Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 13 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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~M*M?Äf- Wte& Die Pogrome in Rumänien. Studenten, die morden, plündern und schänden. Belagerungszustand. — Die Debatte in der Kammer. Die Vorgänge, deren Schauplatz am 5. und 6. Dezember die Stadt Großwardein war, sind jetzt in allen Details bekannt. Auch der rumänischen Regierung, die ursprünglich nur von unbedeutenden Zwischenfällen wissen wollte. Es wurden fünf Personen, darunter drei. Juden, ermordet, etwa 80 Personen, verwundet. Der Sachschaden, der durch Demolierung angerichtet .worden ist, läßt sich im Augenblick noch nicht abschätzen. Er ist so bedeutend, daß der Gedanke eines Moratoriums für die'Kaufmannschaft der Stadt erwogen wird. Der schreckliche Fall erhält seine besondere Marke durch die von den Behörden gemachten Feststellungen, daß bei den Studenten,; die nach der Rückkehr auf dem Bukarester Bahnhof von einem Militärkarree umzingelt und verhaftet wurden,1' gestohlene Danienstrümpfe und Krawatten gefunden würden. In einem Zug traf man zwei minderjährige Mädchen, die von den Studenten mitgeschleppt und mißbraucht worden waren. Die zwei Kinder mußten in ein Spital gebracht werden. Führer der Unruhen war Professor Cuza, die Anordnungen traf der Mörder C e 1 e a C o d r e a n u. Etwa 5000 Studenten hatten an dem „Kongreß" teilgenommen. Sie zogen in Gruppen von 50 bis .100 durch die Straßen. Wer ihnen in die Hände fiel und sich nicht als Rumäne und Christ ausweisen konnte, wurde grausam, mißhandelt. Die tobende Menge drang in die Großwardeiner Synagogen ein, die vollständig vernichtet und in abscheulicher Weise beschmutztwurden.' Die'{% ho r ärollen und Gebetbücher wurden auf die Straßen verstreut, während die Silberaufsätze der Thorarollen und die sonstigen Wertstücke mitgenommen wurden. Alle Geschäfte von Groß war de in sind verwüstet, die Warenvorräte vernichtet, so daß in der Stadt der Geschäftsverkehr auch heute noch lahmliegt. Codreanu gab in eigener Person die Parole aus, zum jüdischen Lyzeum zu'ziehen. Man stürmte dort unter Rufen: „Töcl den Juden! Tod dem Verräter, dem Oberrabbiner Kecskemety!" Mehr als tausend Studenten zogen üuui'Lyz e u m, in dem sich die Wohnung des Ob e rrabbiners Kecskemety befindet. Die Türe wurde rasch geschlossen. Den Studenten gelang es, sie zu erbrechen. Sie drangen in, das Haus ein, warfen sämtliche Einrichtungsgegenständc auf die Straße. Vor, dem Hause wurde ein Scheiterhaufen errichtet und angezündet. Der Oberrabbiner, der vor einigen Jahren unter der Anklage des Hochverrates vor einem rumänischen Kreisgerichf stand, konnte nicht ausfindig gemacht werden, und so . entging er seinem sicheren Tode. Seine Wohnung ist zerstört. Szenen von gleicher Wildheit haben sich am Dienstag i n K l a ii s e n b n r abgespielt. Ein von. Großwardein kommender Zug, mit-Teilnehmern.' des- Kongresses traf am; SIEGM. KORNMEHL GBOS5PLEISCHHAUEREI Zentrale IX., Belasse 19, Telephon. 17-3-99 u. 16-9 31 Lieferant f ü n s t a 1 t Ab* Hungen für itt»Fieisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr Kultusgemeinde Wien IX. Bergg. 15 > XVIII., Währlnger&tr. 97 Nachmittag ein. Ein am Bahnhof aufgestellter Militär- und Polizeikordon wurde durchbrochen. In der Stadt wiederholten sich die Szenen von Großwardein. Die Geschäfte wurden verwüstet. Die jüdischen Passanten wurden blutig gesch'Jagen. Auf der Lokomotive hißten die Studenten als Fahne einen in Großwardein geraubten jüdischen Gebetsmantel. Vor dem großen jüdischen Tempel versammelten sich die Studenten und begannen auf ein Signal hin den Sturm. Im Ntt waren alle Fensterscheiben eingeschlagen. Das Tof wurde erbrochen und das Innere des Tempels verwüstet.. Die Studenten