutendsten russischen Finanzgrößen emporgeschwungen. Er übersiedelt nach Petersburg, bezieht dort als Direktor der russisch-französischen Bank ein fürstlich eingerichtetes Palais, ist Intimus des Grafen Witte, bester Freund aller möglichen Großfürsten, die nicht ermangeln, die Soupers, die er veranstaltet und von denen ganz Petersburg spricht, mit ihrer Gegenwart zu beehren. Er dirigiert die einflußreichsten russischen Zeitungen, sitzt im Aufsichtsrat der verschiedensten Gesellschaften, und da sein Schwager einen hohen Posten in der Petersburger Telegraphenagentur bekleidet, ist er auch wie wenig andere Aber die wichtigsten außenpolitischen Vorgänge informiert. Bei Kriegsausbruch ist er inoffizieller Finanzberater de« Zarenhofes, während seine Frau den nie verstummenden * Gerüchten zufolge angeblich im Rasputin-JCrels ' eine bedeutende Rolle spielen soll. Seine Popularität erreicht ihren Höhepunkt, als auf einer Petersburger Bühne eine Komödie aufgeführt wird, die ihn und seine Frau zu Helden bat und sich „Nascha Maitreska" („Unsere Mätresse") betitelt. Frau Exzellenz Rubinstein — dieser ist mittlerweile Staatsrat und Generalkonsul geworden —. ist nämlich zäun Unterschiede von ihrem Manne eine dem Protzentum sehr ergebene Dame, die einzig'darauf bedacht ist, bei ihren Empfängen, In ihren Toiletten und ihrem Schmuck jeden Rekord zu schlagen. So ist sie denn — so erzählt man es sich in den Salons der Petersburger Gesellschaft — untröstlich darüber, daß Ihr Mann sich nur für' Börsenoperationen und Banktransaktionen , interessiert und hat ihm sehr energisch War gemacht, daß er seiner Stellung und seinem Reichtum zumindest Pflege der Beziehungen zum Theater schulde und dem Beispiel der Großfürsten und der anderen tonangebenden Stützen der Gesellschaft folgend, unbedingt eine be«. rühmte Lcbedamc zu seiner Freundin •; erwählen; müsse. Mitka bat sioh die Mahnungen seiner.Frau zu Herzen genommen. Als einige Wochen später die;Frant" Generalkonsul mit mehreren Damen über den Newski^Prospekt spazieren fährt, begegnet ihnen eine sehr elegante Equipage, deren Insassin, eine überaus kostbar gekleidete' Dame, die Augen ' der Gesellschaft auf sich zieht. Auf die Frage: „Wissen Sie iiieht-vielleicht, Exzellenz, wer diese Dame ist?" wirft sich Frau Rubinstem stolz in die Brust: „Das--das ist unsere Mätresse." 1 1 ' Die Kerenski-Rcvolution. Rubihstein wird vor; Gericht gestellt. Er soll eine Hauptschuld an der Zerrüttung der russischen Staatsfinamzen tragen^, er sei es gewesen, der russisches Gold in großem Umfange' nach dem Auslände verschoben habe. Noch ehe es zur: Verhandlung kommt, stürzt Kerenski, die Bolschewiki erobern ,'die Macht, Rubinstein gelingt es, auf abenteuerliche Weise nach Schweden zu fliehen. Das Palais mit allen seinen Kunstschätzen wird beschlagnahmt, er bat nicht einmal die^ Möglichkeit, aus seinem Bankdepot Bargeld zu entnelnnen.. Als er in Stockholm mit serner Familie landet, besteht | sein Vermögen angeblich nur aus dem phantastisch-schönen Juwelensohrriuck, den seine Frau trägt. Der näohstc Coup schafft auch die verlorenen Millionen, zumindest zum Teil wieder. Es beginnt gerade die Offensive der gegenrevolutionären Arniec Jaidenltsch' gegen Petersburg und plötzlich melden alle Telegraphenagenturen aus Helsingfors, Reval, Riga, daß die Weißen Kronstadt erobert liaben und die Forts von Petersburg.bereits vor der Kapitulation stehen, Die taitsenden .russischen;Emisroiüen in Schweden erwarten stündlich den Sturz der bolschewikischen Regierung, eine wüste :!Ha'usse in Zarenrubeln setzt ein, die kurz vorher jRubinstei« < um einen Pappenstiel von den Flüchtlingen aufgekauft, hatte uiuHetzc an dieselben Emigranten zu abenteuerlich 'hohen Preisen zurückverkauft. Ein paar Tage später ist der Traum verflogen. Helsiugtors, Riga, Reval dementieren, die Weißen sind vernichtend geschlagen, «och ehe sie auch nur einen>' entscheidenden Sieg errungen hätten. Rubinstein ist wiedei ein reicher Mann und übersiedelt nach .Wien. - : [