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Die neue Welt · 1927-12-02 · Heft 11 (2.12.1927) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 11 (2.12.1927)
Date
1927-12-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Kr. 11 ** Keine Wahlrechtsverbesserung in der Wiener Kultusgemeinde. Der zionistische Antrag von der Majorität abgelehnt. Am Mittwoch abends fand eine öffentliche Sitzung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde statt. Auf der Tagesordnung stand u. a. der Dringllchkeitsantrag der zionistischen Fraktion auf Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten uud geheimen Wahlrechtes. Der Antrag wurde mit 16 Stimmen gegen 15 Stimmen abgelehnt. Für den Antrag stimmten die Zionisten und die Mitglieder der sozialen Vereinigung. Die Sitzung nahm einen sehr bewegten Verlauf. Max Reinhardt in seiner neuesten Glanzrolle —■ als Jud. Manche Dinge, die in Europa großen Wert haben, sind in Amerika nutzlos, glatt wegzuwerfen. Bei manchen Dingen'ist's aber .umgekehrt. So ist zum Beispiel das Judentum eine Sache, die sich in Europa schwer geschäft- Jich verwerten läßt. Das Judentum hierzulande kostet viel und trägt nichts ein, höchstens Schimpf uud Prügel. Ganz anders in Amerika. Europäische Kapazitäten, Künstler, Literaten und Gelehrte, welche die in neuester Zeit so beliebten Amcrikafahrtcn unternahmen, machten die sonderbare und wichtige Entdeckung, daß drüben mit Judentum viel Geld zu machen ist. Der Stockamerikancr macht Geschäfte, kaut Gummi, kauft seiner Frau Seideiistrümpfc und Schmuck und geht zum Boxen und ins Kino. Das alles so intensiv, daß ihm keine Zeit übrig bleibt. In Konzerte, Theater und zu Verlesungen läuft nur der Jud oder hauptsächlich der Jud, und kommt gar ein Gast aus Deutschland oder Oesterreich, dann hat er wirklich nur mit Juden zu rechnen. Und die Juden dortzulande haben es sehr, sehr gerne, wenn der Darbietende ein Jude ist. Es macht sie ein bißchen stolz. So machen denn alle Violinspieler, Nackttänzerinucn, Psychoanalytiker, Dichter und Maler, welche zu Hause von ihrem Judentumc Heber wenig oder gar nicht reden, sofort nach der Ankunft bekannt, daß , sie Juden sind, sogar sehr gute. Der . Schauspieldircktor Max .Reinhardt, der jüngst unter obligatem Zeitungsgeschrci gegen' Amerika dampfte, machte nach seiner Ankunft die nämliche Entdeckung. „Also rasch eine Portion Judentum herschaffen, eine ausgiebige!" So herrschte er seine« Requisitenrneister an. Aber wo hernehmen? Tn den Kqffern war Reinhardts Judentum lischt zu finden. Konnte auch nicht drin sein, weil Reinhardt vor zwanzig Jahren sein . Judentum im Tauiwasserkcssel einer Wiener Pfarrkirche ersäufte. Wenn es der Kirchendiener nicht auf den Mist geworfen hat, dann iiegts noch 'heute dort. Aber Reinhardt müßte nicht Reinhardt sein, nicht der größ-te aller Verwandlungskünstler, um nicht einen so kleinen Regiefehler fix zu beheben. Er ließ einfach erklären, er sei Jude. Er lief .zu jüdischen Zeitungen und die bringen jetzt . spaltenlange. Reklamc'artikcl und seitengroße Bilder von , Reinhardt,.die. wirklich und ehrlich jüdisch aussehen. Er hat nichts zu. befürchten, denn der Wiener Pfarrer und die '■' TauSzeusen/. sind nicht in New York, und 20 Jahre sind eine::längc Zc.it. — * DIE