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Die neue Welt · 1927-12-09 · Heft 12 (9.12.1927) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 12 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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$fltte 6 ■_ _ . Pogrom und Hochverrat. —y. Der plötzliche Tod des Budapester Kultuspfäsidenten Dr. Leder er hat mehr noch als die Vorgänge an den ungarischen Hochschulen die Zustande beleuchtet, in denen sich das ungarische Judentum befindet. Wieder geht eine Welle der Verfolgung über das Land, wieder steht die Regierung an der Spitze und der gesamte amtliche Apparat ist auf die sogenannte Reinigung des gesellschaftlichen Lebens von den Spuren jüdischer Mitarbeit eingestellt. Der Kuiltuspräsident Lederer hat dies erkannt. Die Konferenz mit dem Unterrichtsminister hat ihn davon überzeugt, daß die Regierung alle seit den letzten Wahlen gemachten Versprechungen brechen : will. Sie hat selbst die Gegenagitatiön organisiert, und nachdem sie von den Studentengarden die Hochschulen von den Juden hat säubern lassen, greift sie jetzt über diesen Rahmen hinaus. Schon erfaßt der offizielle Judenhaß das wirtschaftliche Geriet. Die Verwaltungsbehörden sind in aller Stille von. dein Innenminister Scitovsky angewiesen worden, aui ■* jüdische Arbeiter, Kaufleute und Gewerbetreibende Jagd zu machen und sie unter irgend welchem Vorwand aus Ungarn auszuweisen. In der Provinz führte diese Aktion zu großen Razzien, und seit vielen Jahrzehnten ansässige jüdische Kaufleute wurden mit der Begründung, daß sie keine ungarische Staatsbürgersdiaft oder Zuständigkeit besitzen, ausgewiesen. Jetzt wird dieselbe Prozedur in Budapest wiederholt, wo eine ganze Reihen von Kauileuten von diesem Schicksal betroffen ist. So '.Jiat sich also auch die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung bis fast an die Katastrophe verschlimmert. Das Ausland freilich erfahrt wenig von dieser Entwicklung, die übrigens in Ungarn selbst kaum in ihrer ganzen Ausdehnung bekannt ist. Denn die Presseabteilung des Ministerpräsidiums hat den Zeitungen untersagt, über diese Verfolgungen zu berichten. Die Warnung wurde mit den außenpolitischen Rücksichten begründet, was ja einerseits beweist, wie: sejir'sicli die Regierung der Niederträchtigkeit ihrer Maßnahmen üewußt ist, andererseits aber erkennen läßt, daß diese Regierung dem magyarischen Patriotismus der jüdischen Zeitungsleute auch das Gewagteste zuzumuten weiß. Es ist ihr ja bekannt,-mit >veni sie es zu tun hat, und der Kultuspräsiden^Lederer., den in der Erregung über die Mitteilungen 'des Grafen Klebeisberg der Schlag getroffen liat, ist eine Einzelerscheinung. K Nicht alle nehmen diese neueste Wendung so tragisch, daß mit ihrem politischen Gebäude auch ihr Leben zusammenbricht. ' Nun sollte man meinen, daß sich bei Erscheinungen solcher Art doch das Judentum zur Gegenwehr zusammenschließt. Denn der Numerus clausus, die ökonomische Vernichtung des Mittelstandes und die Razzien .treffen doch alle, und die Roheit des Antisemitismus-kümmert sich um keine Partei: Aber mit der jüdischen Einigkeit ist es sehr traurig bestellt, und die merkwürdige religiöse Zerklüftung des ungarischen Judentums wirkt .mit der'politischen Misere zusammen. Das magyarisch gerichtete jüdische- Assimilantentum ^vill seinen .totalen- Zusammenbruch durch einen nach innen wirkenden Radikalismus verkleistern.;.Es will seine Position nicht verHeren. So kraftlos es gegenüber dem antisemitischen Malstrom ist, so feig und liebedienerisch es sich vor dem Geheul der Straße zeigt, so aktiv will es im Innern sein, und seine Lebensäußerungen verlassen nicht das gewohnte Geleise des schmachvollsten Denunziantentunis und der Verleumdung. Was haben diese Orthodoxen und diese Neologen der antisemitischen Regierungspraxis zu sagen? Nicht, daß sie primitives Recht bricht, nicht, daß sie den Minoritätenschutz, den sie für die Magyaren in der Tschechör slowafcei und in Rumänien fordert, durch die Persekution der Juden illusorisch macht; nein, das alles nicht, .Wo.hl aber sagen sie, daß der Zionismus wieder verboten werden müsse, daß also wieder eine Schichte des Judentums den Foltern und Fäusten der Brachialpolitik überantwortet werden soll. Dafür mag wohl hauptsächlich maßgebend sein, daß diese Orthodoxen und Neologen Angst vor der politischen Aufklärung haben, die mit Zionismus organisch verbunden ist. Sie ahnen es, daß der nationale Gedanke der jüdischen Jugend ein großes Weltbild vermitteln und ihr neue Kraft des Widerstandes geben wird. Das würde auch innerhalb der Judenschaft das Ende der würdelosen Nachläuferei bedeuten und den Schutt einer fluch- SIE GM. KORNMEHL QROSSFLEISCHHAÜEREI Zentrale IX., Berggaase 19, Telephon »7-3-99 u. 16-9-31 Lieferant für Heilanstalten JmmJmSh^ »nter Aufflicht des Ehrwürdigen Rabbinats der isr. Kultusgemeinde Wien IX. B«re0. 