Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 14 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 14 flössen in ihm ineinander, wurden eine Einheit. Er war aber kein Gelehrter, der sich eingeschlossen hat, er war ein Gelehrter, der lehren und das Volk belehren wollte. Das war der Inhalt seines Lebens und er hat fast Märchenhaftes geleistet und besonders die italienische Episode Chajes' ist ein bewunderungswürdiges Kapitel in der jüdischen Geschichte. Ich bin in Italien seinen Spuren nachgegangen. Dieser mit dem hebräischen Wissen ausgestattete, im Bannkreis des deutschen wissenschaftlichen Betriebes erzogene junge Mann ging nach Italien ohne Kenntnis des italienischen Wesens und der italienischen Sprache. Er kennt auch nicht das italienische Judentum, diesen Stamm, der sich 4ie politische Freiheit erkämpft und erstritten hat, aber um den Preis seines jüdischen Wesens. Das Judentum Italiens war der Indifferenz, ja sogar der Auflösung verfallen. Und da kommt dieser Ostjude. Chajes und gemeinsam mit dem Ostjuden, Margulies schafft er ein neues JuderftUm. Er itäliandsiert sich sprachlich so sehr, daß seine Rede sogar im Land der Rhetorik zum Muster wird; er vollbringt in Florenz, der Stadt der klassischen Renaissance, das Werk der jüdischen Renaissance. Dieser Chajes und dieser Margulies sind Chaluzim, die das öde gewordene Judentum Italiens wieder belebten. Chajes ist ohne Nachkommen gestorben. Er hinterläßt aber viele Nachkommen, die .Kinder seines Geistes. Man ahnt dies, wenn man das neue Judentum an Italien sieht, das durch ihn' wieder zur Sehnsucht nach der jüdischen Einheit gelangt ist. Und auch dieses Wirken ist mir ein episodenhafter Teil des so reichen Lebens dieses Mannes, der auch ein führender Geist auf dem Gebiet der Bibel kr itik war. Er hat einen Kommentar zu den Psalmen geschrieben, aber er selbst war ein Kommentar m den Psalmen. Ihm haben wir es zu danken, daß d,ie jüdische Wissenschaft-:: wieder ihr Heim in Jerusalem hat. Er war ein Meister der wissenschaftlichen Methodik, der mit Sachlichkeii und Gründlichkeit jedes Problem untersuchte. So wurde Chajes, nachdem er die jüdische Renaissance in Italien geschaffen hätte, mit seinen Erfahrungen und seinem weiten Blick der geistige Führer dieser Gemeinde : und durch sein Leben ihr Vorbild. Ein Zaddik, ein Mensch voll Güte und Gerechtigkeit, der den Ruf Wiens über die Grenzen Oesterreichs hinausgetragen hat, der auch viel heute Unbekanntes getan hat, u m . d i es e r armen Stadt in ihrer Not Hilfe zubrin^ g e n. Dieser bescheidene, stille Mann ging nach Amerika, um von dort.Hilfe zu holen. Streng in der Führung seines Lebens, frei im Gefet, sp war er „und so mußte er ein Zi'onist seih. Was ist Zi'öriis* mus? Man kann Programme, Reden, Beschlüsse an-i führen. Ich sage, Herzl ist'Zionismus, Chajes i s t Zionismus. Er war ein guter Mensch im Shakespeareschen Sinn, ein begeisterter Jude, ein edler Mann und deshalb war er Ziönist und strebte nach der. Vollkommenheit des Zionismus. Sie haben in Wien Ihren Führer verloren, die hebräische Literatur ihren glänzendsten Vertreter, der Zionismus einen Wegweiser^ die jüdische Uni- , versität ihren Gründer. Dieser-jüdische Renaissancemensch war-wie wenige berufen, an dieser jüdischen Universität auf dem Berg Zöfim*?zu lehren und das ist unsere