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Die neue Welt · 1927-12-09 · Heft 12 (9.12.1927) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 12 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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DIE NOTE WEIT Hr. » Keine Wahlrechtsverbesserung in der Wiener jüdischen Gemeinde. Es bleibt bei der Ausschaltung der Frauen, bei der Ausschaltung der Hälfte aller Juden, bei der dreijährigen Seßhaftigkeit etc. In der fetateh uffeiitikheti Sitzung der Wiener Kirschen Gemeinde kam es «nr Entscheidung ober den zionistischen Antrag mf Wahlfechtserwelterung (Dringlichkeitsantra« Stricker Ofid Genossen), nachdem ein volles Jahr seit der Einbringung verstrichen war. Bereits im Vertreterikolfegttinl, dem engeren Auaschuß des Vorstendes, Äiatte der MehrheHsklub wiederholt die Ertdärmtj abgegeben, Jti Fräsen der Erweiterung des Wahlrechtes keinerlei Zugeständnisse machen, Ja noch mehr, üfeerhanot auf keine Diskussion über den Gegenstand einsehen au wollen. In diesem Sinne fiel die Antwort auch aus, welche das Präsidium awf eine von den Sozialdemokraten eingebrachte Interpellation erteilte. Als dann der Antrag gestellt wurde, die Debatte über diese Antwort zu eröffnen, stimmte die Majorität diesen Antrag mit 17 Stimmen gegen 18 Stimmen der Zfonisten und Sozialdemokraten nieder. Zum Zeichen des Protestes wurde nunmehr der Antrag auf Schiaß der Sitzung eingebracht. Er wurde bei gleichem Stirttmverhältnis abgelehnt. Der Sprecher der Sozialdemokraten drohte Im Kamen seiner Gruppe an, daß diese nunmehr keine Sitzung zulassen werde, was Lärmszenen hervorrief. Der weitere Verlauf der Sitzung gestaltete sich jedoch verhältnismäßig ruhig. Die Haltung der Majorität war eine durchaus konsequente. Sie hat von dem Moment an, als die Wahlrechtsfrage durch den zionistischen Antrag aikut wurde, erklärt, nicht das geringste am Wahlrecht ändert zu lassen. Nachdem von ihr nicht« zu erwarten ist, erwächst iür die Opposition und die jüdische Bevölkerung die Pflicht, an die Lösung der Frage heranzutreten. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, weiterhin ruhig zu dulden, daß ein GroßteM der Wiener Juden, vor allem aber die Frauen, von. der Führung der Gemeinde und von der Verantwortung für ihre Arbeit ausgeschlossen bleibt. Wohl stimmt die Majorität in die Klage über das Anwachsen der Abfallbewegung uml die Entfremdung der Jugend ein, aber sie will nicht einsehen, daß parallel mit der AbfaHbewegung die Interesse 1 o s i g k e i t a m G em e i n d e 1 e b e n läuft, die nicht zuletzt dem reaktionären Wahlrecht zuzuschreiben ist. Eine Möglichkeit, das Wiener Judentum aus der gefährlichen Lethargie zu weoken, besteht vornehmlich darin, jeden einzelnen Juden am Schicksal der Gemeinschaft zu interess ieren. Das allgemeine Wahlrecht ist ein Mittel hiefür. Wie es ist, kann es nicht bleiben. * Im weiteren Verlaufe der Sitzung kam. es zu einer Debatte über. Erziehungsträger die durch die Bekanntgabe der Eröffnung einer JugefldbibHat'heik im 2 0. Gerne in de bezirk und Ankündigung mehrerer Lichtbildervorträge angeregt wurde. Die Sprecher der Zionisten und Sozialdemokraten bezeichneten die Erziehungsarbeit der Gemeinde» am Bedürfnis gemessen, als lächerlich gering, was,lebhaften Protest auf der anderen Seite hervorrief. Im Namen der Zionisten sprach Doktor Fried mann, der auf die absolute Unzulänglichkeit der bisherigen Leistungen hinwies und die endliche Itiangrlff* nähme. . eine« durchgreifenden Jüdischen Erziehuogswerkes