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Die neue Welt · 1927-12-23 · Heft 14 (23.12.1927) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 14 (23.12.1927)
Date
1927-12-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 14 DIE NEUE WELT Seite 5 'Reformer nicht einmal die leiseste Ahnung von Verwaltung hatten und daß sie bedenkenlos das Reich in die ärgste innere Katastrophe geführt hätten. Was sie treffen, ist einzig und allein die Mißhandlung wehrloser Geiseln. Mit dem Hitler wirkte gemeinsam der inzwischen verstorbene Herr von Kahr, der allmächtige Diktator; etwas geschickter, geschulter und darum gefährlicher. Er begann sein Werk mit einer großangelegten Judenaustreibung, die in rohester Weise durchgeführt wurde. Das Eingreifen der jüdischnationalen Politiker Wiens, so S t r i c k e r, Chajes und Plaschkes, und der Warschauer zionistischen Abgeordneten veranlaßte die österreichische und die polnische Regierung zu scharfen Protesten in Berlin und so wurde diesem Unfug ein Ende gemacht. Es war das erstemal, daß in Mitteleuropa jüdische Flüchtlinge ihre Not von München nach Wien brachten, ein entsetzliches Symptom der Lage der Juden, die überall labil bleibt und allen Zufälligkeiten preisgegeben ist, insolange nicht eine jüdische nationale, von einem Mächtzentrum beseelte Politik möglich ist. Bischof Godric Kenn, der Generalvikar des lateinischen Patriarchats in Jerusalem, preist im „Manchester Guardian" die Lage in Palästina.: Die Spannung zwischen Juden und Arabern hat nachgelassen, die Sicherheit für Leben und Eigentum ist fest begründet. Die neuen jüdischen Dörfer beschämen die schmutzigen Araberdörfer und beeinflussen sie zum Bessern. „Palästina ist heute eines der friedlichsten Gebiete im britischen Reich." Es ist nicht das erstemal, daß ein solches Bild entworfen wird, aber in dem Sturm von Haß und Mißgunst, von dem wir umtobt sind, wirkt diese Stimme der Wahrheit wohltuend. Und dies um so mehr, als ein hoher Funktionär des Patriarchats sie ausspricht, während der Leiter dieses Amtes, der Patriarch Barlassina, die jüdische Arbeit mit seiner offen gezeigten Abneigung behandelt. Aber auch der Bischof Kean verweilt nur bei dem Zustand, ohne seine Voraussetzungen zu erwähnen. Palästina hat Frieden, weil die jüdische Arbeit dies erzielt, und die jüdische Arbeit ist nicht die von feindlichen Kolonisatoren, sondern die von Freunden, von heimgekehrten Kindern des Landes. Es ist viel über die Verdrängung der Araber durch die Juden geredet worden ,und der Patriarch Barlassina weiß einiges über das Zustandekommen dieser Ausstreuungen. Sie sind gemacht worden, um die jüdische Arbeit zu unterbinden und die Kluft zwischen Juden und Arabern zu vertiefen. So wäre der Frieden bedroht gewesen. Daß es nicht so gekommen ist, verdankt Palästina nur den Juden. Es ist ein Gebot der politischen Notwendigkeit, dieses festzustellen. Eine antisemitische Dokumentenfälschung in Amerika. Die amerikanische öffentliche Meinung hat seit einigen Tagen eine neue hochpolitische Sensation, von der man vorläufig noch nicht sicher weiß, ob sie eine plumpe Fälschung oder ein Dokument diplomatischer Unwissenheit darstelle. Eines Morgens überraschten die zahlreichen Hearst-Blätter im ganzen Lande ihre Leser mit dem Abdruck eines angeblichen Geheimdokum entes aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes in Mexiko; aus welchem hervorgeht, daß ein angesehener hoher protestantischer Geistlicher von der mexikanischen Regierung 50.000 Dollar und ein angesehener Reformrabbi 150.000 Dollar für eine israelitische. Propaganda zugunsten Mexikos in Amerika erhalten hätten. Die „Hearst-Presse" reproduziertes Faksimile des angeblichen Originaldokuments/raus welchem bloß die Namen des protestantischen, b.ezw. jüdischen Geistlichen gestrichen sind, wobei jedoch versichert wird, daß diese beide Namen in der.: „Hearst-Zentrale" bekannt seien. Wie-gesagt, ist vorläufig noch unklar, ob wirklich jemand in der Kundschafterabteilung des mexikanischen Außenanrt.es sodu mm und unwissend war, anzunehmen, daß in -Amerika eine „israelitische Propaganda" zu gunsten Mexikos überhaupt möglich und von Wert sein könnte, oder ob es sich um einen Grubenhund handelt, der von katholisch-antisemitischer Seite den Hearst-Blättern