Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 15 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 2 DIE NEUE WELT Nf. W 3n Ungarn gab, waren im Schuljahr 1926-1927 in ganz Ungarn an.allen fünf Hochschulen zusammen insgesamt 1084 inskribiert und im laufenden Schuljahr ist die Zahl noch geringer geworden. Am stärksten zeigt sich der Rückgang auf der medizinischen Fakultät und an der technischen Hochschule. An einzelnen Universitäten erreicht die Zahl der jüdischen Hochsohüler nicht einmal die durch das Gesetz vom Nuanerus clausus gewährleistete Prozentnorm. Völlig judenrein werden schon in ganz kurzer Zeit die chemischen Berufe, die tierärztliche Hochschule, die^ landwirtsschaftlichen Akademien und das Lehrerseminar für Bürgerschullehrer sein. Zum Wahirechtskampf in der Wiener jüdischen Gemeinde. Ingenieur Robert Stricker und Dr. Leopold Plaschkes legen ihre Kultusratsmandate nieder. Wie bereits berichtet, hat die Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes den vor zirka einem Jahre vom Ingenieur Stricker im Auftrage der Zionistischen Partei eingebrachten Antrag auf Er- . Weiterung d;es bestehenden, undernokratiisch en Wahlrechtes nach monäte- Ianger Verzögerung nunmehr definitiv und zur Gänze abgelehnt. Die Gruppe der. „Union deutschösterreichischer Juden", welche mit den Vertretern der agudistöschen Trennungsorthodoxie im Vorstande die Mehrheit bildet, hat nicht nur die Zulassung der Frauen und Beamten und die Verleihung des Wahlrechtes an alle volljährigen Gemeindemitglieder als unannehmbar erklärt, sondern überhaupt jede Debatte über den Gegenstand abgelehnt und durch die Abstimmung im Plenum auch tatsächlich jede Diskussion verhindert. Angesichts dieser Haltung der Mehrheit hatte Ingenieur Stricker, als Obmann des Klubs zionistischer Mandatare, für den 7. d. eine Sitzung aller zionistischen Mandatare u.n,d der zionistischen Parteileitung behufs Stellungnahme einberufen. Stricker stellte den Antrag, das bestehende Koalitionsverhäiltnis mit der Mehrheit zu lösen, in die Opposition zu gehen und anläßlich der unmittelbar bevorstehenden Budgetberatungen die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Dieser Antrag wurde von der Mehrheit des Klubs und der Parteileitung abgelehnt. Darauf erklärten Stricker und Dr. Plaschkes, eine Politik, welche rwt den Grundsätzen der Demokratie und dem Charakter der Zionistischen Organisation als demokratisch^ ' Ansicht nach im Widerspruch, stebt,rnicht länger vertreten zu können und. stellten ihre Mandate' der Partei zur Verfügung. Am 19. d. M. übermittelten die beiden Mandatare dem Präsidium der Wiener Kültnsgemeinde ihre Demissionserklärüng. Stricker hat die Zionistische Organisation durch 15 Jahre im Wiener* Kultusvorstande vertreten, " Dr. Plaschkes durch 9 " Jahre._ An nächster .Stelle in der zionistischen Ersatzliste stehen die Herfen -Moses Rath iithd Med.-Dr. Sanel B'e'e r, Weichen' die freigewordenen Mandate zufallen. Juden unterm Weihnachtsbaum. Eine Gruppe . jüdischer Sozialdemokraten aus der Leopoldstadt hat dem „Abend" einen Brief geschrieben, in dem-sie darauf aufmerksam macht, „daß der Weihnachtsabend schon längst seine ausschließliche christliche Bedeutung verloren- «hat und. ein Fest, der Kinder,, ohne Unterschied des Bekenntnisses, geworden ist. Auch in zahlreichen jüdischen Fami- 1 d e n wird morgen der Weihnachtsbaum im Lichterglanz erstrahlen, wenn es auch leider