forderte, damit dem jüdischen Volke seine Jugend erhalten werde. Die Art, wie auf seine Ausführungen seitens der Majorität reagiert, besser gesagt, nicht reagiert wurde, beweist, daß, wie bei der Wahlrechtsfrage, auch hier die Notwendigkeit besteht, die Jüdische OeffettitUch< krit zur Entscheidung aufzurufen. Das amerikanisch-jüdische Komitee* Ende November wurde in New-York unter dem Vorsitz von Louis M a r s h a 11 die 21. Jahresversammlung des American Jewish Committee abgehalten. Mehr als 50 Mitglieder des Komitees aus verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten hatten sich zu den Beratungen eingefunden. Zum Präsidenten wurde Louis Marshall wiedergewählt. Vizepräsidenten sind Dr. Cyrus Adler und Julius .Rosenwald» Schatzmeister ist Isaac M. Uliman. Louis Marshall verlas den Bericht des Exekutiv komitees, der Aufschluß grbt über die im Berichtsjahre seitens des Komitees unternommenen Schritte zur A bwehr der antijüdischen Propaganda in den verschiedenen Ländern der Weit. Ueber Henry Fords Umkehr sagte Louis Marshall, Fords Schritt Werde sicherlich der antisemitischen Seuche entgegenwirken, aber doch nicht alles U e b e 1 gutmachen, das Ford und sein Organ „Dearborn Independent" in die Welt gesetzt halben; immer wieder werden antisemitische Verleumder aus Fords Schriften Anregung schöpfen. Louis Marshall verlas seinen Briefwechsel mit dem rumänischen Gesandten in Washington, George G r e t z i a n u, betreffend die antijüdischen Unruhen an den rumänischen Universitäten, worauf der Delegierte der Union rumänischer Juden in Amerika, Solomon S u f r i n, feststellte, daß diese Korrespondenz sowie Marshalls Unterhandlungen mit dem früheren Leiter dor rumänischen Anleihe-Kommission und .'jetzigen Außenminister Titu- 1 e s c u direkt dazu beigetragen haben, daß — übrigens auf Wunsch des verstorbenen Königs Ferdinand. — die frühere Regierung Avcrescü abdankte und eine neue an ihre Stelle trat. Herr Titulescu übernahm sein Amt erst, nachdem ihm versichert worden war, daß die neue Regierung weitere antijüdische Exzesse n i ch t dulden werde. Louis Marshall sprach sodann Über die Mission der auf Grund seines Abkommens mit Dr. Weizmann gebildeten J e w i s 'h Ägency-Kommission und teilte mit, daß die vxm dieser Kommission ernannten Sachverständigen, die alle Palästina bereits besucht halben, voraus-" sichtlich bald ihren Bericht fertiggestellt haben werden. Es überflügelt durch sein Renommee, seine riesige Witkung DIANA FRANZBRANNTWEIN Mit MENTHOL sämtliche «inländischen Erzeugnisse und Hausmittel. An NervosKtt and Kopftenmerten Leidende wenden nur eine Massage an, um sich zu erfrischen und ihre ermüdende Tagesarbeit fortsetzen zu können. Nehmen Sie nur Diana! Wartföf4 Nachahmungen «reiten Sie tarockr Ueberau erhältlich! Auf Grund dieses Berichtes werden dann die Mltgliedei der Jewish Agency-Kommission, die Herren Alfred Mond, Oskar Wassermann, Felix M. Warburg und Dr. Lee K. Frankel, eine Basis für die künftige Arbeit in Palästina feststellen. Marshall berichtete ausführlich {über die Anstrengungen des Komitees zugunsten der Abänderung der Ein wand er ungsbili in dem Sinne, daß Frauen und Kinder von Personen, die in Amerika wohnen, außer der Öuote nach Amerika kommen dürfen. Der Kongreß kam während seiner 69. Tagung nicht dazu, über die Bill zu verhandeln. Präsident Coolidge hat in seinen Kongreßbotschäften im Dezember 1925 und Dezember 1926 die Notwendigkeit betont, die Grausam k ei tenderEl nwanderungsblll zu mildern, damit Familienangehörige zueinander kommen