Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 15 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen V. b. b. IEUE WELT BEZUGSBEDINGUNGEN : Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2;—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei mortailich Kc. ft-, vierteljährig Kc. 15 -; Jugoslawien monatli ch Dinar 14.—, vlertel'ährlg Dinar 40.-; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60*-*; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Lander , mo atlich Schweber Francs 1.50, vlerleljal rij Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion and Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 1 Freitag, den 30. Dezember 1927 Nr. 15 Aus. dem Inhalte: Wladimir J a b o t i n s k y : Deserteure. Abg. Jitzchak Griinbaum: Der Nationalitätenblock und seine Gegner. Leo L a n i a: Exzellenz Rubinstein. —y: Die Dezemberverfassung. Zum Wahlrechtskampf in der Wiener jüdischen Gemeinde. Hocheneggs „Mul". — Juden unterm Weihnachtsbaum. Dr. Ephraim W a s c h i t z, Haifa: Zur Ostjordanfrage. Die portugiesischen/ Marannen. Juden im Dienst der Sowjet-Union. Die Stimme des Rabbi im Radio. Aus der jüdischen Turri- und Sportbewegung. Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Kaufleute, Jüdischer Humor. Schalom Asch: Die Zauberin von Kastilien. WORSTEL-BIEL I. Schottenring 14 und I.Führichgasse 3 GarantjertereiDesr liBonges Gänseschmalz per Kg. S 4.— Für \Vlener Kunden bd.Abna RUNDSCHAU^ Die deutsch« Justiz leistet sich: immer wieder das Vergnügen, in jüdischen Dingen ihren wahren Charakter zu zeigen. Sö oft sie mit Juden zu tunhat, läßt sie die Binde der Themis fallen und enthüllt die antisemitische Fratze. Von dem unglücklichen Weimarer Staatsanwalt Frieders, der ein Opfer der hakenkreuzlerischen Tollhäusler geworden ist, war hier schon die Rede; ebenso yon den Schöffen in Halberstadt, die einen Ritualmordjüngling freisprachen, weil er doch nicht die Juden des Ortes, sondern die ganze jüdische .Rasse, beleidigt habe. Diesmal liegt wieder ein Schandurteil vor, mit dem sich die Münchener Strafkammer ein Ehrenzeugnis ausstellt. Gelegentlich eines „deutschen Tages", der berüchtigten natipnalsozialiistiscihen Revuen, hatte das Hitler-Blatt „Der völkische Beobachter" die Juden von Nassau an der Lahn beschuldigt, sie hätten von der französischen Besatzungsbehörde das Verbot der Feier verlangt. Das hätte man ihnen nach den Erfahrungen, die . man mit den Hitler-Leuten so oft gemacht hat, nicht übelnehmen können. Aber dies war nicht der Fall und 24 Kultusvorstände des Bezirkes erhoben die Beleidigungsklage. Der verantwortliche Redakteur wurde in der ersten Instanz freigesprochen, weil er nicht alle Juden des Bezirkes gemeint habe. Es. wurde Berufung eingelegt und das Münchener Landgericht ging wieder mit Freisprach vor. Begründung: Ein Wahrheitsbeweis ist zwar nicht erbracht worden, aber es bestellt doch die 'Wahrscheinlichkeit, daß ein oder mehrere Juden sich an die . französische Besatzungsbehörde gewendet hätten; Dem Hitler-Schreiber muß also die Wahrung berechtigter Interessen zugebilligt werden,-denn, die Wahrheit seiner Behauptungen vorausgesetzt, habe er zu einem scharfen Urteil kommen müssen. Das ist wörtlich zitiert und man muß dieses Erkenntnis, einigemal lesen, yiim die Gesinnung zu begreifen, die darin enthalten ''ist. Diese Abscheulichkeit ist nicht die erste ihrer Art, aber so offen hat sich der Zynismus ■ dieser Justiz noch selten gezeigt. , . Der Terror an den Wiener Hochschulen wurde: in der Vorwoche im Bucfgetausschuß