Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 13 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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rm*m Dlfe NEUE WELT Nr. 13 g£ N w.Ztäi&täirM Frauenprobleme in Palästina.*) Von Anitta Müller-Cohen. Es gibt Worte, welche du roh ihren schönen und hohen Klang verwirren, die aber, in die Praxis umgesetzt, ■ sich afc höhte Schlagworte erweisen. Em solches Wort äst dasjenige von der ,,weiseiv,Seibstbeschränkung", welches zum erstenmal auf der IV. WIZO-<Konferenz in Basel aufgeflattert ist. Audi die weise Selbstbeschränkung kann oft Beschränkung überhaupt bedeuten, Einschränkuug von Zielen' '■.«od Fähigkeiten, ein. Sich-selbst-Begnügen mit geringen Erfolgen, 'kurzum eine Schwächung der Arbeits- und Willenskraft, welche wir gerade in .unseren schweren Tagen .energisch -bekämpfen müssen. j Aus diesem Grunde .und weil dieses'Schlagwort mir eine Gefahr zu bedeuten scheint, möchte ich mich noch- •;trals mit den Frauenproblemen in Palästina auseinandersetzen. Die Enge des Raumes, welcher mir hier zur Verfügung steht, gestattet es 'mir nicht, diese Probleme mit der Ausführlichkeit abzuhandeln, welche sie wohl verdienen wurden; ich muß. mich damit , begnügen, einige wenige davon zu erfassen, und zwar vor allen Dingen einige von Jenen, welche auf der letzten .WIZO-Konferenz in (Basel zur Sprache kamen und seither in der zionistischen Frauenwelt so stark.diskutiert wurden.. { " " Wir wolien einmal konstatieren, undfesthalten, daß es in Palästina eine organisierte "allgemeine Frauenbewegung einerseits und andererseits eine Arbeiterirnienbewegung gbt. Dieser Gegensatz ist durchaus kein willkürlich konstruierter und durchaus keine Eigenheit Palästinas. Er findet vielmehr seine Parallelen in allen anderen Ländern der Erde, die nur überhaupt eine Anteilnahme der Frauen an den Fragen des öffentlichen Lebens kennen. Während die organisierte Arbeiterinnenbewegung immer und'liberal! einen Bestandteil.der Arbeiterbewegung bildet und dieselben Ziele und Aufgaben verfolgt wie diese, hat sich die allgemeine Frauenbewegung andere Ziele und Aufgaben'- gesetzt, die gleichkam eine Erweiterung und Differenzierung des großen Programms der Männer bilden. Es ist also weiter gar nicht verwunderlich, daß wir diese selbe Erscheinung in Palästina wiederholt finden. Es. wäre ' feilsch und unsinnig, wenn wir sie leugnen 'oder beklagen würden; wir müssen uns mit ihr abfinden und müssen uns zu einer präzisen Stellungnahme ihr gegenüber entschließen. Vor allen Dingen muß es Aufgabe der WIZO sein, dieser Erscheinung gegenüber die richtige Stellung einzunehmen. Wir sind der Ansicht, daß, wenn die WIZO tatsächlich eine Weltorganisation darstellen will, sie eine übergeordnete, unpolitische, also absolut neutrale Frauenorganisation sein muß. Sie hat ihre Arbeit nicht nach poli-' tischen und parteipolitischen Gesichtspunkten einzustellen, sondern nach den tiefen Notwendigkeiten des Landes. Als Richtlinie für ihre Arbeit müssen ihr daher jene Vorschläge dienen, welche ihr die von ihr geschaffene palästinensische Ortsgruppe sowie dje in Palästina wirkenden'"Frauenorganäsatioheri (nicht nur die Arbeitcrinnenorgani&ation) in genauer Kenntnis der lokalen Zustände unterbreiten.. Die Histadruth Naschim, die größte Frauenorganisation *d«s, Landes, welche mehr als 5000 Mitglieder umfaßt, hat an die WIZO .das Verfangen gestellt, sie möge an der