ein den Verhältnissen angemessener bescheidener Glanz sein wird." Das hat nicht einmal die offizielle Sozialdemokratie fertig gebracht: den Weihnachtsbaum, eines der charakteristaschesten Symbole. der christlichen Religionen, einfach zu stibitzen und für sich heVzurichten. Die jüdischen Sozialdemokraten sind schon so weit und ahnen nicht, wie lächerlich ihr Getue auf den Christenwirken muß. Beim Juden weckt es nur das Empfinden der. Seekrankheit . . . Aber das äst ein System, dessen ersten Teil, die Propaganda des Abfalls und die Herabsetzung des jüdischen Glaubens, wir kürzlich gezeigt haben. Hier ist der zweite Teil, nicht minder verächtlich. Früher war die Assimilation, das Weglaufen vom Judentume, die systematische Entjudung des jüdischen Hauses, ein Privileg des reichen Protzenjudentumes. Der jüdische Mittelstand und der Handwerker und der Arbeiter hielten fest am, jüdischen Hause. Nun sind gewisse jüdische Elemente der österreichischen Sozialdemokratie am Werke, dieses verächtliche Privileg des reichen Taufjudentums auf die breiten jüdischen Massen zu übertragen. Ein sonderbares Strebten nach „Gleichheit". Leider ist dieses Unwürdige Streben von Erfolg begleitet, besonders in den Kreisen der Jugend; , Die langen Listen derer, die das Judentum feige und leichtsinnig verlassen, beweisen es. 1 Rechtsanwalt Dr. Karl JELLIHEKI g zeigt die Eröffnung seiner Kanzlei g 1 WIEN, VI, Maiia&ilferstraße 11! I y Telephon 51-U. ah. m Hotel „NATIONAL m Restaurant Wien, II., Taborstraße 18 Ä!e£*o$ Zentrale Lage, 900 Zimmer, .fließendes kaltes und Warthes Wasser und Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des bestbekannten Restaufateurs S. G r ü n e r | Vorzügliche Wiener, ungarische und ORIENTALISCHE (rumänische) Küche. Wienerbräu und Pilsner Urquell Deserteure. Aus den „Fetlilletons" von Vladimir Jabotinsky, Paris. (Autorisierte Uebertragung aus dem Russischen von A. Pr o>pes und K. Bau m.) Unlängst habe ich die Ehre gehabt, wegen eines meiner Artikel einige Briefe von jungen Leuten zu bekommen, die sich durch die Bemerkung beleidigt fühlten, daß jüdische Deserteure, die den christlichen Glauben annehmen, weil ihnen dies Vorteile bringt, das Christentum beschmutzen, zu dem sie übergelaufen sind. Sic finden, daß meine Bemerkung überflüssig war. Erstens seien sie keine Deserteure. „Ist denn der Uebergang vom jüdischen Glauben zu einem anderen gleichzeitig der. Uebergang zu einer anderen Nationalität?" Und zweitens werde nichts beschmutzt. „Hat denn der Geistliche dadurch, daß er uns mit Wasser bespriteteV: uns in seine Gemeinde aufgenommen? Nein,, er hat uns nur in die Matriken eingetragen. Womit beschmutzen wir also?" In. einem anderen Briefe geht einer: noch'weiter. Wenn ein Deserteilt m den anderen komme,- dann ^beschmutze er; si%r?niclit; .nur. nicht, sondern^ er. verschönere sie noch...Als Beweis hiefür zitiert er den. Namen eines Buches von Kohut „Berühmte Juden und Jüdinnen". Ueberhaupt sind diese jungen Menschen der Ansicht* daß es unfein sei, über sie zu schreiben. „Es gibt Dinge, die nur das persönliche-Gewissen angehen, und die ein fein-iühligef Mench nicht berühren darf." Das schreiben die einen. Und hier haben Sie einige interessante Proben 'für die' auderen: Den Brief eines populären'Hooligans,/der in der „Zemszina" gedrückt ist und sagt: „Ins Departement des Verbandes ,MioliaiI-Archangel' kommen jeden Tag mehrere,Briefe von Juden