Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 13 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 13 Hotel „NATIONAL" 53 Restaurants Wien, II., Taborstraße 18 5?!Ä3 Zentrale Lage, 200 Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser und Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewahrten Leftung des bestbekannten Restaurateurs S. Grüner Vorzügliche Wiener, ungarische und ORIENTALISCHE (rumänische) Küche. Wienerbräu und Pilsner Urquell Chajes* Oiajes ist gestorben. An seinem Sarge werden Schüler um den großen Lehrer weinen, Juden um den Führer des Volkes, Unglückliche um den nimmermüden Tröster und Helfer und Beschützer, Zionismen dm die Zierde der Bewegung; Aber er war mehr, unendlich mehr als Lehrer, Führer und Beschützer der Schwachen und Armen. Von ihm ging etwas aus, was mehr Ist als höchstes Wissen, töefste Gelehrsamkeit und zwingende Führerschaft. Man muß mit ihm gelebt haben, um zu wissen, was es war, und die Sprache gehorcht nicht, wenn man das Gefühl ausdrücken will, das er einflößte. Man gewann den Glauben an Verlorenes wieder. Menschen, Im Leben verhärtet und verbittert, der Achtung vor Menschen verlustig, kamen mit ihm in Berührung und begannen wieder, edles im Menschentum m sehen. Juden, auf der Flucht vor ihrem Judentume, mit aufkeimendem Haß und Ekel gegenüber! der jahrtausendalten Last erfüllt, kamen mit ihm j)n Berührung und wurden wieder Juden, stolz auf äihre Abstammung, die ihnen noch gestern ein unerträgliches Erbübel schien. Denn Chajes war Verkörperung des Schönen und des Stolzes im?um. Er war nur Jude und nicht ein Restchen k klebte an äten. In ihm war Judentum, frei von '. und Schlacken, Judentum in reinster Schön- »dentum wie es einmal gewesen sein und wie -~ Tinst wieder sein wird. In ihm war nicht jüdische^ Gegenwart, in ihm war jüdische Vergangenheit ftmd jüdische Zukunft. * Nie wenig von kleiner Gegenwart in ihm war -'-viel von großer Vergangenheit und großer . das,lernte man begreifen, wenn man ihn jtien Propheten sprechen hörte und wenn man ______$it Kindern zusammen sah. Chajes und die Kinder! )Er Sehte, sie, er fieberte nach ihnen, nicht nach dem {oder jenem Kinde, nach aMen. Das Zusammensein |init einem Kinde riß ihn hin, weg von allem änderten. Freunde standen dabei und in das bewün- -ÄrrrJ|j Bewegtsein schlich sich ein sonderbares Geein wenig drückend, ein wenig schmerzlich, hatte doch geglaubt, ihm etwas zu sein. Und sah, daß ihm die Kinder alles sind, alles. Man A übte, so viel von ihm empfangen zu haben. Und /Wenn man sah, was er den Kindern gab, dann schien, was man empfangen hatte, so wenig, so klein. Ueber die Kinder schüttete er seine ganze Liebe und seine ganze Seele gehörte ihnen,; den, Rindern, der Zukunft;! Dannwich das, Schmerzliche' und das Bedrücken, es löste sich in reine '■ Freude und ntaö liebte mit ihm, die jüdischen. Kinder, die jüdische Zukunft. . Robert Stricker. Die letzten Stunden. Ofcerrabbiner Dr. Zwi Perez Chajes hat ein Alter ¥on 51 Jahren erreicht. Seit dem Vorjahr litt er an Arterienverkalkung, legte sich jedoch keine Schonung auf. An dem letzten Zionistenkongreß in Basel nahm er Anteil, mußte jedoch bald wegen eines Fußleidens nach Wien zurückkehren. In der letzten Zeit fühlte er sich nicht