19 / XVIII., tVährlnswtr« 97 DTE NEUE WELT beladenen Herrschaft hinwegräumen, die den wahren Inhalt des jüdischen Lebens fälschen will und sich dem Pagromterror auf Gedeih und Verderb verschrieben hat. Die Verwegenheit, die die Politik der Herrschenden kennzeichnet,, findet in der Zugehörigkeit Ungarns zum Völkerbund ihre Unterstützung. Es gibt keinen Staat, der dieses Ungarn nicht mit dem stärksten Mißtrauen beobachten würde, und dies nicht etwa wegen der Mentalität des Kaiman Zsupan — die in dem Europa von heute nicht weiter auffällt — sondern wegen seiner politischen Methoden. Ein System,. das Geld fälscht, ist kein beliebter Partner, wohl aber ein stets williger Landsknecht, und darum dauert die Groteske fort, daß Ungarn im Rat der Völker sitzen darf. Aber dieses Ungarn sorgt selbst dafür, daß man die innere Verlogenheit seiner Beschwerden einsieht, und, soweit da noch eine Lücke klafft, muß die jüdische Oeffentlichkeit für die Verbreitung der Wahrheit sorgen. Die Judenschaft hat keine Vertretung im Völkerbund, aber sie hat doch eine Stimme ünd sie muß es immer wieder sagen, daß die ungarische Grafenoligarchie gemeinsam mit jüdischen Hochverrätern — mit getauften und nichtgetauften — die. Erdrosselung jüdischen1 Lebens sich zum Ziele gesetzt hat. Die Zionistische Organisation in Ungarn. Eine Erklärung des Generalsekretärs der Zionistischen Weltorganisation. Nachdem-die Statuten der,.Zionistischen Organisation in. Ungarn nach mehrjährigen Bemühungen von der ungarischen Regierung legalisiert worden sind, ist .von seiten' der orthodoxen Landeskanzlei eine Agitation unternommen worden, die darauf hinzielt, diese Legalitsieriuug wieder rückgängig zu inachen.,. Als ein Schritt'[ in -.dieser Richhmg ist;,i.n der Budapester Zeitung „8 Ora Ujsag" vor kurzem eine Notiz über, die am 16. Februar 1925 stattgefundene Konferenz rdes '^ungarischen kultusministeriums veröffentlicht worden,;welcj)e folgenden Passus enthielt: , „Als auf Ansuchen' des Sekretärs der Zionistischen Weltorganisation Herrn Israel C o h e n beim Kultusminister Graf Klebelsb'erg, eine Enquete stattfand und sämtliche Vertreter der ungarischen Juden sich einstimmig gegen die Legalisierung 'der Statuten aussprachen, richtete der Präsident der orthodoxen Landeskanzlei, Herr Adolf F r a n kl an. Herrn 'Cohen die Bitte, er möchte auf die Legalisierung der ungarischen Organisation verzichten, da .dies, in der ungarischen Judenheit Streit hervorrufen würde, worauf Herr Cohen zur Antwort- -gä'b:' „I.cjh s ehe, daß d i e V n garisch c J u d ern h e i t ->r e ch't h a t: ü n'd ' w ü nsche, auf die s.'e n G, e.g e ij-s'f a n d n ich t m c.h r z u r ii c k- ■zu kö in m etn;"" - Dazu übermittelt uns Herr Israel Cohen folgende Erklärung: „Ich halte es für notwendig, zu erklären, daß die mir zugeschriebene Acußcrüug .unwahr und vollständig aus der Luft sc g r i f f c n ist: Im Gegenteil, ich erklärte, daß die Stellungnahme der anwesenden Vertreter der ungarischen Judenheit falsch und ungerechtfertig t sei lind daß die Zionistische Exekutive, trotz dieses Widerstandes, ihre Bemühungen zwecks Legalisierung der Statuten der Zionistischen Organisation in Ungarn fortsetzen würde. Ich halte es auch für notwendg, darauf hinzuweisen, daß die Konferenz im Kultusministerium nicht auf mein Ansuchen, sondern auf Initiative des Grafen Klebe 1 s b e r g selbst stattgefunden hat. Dabei hat Graf Klebeisberg die ausdrückliche Bedingung gestellt, ___Nf. a daß die Konferenz als str eng ver tränlfc.h' betrachtet werden soll und diese' Bedingung "istalden an der Konferenz Beteiligten mitgeteilt worden, ich erkläre Memit, daß diese Bedingung der vertraulichen Behandlung