des österreichischen Nationalrates wieder zur Sprache gebracht und es war. wieder der sozialdemokratische Abgeordnete L e u t h n e r, der dies tat. Und wieder antwortete kein Minister und wieder geschah nichts weiter. Es gehört schon zur politischen Tagesordnung des Parlamentes, daß Herr Leuthner seine Rede hält und damit den Gerechtigkeitssinn seiner Eine neue Ritualmordhetze in Rumänien. Der „verschwundene" Gymnasiast Joan Muresant. — Die Direktion des Klausenburger Gymnasiums konstituiert einen Ritualmord. Die siebenbürgische Judenschaft ist nach den von den rumänischen ■ Studenten veranstalteten Pogromen neuerlich in die größte Aufregung versetzt In dem rumänisch-antisemitischen Klausenburger Blatt „Natiunea" erschien vor einigen Tagen nachstehende Ankündigung:- „Das Verschwinden eines, Mittelschülers. Der , Schüler der ersten B-Klasse des „Dr. Anghelesco- Gymnasiums", J oan Mmresant, ist über Betreiben des orthodoxen Rabbinates verfolgt worden, , weil er am Ufer des Szanosüusses ein jüdisches Gebetbuch vom Boden aufgehoben hatte. Der Schüler hat inzwischen das Gebetbuch wieder zurückgegeben, ist aber seither weder in die Schule, noch in das Elternhaus zatrückgekehrt. Wir fordern hiemit die Siguranza .(Staatspolizei), das Rabbinat und das Publikum auf, sich an der Suche nach dem Knaben zu beteiligen und Meldungen an die Schule zu erstatten. — Die Schuildirektion." Das Antisemitenblatt gegleitete .diese Ankündigung mit Hetzartikeln, in Reichen, das Klausenburger Rabbinat direkt' des R.if li a l m o r d e 's berichtigt •wird und förderte zur „Rache" auf. Nach Erscheinen •der aufreizenden Meldung ging der Redakteur des in Klausenburg' erscheinenden jüdisch-politischen Tagblattes „Uj Kelet" in die Schuldirektion, um den Tatbestand festzustellen.. Er ermittelte zunächst, daß bei der Direktion des Gymnasiums tatsächlich eine Eingabe der orthodoxen Kultusgemeinde eingelangt ist. Bei den letzten Stüdentenunruhen wurden, wie bekannt, Synagogen geplündert und Thorarolien geraubt, besudelt, durch die Straßengeschleift und dann weggeworfen. Ein jüdischer Gymnasiast erzählte, daß sein Mitschüler J o a n Mu r e s u n t sich gerühmt hätte, er habe eine Thorarolle gefunden und an sich genommen. Das Rabbinat, hievon verständigt, richtete nun an die Schuldirektion ein Schreiben, in welchem ersucht wird, dem Schüler Muresaht die Thorarolle abzunehmen. Joan Muresant wurde seitens der Direktion einem Verhöre unterzogen und sagte aus, er habe keine Thorarolle, sondern nui ein Gebetbuch gefunden und dieses eineim jüdischen Mitschüler übergeben. Der Direktor forderte ihn auf, diesen jüdischen Mitschüler ausfindig zu machen und zur Stelle zu bringen. Muresant ging hierauf weg. Seither, sagte der Direktionssekretär Professor Nikolai Popp dem Redakteur des „Uj Kelet*', iiat d!er Knabe verschwunden und das orthodoxe Rabbinat ist für sein Schicksal verantwortlich. Er dürfte der'jüdischen Rache zum Opfer gefallen sein! „Aber Sie wollen doch kein Ritualmordmärchen erdichten?" fragte der Redakteur den Professor. Worauf dieser zur Antwort gab: „Wenn das Kind nicht zur Stelle geschafft wird, dann liegt berechtigter Grund v^, d i e Rit u a 1 m'.o r danklage zu erheben. Ich selbst glaube an jüdische Ritualmorde auf Grund der. . L e k t ü r e . w i s s e n s c h a ftlicher Werke, welche d i e r c i ne W a h r h e i t enthalten." Dieser Ansicht hat übrigens die Direktion des Gymnasiums in einem an das orthodoxe Rabbinat gerichteten Schreiben o f f i z i e 11 A u sd r u c k verliehen. Das Schreiben