wohl und beabsichtigte eine Reise nach de,m Süden. Am Dienstag vormjttags war er noch im Amt in der. Seitenstettengasse. Als er nach Hause kam, klagte er über Müdigkeit und legte sich zu Bett Im Laufe des Nachmittags fühlte er sich bedeutend besser und noch um halb 7 Uhr plauderte er sehr wohlgelaunt mit seinem Neffen, Herrn Oskar Rosner. Gegen halb 10 Uhr jedoch verschlimmerte sich plötzlich sein Zustand, er wurde von schwerer Atemnot befallen und alle Bemühungen der Aer^te, Dozenten Dr. Strisower und Dr. Mar g u 1 i e s, welche auch schon mittags an das Krankenlager, berufen worden waren, blieben ohne Erfolg. Am Totenbett Professor Chajes', welcher unvermählt geblieben war, befanden sich außer seinem Neffen Rosner und dessen Frau auch noch ein anderer Neffe, Dr. Max Frankl, Dozent an der Universität in Jerusalem, und eine Schwester des letzteren. Das Leichenbegängnis. Das Leichenbegängnis ist auf Freitag, halb 12 Uhr mittags, angesetzt und findet vom ersten Tor des Zentralfriedhofes aus statt. Die Wiener zionistische Organisation wird ihre sämtlichen Vorstände entsenden. Die zionistische Weltorganisation wird der Präsident der Londoner Exekutive, Nahum Sokolow, vertreten, die deutsche zionistische Vereinigung entsendet die Herren Kurt Blumenfeld und Dr. Goldmanii, das zionistische Aktionskomitee den Präsidenten Dr. Leo Motzkin. Für den Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde wird Herr Dr. Alfred K 1 e e an der Beisetzungsfeierlichkeit teil- Beileidsdepesche der Exekutive der zionistischen Weltorganisation. Beim zionistischen Landeskomitee für Oesterreich ist Mittwoch vormittag die folgende Depesche der Exekutive der zionistischen Weltorganisation eingelangt: „In tiefem Schmerz beugen wir das Haupt vor dem Sarge unseres treuen Sefers, der Zierde unseres Volkes und der Zionistischen Organisation, des vielgeliebten Oberrabbiners Dr. Chajes. Wir beweinen gemeinsam mit Ihnen den unersetzlichen Verlust, den unser Volk durch seinen Tod erlitten hat. Zionistische Exekutive London. Gez. Weizmann, Sokolow." Weitere Beileidskundgebungen sind seitens Dr.vMotzkins, Ussischkins, sowie sämtlicher zionistischer Organisationen der Welt eingelaufen. Aus Rumänien, Ost- und Westgalizien werden besondere Vertreter zur Leichenfeier nach Wien kommen. * Der Direktor •■ des Jüdischen Nationalionds, Herr Ussischkin, hat die Herren Adolf Böhm und Dr. E. M. Zweig mit seiner Vertretung betraut. * Präsident Weizmann telegraphierte aus Berlin: Auf der Reise nach Paris und London trifft mich soeben die Nachricht vom. Tode meines Weben Freundes Chajes. Die zionistische Welt besaß in ihm eine Persönlichkeit mit einzigartig großen Gaben des Geiste? und Charakters. Er war ein wahrer Repräsentant der zionistischen Idee in ihrer ganzen Fülle und Weltweite. Sein Leben legte Zeugnis ab von den elementaren, unbesiegHchen Mächten, die unser .Werk tragen. Seinem Sinne folgend, setze-ich meine Reise, die . .der.'. %Befti.e4^ui^^dringender Bedürfnisse unseres Jischuw dient, fort, obwohl};mein,Herz mich treibt, an der Beerdigung .'teilzunehmen. Die zionistische Exekutive wird mein Kollege Nahum Sokolow vertreten, den ich bitte, auch meinen Empfindungen. Ausdruck zu geben. Mit Zionsgruß Ihr Chaim Weizmann. Die zionistische Exekutive in Jerusalem hat gleichfalls ein warmes Kondolenztelegramm gesendet. Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich Anläßlich des . Ablebens des Obcrrabiners Professor Dr. Z. P. Chajes wird'angeordnet: A 11 c V c r a n s t a 1 t u ngen der zionistischen Bezirkssektionen, Ortsgruppen und anderen zionistischen Gruppen haben" in der Zeit vom 13. Dezember bis 20. Dezember zu-e n tf'a 11 c n;' in der Zeit.vojn 20., Dezember bis 9. Jänner' 1928 dürfen nur Veranstaltungen stattfinden, deren Programm weder Musik hoch Tanz enthält. Wien, 13. Dezember 1927. Das Präsidium: Dr. Goldhammer m. p. * Der jüdische H o c h sc h ü 1 a u ssc h u ß fordert die g e s a m t e j ü d i s c h e Studentenschaft auf, korporativ am Leichenbegängnis sejnes Ehrenpräsidenten Dr. Chajes teilzunehmen. Zeire Misrachi, Wien. Infolge Ablebens des Herrn Oberrabbincrs Chajes wird die für Sonntag den 18. d. angekündigte Chanukahfeier vorläufig verschoben. Die gelösten Karten behalten ihre volle Gültigkeit. Zeit und Ort der stattfindenden Veranstaltung wird rechtzeitig bekanntgegeben werden. Restliche Karten' sind noch zu haben. Alle unsere Mitglieder werden aufgefordert, sich an der Lawajah des Herrn Oberrabbiners Zwi Perez Chajes zahlreich zu beteiligen. Sammelpunkt: Schwedenplatz, Freitag, 10 Uhr vormittags. Misrachlsten in Wien! Mit dem ganzen jüdischen Volk betrauert auch der Misrachi den unermeßlichen Ver- Just des großen Volksführers, der in seinem jüdischen Herzen auch die Misrachibesfrebungen förderte. Ihr werdet von uns aufgefordert, euch an der Lawajah dieses Großen in Israel zahlreich zu beteiligen. — Sammelpunkt: Schwedenplatz, Freitag, 10 Uhr vormittags. Die Misrachizentrale. Verband jüdischer Kaufleute und Gewerbetreibender in Wien. Die Mitglieder wenden ersucht, vollzählig am Leichenbegängnis des Oberrabbiners Dr. Chaje« teilzunehmen. Versammlungsort: Schwarzenbergdenkmal. Freitag 10 Uhr vormittags. Verband der Bukowioaer. Zur Teilnahme am Leichenbegängnis des Oberrabbiners Dr. Chajes versammeln sich die Mitglieder um 10 Uhr vormittags beim Schwarzenberg- WÜRSTEL-BIEL I. Schottenring 14 und I. Führichgasse 3 Garantiert reines, heuriges Gänseschmalz per Ko. $ 4.— Für Wiener Kunden bei Abnahme von 5 Kg. Franko-Zusteilung RUNDSCHAU. Die nationalen Minderheiten. In Berlin hat dieser Tage eine Beratung der von dem internationalen Minderheitenkongreß in Genf gewählten Exekutive stattgefunden. An der Tagung nahmen teil: Der Präsident des Minderheitenkongresses Dr. Wilfaii, der zugleich die slowenischen, kroatischen, tschechischen und andere Minderheiten vertritt, Dr. Schiemann für die deutschen Minderheiten, Dr. v. Szuello für ungarische Minderheiten und Leo Motzkin als Vertreter der jüdischen Minderheiten; außerdem der Generalsekretär Dr. Amende, der auch zugleich die Vorschläge des katatonischen Vertreters Casanova überbrachte. f Die Tagung beschäftigte sich ausführlich mit der Situation der Minderheiten im Rahmen der Tätigkeit des Völkerbundes. Sehr große Aufmerksamkeit wurde der Frage der Prozedur bei Appellen von Minderheiten an den Völkerbund gewidmet. Zugleich wurde das Problem behandelt, in. welcher Weise die Vertreter der Minderheiten auch an den internationalen Kongressen und