Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1927-12-02 · Heft 11 (2.12.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 11 (2.12.1927)
Date
1927-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711614-2711625--0135-2713256
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 11 DIE NEUE WELT außerhalb Rußlands Bescheid weiß. Wie rücksichtslos aber die Sowjetmacht in ihrem Bestreben, das Schicksal der jüdischen Bevölkerung mit ihrem eigenenzusammenzu^ 6chmieden, vorgeht, wie sie dabei nicht vor den übelsten Kniffen zurückscheut, beweist folgende verblüffende Geschichte: Vor zwei Jahren riskierte es der einstmals sehr bekannte russische Politiker Vitalij Schulgin, der nach der Revolution ausgewandert war, eine Reise nach Rußland zu unternehmen, um dort seinen verschollenen einzigen Sohn zu suchen. Ein Mann von sehr stark rechts gerichteter Orientierung, ein glänzender Redner und Publizist, den sein Temperament oft in das Demagogentum verführte, dabei von stark exponiertem und giftigem Antisemitismus. Im übrigen war er es, der gemeinsam m i t G u t s c hkow den Zaren zur Abdankung bewogen hatte, eine Episode, der er sich jetzt kaum gerne erinnerte Schulgins Reise nach Rußland war natürlich streng konspirativ, er setzte ja seinen Kopf ein: Langwierige Vorbereitungen, diskrete Fühlungnahme mit manchen Freunden und Gesinnungsgenossen jenseits der Grenze gingen, voran; diese Freunde, die einer „unterirdischen", weitverzweigten, gegen die Sowjetmacht wühlenden Organisation angehören, helfen ihm'.über die rumänische Grenze, bringen ihn nach seiner Heimatstadt Kiew, wo er in der Tracht und Maske eines alten, bärtigen Juden herumgeht, von dort nach Moskau und Leningrad und schließlich zurück in das Ausland. Einige- Monate eifriger Beobachtung des so ganz neu gearteten Rußlands unter höchster Lebensgefahr, das eigene Ziel trotz aller Nachforschungen verfehlt, dafür aber als Ergebnis dieser waghalsigen Reise ein dickes Buch: „Drei Hauptstädte." Hier wird über den Aufenthalt im Sowjetland berichtet, verschiedene Beobachtungen wiedergegeben, interessante Vergleiche zwischen einst und jetzt gezogen und allerlei Reflexionen eingeschoben, Rückblicke in die Vergangenheit, Ausblicke in die Zukunft. Mit einiger Ueberraschung und Resignation stellt Schulgin fest, daß das tägliche Leben stärker als die Politik sei; sitzt man dort längere Zeit, so verleidet sich doch einem die Untätigkeit, man verspärt Lüst zum Schaffen; er selbst, der alte Monarchist, schickte einmal, natürlich unter einem Decknamen einen landwirtschaftlichen Fachartikel an die „Rote Zeitung"... Der Staat ist wie früher autokratisch, alles ist armseliger und schlimmer, aber im übrigen ist alles beim alten geblieben... Soweit das Fazit 'der „allgemeinen" Beobachtungen. Ein großer Teil des Buches ist indes den Juden; und der jüdischen Frage gewidmet und strotzt von geradezu grenzenlosem Antisemitismus, der im Widerspruch zu dem sonstigen Geschmack des Autors oft in einer literarisch rohen Form auftritt. Mit krankhafter Wut sehnt sich Schulgin' nach dem Augenblick, wo man die Juden Rußlands von Krim 'aus ■■ auf die Schiff e setzen wird, um sie nach Palä-' gtina oder anderswohin zu treiben. Den Schluß des Buches bildet eine erdichtete Gerichtsverhandlung in Kiew gegen ihn, Schulgin, wobei der Staatsanwalt und die Richter natürlich Juden sind, und das Ganze in eine große Auseinandersetzung über die „jüdische Herrschaft" in Rußland mündet. ■«iiilVi Seiten PELZWAREN jeder Art in feinster Ausführung biltigst bei GEBRUDER BRAININ Wien, Ii, Glockengasse 8, Telephon 45-4-33 Wegen der Begleitumstände und wegen des Namens des Verfassers hatte das vor einem Jahr in Belgrad et^ schienene Buch einen Riesenerfolg. Man las und kommentierte es eifrig in den Emigrantenkreisen (Uebersetzungen waren angekündigt), aber noch eifriger und gieriger weidete man sich an ihm in Rußland (wo es unter der Hand leicht zu kriegen war), bloß weil es ein Antl« bolschewikenbuch, also eine verbotene berauschende Frucht war. Welche schädliche Wirkungen für die Juden die giftigen Säfte dieser Frucht auslösten, kann man sich vorstellen. Und nun kommt erst die große und echte Sensation! Wladimir B u r z e w, der seinerzeit den berühmten Asew entlarvt hatte, stellte vor kurzem in einer Pariser Wochen*« schrift unumstößlich fest, das Schulgin in die