Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 13 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Mr. 13 DIE NEUE WELT GEBRUDER BRAININ PELZWAREN yp. n /., Bauernmarkt 2a, Telephon 62-3-59 ' IL, Glockengasse 8, Telephon 45-4-33 tragen zur Erinnerung daran, daß er eine jüdische Mutter hatte. Er ist christliofosozial, stellt also selbst auch auf dem Programm, das die zersetzende Wirkung des Judentums bekämpft und "er kann nun für sich allein Betrachtungen über dieses Programm austeilen. Es wurde geschaffen, um den Großdeutschen zu imponieren und auch gewissen sozialdemokratischen Allüren das Feld abzugraben. Merkwürdig ist nun, daß .die Großdeutschen mit der Partei Kienböcks in der Regierung alliiert und assoziiert sind. Es ist possierlich, wie die einen Antisemiten gegen die anderen mit dem Judenschimpf operieren. Sic denken wohl auch bereits an den eisernen Käfig, in dem „Jud ..Süß" dem Pöbel gezeigt wurde, und halten ihn für den Koalitionsgenossen in Bereitschaft. Warum ist;er auch in der Wahl seiner Mutter nicht vorsichtig. gewesen? Stalin,. Rußlands mächtigster Mann, der eben die Trotzki-Rebellen züchtigt, soll dem „New York American" ein Interview gegeben haben, das großes Aufsehen erregt. Das Gespräch wird von Moskau dementiert, aber die Hauptsache ist, daß es in der ganzen Welt geglaubt worden ist und daß auch die sozialistische Presse an der Authentizität nicht gezweifelt hat. Die Aeußeruugen Stalins entsprachen so sehr der hochmütigen Terminologie der Sowjets, daß sie überall ernst behandelt wurden. Stalin soll also gesagt haben, daß Rußland über die stärkste Luftflotte und über die größte Giftgasproduktion verfüge und daß es seinen Frieden mit der orthodoxen Kirche gemacht habe. Es wären demnach Piloten und' Popen das Fundament der russischen Macht. Nun behauptet Stalin, das Interview sei eine Fälschung. Aber in Wirklichkeit ist die russische Politik militaristisch eingestellt und auch sie hat in zehn Jahren nichts anderes produziert als den Grundsatz des, Rüstens, um den'Frieden zu erhalten. Daß dabei sehr viel Bluff betrieben wird, ist Handwerk der Diplomatie, das Rußland seit je mit Meisterschaft betrieben hat. So sind wohl auch die Ziffern, die Stalin genannt haben soll, unwahr, aber es kommt,auf das Wesen an. Der Wille besteht und er ist aktiv,' daß ihn niemand bezweifelt. Ebenso richtig ist, daß Rußland sich mit der Orthodoxie ausgesöhnt hat. Der religionsstürmende Bolschewismus wirkt sich heute'nur mehr gegen die Juden aus, die, soweit sie .nicht abschwören und in die alteirseiigmachende Jewsekzia kriechen, vogelfrei sind: als Konfession wie als Volk. Zionisten verkommen in den Kerkern und in den sibirischen Oeden, in den Synagogen haben sich kommunistische Vereine festgesetzt. Und damit auch hier der Bluff nicht fehle, ist die Krimkolonisation in Szene gesetzt worden, die die Juden dem Haß der Ukrainer und Tataren ausliefert und den Gegenrevolutionären den schönsten Propagandastoff bringt, zugleich aber die Verbindung mit der amerikanisch-jüdischen Plutokratic und durch diese mit der amerikanischen Regierung herstellt . . . ' ' Blutige Possen. Die freundliche Einladung des Herrn Ministers. — Der Henker weint. — Banditenehre. Der rumänische Ministerpräsident B r a t i a