größte Tragödiie, daß wir es nicht erlebt haben, ihn dort zu sehen, w o e r hingehörte. Er ist. von uns. geschieden (die Versammlung erhebt.sich), er geht ein in das. jüdische Pantheon, wo er in aller Ewigkeit leben wird, wnd uns bleibt die Erinnerung an ihn, die sich forterben wird von Geschlecht zu Geschlecht. Wir feiern in der Makkabäerwoche diesen Sohn der Makkabäer, diesen Lehrer, den gerechten und guten Menschen. Secher zaddik Jiwraohäh! ". t. ttA»CH, iV. Afia£NTlNlEil*THAS»fi Ith 22 KOHLE » KOKS Tel. 51.2-87 ANTHRAZIT Tal. 96-403 Rabatfsekllon das KBREN KAJEMETH Klub radikaler Zionisien Mittwoch, den 28. Dezember 1927 um halb 9 Uhr abends findet im Klublokale Cafe Atlashof, Wien, I., Aspemplatz, eine Klubversammlung *,,» Gegenstand: Jie DOlitistfle Lage der Jntfen ffn Polen" Referent: Leon Wechsler Im österreichischen Landesverbände organisierte Zionisten als Qftste willfcpinnien. Zu dieser Versammlung ergehen keine besonderen Einladungen Hotel „NATIONAL" M Restaurant Wien, II., TaborstraDe 18 StfRSS Zentrale Lage» 300 XllMiiar, fließendes kaltes und warmes Wasser und Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewahrten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. 0 r an e r VoriUglltha Wiener, ungarisch* und ORIBNTALISCHll (rumänische) KOche. Wienerbräu und Pilsner Urquell f Mein Amt. Die Antrittsrede Dr. CHaies < als Oberrabbiner von Wien am 3. August 1918. Tiefe Genugtuung sch\Velty meine Brust an diesem für mein Leben entscheidenden .tage* .da ich Besitz ergreife von der Kanzel, die zu den rasendsten im Judentum gehört. Schwer ist die Verantwortung, die auf mir ruht, groß aber auch die Macht, die in meine Hand gelegt wird. Nicht jene Macht ist es, die die Gläubigen anderer Völker und anderer Bekenntnisse ihrem Geistlichen zu eigen geben. Kein Priester steht vor Euch, von W.eihrauchrtebel umhü 111, klar und scharf soll sich das Bild meiner Persönlichkeit vor Euren Augen ablieben, ein freier Mann will ich zu freien Menschen Sprechen, mit freien Meeschen wirken, wenn nötig und wo nötig, zur Freiheit Euch erziehen. Nicht vermag ich Sünden zu lösen und Seelen zu binden, die Wonnen des Paradieses kann ich Euch nicht verheißen, die Qualen der Hölle nicht androhen. Nicht soll ich Eiich erscheinen als Vertreter der Gottheit, noch steht es mir zu, bei der Gottheit. Euch zu vertreten. Vielleicht kann ich den Weg Euch weisen, der zu dem Göttlichen führt, das in Eurem Innern lebt, in Eurer Seele, in Eurem Gewissen.; 'Ich werde Euch nicht sagen, hier ist die Wahrheit, glaubet daran, beugt demütig Euer Haupt unter ihr .Joch. Euer irrender Bruder bin ich, unfehlbar ist in mir nur das heiße, leidenschaftliche, unbeirrbare Streben nach Wahrheit. Vielleicht kann ich den Weg Euch weisen, der zur Wahrheit führt, doch den Weg kann ich für Euch nicht gehen. Aus eigener Kraft muß ein jeder seine Hindernisse und Fährlichkciten überwinden lernen. Und trotzdem, meine Freunde: groß ist die Macht, die in meine Hand gelegt wird. Den alten, heiligen Ju de ns t oIz, die wu ndcrtragende, wundertätige Jwdciikrait kann ich Euch wieder lehren. Stolz sollt Ihr wieder darüber empfinden, daß Ihr dem Volk angehört, das das jugendfrischeste ist unter den airivWebstuhl^dö^ unser;$ö3bpj^ unter ^eri an^idör BcnSJut^^ ■-'*■' töfefe-».....■v......