bemächtigten sich der Thorarollen, brachten sie auf den Platz vor dem Tempel und verbrannten sie. Silberzeug» Leuchter und Thorabehärrge wurden gestohlen. Hierauf ging es gegen die Speisesäle und Kaffeehäuser, dann gegen andere Geschäfte. Zum Schluß wandten sich die Studenten gegen' zwei kleinere Synagogen, die verwüstet wurden. Die Ausschreitungen hatten ununterbrochen drei Stunden gedauert. Sie waren von langer Hand vorbereitet, denn wenige Stunden vorher waren alle Häuser, in denen Juden wohnen, mit einem weißen Kreuz gelkennzeichnet worden. Die Zahl der Verletzten ist sehr groß, aber noch nicht genau bekannt. Der Sachschaden in Klausenburg wird auf über 100 Millionen Lei geschätzt. In der rumänischen Kammer wurden diese Vorfälle am 8. Dezember abends durch den Abgeordneten Doktor Filde r m a n n zur Sprache gebracht. Ihm schloß sich der Abgeordnete Madgearu, Mitglied der nationalen Bauernpartei, an, der die Regierung anklagte, die Unruhen begünstigt zu haben, um dadurch eine Entspannung der innerpolitischen Lage herbeizuführen. Der General Mosciu, der namens der Regierung antworten wollte, mußte seinen Platz verlassen. Minister D u c a sprach . das Bedauern der Regierung über die Pogrome aus .und versicherte die strengste Bestrafung der Schuldigen. . ... Dr. F i I d e.r m a n ri stellte fest, er habe den Innenminister einige Zeit vor dem Studentenkongreß auf. die Möglichkeit von Ausschreitungen aufmerksam gemacht Am Kongreß haben ein ehemaliger Minister und em Präfekt teilgenommen. Zum Schluß wandte sich Fildermattn gegen die ungarische Regierung, der er das Recht absprach, in solchen Fragen das Wort zu führen, solange Ungarn den Numerus clausus beibehalte. In der Senatssitzung vom 9. Dezember .interpellierte 'Oberrabbiner Dr. Niemiroy.er wegen der Studentenexzesse in Großwardein und Klauseriburg. Er gab eine Schilderung der bestialischen Taten der studentischen Jugend, die vor den Andächtsstätten nicht Hart machte; ja gerade an ihnen ihr Mütchen kühlte. _ Innenrninister Duca druckte das Bedauern der Regierung über die Taten, der Studenten aus, die geeignet sind, Rumänien vor der Außenwelt zu kompromittieren. Auch wenn die Stüderiten .tätsächlich provoziert 'worden seien (U), hätten"sie; solche Exzesse' nicht, ver übe« <dür^. Die Regierünff . werde darauf sehen, daß alle* Scmtldigen bestraft werden. Pie Regierung werde sofort alle Schäden, die an den Synagogen und an Prlvatwohmingen angerichtet war« den, gutmachen. Unterrichtsminister Lapedatu sprach gleichfalls sein Bedauern über die Vorgänge aus, erklärte «Iber, er sei überzeugt, daß Lockspitzel die Studenten herausgefordert hätten. Das Kultusministerium werde alle seine Fonds zur Wiederherstellung der an den Synagogen angerichteten Schäden zur Verfügung stellen. *. Für den 10. Dezember war in Bukarest wieder ein Studenteilkongreß angesetzt, der das Jubiläum 'des im C SKtfr4 , .....- .-■ »od Gdmbös. Guter Wfts! Was reißt doch die Geed#3to&<£ür tthtftge-Possen, wenn es um Juden geht. _r* st« Brief aus Polen« .Von unserem Warschauer N.-R.-Berichterstafter. Der Block der nationalen Minderheiten. — Konferenz der Zionisten-Revisionisten. — Austritte ans der Lemberger Judengemeinde. Die Wahlen für das polnische Parlament sind bereits für Anfang März ausgeschrieben. Wie bereits kurz berichtet, ist der Block der nationalen Minderheiten der Republik Polen zustandegekommen. Er umfaßt die Ukrainer, Weißruthenen, Juden, Deutsche und Litauer. Der jüdische Teil des Blocks setzt sich bisher aus den Zionisten mit Ausnahme derer Kleinpolens, den Misrachi, Hitachduth aus ganz Polen, den Kaufleuten mit Ausnahme der kleinpolnischen Vertreter, den Handwerkern aus dem ganzen Staate, der jüdischen Volkspartei unter Führung des Dr. Szabad aus Wilna und gewissen orthodoxen nicht