n u hat den Präsidenten der zionistischen Organisation Dr. Weizmann, der eben in Rumänien zu Besuch weilte, herzlich empfangen. Freundliche Rede floß von seinen Lippen. Schließlich lud Herr Bratianu den Zioiüstenführcr ein, sich das Land Rumänien zu besehen und an Ort und Stelle zu beobachten, wie gut es den rumänischen Juden geht, wie gerecht sie behandelt werden, wie schön, sich alles fügt . . . Glücklicherweise hat sich Dr. Weizmann nicht beeilt, der liebenswürdigen Aufforderung Folge zu leisten. Denn während der anmutigen Plauderei des Ministers ging die Judenhetze los. Ein umher reisender und forschender Dr. Weizmann wäre gerade dazu gekommen, wie man Juden zu Tode prügelte, wie man sie aus fahrenden Eisenbahnzügen auf den Schotter wirft, wie man jüdische Geschäfte und Wohnungen plündert, wie man jüdische Passanten ersticht, wie man Synagogen schändet und anzündet. Um lebendige Juden zu sehen, hätte er in Kelierwiiikel kriechen müssen, wo sie sich ängstlich verbergen. So hätte er die Lage studieren und ersehen können, wie schön sich alles fügt. Minister Bratianu ist ein lieber Mensch, aber seine Einladungen soll man nur mit größter Vorsicht genießen. Die Mißhandlung der rumänischen Juden hat tiefen Schmerz und ritterlichen Zorn hervorgerufen in — Ungarn. Sage und schreibe in Ungarn. Und Wenn du vor Erstaunen bersten solltest, lieber jüdischer Leser, ja, in Ungarn! Im Budapester Parlament haben die Redner aller Parteien, die Spießgesellen Horthys und Hejjas am lautesten, das Weltgewissen aufgerufen gegen die Greueltaten der rumänischen Antisemiten und die •Budapester Zeitungen sind voll träneureicIier"*SchiIderun.geii des wilden Leides, daß den Juden in Oradea, Jassy und Kiausenburg widerfuhr. Die Schinderknechte vom Budapester Donauufer und vom Hotel Britannia, welche Juden verstümmelten und zu Dutzenden ersäuften, welche die jüdischen Studenten noch vor wenigen Tagen mit Gu-mmiknütteln und Schlagringen aus den Hörsälen jagten, gegen die Gleichberechtigung der ungari- Seitc 3 .LLOYD TRIESTINO RASCHESTE VERBINDUNG 2*Af ASCHEN EUROPA UND PALXSTINA UBER ÄGYPTEN MIT DEN LUXUSDAMPFERN „VIENNA" und „HELOUAN" Fahrtrekoid; Tcies» (Venedfg)-Alexandrien 3 Tage Für Freunde längerer Seefahrt billige Rundfahrkarten Ferners Eil« und Postdampferverkehr nach der LEVANTE, INDIEN, CHINA UND JAPAN Auskünfte: Passagebureau, Wien. I. Bezirk, Kärntnerring 6 sehen Juden förmlich Revolution machten, sie ringen ihre blutigen Krallen gen Himmel und beweinen das Schicksal der armen Juden in Rumänien. Ein Abgeordneter rief: „Der Ueberfall auf den ehrwürdigen Oberrabbiner von Oradea hat die magyarische Nation ins Herz getroffen!" Und sein Hals schwoll nicht an von dieser Lüge und die Pariamentswände blieben still und lachten nicht. Gelacht wurde jetzt in Bukarest, hohnvoll, grimmig. „Was?! Ihr Ungarn wollet uns Rumänenunseren Antisemitismus vorwerfen? Was für edle Kavaliere sind wir doch im Vergleich mit euch, Barbaren! Wir reißen unsere Juden ein wenig ani Bart, ihr zerschlaget den euern die Rippen,, wir nehmen ein bißchen Ware aus jüdischen Geschäften, ihr foltert reiche Juden bis sie das Letzte hergeben, wir schänden hie und da, ihr aber schändet und tötet, wir jagen dem oder jenem Juden eine kleine Revolverkugel in