können. HoffenÜich werde der Kongreß in seiner 70. Periode die Mahnung des Präsidenten beherzigen. In Palästina, fuhr Marshall fort, dauert die Arbeitslosen kr Ise noch ah. In Ruß 1 and hat der Antisemitismus unter den kommunistischen Fabriksarbeitern Eingang gefunden. In Polen gibt es Symptome einer Besserung der wirtschaftlichen Stagnation. In Rum ä ni en kamen weitere Ausschreitungen gegen Juden vor. Akte der Intoleranz •waren . auch in Deutschland und in Oesterreich zu verzeichnen, aber hier stoßen solche Akte stets auf den Widerstand der aufgeklärten öffentlichen Meinung. (?) In Rußland bemühen sich die Presse und die führenden Persönlichkeiten, wie Lunatscharslki, Bucharm und andere, dem antisemitischen Gift entgegenzuwirken. Es kam auch die Angelegenheit der Propaganda für ein Schacht vor bot in Norwegen ..zur Sprache. Durch Vermittlung des norwegischen Gesandten in Washington wurde bei der norwegischen Regierung interveniert; inzwischen wurde das im Parlament eingebrachte Antischächtgesetz zurückgezogen und wird vielleicht ganz fallen gelassen werden. Eine neue arabische Partei» In Jaffa wurde eine neue arabische Partei unter dem Namen „Freie Partei" gegründet. Die Führer der Extremisten begannen einen heftigen Kampf gegen diese neue Partei, die Ihrer Ansicht nach die Einigkeit des arabischen Palästina gefährdet. renzierung mit Ihren neuen Tendenzen herausgearbeitet werden soll. Die „Taxe" hat deshalb einen Wert nicht nur für die jüdische Literaturgeschichte, sondern auch für den Historiker der gesellschaftlichen Bewegungen unter den Juden in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts In Osteuropa. Ist die „Taxe" der Anfang des sozialen Pathos in der jüdischen Literatur, so ist das spätere Werk „Die Stute" (hebräisch „Susati", jüdisch „Die Klatsche") der Anfang; eines nationalen Pathos mit der Mendele eigentümlichen Satire auf eine schwache und morsche Zeit, tyie „Stute", ein Synonym für das in der Diaspora zerrüttete Judentum, ist eine in chronologischer Reihe folgende Darstellung des Kampfes der zwei ^Elemente in der jüdischen Seele, zwischen Sklaventum und Freiheit. Der innerliche Kampf ist der Beginn der Jüdischen Befreiungsidee. Mit. ihr beginnt auch die analytische Selbstbetrachtung, die das jüdische Volk am Ende des 19. Jahrhunderts vollzieht. Manche Kapitel aus der „Stute", in denen die Anklagen der Juden gegenüber den,anderen Völkern gerichtet sind, lesen sich so, als hätte sie Abramowitsch für Nichtjuden geschrieben. In Wahrheit stellen sie bloß eine Polemik mit der jüdischen Intelligenz dar, dte» angehaucht von der französischen und russischen Sozialphilosophie des 19. Jahrhunderts, abseits ihrer Volksmassen stand und die Rettung aus den kläglichen Zuständen in der Assimilation sah. Die „Haskalah" hatte sich noch nicht voll entwickelt, die Antithese im Sinne Dubnows innerhalb der Jüdischen Intelligenz wurde noch nicht bewältigt und selbst Mendele hatte: nach kein festes, prägnantes Programm für seinen Nationalismus. Und doch ist „Die Stute" ein wichtiges Grenzzelchen zwischen der Haskalaepoche und der nationalen Perlode des kulturellen Erwachens des jüdischen .Volkes, ein Grenepfeller zwischen „Sklaventum und Frei« helt" und Freiheit im Sklaventum, deren soziologischen Sinn später Achad-Haam So vortrefflich untersuchte. Jede Zeit hat ihren satirischen Geist, der ihr organisch entwächst und dessen Funktion so lebenswichtig ist wie die der Galle für den Körper. Ein Abramowitsch ist nicht bloß noch als sprachliche Formkraft irgendwie