NEUE WELT > > sehen Umstände in Italien gebieten andere politische Formationen als im Ausland. Fascismus bedeutet Einigung, Antisemitismus bedeutet Destiuktion und Spaltung. Fascistischcr Antisemitismus oder antisemitischer Fascismus ist daher krasse Absurdität. Mussolini fuhr fort: „Wir amüsieren uns ii Italien köstlich, wenn wir'hören, daß in Deutschland die Antisemiten ihr Glück mit dem Fascismus versuchen. Und auch aus anderen Ländern wird uns berichtet, daß dort ein Fascismus mit a n t i s c m i t i s c h c m A n- strich' Wurzel zu fassen sucht. Wir protestieren aber mit aller Energie dagegen, daß auf diese Weisender Fascismus kompromittiert werde. D e r A n t i s e m i t i sm us i.s t ein Pr od u k t der Barbare i, während der Fascismus auf der höchsten Zivilisationssiufe steht und dem Antisemitismus diametral entgegengesetzt ist; Unsere •Tendenz geht dahin, um unsere ,Fahne alle Volksschichten zu vereinen. Wenn wir, .uun die, Juden beiseite ließen, dann würden wir nur auf künstliche Weise das Lager unserer Feinde verstärken,- denn es ist selbstverständlich', daß, wer'nicht mit uns. ist, gegen uns ist." , Disziplinarverfahren gegen Proi. Möller. Der preußische Kultusminister hat die . Voruntersuchungen in dem jüngsten K a t h c d e r s k a n d a 1 an der Berliner Universität abgeschlossen; Er hat nunmehr gegen den außerordentlichen Professor an der juristischen Fakultät Dr. E. v. Müller das Disziplinarverfahreneingeleitet. Wie man hört,* soll dieses, Verfahren mit 'einiger Beschleunigung durchgeführt werden. Nach L:ago der Dinge kann kein Zweifel mehr daran sein, daß Möller seine akademische Lehrtätigkeit wird einstellen müsseii.- \&m&' * . ~_ ^*%ette 8 vorgehen. So sind in Karpathoru Bland zahlreiche Missionäre am Werk und in mehreren Orten ist unmittelbar nach ihrem Eintreffen eine verstärkte Terrorasitat i o n der magyarischen Elemente zu verspüren, denen die Rothcrmerc-Aktion neue Hoffnungen gemacht hat. Im tschechischen Parlament hat kürzlich der Abgeordnete Netschas diese neuerliche Judenhetze zur Sprache gebracht. Aus Berlin wird berichtet: Der Missionsprediger Weinhausen versandte vor kurzem eine Einladung zu einer Versammlung in Berlin im Zusammenhang mit dem „Verein der an Christus glaubenden Juden". Es handelt sich um eine Firmenändcrung; bisher lautete der Name dieser Vereinigung „Juden-christliches Zeugnis an Israel". Ihr Hauptsitz befindet sich in London, Zweigstellen bestehen in aller Welt. Die Bewegung besteht se.it ungefähr 35 Jahren und soll angeblich 150.000 Mitglieder in der ganzen -Welt zählen. Im nächsten Jahre wird ein Kongreß dieser Vereinigung in Hamburg stattfinden. _„ „Juden unter sich/4 Vortrag Nahum Goldmann in Wien. Im Olympia-Saale hielt am Montag abends Herr Dr. Nahum Goldmanit aus, Berlin seinen angekündigten Vortrag. Seine fesselnden Ausführungen hielten die dichte Zuhörerschaft, in der die Jugend überwog, über eine Stunde lang in Bann, und dei starke Beifall am Schlüsse war der Dank fürfdie reichen Anregungen, die Dr.. G o 1 d m a n n ausgestreut hatte. Er führte im wesentlichen aus: Ucber die Frage, wie. eigentlich das Mitcinander- und Nebeneinanderleben der jüdischen Gemeinschaft aussieht, pflegt sich die nichtjüdische . Welt viel mehr Gedanken