den Kopf oder ein Messerehen in den Rücken, ihr habt ganze Wälder mit Juden" voligehängt und Juden dutzendweise gemartert und ersäuft." So reden jetzt die rumänischen Politiker und so schreiben die rumänischen Zeitungen. Die Antwort aus Budapest wird bald kommen. Sie lizitiereri ihre Schurkereien gegenseitig in die Höhe. Sie glauben ihre Ehre zu retten, indem sie die Bestialität des anderen herausstreichen. Einer nennt den anderen den gemeineren,. Judenschinder, und — weh den Juden! — beide haben recht. Zeitungen melden, daß aus den rumänischen Grenzgebieten Juden vor dem Pogrom nach Ungarn geflüchtet sind. Schutz bei Horthy, Mitleid bei Hejjas Seidenstoffe nnd Samte IIHIIIIIMIIHIIIIHIIIIM toerkaijetzt zu P.eumuttgjprcisett in d8r Vi., jÄariahilfastrassc $r. 3 Das vierte Licht. Von M. Riwesniann. (Aus; dem. Russischen von R. Sondowitscli.) Man sagt, daß die Alten mürrisch sind und gerne auf die Jugend 'schimpfen. Ihr müßt wissen, daß ich schon meine 60-Jahre hinter mir habe, auid doch liebe ich die Kinder und die'Jugend vom Herzen. Als mah meine Ghannele, meine Enkelin, verschickt hatte, sagten alle Bekannten: So ist's recht! Ein jüdisches Mädchen muß nicht .überall dabei sein. Wissen Sie, was ich darauf erwidert: habe? Ich sagte: Wascht euch die Hände,, bevor ihr von meiner Channcle redet! Ich habe ihr Geld daihingeschickt,' und an ihren liebe«, süßen Briefen konnte ich midi gar nicht.satt lesen. Warum? Weil nur ich wußte, daß es solche Mädchen wie sie nicht alle Tage gibt. Gwiß, Gott wollte mich nicht auf meine , alten Tage trösten ... Sie war ein schwaches, zartes Mädchen und dort war es sehr kalt... und Sehnsucht hatte sie ... Alles nach Seinem Willen! Gott gab, Gott nahm, gesegnet sei Gottes Name. Ja, worüber sprachen wir doch? Ich glaube, darüber, daß die Alten . mürrisch sind? Ich bin auch manchmal mürrisch ... Es tut mir leid, daß die Jugend so schwach itn Glauben, ist . . . Gewiß, all die Gymnasiasten, Studenten, Doktoren, Juristen sind gelehrte Leute; aber war denn ein Raimbam, gesegnet sei das Andemken des Gerechten, weniger gelehrt? Und doch schämte er sich nicht, zu sagen: »Ioij bin vollkommen überzeugt von der; Ankunft des Messias, und' ungeachtet seines langen Ausbleibens harre iph dennoch täglich seiner Ankunft.'* Und die jeteigen iungen .Leute? Ich könnte schwören, daß mancher Student mehr an die Elektrizität glaubt, als an den Messias. Und dieser Unglaube bringt manches Unglück ... Warum lächeln Sie?'Sie giaubeh's nicht? Da haben Sä« ein Beispiel ... Es wurde Wer ein junger Mann krank, es zeigte sich ein Geschwür auf seinem Rücken, er ging zum Arzt, der sagte ihm, daß das Krebs sei. Er kam vom Arzt, ich sali ihn an — er sah schrecklich aus ... loh sprach zu ihm: Verliere den Mut nicht, weiß denn der Arzt alles? Gott, sagte ich, ist der beste Arzt. „Nein", sagte er, „der Arzt weiß alles." Er grämte sich ... ging wie ein Schatten umher, dachte immer nach. So oft ich ihn betrachtete, tat mir das Herz weh: ein junger Baum, .schade ... Täglich las ich seiner Genesung wegen ein paar Kapitel Tehilliun. Er aber ging und erhängte sich ... Einen Zettel hinterließ er seiner Mutter: „Ich wollte den Menschen nicht zur Last fallen." Kainiten unsere Väter keine Krankheiten? Aber sie glaubten au