insbesondere in der Union der Völkerbundligen ■ zu einer gemeinschaftlichen Marschroute kommen könnten. Weiterer Gegenstand der Beratung war die konkrete Situation der Minderheiten in einer Anzahl von Ländern. Es wurde mit Besorgnis die Tatsache konstatiert, daß in einigen Staaten die Vertreter der Minderheiten wegen ihrer politischen Aktionen, auch wenn sie noch so loyal sind, den größten Dro hu ng e n ausgesetzt sind. So wurde unter anderem die Situation in Polen und Litauen vielfach berührt. Bei ' dieser Gelegenheit sah sich der Präsident Witten veranlaßt,- namens der Exekutive der Minderheiten ein Begrüßungstelegramm an den Abgeordneten Grünbaum wegen des bekannten Ueberfalles, dem er ausgesetzt war, abzusenden. Erich Ludendorff . hat vor einigen Tagen im Tannenberg-Bund zu Berlin seinen Klischeevortrag über Juden und Freiniaurer gehalten; man kennt seinen sozusagen Gedankengang, daß diese „überstaatlichen Mächte" Deutschland versklaven und ein Paneuropa von Judas! Gnaden .aiifrichten wollen. Interessant an diesem Vortrag ist nur,-daß er stattgefunden hat und daß Ludendorff den über Berlin verhängten Bann wieder aufgibt. Er erschien auch wieder im Reichstag; den Saal betrat er nicht, wohl, aber hielt er in einer dunklen Ecke seiner auf drei Mahn zusammengeschmolzenen völkischen Freiheitspartei eine Vorlesung. Ludendorff wollte' sich wiederum in Erinnerung bringen. Im nächsten Jahre sollen wieder Wahlen kommen. Es gibt aber noch eine zweite Eventualität: die Diktatur, vo;i der die nationalistischen Kreise gerade jetzt sehr viel sprechen. Die-alten Pläne eines. Direktoriums; tauchen wieder .au$; das' „legal" — in-:Deutschlarr| hält man auf Gesetzlichkeit —' auf Grund der Verfassung eingerichtet werden könnte. Es ist dies. ein .Lieblingsplan der' Schwerindustrie, die wieder einmal völkisch kommen muß, um die Aufmerksamkeit von den Liebesgaben für die Stinues-Letite zur Zeit des Ruhrstreiks abzulenkein, eine Affäre, die nunmehr vor den Reichstag "gebracht werden soll. In solchen Momenten empfiehlt sich das Mittel der Judenhetze sehr gut, da das Volk nicht erfahren soll, von wem es eigentlich ausgeräubert wird. Und Judenhetze ist zugleich ein Anlaß, auf die Demokratie und den Frieden loszugehen und die Judenrepublik aller Verbrechen anzuklagen. Das ist auch gute Gelegenheit für Ludendorff und so kam er nach Berlin. Sein Kompatriot AdoK Hitler wittert gleichfalls Morgenluft. Er sprach in Essen — was er sprach, weiß man — vor etwa 5000 Zuhörern, zumeist Industriellen und Intellektuellen. Seine Anhänger sind gleichfalls rührig und überfallen jüdische Friedhöfe oder beschmieren Synagogentore. Alle gemeinsam legen Zeugnis ab für das Wesen, an dem die Welt genesen soll. Jud Süß, die antisemitische Bezeichnung Hauffs für den unglücklichen württembergischen Finanzinann, kommt jetzt in Oesterreich zu Unehren. Die großdeutsche Presse nennt den Finanzmmister Kienböck seit ein paar Tagen unisono „Jud Süß4*. Er wehrt sich aus Budgetgründen gegen die Forderungen der Beamten (die ja sicherlich berechtigt sind) und er führt m seinem. Ressort ein strenges Regiment. Das hat ihm den jüdischen Titel einge- K. BÄSCH. IV.Araentinientr. 22 KOHLEKKOKS Tel. 81.2-87 t«I. 56-403 R«battf«kt1*n d«» KBREN KAJEMETN