Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 13 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen V. b. b. DIE NEUE WELT R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljahrig Kc. 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; f. _ _ T. _____ _ _ _ _ _ __ _ _ _ . _ _ _ _ _ Rumänien monatlich Lei 40vierteljährig Lei 120.-. HER AU SG EBER: - R.OB ERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark I.—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Lander motätlich Schweber Francs 1.50, vierteljäl rij Schweizer Francs 4.50. Jahrgang 1 Freitag, den 16. Dezember 1927 Nr. 13 Oberrabbiner Dr^ Chajes plötzlich gestorbeile Am Dienstag, den 13. Dezember, gegen ein viertel 10 Uhr abends ist Oberrabbiner Professor Dr. Zwi Perez Chajes in seiner Wohnung plötzlich verschieden. Das jüdische Volk hat einen seiner besten Söhne verloren. Einen Führer, Rater, Freund, einen großen Gelehrten und ausgezeichneten reinen Menschen hat ihm der Tod entrissen, einen Mann, der jede Stunde seines .Gebens sein ganzes überreiche« Wissen und Können dem Wohle des Volkes und der Sache des Friedens gewidmet 'und den Adel seines Wesens als ein Geschenk von unschätzbarem Werte der jüdischen Gemeinschaft dargebracht hatte. Was Dr. Chajes dem Judentum bedeutete, das wird erst (langsam sichtbar werden in dem Maße, als uns allen sein Vorbild, sein Rat und seine treusorgliche Aflbeit fehlen wird. Kein, Gebiet öffentlichen Wirkens hat es gegeben, auf dem nioht Dr. Chajes Großes und Vorbildliches geleistet hätte, keine jüdische Frage, zu , der er nicht Gutes und Wertvolles _u sagen hatte. Er war im schönsten Sinne des Wortes ein jüdischer Politiker, einer von denen, die der jüdischen Gemeinschaft den Weg in eine freie Zukunft gewiesen haben. Am tiefsten empfindet die zionistische , Bewegung ,, den, Schlag, der sie in einer schweren Zeit mit lähmender Kraft betroffen hat. Dr. Chajes war der zionistischen Idee mit Herz und Hirn ergeben, einer ihrer berufenen Wortführer und Vorkämpfer, der das Leben des jüdischen Volkes von einer hohen Warte übersah. Im Dienst am Volke ist er plötzlich von uns gegangen und uns bleibt nur die Erinnerung an einen gütigen, warmherzigen Mann von einer biblischen Einfachheit und Schlichtheit des Wesens, von einer' tiefen ■ Menschlichkeit und von einer prophetenihaften Kraft der Rede. Das ganze große jüdische Volk ist in Schmerz und Trauer gesunken. Dr. Zwi Perez Chajes war am 13. Oktober 1876 in Brody geboren. Er entstammte einer alteiv. jüdisphen Gelehrtenfamilie und absolvierte in seiner Geburtsstadt das Gymnasium. Dann studierte er an der ^Wiener theologisch-israelitischen, Lehranstalt und besuchte -zugleich die philosophische Fakultät der Wiener Universität. Im Jahre 1902 ging er als Dozent an das Rabbinersemiritr nach 'Florenz. Er wurde dort bald der Mittel punkt der jüdischen Gemeinde und die Universität berief ihn in die Reihe ihrer ordentlichen •Professoren. Er las mehrere Jahre' über Weltgeschichte und jüdische Geschichte und die Universität gab seine Vorträge im Druck < heraus. Im Jahre 1912 kam Dr. Chajes als Oberrabbiner nach Triest. Sechs'v Jahre später berief,ihn die" Wiener Gemeinde als Substituten für den erf krankten Oiberrabbiner Dr. Güdemann nach Wien und nach des sein] Tode trat er am 3. August 1918 das Amt als Oberrabbiner dei . Wiener jüdischen Gemeinde ani In . der . zionistischen: Bewe-f; gutig;, •der er sich schon in jungen'' Jahrenangeschlossen. hatte,. .tra# Dr. Chajes sehr bald an;die. fljfaf * ren-de Stelle* Ihm war jdas "'jütli^ sehe Volk eine nationale Einheit' deren politische und kulturell) Entwicklung zu einer nationale?" vollberechtigten Individualität ei" lenkend, und bestimmend ' mit-v machte. Er hat'.zu;jenen gehört*/ die ein politisches'Leben 'des Ju- ' dentums mitsohafferi geholfen haben und die mit feurigem Eifer für den, jüdischen Heimstättengedanken und für die Verständigung des jüdischen Volkes mit den anderen Völkern wirkte. ' Die Idee des Völkerbundes, die Chajes aus dem jüdischen Sittengesetz und den Lehren der Propheten ableitete, fand an ihm einen beredten Verfechter, wie er denn überhaupt an allen Problemen der sozialen un[d kulturellen Neuordnung der Menschheit regstes Interesse nahm. Auf großen Reisen, die ihn Überall! hin führten, wo Juden lebten, lernte er Welt und Menschen kennen, trat in Berührung mit den hervorragendsten Persönlichkeiten, -'die sich'willig dem' Zauber seiner Persönlichkeit hingaben. Ausgestattet mit einer glänzenden Rednergabe und mit einer umfassenden universellen Bildung — er beherrschte fast sämtliche Kuiltursprachen in Wort und Schrift — war Ohajes ein vornehmer Repräsentant des jüdischen Idealismus. Seinen Namen kannte die Gelehrtenwelt und die politische Welt und nannte ihn stets in Ehren. Fast unübersehbar ist die Reihe seiner Schöpfungen im jüdischen Leben Wiens, dem er neue Impulse gegeben hat. Jede Schichte der jüdischen Gemein-, (aus dem photogr. Atelier Katz, i., .stubenring 18.). schafft, jede nationale, religiöse, soziale oder charitative Organisation fand in ihm einen verständnisvollen Förderer. Er kam immer, wenn man ihn rief, auf die Rednertribüne, in die Vereinssitzung; er lieh.Bürgern, Arbeitern, Studenten seinenRät und seine Tatkraft. Er hat mit besonderer- Liebe das 'jüdische •Bildun'gswesen betreut, das Pädagogium, das Realgymnasium überwacht 'Er war einer der Vorkämpfer der hebräischen Universität in: Jerusalem, Es is-t fast unmöglich, eine Uebersieht aller Institutionen zu geben, die'von'Dr. Ohajes geschaffen worden sind. i