Gott und er half. Ich könnte euch noch vieles, erzählen, aber ich weiß nicht, ob ihr mir glauben werdet. Und ich muß immer wieder sagen: Die jetzigen jungen Leute können nicht' glauben. Und doch, wie gut wäre es für sie, wenn sie, wie es sich gehört,'beten könnten! Uebrigens, ich bin kein Prediger: ich spreche nur so zum Beispiel. Ich will nicht mehr von anderen Leuten sprechen, ich will Ihnen lieber erzählen, was mir passiert ist, und Sie werden selbst urteilen, ob es einen Gott im Himmel gibt oder nicht. ' Sie wissen docli, daß ich einen gebildeten Schwiegersohn habe, einen Ingenieur. Er lebt in K. Meine Tochter schreibt mir ungefähr zweimal jährlich, aber er nie. Schon öfter wollte ich nach K. fahren. Aber mein Schwiegersohn ließ es nicht zu; loh darf in K. nicht leben, sagte er, das heißt, ich habe kein Wohnreoht ... loh fuhr also nicht hin, aber oft dachte ich: Wird K. verloren gehen, wenn ich für eine oder zwei Wochen komme, um meine Tochter und meine Enkel «u sehen? Wird die dortige Polizei gleich erfahren, daß der alte Jude Ghaim gekommen ist? Ich habe dies auch am meine Tochter und an meinen Schwiegersohn geschrieben, aber sie wollten nichts davon hören ... Gerage jetzt, schrieb meine Tochter, ist es so streng geworden, wie noch nie. Man liolt einfach die Juden von der Straße und transportiert sie nach ihrer Heimat. Wenn man bedenkt, welches Unglück! Nu, werden sie mich fassen ... fressen werden sie mich nicht. Und ich werde meine Tochter und meine Enkel zu scheu bekommen. Ich bin, Gott sei Dank, nicht mehr jung. Noch ein paar Jahre und dann ist Schluß. Sterben und das eigene Kind nicht wiedersehen! Aber mein Schwiegersohn und .meine Tochter zitterten vor meinem Kommcru wie vor Feuer. DicBckannten rieten auch nicht zum Hinfahren. Gewiß, ein anderer an meiner Stelle wäre längst hingefahren, aber ich verschob es von einem Tag zum andern. Einmal begegnete ich auf. der Straße einen Bekannten, der eben von K. gekommen war. Ich fing sofort au, ihn auszufragen, was meine Tochter und .meine . Enkel machen; er antwortete mir, aber ich merkte, daß er meinen Fragen auswich. Das Herz des Vaters ist ein Prophet. Ich beschloß, sofort nach K. zu reisen. Ich fuhr. Ich dachte unterwegs: Was auch passiert sein möge, ich werde es mit meinen Augen zu sehen bekommen. Je näher ich K. kam, desto banger wurde es mir ums Herz. Ich hatte ein Vorgefühl, daß etwas Schlimmes passiert sei. Und was glauben Sie? Ich fand meine Tochter schwer tank ... Mail erlaubte mir nicht, zu ihr zu gehen, und als mein Schwiegersohn mich erblickte, wurde er ganz schwarz vor Zorn, „Was habt Ihr gemacht?" sagte er händeringend. „Fahret sofort zurück, man kann Euch finden, und dann bin ich verloren ..." „Aengstige dich nicht und rege dich nicht auf!" sage ich ihm. „Ich bin kein Dieb und kein Mörder!" — „Aber wißt Ihr denn nicht, daß ein Jude ohne Woluirecht sohlhu-, mer ist, als ein Dieb?" ~ „Ich will es nicht wissen, ich bin zu meiner Tochter gekommen, und gehe nicht, bis Gott ihr Genesung schickt." — „Aber ihr Zustand wird sich verschlimmern, wenn sie erfährt, daß Ihr hier seid.44 Ich sah ihn an, ich wollte ihm ein sehr grobes Wort sagen, aber ich hielt mich zurück. „Höret," sagte mein Schwiegersohn, indem er um sich blickte, ^zeigt Eueh