— ^>f!S^vVv\iT^ y*'-',,y,*r'V'','"*""'*vV y*"*""^"*^" Kräfte^,"Vpi%xn ''jlaß '^;frötz unsere? Al'te'ri/obschon wir, den -Pyrami^n;j& unseren Schultern^ tragen,; so; blüheivd ^hoV^hd; schaffensdurstig^ so gegenwartsfeslt und:^zukü'nftssiöheri; wie an dem'TaWe^' da wir in graueri Vofzeit 'jns;t;»cht der Geschichte getreten. Auch andere Völker gibt es, die wie wir auf Jahrtausende zurückblicken, reich an unschätzbaren Kulturwerten, doch die ungezählten Millionen, die an den Ufern des sagenumströuiten Ganges leben, die Söhne des Reiches der Mitte, sie sind verdorrt, zu Mumien vertrocknet, sie leben kümmerlich von den Abfällen ihrer einst üppig besetzten Tafel, sie haben seit Jahrhunderten kein neues Wort mehr der Welt zu sagen. Doch wir, wir leben! Einschneidend und bestimmend ist unser Wirken heute, wie an dem Tage, da wir den Söhnen Adams das göttliche Geschenk der Bibel gebracht. In den langen,, langen Jahrhunderten unseres Daseins hat es kein Volk gegeben und kein Geschlecht, das, mit uns in Fühlung getreten, nicht erstarkt wäre, sich nicht bereichert hätte an den Schätzen unseres Geistes und unserer Seele. Wie einst unsere unvergleichlichen Propheten die Menschen gelehrt, ^an die. Zukunft zu denken, für die spätesten Geschlechter sich zu mühen, aus der Enge der Gegenwart das in weiter Ferne Liegende zu umspannen, den Kommenden eine bessere Welt zu bereiten, so haben in der jüngst verflossenen Vergangenheit Männer unseres Stammes die seelenlosen Massen zu neuem ü,eben erweckt, die verstreuten Knochen wie in der Totenfeldvision Ezechiels mit einer Seele begnadet, sie zum Bewußtsein ihrer Kraft und ihres Wertes gebracht, ihnen die Macht verliehen, die morsch gewordene Gesellschaft aus ihren Angeln zu heben und das uralte jüdische Ideal der sozialen Gerechtigkeit seiner Verwirklichung näherzubringen. Wo Imitier gekämpft wird um Befreiung von mittelalterlichen Banden, um Sprengung schimpflicher Ketten, um Erlösung aus geistigem Drjick, da stehen Söhne Israels heute wie vor Jahrtausenden kämpfemUund führend, leitend und blutend an vorderster Stelle. Stolz sollt Ihr wieder darüber empfinden, daß Euer Stamm der stärkste ist unter den Bildnern der ewigen Werte. Wir, die Schwächen, wir, die Geschmähten, wir, die Gedrückten, wir, die Verfolgten, haben den mächtigsten Staaten und •Völkern den Weg ihrer Geschichte geebnet. Der jüdische ImperiaHsmusi der einzige, der den Menschen nicht zum •Fluch, sondern zum Segen gereicht, der einzige, der nicht bedrückt, sondern erhebt, der nicht knechtet, sondern befreit, der nicht verwundet, sondern heilt, der jüdische Im- 'periaHsrnus, der seinen höchsten Ausdruck findet iu dem Bibelwort: -Vi.? ' ♦.Kommen muß, komm ein wird die Zeit, in der ünsjere W'e11a nsch a u u n-g d 1 e ga'nze We 11 erf üllen wird," * Unser Imperialismus ist der einzige, der ungestraft Jahrtausende in die Schranken fordern darf, der einzige, der keinen Niedergang zu fürchten hat, der unbeirrt und unbesiegbar in mählichem, aber stetigem Fortschrelten seinem Ziele zustrebt-Was im Altertum ein tiefer Denker und Staatsmann in der ewigen Stadt gesagt, als das weltumspannende Römerreich sich gerade anschickte, dem gehaßten und verachteten Judenvolk den vermeintlichen Gnadenstoß zu versetzen, was mit tiefem Verständnis Seneca von uns mit den Worten bezeugt: „Die Besiegten