lebendig, sondern bleibt als Gestalt. Seine Sprachgeschöpfe sowohl im Hebräischen wie auch im Jüdischen reden von den Dingen, die die Mitmenschen bedrängen, sie erhalten durch die Satire eine lebendige Funktion in dem geistigen Erdenwallen zugemessen. Diese scharfe Satire bewegt sich in der späteren Periode seines Schaffehs um drei Pole, die drei von ihm benannte Städtchen verkörpern:'Ksalon (In der jüdischen Auflage seiner Werke heißt es Gdupsk) Ist das Symbol jeder geistigen Armut, des Fehlens von menschlicher Bildung und eines umfassenden Blickes für die Welt der Wirklichkeiten, was eine überspitzte Klügelei und Ignoranz zur Folge hat; Bation (Tunjezadowke) — „Luftmenschen" im Sinne Nordaus, Verachtung der Arbeit Und des Handwerkes, und schließlich Kabziel (Kabzansk) — das Ztrum der materiellen Not, die man als Resultat der geistigen Rückständigkeit und des Müßigganges betrachten darf. In der Darstellung und Kritik dieser Umstände erlaubte der Großvater der jüdischen Literatur keine Kompromisse und konzilianten Rücksichten. Sein literarisches Temperament offenbarte eine unabhängige Persönlichkeit, deren Blick nicht vön Parteiblindheit umflort Ist. Von dieser Tendenz getragen und durchdrungen sind die Werke „Sefer Hakabzanim" (Fischfce der Krumme) und, „Emek Habacha" (Das Jammertal), in denen er sich auch als Sprachkühstier von hohem Rang zeigt. Es gibt für ihn keinen Zwist und keinen Kulturkampf zwischen hebräischer und jüdischer Sprache; er kultivierte sie beide, indem er da« jüdische hebräisierte und in das Hebräische das Volkstümliche hineintrug. Sein Stil ist das Analogon der Spreeh¬ und Denkweise in dor Kultursphäre einer Gesellschaft. Auf einer sozialen Kulturschicht ruhte der Autor; ihr entsprechend schrieb er. Das Schöpferische seiner Sprache drückte sich besonders in Naturschilderungen und Erlebnissen der Kinder aus- Wohin Mendele seine Blicke auch wenden mag: bewundert er im Winter au den Fenstern die zierlichen Eisblu.men, ergötzt er sich an dem wallenden und Wiegenden Spiel der farbenprächtigen bunten Schmetterlinge Über blumigen Wiesen, berauscht er sich an der Farbenpracht eines Sonnenunterganges, erhebt er sich wie der Vogel in der Luft und blickt auf die, tief unter ihm vorbeizieheii'de Erde hernieder — überall und/ immer, zeigt sich uns nicht nur die Begeisterung des der Natur entfremdeten Juden, sondern auch die tiefe Intuition des Naturkenners. Ebenso groß Ist seine Kunst in der Darstellung von Typen. Als setin. Buch „Die Fahrten Benjamins des Dritten" erschien (1878), in dem er den Typus eines jüdischen Don Quichote darstellte, erregte es solche Aufmerksamkeit, daß der. bedeutende polnische Dichter Junoscha eigens die " jüdische Sprache erlernte, um das Werk ins Polnische zu übersetzen. Seine Werke sind ja auch in mehrere europäische Sprachen übertragen worden. Mendele war der erste, der die Soziale Differenzierung und Ungleichheit in der jüdischen Gesellschaft erkannte, einer der ersten, die in der Haskalaperlode das natiionale Bewußtsein aufmunterten. Er ist auch der Schöpfer des modernen Stils in der hebräischen und jüdischen Literatur; befaßt er sich mit dem Individuum, so ist er ein vorzüglicher Formmaler; stellt er eine Klasse von Menschen dar, so Ist er ein tiefer Psychologe. i Die kommenden Geiterationen werden in ihm den Kutyirbistoriker erblicken, der uns ein breites Bild .des kulturellen und sozialen Lebens der jüdischen- Gesellschaft des 19. Jahrhunderte in Osteuropa gab.

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