soziaien Arbeit des Landes teilnehmen. Leider hat die WJZO diese Aufforderung abgelehnt. Vonseiten der palästinensischen Ortsgruppe der WIZO wurden Vorschläge ausgearbeitet, in welchen die WIZO aufgefordert wird, sioh' nicht nur mit der Produktivierung der Frauen auf dem Lande, sondern auch mit den Frauen der städtischen Bevölkerung zu befassen, die Hausindustrie und Heimarbeit m fördern und an die Schaffung von . Gewerbeschulen heranzutreten. Die Richtlinien, welche die Palestine Federa- Upn. der Konferenz unterbreitete, enthielten die dringende AüsKorderung, die WIZO möge Ihr besonderes Augenmerk aitf die Erziehung der Jugend im jüdischen Sinne richten,' in welcher die Renaissance des jüdischen Volkes bedingt sei; Die Richtlinien betonen,, daß jede Geringschätzung oder - - *) Siehe den Bericht der „Neuen Welt" über den Vortrag der;.Fjrau Anitta Müller-Cohen und .den Artikel „Weltbrganjsatjoji .zionistischer Frauen und Frau Anitta MüMer- Gaben" in Nr. ,13 der „Neuen Welt". VermobJässigung der jüdischen Erziehung eine Gefahr für den nationalen Aufbau von Ercz Israel bedeutet. Es war daher keine von mir willkürlich erhobene Forderang, wenn ich verlangt habe, daß die WIZO ihr Interesse an der jüdischen Erziehungsarbeit in Palästina bekunden müsse, sondern eine Forderung der palästinensischen Organisation. Darüber hiausgehend, wird wohl jeder vorurteilsfreie Mensch zugeben müssen, daß es nicht gleichgültig sein kann, wenn tausende Kinder durch die Schließung der Schulen gefährdet sind. Wenn auch die Spende von Baron Rothschild dieses Problem gemildert hat, so bleibt doch noch ein Teil der Schulen geschlossen, vor allem' aber die Kindergärten, welche gerade in Palästina eine eminente Notwendigkeit darstellen. Die kanadischen Frauen haben es bekanntlich übernommen, das gesamte Budget für Nabalal aufzubringen, so daß große Beträge im WIZO-öudget für andere Zweoke frei wurden. Die Arbeiterinnen vertraten nun sowohl in den Vorbesprechungen wie auch in den Kommissions-' Sitzungen der Konferenz in sehr energischer Weise den Standpunkt; daß diese Gelder zu 100, Prozent den Arbeiterinnen. zugute kommen sollten. Ihr Vorschlag, eine' Mädchenkwttzah zu schaffen, wurde angenommen, trotzdein die Arbciterinnenorganisation im ganzen 7000 Mitglieder umfaßt, also durchaus nicht den Wunsch' und Willen der gesamten Frauenwelt Palästinas ausdrückt. Bei Wahrung Ihrer Neutralität hätte die WIZO feststellen müssen, daß es nicht ihre Aufgabe .sein kann, sioh nur ra. das Wohl einer palästinensichen Frauengruppe zu kümmern, sondern daß sie vielmehr verpflichtet ist, zumindest ein gleiches Interesse auch der Frauenma-jorität gegenüber aufzubringen. Ich habe daher auf ,der Konferenz den Autrag gestellt, die zur Verfügung" stellende Summe zu gleichen Teilen — also zu 50 und 50 Prozent —- den Arbeiterinnen und den' bürgerlichen Frauen zuzuwenden, töaß' die Arbeiterinnen einen weit höheren Anteil erhalten sollten, als ihnen ziffernmäßig zugestanden werden müßte, sei daraus-zu erklären, daß wir die große Bedeutung .der Landwirtschaft für den Aufbau von Eree Israel anerkennen, .und z.war auch praktisch anerkennen wollen. Sicherlich kann diesem objektiven Vorschlage die Gerechtigkeit und richtige- Einstellung gegenüber den tatsächlichen Verhältnissen nioht-abgesprochen werden. Es hätte doch als zu krasse' Bevorzugung empfunden werden müssen, " wenn einerseits einer kleinen Gruppe eine