a g u d i s t i s c h c n Kreisen zusammen. Die Aguda, welche vergeblich den Anschluß, an die polnischen Regierungsparteien suchte, sodann für einen jüdischen Block, aber gegen einen solchen der nationalen Minoritäten war,, ist nunmehr bemüht, in dem Block Aufnahme zu finden. Ihr Führer, Herr Kirsch braun, hat sich bei den Deut-, sehen, beklagt, daß mau die Aguda nicht aufnehmen wolle. Er erhielt die Antwort, daß dies eine autonome Angelegenheit der jüdischen Mitbegründer des Minoritätsblocks ist. Was die Zioni?ten in Kleinpolen anbetrifft, so hat eine am 8. Dezember in Lemberg abgehaltene Sitzung des ^arte.iratcs Ostgaliziens den Anschluß an die Grünbauniöciie Konzeption des allger.teinen Minoritätenblocks abgelehnt. Der Par;aimt nahm den von Dr. Leon Reich (nach einem dreistündigen Referat Grünbaums) erstatteten Bericht genehmigend ,Iiir Kenntnis und erinnerte alle Parteiangehörigen ar. die I.V-'lminiuigen über die Parteidiszip.'in. Die osfgalizischen Zionisten werden demnach eine eigene Dste a'uisteilen, wooei sie die Unterstützung der Kauflenie Und vielleicb' auch der gaiizhehen Aguda erhalten werden. Die' Haltung der'Opposition (Gruppe Dr. Inslcr, Dr. Ringel und Redakteur Frostig) ist noch unklar. Unbekannt ist auch noch der Standpunkt des Abgeordneten Heinrich Reitzes. * Am 18. und 19. d. findet in Warschau eine Konferenz der Z i o n i s t c n - 'R e v i s i o n i s t e n Polens statt, der am 16. und 17. d. in Krakau eine Tagung der Revisionisten Kleinpolens und Schlesiens vorangeht. An den Beratungen wird .Wladimir J a b o t y n s k i teilnehmen. ... .; ■••>*••-.••••' ■■ •■ ■ ■ Seit dem Beginndes Jahres 1926 sind Iii Lern- ' befg aus der jüdischen Gemeinde 79 Personen ausgetreten, von denen sich 59 taufen ließen. Unter den Getauften befinden sich nicht bloß wie früher Intellektuelle, sondern auch Kauflcute und Handwerker. In einigen Fällen ließen; sich ,ganze Familien taufen. In der Liste der Getauften befindet sich ein im Jahre 1920.in Drohobycz geborenes Kind;; ' > Kann & Fried verschleudert., Mantelveloure um nur S 9.80, reine Schafwolle, 140 Zentimeter breit, im Hofe, VI., Linke Wuenzeile 40, nicht vor den Dienstboten und geht nicht aus dem Hause. In diesem Zimmer werdet Ihr bleiben, und da wiird Euch alles gereicht werden." Wäre meine Tochter gesund gewesen, ich hätte gewußt, ihm gebührend zu antworten, aber so wollte ich keine Geschichten machen. Nur konnte ich nicht verstehen: Wie kann ein gebildeter Mann, ein Ingenieur, ein solcher Feigling, sein! Nu, nehmen wir ah, man entdeckt mich, man schiebt mich ab, sagen wir, ich werde sogar bestraft . . . Hat denn ein Jude nochnie ein größeres Malheur gehabt . . , Weiß mein Schwiegersohn gar nicht, daß unsere Väter Sich ins'Feuer werfen ließen', daß sie Foltern ertrugen,''nur weil sie Juden waren? . . . Und die Pogrome? Und die vielen Hanums?. Und doch ist das Haus Jakobs wffcht verloren gegangen. "" Das alles Wollte ich ihm sagen, aber ich sah, daß er mic.h nicht, verstehen würde. Der Mensch war so weit gekommen, daß er sich vor seinen eigenen -Dienstboten fürchtete und mir selbst das Essen reichte. Nu, wie gefällt Ihnen das? Die, Fenster meines Zimmer führten auf einen leeren Hof. Gegenüber befand sich eine schmutzige Wand. ich saß so volle zwei Tage im'Zimmercheh. Es wurde mir langweilig und ich schämte mich vor mir selber. Ich beschloß', aufzupassen, wenn mein Schwiegersohn' ausging, uni diese Gelegenheit zu benützen, meine fochter und meine Enkel zu sehen. Aber als ich mein Zitnmer ^erlassen wollte, fand ich die Tür verschlossen. Ich fing an, mit Messer und Schere zu hantieren, und es gelang mir, die Türe aufzumachen. Auf den Zehen scnMch ich,' bis ich an dasZimmer meiner kranken Tochter kam. Das Herz tat mir so weh, daß ich fühlte: noch eSn Moment und ich weine/wie ein Kind. Ich stand ein wenig hinter der Tür, guckte durch das Schlüsselloch. Meine Tochter saß auf dem Bettey bleich, abgezehrt, neben ihr eiri Junge von ungefähr sieben;J*hren, Ein bildhübscher Junge mit blonden Locken — ganz 4fe Mv\ter, Leise machte ich die Tür auf. ,sRiwlwl*r sagte ich leise. „Papachen!" Und beide weinten wir. Es stellte sich heraus, daß; sie nichts von meinem Kommen gewußt hatte. „Papa," sagte meine Tochter, „gleich kommt Boris. 