lautet: Direktion des Klausenburger i,Dr. C. Atighe- : Iescu-Gymnasiums Nr. 290—1927. An die orthodoxe Kultusgeimednde Klausenburg. Im -Besitze Ihrer Zuschrift Nr. 691—1927 Jiaben wir den . Fall untersucht und sind zum Schlüsse gekommen, daß Ihre Beschwerde völlig unbegründet ist. Wir . können aber nicht genug darüber staunen; daß Si e den Mut 'bes,itzen, ha 1 bwüch sige Kinder solcher Verbrechen zu beschuldigen. Solches Vor gehen kann ri u f aus. h aße:r;f ül i t e n} Herze; n u ii d yom Hasse und Rache'gicr erfüllten <3 e mitte r n k o m m e n. Wir machen ' diese Feststellung auf Grund der Tatsache, daß das Kind am 13. d. M., also , am selben Tage, als Sie die unbegründete Anklage erhoben haben, v erseil wund en ist. Demzufolge sind wir .gezwungen, Sie verantwortlich zu machen und wir machen Sie auch tatsächlich für das . Venschwlndeai . unseres Schülers Joan Muresant verantwortlich. Unterschriften: Der Direktor und der Sekretär." Dieser niederträchtige Brief wurde nun durch ganz Rumänien verbreitet. Nicht, die leichtgläubigen Volksmassen, die „Intellektuellen" sind die Träger der Agitation. Für das schändliche Treiben der antisemitischen Studenten soll eine Rechtfertigung geschaffen werden. Die Rechtfertigung heißt: Die Juden sind R i tu almör der! Damit sind die akademisch graduierten Banditen entschuldigt und damit sollte der Boden für neue Pogrome vorbereitet werden.;. Glücklicherweise aber bleibt der Gymnasiast Muresant seinen Gesinnungsgenossen erhalten. . Er würde von der Polizei in Aruncuta, einem Dorf bei Klausenburg, aufgefunden, wo er bei seinem Onkel weilte. Es besteht der begründete Verdacht, daß sich Muresant auf Veranlassung des Sekretärs Popp aus der Stadt entfernt hat, der einen Ritualmordfall konstruieren wollte. Muresant wurde von einem Polizisten abgeholt, ist aber diesem wieder davongelaufen. Als er wieder aufgefunden wurde, erklärte er, er habe Angst, da ihm ein Professor mit Schlägen gedroht habe. Die Regierung hat eine Untersuchung dieses Zwischenfalles angeordnet. Partei markiert. Wenn diese Partei, fast die. Hälfte des Nationalrates, ernstlich wollte, so wäre der akademische Terror schon längst eingestellt worden und es wäre unnötig, daß außer einer Rede sich nichts weiter rührt. Aber die Aiigenauswischereii ist ein wesentlicher Teil -des Systems. Die Volksabstimmung in Lettland ist entgegen den Wünschen des antisemitischen Pöbels ausgefallen. Das lettlänüische Parlament hatte, wie noch erinnerlich, im Vorjahre ein Gesetz angenommen, das den während des Krieges nach Ruß- . dN.Cr«, .v. MHOtni»A**fc u*. 2; KOHLE * KOKS fe, 31.2-87 ANTHRAZIT Te'. 56*40 «ab«»«««!!** des KR REN KAJEMgTft land verschleppten und dann zurückgekehrten jüdischen Einwohnern das volle Bürgerrecht verleiht. Die antisemitischen Parteien hatten eine heftige Kampagne entfaltet und die Volksabstimmung gefordert, da das Gesetz angeblich den höchsten Un- willen der ganzen Nation errege. Das Referendum fand in der Vorwoche statt, blieb jedoch vollständig unbeachtet, so daß bei etwa 200.000 abgegebenen Stimmen ein negatives Resultat festgestellt wurde. Das Gesetz tritt nunmehr ungeändert in Kraft, Das ungarische statistische Amt ist zufrieden. Das offizielle Organ des: ungarischen statistischen Amtes veröffentlicht in der letzten Nummer mit großer Genugtuung das statistische Material, auf Grund dessen festgestellt wird, daß die Zahl der jüdischen Hochschüler seit dem Jahre 1923 auf die Hälfte gesunken ist. Während es ini Schuljahre 1922-1923 noch 2157 jüdische Hochschüler