solche Zuwendung gemacht würde, während die weitaus größere Majorität aus den freigewordenen und neu aufzubringenden Geldern so gut. wie nichts erhielte. Dieses ^Nichts" erfährt nur eine geringe Milderung durchden Umstand, daß die WIZO eine Summe von 1400 Pfund für die Errichtung von Kloingärtchen und Klubs gew.idme>2ha^ tont werden muß, daß selbstverständlich bei Zuteilung der Gärtehen ikeinerled Unterschied zwischen Mittelstands- und Proletarierfamilien gemacht wird. . . Wenn also die WIZO einerseits für die Bedürfnisse der bürgerlichen Frauen Palästinas eirte entsprechende Summe von dem frei werdenden Fonds bewilligte' für eine 'Mädchenkuzwah aber 7000 Pfund auswirft — ich habe in -meinem Vortrage nicht von. 35.000 Pfund, sondern von ebensoviel Dollar ' gesprochen, weil " die Umrechnung in dieser Wahrung dem Wiener geläufiger ist—, so stellt dies eine ungerechte, unter einseitigen Gesichtspunkten durchgeführte1 Verteilung des Budgets dar, der» wir vom Standpunkte : <der Gerechtigkeit und der Notwendigkeit aus; entgegentreten müssen. Wenn Frl. Meohner nun versucht, die Sachlage so darzustellen, afe ob es sich nicht um die Errichtung einer neuen Kwuzah handle, sondern um eine „Ausbildungsfarm", die für. a}lc, „welche dem Lande dienen wollen, offenstünde", so ist dies eine Verschleierung der Tatsachen, Es heißt in der diesbezüglichen Resolution ausdrücklich, daß. die 7000 Pfund f ü r die E r r.ic h t u ng einer „M es c h e k Häp o a 1 o t h", a Isoeiner Arbeiterin n e n". siedlung, gewidmet würden. In die Praxis umgesetzt, bedeutet das, daß alle jene; welche auf religiöse Lebensführung Wert legen, von dieser Farm im vorhinein ausgeschlossen sind,, denn (bisher '<is,t-, noch . kein. Meschek Hapoaioth in . traditionell religiösem Sinne .geführt worden. Es bedeutet ferner, daß nuV s q 1 c h e h;: M ä d c h e n die A u s b i 1 d u n g s >m p g 1 I q h-i . keitenin dieser Farm zur Verfügung stehen, w e 1 che;d e r A r b e 11 e r i n n e n o r g a n i sa t!i o n ang ehörßn. Wir meinen, daß es nicht Aufgabe dgr WJ|Z@ ist, ein(?n bedeutenden" Teil der ihr zur Verfügung stehen- ■f Es gfht jede Dame an! Nicht vorboilesanl Die entzückendsten MOfjeile Die herrliche Qualität Die verblüffend billigen Preise im;, WirKwarenhäüs JELLINEK Arn Kämtacrrpr WlcOncr Hauptströsse 2 | Wir verkaufen in der Zeit vom 5. bis 20. Dezember unser, reichsortiertes Peielager für Damen und Herren, -and zwar: Feh * Persianer Breitschwanz _ Seal * Nutria sowie alle anderen modernen Fettsorten zu überraschend niederen Preisen! Das Renommee unserer seit 30 Jahren bestehenden Firma bürgt für Erstklassig keit der Arbeit and des Materials l Pelzhaus Pipersberg Praterstrasse 9. den Geldmittel einer ausgesprochenen Arbeiterinneninstitution zuzuwenden und vielleicht durch diese Institution Mädchen aus bürgerlichen Kreisen zum Eintritt in die Arbeiterinnenorgauisation zu bewegen. Dieses Recht steht der WIZO um so weniger zu, als ihre Spenden hauptsächlich aus bürgerlichen Kreisen fließen. Der Einwand, daß auch die Arbeiterinnen. vielfach aus bürgerlichen Kreisen stammen, ist nicht 'Stichhältig, da es uns nicht interessieren kann, aus welchen Familien die Mädchen kommen, sondern nur, in weichcx;m Sinne sie erzogen werden.. Für uns steht es aber fest, daß die Schülerinnen der Kwuzah Mitglieder .der Arbeiterinhenorganisatipn, also einer nach einer ganz bestimmten politischen Richtung hin