1 Er wird ärgerlich, wenn er dich sieht. Bei uns ist es jetzt so streng;" „Aengstige dich nicht, Riwkele. Es gibt einen Gott im Himmel ... Heute ist■-Chanukah, und um der Feiertage willenwird uns der Hebe Gott vor Unannehmlichkeiten i schützen." „Ist heute Chanukah?" fragte meine Tochter. „Ja, Riwkele! Und du wußtest es nicht?" . Verlegen sah sie mich an. „Nu, es macht nichts, Riwkele . . . Heutzutage ist das nun mal so . . . Und K, ist so weit von den jüdischen Städten entfernt. Riwkele erklärte dem Jungen, daß ich sein Großvater sei. Er sah mich mit seinen großen blauen Augen an und sagte nichts. '...''' „Kannst du im Siddur lesen?" fragte ich den Jungen auf Jüdisch. ' „Er spricht nicht Jüdisch, Papa!" erklärte mir Riwkele und . wurde noch verlegener. Ich begriff gleich, daß mein Enkel kein Rabbiner werden wird, Als mein Schwiegersohn kam urfd erfuhr, daß ich die Tür aufgeschlossen hatte, wurde er sehr aufgeregt. .„Was habt Ihr gemacht?. Ihr müßt sofort nach Hause reisen! Mau'findet Euch,, und dann ' bin Ich verloren,", sagte er wiederum,' Da konnte ich.nicht mehr schweigen und .sa-gt-e ihm kurz, daß er Dummheiten spräche. Abends ' steckte ich die' vier Chanukah-Lichter an, klebte sie an der Fensterbank fest und verrichtete 'andächtig . den Scgeusspruch. „Mbaus zur Jesclwtos.sl .-, sang Ich leise, .und ich guckte, auf'meine Lichter, und. es war mir wohl und trattrijj zu " Mute. Plötzlich hörte ich drauöeu einen Lärm. Eine unbekannte laute Stimme über. tönte die zitternde, 'ängstliche Stimme meines Schwiegersohnes. „Leugnet es lieber nicht, wir haben alles von iEtgren Dienstiboten erfahren!" rief die Iawte Stimme. In roefn Zimmer trat ein Mann — sein Mantel war mit Messingknöpfen, seine Mütze mit einer Kokarde versehen. Mein Schwiegersohn, bleich wie der Tod, folgte ihm. Ich blieb ruhig stehen «nd; nahm nicht einmal mein Kappchen ab. Ihr wollt . wissen, ob ich sehr erschrocken war? Aber ihr werdet mir nicht glauben, wenn ich eoch sage, daß ich durchaus keinen Schrecken empfand » Und der Mann im Mantel mit den Messmsrfcnopfe« stand in der Mitte'des Zimmers und seine Augen nphten i auf den Lichtern. Sie brannten kaum noch und den Sohatn-; mes hatte ich vorher schon ausgelöscht. Plötzlich > fragte , mich, der Mann: „/fette jetet Chanukah?" Im ersten AugenbHck glaubte ich es im Traume zu i hören. Und die Augen meines Schwiegersohnes WMixleh , groß, sehr groß Der Mann näherte sieh dem Fenster -iind strdete gerade auf die &teinön':Ucht!l®lij. Sern GestoHt war 4w*irlg und nachdenklich: »Zehn Jahre sind es her,'* sagte er, „daß ich diese Lichter nicht mehr gesehen halb«. MeSn Vater pflegte sie immer anzustecken, loh erfotnei» nffoh noch, der Melodie, die ich dabei gesungen 'habe? „Moaius zur . . ." Und der Mann im Mantel mit den Wanken Knöpfen fing leise, leise zu sh>gen an; Ith Omaner war es so still, daß man das Zischen der verglimmenden Xjicfrtteui hörte. '. . . [ ' 1 Ich schwöre ihnen bei .meinem .gra/u^n BaftV Wenn man mir sfatt dieser wehigen Minuten zehn Jafore"gegeben hätte, ich hätte . flicht getauscht. WoHen sie wissen, .was weiter war? ' . . . ' . . \, 'l l ' / Der 'Mesebummed b*eb' stehen! bis die ^cbtlein z« Ende .gebrannt waren, dann sagte er! „Großvater, habt keine' Angst!'.'. '.Unil ,e('. ging Jetzt sagt; .'<5ibV es ' einen' Gott f^Miitä.