zu machen als wir. Auch ein wohlwollender oder neutraler Nichtjude-hegt oft phantastische Vorstellungen von dem Grade der so oft zitierten jüdischen Soli-; d a r i t ä t, und er muß dies tun, weil er sonst keine Erklärung finden würde für die Tatsache, daß wir ohne alle materiellen, ökonomischen, und politischen Bindungen seit 2000 Jahren leben und alle Leiden der Geschichte für den Außenstehenden scheinbar mühelos überwunden haben. Für uns Juden war dies eigentlich nie ein Problem. Es gibt in der ganzen vergangenen jüdischen Literatur kaum einen ernsthaften Versuch, einmal eine Analyse der soziologischen Form jüdischen Zusammenlebens vorzunehmen. Was ist es denn, was die Ideen miteinander verbindet, was über. alle Differenzen hinweg menschlich betrachtet sie bindet oder .trennt? Die Formen unseres Zusammenlebens bergen in sich eine Unsumme von psychologischen Momenten, die mehr und mehr tendieren, uns auseinanderzubringen. Deshalb müssen diese Fragen einmal untersucht werden. . . . . ' Eine jede Gemeinschaft in.der Geschichte basiert auf den Elementen der gemeinsamen Vergangenheit, des gemeinsam erlebten Schicksals. Zu ihnen gesellen sich die Elemente der freiwilligen Verknüpfung durch eine. Reihe gemeinsamer Interessen. Zwischen diesen beiden. Elementenkomplexcn muß eine gesunde Proportion bestehen. In der jüdischen Gemeinschaft aber zeigt sich der extreme" Fall, daß das schicksalhafte Element weitaus überwiegt. Bei der. englischen Nation z. B. stellt .nicht die . Vergangenheit, sondern das britische , Imperium mit seiner ungeheuren Realität das stärkste Element ■ dar. . Bei den Juden hat die Solidarität, der Gemeinschaft eine. Form angenommen, für welche, es kaum eine Analogie gibt, Jeder Jude der Gallith empfindet die Gemeinschaft .in..:der. intimsten Form der. Familie. Die Konsequenz : dieser Auffassung, die Einbeziehung alles persönlichen Lebens der Juden in die Sphäre seines Gemeinschaftserlebens war aber nur denkbar in der .Zeit, in der die jüdische:Gemein-, schaft eine Realität war. Heute, in der .Zeit individualistischer Erziehung, ist dies ein , unhaltbarer Zustand geworden. Das Solidaritätsbewußtsein, , das Ja nur theoretisch bestand, war praktisch kaum je vorhanden, und wenn wir heute von den Angriffen und Denunziationen etwa der deutschen Juden gegen die Ostjuden hören/ so finden wir,in der Geschichte sehr viele ähnliche Fälle. Der moderne Individualismus kann aber diese Identifizierung des einzelnen mit der Gemeinschaft nicht mehr gestatten. Die in der Theorie übertriebene Solidarität hat außerordentliche Aversionsgefühle ausgelöst. Das Problem jeder Gemeinschaft besteht darin, wie man die urivermeklr liehen Aversionserscheinungen beseitigt oder auf ein Minimum reduziert. Aber im Judentum haben sich diese Tendenzen angehäuft, und dies ist eine Folge des Ueberwiegens'des Schicksalhaften, demnach eine Folge der jüdischen Leidensgeschichte, die HaOgefühie geweckt hat, die wir im Ghetto nicht abreagieren konnten. Das Volk mußte sie nach innen ausleben. Wenn ein Jude den anderen bekämpft, so fühlt man, das ist nicht die Wfcit gegen den anderen, sondern die Empörung gegen 1$00 Jahre Galuth, gegen Antisemitismus, Pogrom, gegen diese ganze furchtbare Geschichte, und dies zusammen