eingestellten Organisation, sein müssen und daß sie von hier aus in die verschiedenen Kwuzoth' abwandern werden, deren Mitglieder, wie die Erfahrung lehrt, ebenfalls ohne Ausnahme der Arbeiterinnenorganisation angehören. Wir wissen, daß in den Vorbesprechungen, welche schon seit mehr als qinem _ Jahre geführt werden, immer nur von einer zu gründenden Kwuzah die Rede war, ■ und wir wissen, daß eine Kwuzah nicht nur der landwirtschaftlichen Ausbildung dient, sondern auch die Verwirklichung einer extrem sozialistischen. Gesellschaftsform darstellt. Wir vertreten absolut den Standpunkt, daß jedem' Individuum und jeder Organisation das Recht auffreie Bekehnung und Betätigung der politischen Gesinnungzusteht. Aber logisoherweise führt uns dies zu der Ueberzeugung, daß es innerhalb des Rahmens einer neutralen Organisation, als welche die WIZO'• geschaffen wurde, keine wie immer geartete Bevorzugung einer Gruppe auf Kosten der anderen Gruppe geben dürfe. Wäre die WIZO in der' Lage, einen annähernd^ gleichen Betrag für die Zwecke und Bedürfnisse der bürgerlichen Frauen in ihr Budget einzusetzen, so wäre an der Errichtung einer neuen Kwuzah nach dieser Richtung hin nichts auszusetzen. ' Zu den rein sachlichen Einwänden aber, welche wir der Errichtung einer heuen Kwuzah entgegenstellen müssen, gehört jener, daß die. Sachverständigen, wie Professor' Öppenheimer und andere, sioh aus rein wirtsohaftlichen Gründen gegen die großen Kwuzoth ausgesprochen haben. Auch die Zionistische Organisation hat den Beschluß gefaßt, keine dieser kostspieligen Neugründungen mehr durchzuführen.und'sich mit der Stabilisierung des Bestehenden zu begnügen. Die Zionistische Organisation steht auf dem •Standpunkte, daß es ihre .Aufgabe ist, den Aufbau des Üandes durchzuführen, und daß sie alle 'ihre Mittel für' diesen Zweck verwenden muß, so daß sfe nicht in der Lage iit, der sozialen Arbeit Zuwendungen zu leisten. Es ist also / Aufgabe der Zionistischen Organisation, Mädcbeu:kwuzoth zu gründen. Wenn sie es ablehnt, an solche Gründungen zu schreiten, trotzdem die Frauenorganisationen dies für notwendig erachten, so wäre es die Aufgabe dieser Organisationen, durch ihren Einfluß die Zionistische Organisation zu solchen Gründungen zu bewegen. •Kein denkender Mensch wird leugnen, daß die Erhaltung der notleidenden Menschen in Palästina einen wichtigen Faktor im Aufbauwerke darstellt und daß es Aufgabe der sozialen Arbelt ist, diese Erhaltung und Stützung durchzuführen. Wie sollen aber die großen Summen, welche die soziale Arbeit in Palästina heute.'benötigt, aufgebracht werden, wenn die WIZO nicht auch einen Teil ihrer Mittel für diese speziell in das Gebiet der Frauenarbeit fallenden Aufgaben verwende!;? Bei unserer Einschätzung der von der WIZO für die Mädchenfarm gewidmeten 7000 Pfund müssen wir weiters .■bedenken, daß diese Summe nur einen Teil jenes Betrages darstellt, welcher für die Errichtung und Führung der Farm benötigt werden wird. Nach den nilr vorliegenden Berichten betragen die voraussichtlichen Gesamtkosten etwa 16.000 Pfund. Die anderen Beträge werden allerdings nichtvon der WIZO gefordert. Die Aufwendung einer, solchen; Sjumme für die Ausbildung von . vorläufig 200 Mädchen, stellt also, meiner Meinung nach, gewiß keine weise Selbst beschrähkung, sondern eine Verschwendung dar. Wenn man uns nun .auch noch den sattsam be-, kannten Einwand-entgegenhalten will, - daß der für* die;