ins Haus geschickt wurde, um auf diese Weise einerseits, gegen Juden und Protestanten zu hetzen und andererseits die tatsächlich besser gewordene Stimmung gegen Mexiko wieder in das Gegenteil zu wandeln. Die mexikanische Gesandtschaft in Washington hat gleich nach Erscheinen dieser sensationellen Nachricht die Behauptungen, ais völlig aus der Luft gegriffen, dementiert, und an der Hand einzelner Stellen dieses angeblich Originaldokumentes die lächerliche Unsinnigkeit, die es enthält, Stellen dieses angeblichen Originaldokumentes die ganze Sache lustig und erblicken darin nur einen Beweis dafür, daß von antisemitischer Seite wieder irgend etwas gegen die Juden im Schilde geführt werde. (Nach einer telegraphischen Meldung aus New-York hat inzwischen der Außenausschuß des Repräsentantenhauses die Dokumente als Fälschung erkannt.)__ Millionen für die Krim — für Palästina nichts. Das Hauptorgan der amerikanischen Zionisten „New Palestine" bringt in der letzten Nummer einen Leitartikel, der flammende Anklage wider das amerikanische Judentum erhebt. Dieses Judentum, das im Ueberfluß schwelgt und immer reicher und reicher wird, geht stumpf an den Aufrufen zum Aufbau des nationalen Heims in Palästina vorbei, und der Aufschrei des leidenden und kämpfenden Palästina verhallt ungehört. Die Zeitung bemerkt bitter, daß man die reichen amerikanischen Juden, die für Palästina etwas, nicht viel, übrig haben, an den Fingern einer Hand abzählen kann. Dabei geht die Zahl der jüdischen Dollarmillionäre in die Tausende. Was für Palästina aufgebracht wird, kommt aus einer engbegrenzten Schicht des Mittelstandes. Weiter will der Ruf nicht dringen. Sind etwa die amerikanischen Juden absolut knickerisch veranlagt? Nein! In den Zeitungen war vor kurzem eine Statistik zu finden, nach welcher in den letzten paar Nachkriegsjahren über 60 Millionen Dollar für Synagogenbauten ausgegeben wurden, und gerade jetzt wird bekannt, daß ein Strom jüdischen Goldes neuerlich ins jüdische K o 1 o iii s ationswerk der Bolschewiken fließt, nach der Krim und der Ukraine. Die Moskauer Machthaber haben > von den amerikanischen Juden die schleunige Aufbringung von 10 Millionen Dollar gefordert — und schon liegen sie auf dem Tisch. Drei oder vier Reiche alleiin haben 6 Millionen zur Verfügung gestellt, und aus den Sammlungen des Joint-Komitees werden 4 Millionen bereitgestellt. Der Wunsch Moskaus ist zwingender Befehl, der Aufschrei Palästinas lästiges Bettlergeschrei, an dem man vorüberhört. Die Moskauer Machthaber sind zynische Tyrannen, ihr jüdisches Kolönisationswerk ist ein Schachzug gegen England, den sie vielleicht morgen wieder zurücknehmen werden, wenn es ihnen paßt. Sie vernichten das Judentum, werfen junge Zionisten»und alte Rabbiner, welche die Jugend mit den Lehren des Judentums vertraut machen wollen, wegen ihrer jüdischen Gesinnung in nasse Kellerlöcher oder jagen sie in die sibirischen Eisfelder. Aber ihnen gibt mau jüdisches Geld in Hülle und Fülle. In Palästina geben jüdische Idealisten all ihre Kraft, ihr Herzblut her, um das jüdische Vaterland aufzubauen. Sie leiden und kämpfen, nicht für sich, iürs jüdische Volk, und ihnen gibt man nichts, achselzuckend ein Nein oder ein Trinkgeld. Wer trägt die Schuld? Die amerikanische Judenheit? Ne|u. Die Leitung der Zionistischen Organisation! Sie hat ruhig geduldet, wie der große und gefährliche Bluff, der Krimkolonisation von den englandfeindlichen Moskauer Machthabern mit Hilfe einiger antizionistischer Politiker und Beamten ins Werk gesetzt wurde. Statt vom ersten Tage an gegen den verrruchten Wahnwitz zu kämpfen, das., jüdische Volk zum Kampf für Palästina gegen die Krim aufzurufen, hat sie geschwiegen. Aber nicht nur geschwiegen. Sie ist den wenigen Zionisten, die von der ersten Stunde an die Gefahr erkannt und laut gewarnt haben, in den Arm gefallen. Man hat diese Zionisten als radikale Schreier und Schädlinge gebrandmarkt. Nun ist es dahin gekommen* daß die amerikanische Judenschaft den Verführern lammfromm Gefolgschaft leistet und Geld und Geld schwitzt für die Krim, und Palästina existiert für sie nicht. Wie lange noch wjrd dje verhängnisvolle Politik des Schweigens, des Nichtsehenwollens andauern, die schwächliche und fruchtlose Politik des Nichtkämpfens um jeden Preis, die Politik, idie; das jüdische Palästina zu ersticken droht? r. st. Im Teppichhaiit Sommer freund VIII JobefBtädtmtraße 35 / Telephon A kaufen Sie Perserteppicfie infolge äußerst günstigem Einkauf zu besonders billigen Preisen. 