für mich mit •folgender Bitte: „Ich ersuche" Sie, mein Taufpate zu sein, ich will mich taufen lassen/' Diese Briefe zerreiße ich, wenn ich die Unterschrift eines Juden darunter lese. Am nächsten Tage bekomme ich wieder einen. Heute kam wieder so etwas:'' „Euer Exzellenz, ich, Jude aus Winiza, will mich taufen lassen und habe die Ehre, Euer Hoheit ergebenst darum zu bitten, mein Taufpate zu sein. Berl Sachs, 17. September 1910, Winiza, Poststraße." Ich habe keine Lust, mit Juden in Korrespondenz zu treten, und um allen jenen, die diesem Beispiel folgen wollen, Zeit und Geld zu ersparen, will ich meine prinzipielle Stellungnahme zu dieser Frage öffentlich festlegen, und glaube, daß die ,,Zfldky" aus folgendem Telegramm lernen werden, das ich an den Herrn Sachs geschickt habe: „Winiza, Poststraße, Berl Sachs. Für die Juden Taufe Art von Geschäft. Der das •Gymnasium beendet hat, läßt sich taufeii, um an die Universität" zu kommen, ein Kaufmann, um Wohnrecht zu bekommen usw. Ich will kein Vermittler von solchen Geschäften sein, ziehe vor ungetaiiften Juden einem, der sich taufen läßt aus Gründen, die seiner Seele fremd sind." lllllllllllllll!lill!il!ll!illlili!!!!llll!lllll!(ll!!lll!l!ll!ü 1 Klub radikaler Zionhten 1 s s 3= Mittwoch, den 4. Janner 1928 um halb '9 Uhr S .SE , abends findet im Klub!olcal.e Cale Atlashof, Wien, I., §§ 35 Aspemplatz, eine 55 | Klubversammlung Gegenstand: U Referent: H Nahum Samonsky statt ü im österreichischen Landesverbände organisierte 35 Zionisteu als Qäste willkommen. Zu dieser Ver- §5 Sammlung ergehen keine besonderen Einladungen 55 iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiu^^ iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Die Meinung eines solchen Menschen kann für einen sittlichen Maßstab nicht in Betracht kommen. Nicht als Argument bringe ich sie, sondern zair Charakteristik der Stimmung. Was läßt sioh dazu sagen? Mit den Ohrfeigen solcher Menschen müssen wir rechnen. Aber erlauben Sie bei dieser Gesöhiohte, Sie an ein altes Gedicht von Fedr zu erinnern. Es wird dort ein sterbender Löwe 'beschrieben, zu dem die verschiedenen Tiere 'kommen, und jedes will ihn mit etwas anderem beleidigen. Der Löwe duldet schweigend. Aber wenn schließlich asinus asini kommt, zweite Deklination, und er rührt auch an den Wunden, dann sagt der Löwe weinend: Deine Beleidigungen, oh Schande der Natur, vertiefen noch die Schwere meines Todes! Und wie stolz ist doch ein Löwe! Scheinbar hat inan in der Zeit des Dichters die Vorstellung gehabt, daß so ein Schlag wie der des Esels die letzte Sache ist, die Grenze des Spottes. Wir sind jetzt klug, und solche Vorurteile sind längst liquidiert.' . Die Vorurteile sind^ so völlig liquidiert, daß die menschliche Seele in ein ideal ausgeglichenes, spiegelgläwzendes Etwas verwandelt wurde, und du fühlst dich überall ohne Kraft und ohne Antwort auf die absolute Leere, in der nichts geblieben ist vom gestrigen Tage, nicht ein Nagel, den man hineinschlug, nicht ein Grashalm, der tiefer hineinwuolis, keine Tradition, keine Axiome, nichts, was dich ekelt, ja nicht einmal eine Tafel mit der Aufschrift: Das ist verboten! Und wenn du versuchst, den Menschen daran zu erinnern, daß es doch" etwas Verbotenes auf der Welt geben muß, etwas, wovor die Hand von selbst zurückzuckt, dann schlägt man dich mit einer Frage tot: Warum darf man nicht? Und du, verwirrt, begreifst auf einmal, daß du keine