zwingen die Sieger unter ihr Gesetz," das gilt für alle Zeiten und alle Völker. Als wir vor mehr als 2500 Jahren, an Leib und Seele gebrochen, unser vom Feind zerstörtes Vaterland verlassen und in die Verbannung wandern mußten, da genügten wenige Jahrzehnte, und das anscheinend für die Ewigkeit zertrümmerte Israel findet in sich — ein unerhörtes Wiunder — die übermenschliche Kraft, bestimmend einzuwirken auf die geistige Entwicklung des gewaltigen Pefserreiches. Wer die Kapitel zu lesen versteht, die ein ungenannter Seher im babylonischen Exil sich aus der Seele gerungen, wer sie zu vergleichen versteht mit den jüngst aus dem Trümmerhaufen Susas zutage geförderten Denkmälern,: der weiß, wie nahe das Judentum daran war, dem geistigen Antlitz des von Cyrus geschaffenen Imperiums unsere Prägung zu geben. Ein Prophet, dessen Worte wir am Schlüsse des 19. Kapitels des Buches Jesaias lesen, konnte schon damals seinem Volk die Aufgabe stellen, Mittler zu werden zwischen den feindlichen Großmächten der Erde, durch seine Geistigkeit zu überbrücken Abgründe von unergründlicher Tiefe. Als wir zwei Jahrhunderte später in die vom großen mazedonischen Eroberer neugegründete Hafenstadt am Mittelländischen Meer kamen und zum erstenmal in ein Verhältnis traten zu den Ergebnissen des hellenischen Genius, da genügten wieder wenige Jahrzehnte, und .dieser für die Welt so bedeutsamen Vereinigung wurde der jüdische Teil zum herrschenden. Es bildet sich jene alexandrinische Philosophie, die entscheidend beitrug zur Entstehung des Christentums und bis auf den heutigen Tag im Denken und: Glauben der katholischen Kirche ihre tiefen Spuren ^geji^ der neue ^Getstvloit%^ angebanrtteWessere^Vefständnis der Bibel, das es den Völ- . kern möglich machte, den Weg des religiösen Fortbildens sicheren Schrittes zuwandeln. Stolz sollt Ihr wieder darüber empfinden, daß Ihr dem Volk angehört, das der Welt die königliche Gabe des Optimismus gebracht. Gewiß, es gibt andere Völker, die lebensfroher sind als wir, lebenshungriger, aber keines, das, wie das unsere, im tiefsten lebensbejahend ist. Nicht der ist ein Optimist, der dem" Rät des römischen Dichters folgt und des Tages Genüsse pflückt, unbekümmert um die Mühsal der kommenden Stunden. Lebensbejahend ist das Volk, das im schwersten Leid und herbsten Kummer an der Erlösung nicht verzweifelt, für die Erlösung sich müht, das unter den blumigsten Verfolgungen sich und der Weit unaufhörlich sagt: „Währt es auch noch so lange, harre aus, die Erlösung wird, sie muß kommen." Die messianische Hoffnung, der höchste und segensreichste Optimismus, gehört zu den köstlichsten Gütern, die die Menschheit besitzt. Und wenn gerade jetzt in der tragischesten aller Zeiten, da jeder von uns eine Welt von Trauer und Jammer trägt, wenn mitten unter den Orgien tierischen Hasses die Welt zu hoffen wagt auf einen künftigen Bund friedlich miteinander an Kulturwerken wett- IpHuaa In iMiBinifi Grundstück jj Angelegenheiten fj | Kauf * Verkauf 1 ~~ Verwaltung j| Belehnung ■ betreffend I Häuser »Villen | 35 . f\ 00 J 3SE5 j Guter s wendet man sich vertrauensvoll an die i f Realitäten-und Verwalrangikanzlci SS Dr. jur. Maren* Somer Ig Wien, IX. WährinßentraDc 3 g | M Telephone: A 2Ö-4-47 * 15-506 3J I ^jiiniiiiirtmMniiiiiiiniiiiiiiHiiiiiiiimiintMtiiiiiinni^iiifr^ ■