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Die Voraussetzungen für den Bau des Hafens in Haifa sind damit gegeben, ebenso für den Ausbau des Jaffaer Hafens und des palästinensischen Eisenbahnnetzes. Große weitere Pläne zum Ausbau des Palästina mit der Umwelt verbindenden Verkehrsnetzes sind in Vorbereitung, so . die Küstenbahn von Haifa nach Beirut und wahrscheinlich sehr bald die direkte Verbindung mit Bagdad durch die Wüste. Weiter: Die Tote-Meer-Konzession erteilt; eine der grandiosesten Unternehmungen industrieller Art wird in kurzer Zeit in Palästina ihren Anfang nehmen. Und nun der zweite Tatsachenkomplex: Der 15. Zionistenkongreß verlief im Zeichen schwerer Erschütterung der zionistischen Zuversicht, brachte Budgetkürzungen, die die Existenz wichtigster Teile unseres Aufbauwerkes in Frage stellen, hielt die Lage für ernst genug, um eine Diktatur für unvermeidlich anzusehen. W5e die vorige, so kann auch die neue Exekutive den Arbeitslosen keine Arbeit geben, sie wird über kurz oder lang ihnen nicht einmal Arbeitslosenentschädigung zahlen können, das zionistische.Schulwerk konnte erst nach viel wöchiger Verspätung nach einer Spende des Baron Rothschild, und auch so nur mit größten Einschränkungen, eröffnet werden, die Aus w a n d e r u n g überwiegt seit mehr als einem Jahr die Einwanderung, von neuer Kolonisation kann , keine Rede sein, die Fertigstellung der begonnenen Siedlungen kann im laufenden Jahr nur unwesentlich gefördert werden. Man muß es sich noch einmal klar vergegenwärtigen: das alles spielt sich in demselben Lande Palästina: und zu derselben Zeit ab. Der Aufbau Palästinas, bisher nur als das Werk der Zionistischen Organisation und des jüdischen Volkes vorstellbar, scheint plötzlich sich ganz andere Kräfte dienstbar zü machen, die danach streben, die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Landes zu entwickeln und dem Kapital dort Verdienstmöglichkeiten zu eröffaen. Während die Juden kleingläubig an eine wirtschaftliche Zukunft Palästinas nicht zu hoffen wagen, während die hingebungsvollste Arbeit, der Träger unseres Gedankens, bisher nicht imstande war, mehr als einen Bruchteil der Juden für den Aufbau ihrer alten Heimat zu interessieren, denkt das internationale Kapital ganz anders. Für den Kapitalisten hat Palästina nicht den Za\uberklang, den es für den nationalen oder religiösen Juden hat; es ist ih« ein Land wie andere Länder auch, wo es gilt, mit kühler Ruhe die wirtschaftlichen Möglichkeiten zu erforschen und wo man Geld nur investieren wird, wenn, man; es vom Standpunkt des reinen Geschäftes aus verantworten ka**i. Während wir Zionisten nicht müde werden, die Dürftigkeit und Armut dieses Landes zu schildern, zu betonen, daß auch bei größter Hingabe Palästina niemals ein Land sein kann, das für das große Kapital einen Anreiz bieten kann, sondern ein kleines Agrarland bleiben muß, wo eine nicht zu große Bevölkerung sich leidlich ernährt, denkt-der Kapitalist ganz anders, dem Palästina nicht näher sjteht als Mexiko oder Siam und der dieses ihm ganz gleichgültige Land für würdig zu halten scheint, dort seine Kapitalien anzulegen und gute Zinsen daraus zu ziehen. \ Die Frage, ob Palästina aus einem Dornröschenschlaf erwachen wird, ob es ein modernes, von einem starken wirtschaftlichen Leben durchpulstes Land sein wird, existiert nicht mehr. Eine andere Frage erhebt sieb, vor uns, neu und überraschend; sie lautet: wer wird Palästina zu neuem Leben erwecken, die nationale Bewegung des jüdischen Volkes oder kapitalistische Gruppen, bei denen auch Juden beteiligt sein mögen, die ihnen aber kaum den Stempel aufdrücken werden? Wir wollen nicht mißverstanden werden: das Zustandekommen der Palästinaanleihe und,die Erteilung der Toten-Meer-Konzesslgn an die von dem Zionisten Novomeiski geführte Gruppe sind Tatsachen von allergrößter Bedeutung für die Zukunft unseres Landes und bedeuten den ersten Hoffnungsschimmer in schwerster Zeit. Aber die Frage bleibt bestehen, ob

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