Antwort hast. Denn es gibt Dinge, die man nicht beweisen kann. Und wie zum Trotz ist das Leben so dumm eingerichtet, daß gerade diese ganz tiefen Fragen, die man nicht beweisen kann, daß gerade sie. die Grenze bilden zwischen einem ordentlichen und einem unordentlichen'Menschen. '•'•■' Wer in den letzten Jahren durch die sogenannte Jüdische Gasse gegangen ist, dem ist die tötende ''Frage allzu gut''bekannt: Warum darf man .nicht? Man hört'sie erst seit Iciirzerh.. Früher wär' eiue andere Zeit:Früher^ wo wir auf der Höhe wären/ und noch,früher, -war es "aus'sich selbst klar, daß jeder Mensch eine Pflicht hatie,?nud^ daf.i ihm nicht alles erlaubt sei. Jeder hat diese Pflicht auf seine Art gedeutet, aber' eine Atmosphäre von sittlicher Disziplin gab es, selbst in Hinterhäusern. Und wenn einer diese Disziplin brach, etwas tun wollte; was gegen, das Gewissen-war, :dann<'wandle er alle Mittel an, um micht aufzufallen. Er ist nicht hervor getreten und hat' nicht'gefragt: „Wanü'm'nicht?" Aber das alles hat Sich geändert. Die sittliche Disziplin ist verschwhndeü, ein großer Teil der Jugend jagt, }e' nach Geschmack-, nach irgend' etwas und geht über alle Hindernisse .mit Geschick hinweg. Und dabei hält sie den Kopf stolz und hoch, schreibt Briefe an Redaktionen, und fordert: Eines von beiden, entweder beweise deutlich, da.ß zwei' mal zwei vier ist, daß es verschiedene Hindernisse gibt, die man nicht wegräumen darf, oder ziehe deinen Hut, verbeuge dich und anerkenne uns als gleichberechtigte Gentlemens. Es ist richtig: In seiner Seele weiß jeder von uns, warum mart nicht 'darf. Wenn wir-darüber nachdenken, dann erinnern wir uns der Vergangenheit, und vor unseren Augen steigt ein Bild auf, das besser ist als alle Antwort: Das .unübersehbare Feld eines zweitausendjährigen Märtyrertums breitet sich.vor uns aus, und auf diesem Feld, in jedem Land, in jeder Epoche, sehen wir ein und. dieselbe Handlung. Ein Haufe armer, bärtiger, krummnasiger Menschen ist unter den Schlägen', die von überall hageln, jn eine kleine Gruppe verkrampft und hält mit zitternden Händen an einem Heiligtum fest. Der zweitauseridjährige Selbstschutz, schweigend, unaufhörlich, tagtäglich, das ist eine der größten nationalen Heldentaten der Weltgeschichte, gegenwdie sogar der griechisch-persische Krieg, die Geschichte der vier Schweizer Kantone, ja selbst der Be^ freiungskampf Italiens verschwindet.'Unsere Gegner ziehen den Hut vor der Größe dieser übermenschlichen Stände haftigkeit. Heute gibt ,.es Menschen, die dies vergessen haben, die nicht mehr wissen, wer ihnen den einzigen . Gott, den Monotheismus, den Gedanken der sozialen Gerechtigkeit gegeben hat; man hält uns für ein VölkJ das verfault, in dessen Seele nichts mehr geblieben ist als Schmutz und vielleicht noch ein Bündel Sperrhaken. Und wenn es noch etwas gibt, vor dem sich der ärgste unserer Feinde beugt, wenn er noch irgend etwas sieht — weil er es nicht übersehen kann — wie das Symbol und den Rest einer großen sittlichen Kraft, dann sieht er es nur noch in der Fähigkeit, zu leiden, ohne Ende zu leiden unter einer' alten Fahne, in dieser Fähigkeit, die bewahrt geblieben ist und nicht einen Augenblick unterging. I» dieser Standhaftjgkeit He>gt unser größter Adel, unser kaiserlicher Titel, unser einziges Recht, den Kopf hoch zu tragen. Und jetzt, nach dieser unabsehbaren Reiho gemarterter Generationen, jetzt sollen wir diesen Kreis.