meinerseits streng gewahrt worden ist und ich bedaure sehr, feststellen zu müssen, daß ein gewisses Element, und zwar aus orthodoxen Kreisen, die zionistische Bewegung mit den Waffen der Unwahrheit und des Vertrau e n s h r u c h es bekämpft." Die Erwachenden und die Orthodoxen. Am Sonntag hat in der Synagoge zu Salgo-Tarjany eine Konferenz orthodoxer Ra'bhine r stattgefunden. Während der Beratungen wurde das Gebäude von den Erwachenden überfallen. Sämtliche Scheiben wurden eingeschlagen und viele Teilnehmer der Konferenz durch Stein würfe verletzt. Die Pogrombande stand unter der Führung eines Polizisten namens Ferenczik. Der Delegiertentag der österreichischen Zionisten. Der Delegiertentag der österreichischen Zionisten: wurde am 4. Dezember' zu Ende geführt. Das in dieser Sitzung neugewählte Ländeskomitee setzt' sich wie folgt zusammen: Dr. Goldhammer als Präsident, Dr. David R othb 1 um, Adolf Böhm, Moses R ath, Frau Sophie Löwenherz, Dr. Georg Wein er und-Haus Kau dl. In das Keren Hapssod-Präsidium wurden gewählt die Herren Obererabbiner Chäj es,. Direktor S. Epler, - Kommerzialrat M. Mark'üs, Dr. Löwenhe-rz, Ludwig Bato und Meier Henisch; in das Nationalfond-Präsidium die Herren Adolf B ö h m, Dr. Leo Gold Ii a m m er und Dr. Rot'hblum; zu Vorsitzenden.des .Parteigerichtes die Herren Dr. Desider Friedman n und Dr. Herzberg.' ■ ' ■". w Der völkische Professor Möller suspendiert,. Wie . der amtliche'•preußische Pressedienst mitteilt,' ist gegen, den außerordentlichen Professor Dr. E. v. Mö ller auf Grund des bisherigen .Ergebnisses; der Vorunter-, suchung nunmehr die Su s-p e n s i o n verfügt worden. Professor M ö 11 c r , hatte. .. in seinen Vorlesungen Schimpfszenen gegen -das Judentum aufgeführt und die jüdischen Studenten schwer beleidigt. Es kam wiederholt. zu lärmenden Demonstrationen, weshalb der Rektor der. Berliner, Universität .gegen .den Professor pinschreiten mußte. Schließlich .verfügte.das. pr.e u ßisc h e Un t e r-: , r i c h t s m i n i s t c r i u m die Einleitung. der Untersuchung. gegen Möller:, die nun mit seiner Entfernung vom Amt geendet, hat. .;t Professor Plate diszipliniert. \ . Aus . W e i m a r wird telegraphiert, daß der Haus-' hältungsausschüß mit ' Lihksmehrheit beschlossen hat, die Etatsteile für die ' ordentliche Professur des Zoologen Plate an der Universität Jena zu streichen. : Professor Plate, der sein Katheder unablässig zu antisemitischen Schimpfereien mißbraucht, hat sich vor kurzem vor Gericht eine unsterbliche Blamage geholt. In einem Verleumdungsprozeß gab er ein „wissenschaftliches" Gutachten ab, daß ein gewisser hoher Beamter von Juden abstammen müsse. Der Betreffende konnte aber dokumentarisch nachweisen, daß sein gesamter Stammbaum „judenrein" sei. , , Das Ende des „Deaborn Independent." Wie aus Detroit berichtet wird, soll der „Deaborn Independent" mit-Ende dieses Monates seih Erscheinen einstellen. Dieses Blatt ist d a s Organ Henry Fords und hat seine antisemitischen Aufsätze etwa fünf Jahre lang veröffentlicht. Ein Teil der Artikel wurde dann als Buch zusammengefaßt und erschien zur gleichen Zeit in englischer und deutscher Sprache unter dem Titel „De r ■unbekannte J u d e". In dem Brief an das amerika* . nisch-jüdische Komitee, in welchem Henry Ford "die Abr kehr vom Antisemitismus aussprach, verpflichtete er sichv. auch zur Einstellung dps Blattes, wobei er erklärte, daß die bekannten Artiükcl nicht von ihm geschrieben worden seien. , Der Block der natiöHaleii Minderheiten in Polen erneuert. Der Wahfcblock der. nationalen Minderheiten Polens für die kommenden Sejm- und Senatswahleu ist zwischen, den Deutschen, Ukrainern, Juden, Litauern und Weißrussen grundsätzlich .wieder erneuert worden. Einige radikale, Gruppen der Ukrainer, die auch das vorige Mal dem B'lockfernblieben, beteiligen sich auch diesmal nicht. Außerdem bleiben ihm die A g u d i s t e n und die jüdische Gruppe aus Galizieu fern. Die Se i.m,\y.ah.l,en .sind, wie bekannt, für den 4. März und die S ena ts wählen für den 11. März 1928 ausgeschrieben worden. IHM A RXER GAS SE 30-32 Telephon ■ 50-5-6 7 und 95-9-38 "■\ ••".Fi! i a l e : ■ ... , ' VI.MARIAHILF E R STR.49 Telephon : 4121 Verl angen Sie f'ros pek te!

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