mit den Folgen der übertriebenen Schicksalsgemeinschaft erklärt die Schärfe des inneren Kampfes. Auch der Geltungstrieb/der jedem gesunden Menschen und jedem Volk innewohnt, konnte sich, nicht normal entwickeln und wurde abgedrängt oder entartet. Das iimerjüdische Leben war auf einen engen Bezirk, beschränkt, und so entstand der Zu* \ stand dieses inneren Kampfes mit allen häßlichen Erscheinungen. Die Sensibilität des in seinem elementarsten Wollen unterdrückten Volkes, das in der Zerstreuung tobt«, politisch rechtlos, ökonomisch deklassiert war, fflbrt* nur psychologischen Tragödie der Gatoth, a*t der Generationen von Juden leiden. Wir müssen juuv m der McPötttis fororn*n5 da$ Der Wiener jüdische Komiker Eiseubach erzählte einmal: Der Richter fragt deh Angeklagten: „Sind Sic vorbestraft?'* ~ : „Nein, Herr Richter." — Wie können Säe das sagen? Hier steht zu Protokoll, daß Sie zehn Jahre im Zitchthäus in Stein saßen!" — „Wirklich, Herr Richter? Ich hatte daran vergessen wie an den Tod!" — Herr Max Reinhardt hat auch daran vergessen,-wie an den Tod! . Jüdische Völkerbundliga für Oesterreich. " Wie »ir erfahren, findet am Montag den 5. Dezember 1927 Un F«stsaal der Bezirkssektion für die westlichen Bezirke Wiens, Wien, VIH., Bejinogasse la, die Generalversammlung der Jüdischen Völkerbundliga fi|r Oesterreich statt. Der Präsident, Qbßmbfäw Dr. C h a j e s, wird die Versammlung mit einer Answaphe eröffnen. Herr Dr. Oskar Karbach wird über die Vertretung der Liga bei den Internationalen Kongressen referieren. Gäste willkommen. (Jüdische Vertreter in den Prager Stadträten. - Bei der kürzlich stattgefundenen Sitzung des Stacltverordnetenkollegiums von Groß-Prag wurde-Pr Lydwig Singer zum Stadtrat gewählt. In den .Qrt9/^..^t^V»g-I.---VII. wurde Dr. Angelo Goldstein, in (Jen"Ortsrat'von Karolinental Herr Emil Rosenbergi gewählt, , f M«s§#|ni schüttelt die Antisemiten ab. Der italienische Regierungschef Benito Mussolini empfjng ~ wie der Bukarester „Adeverul" berichtet — mehrere ausländische, darunter auch rumänische, Journ>. lis^ten^und; äußerte sich ihnen gegenüber über Fascig* ■mu'Ä,jii'rt;d;Äptis.e,miti8.iii:USi.. j - -. Der Fascismus, sagte Mussolini, igt, wie ich schon wfcderhjoiU sagte, k e in. e E x p. o r t w a r. e. Die spezjfi« l Die Seelenfänger. Vor kurzem wurden1 von Budapest aus Nachrichten lanciert, daß die „Bewegung" ' der Juden- C h r i s t e n in Ungarn große Dimensionen angenommen habe und tausende Mitglieder zähle, in Wirklichkeit handelt es sich um seit Jahrzehnten bestehende Vereinigungen von Missionären und getauften Jtideu, wie sie überall in der Welt anzutreffen sind und die auch in Ungarn keinen besonderen Erfolg erzielen konnten. Neu ist lediglich, daß sich die ^Veranstalter dieser Bewegung mit besonderem'Elan auf die slowakischen Gebiete geworfen haben und im Einklang mi t der magyarischen I r r cd e n t a jfpilliii In HIIHIBUUMHUIHgll Grundstück U Angelegenheiten f j§ Kauf * Verkauf \ fj Verwaltung H Belehnung ( Hl betreffend | | Häuser »Villen 1 ■ Ccüier ' | 35 wendet sich jeder Interessent an die i 1 T I 33 Realitäten-und Verwaliunjjskanzlel Dr. jur. Harem Somer m Wien/lX.Wähdngerstrarje 3 Telephone: A26-4-47 ♦ 15-50$

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