Hände von „Agents provocateurs" der „staatlichen politischen Verwaltung" (Tscheka) geraten war! Jeder Schritt Schulgins in Rußland war auf das genaueste kontrolliert. Seine ehemaligen „Freunde", die ihn überall begleiteten, standen im Dienste der Tscheka und die ganze Reise war auch auf die Initiative dieser letzteren hin unternommen. Aber nicht genug: das in Belgrad in einem Emigrantenverlag erschienene Buch „Drei Hauptstädte" war erst nach der Genehmigung der Moskauer Tscheka gedruckt! Und zwar geschah dies so, daß die „Freunde" des genasführten Schulgins, die an der Spitze einer angeblichen geheimen konterrevolutionären Organisation standen, ihm erklärten, sein Buch müßte erst von ihnen auf seine Uebeneinstimmung mit den Zielen der inneren Konterrevolution geprüft weiden. Zwischen dem Zeitpunkte der Rückkehr Schulgins, und dem Erscheinen seines Buches verging auch ein ganzes Jahr, und während dieser langen Zeit überlegten sich die Tscheka und vielleicht auch andere Behörden jedes Wort des Buches auf seine Verwendung Tür die Ziele der bolsch e w ikischen Politik... Doppeltes und sogar dreifaches war durch' diese Provokation erreicht. Ein alter Monarchist 'bekennt, daß das Leben auch unter dem "Bolschewismus vorwärtsschreitet, daß seine Macht stark und letzten Endes nicht schlechter als jede x-beliebige "andere sei. Welche Wirkung in der Emigration, welche Wirkung iin Rußland! Weiter: Eine konspirative Reise nach Rußland ist natürlich umständlich und nicht ohne Gefahr, aber seht ihr, diese Gefahr wird doch stark übertrieben: drei Monate weilte in Rußland so ein. „Leckerbissen" für die Tscheka und kommt doch unversehrt zurück! Die Wirkung blieb nicht aus. Viele Emigranten von durchaus edler Gesinnung, wie Fürst Dolgorukow, sind dem Beispiel' Schulaus gefolgt und büßten dabei ihr Leben ein. Und nun die jüdische Frage: Da könnt ihr sehen, Juden Rußlands, was euer harrt, wenn wir Bolschewiken einmal weg sind! Unser Schicksal ist euer Schicksal! Und ihr europäischen und amerikanischen Juden, merkt euch das ebenfalls an! Helft ihr den Bolschewiken, so helft ihr damit auch den russischen Juden! Dieser Fall wirft ein grelles Licht auf den Zynismus der Sowjetherrscher in der jüdischen Frage. Die jüdische Oeffcntlicbkeit hat fürwahr allen Grund, gegenüber den iBolschewiken auf der Hut zu sein; Es ist, wie man sieht, diesen Leuten ein System, den Antisemitismus übelster Sorte zu provozieren,..bloß um die eigene Machtposition m stärken. Die magyarische Groteske. Julius G ö m b ö s, der Allgewaltige von Horthy- Ungarn, hat, nachdem er Wochen 'hindurch in öffentlichen Versammlungen und in geheimen Konventikeln die rassenschützlerische Studentenschaft und die Mitglieder der sogenannten gesellschaftlichen Verbände zu Pogromen gegen die Juden und zu Ausschreitungen an den Hochschulen aufgewiegelt hatte, plötzlich abzublasen geruht. In jedem anderen Lande mit einer wirklichen Rechtsordnung wäre Herr von Gömbös schon längst unschädlich gemacht worden, die Pogromhelden befänden sich schon längst hinter Schloß und Riegel, aber in Horthy-Ungarn gibt es eben keine Rechtsordnung, und Julius Gömbös ist auch heute noch der wichtigste Machtfaktor im Lande, von dessen Gnade die Ruhe und der Frieden in Ungarn abhängt. Gömbös, ehemals Wahlmacher für Bethlen und Mitwässer der niederträchtigsten Gemeinheiten, spielt mit der •Bet'hlen-Regierung wie die Katze mit der Maus. Er läßt sie hervortreten; hat sie sich aber zu stark hervorgewagt, schnappt er nach ihr und führt mit ihr die lustigsten Grotesken auf. So war es auch jetzt mit dem N u m e r u s clausus. Die Bethlen-Regierung, bedrängt vom Auslande, kam mit irgend einer nebelhaften Milderungsvorfage heraus, Gömbös pfiff und die gesamte Jugend des rassenschützlerischen Ungarn war mobilisiert. Die Bethlen-Regierung drohte mit energischen Maßnahmen, Gömbös stieß ins Alarmhorri, und oüdische Studenten wurden verprügelt, liberale Professoren verhöhnt und mit Tätlichkeiten bedroht. Dann leistete sich Gömbös in seinem Uebermut die höchste Groteske. Er ließ in einer Provinzuniversitätsstadt durch die Studenten den Unterrichtsminister zu einer Studentenversammlung einladen oder — richtiger gesagt — vorladen und dann den hohen Gast von den Herren Burschen1 wie einen Schuhfetzen anspeien, anflegeln, und es hat nicht viel gefehlt, beinahe auch verprügeln. Das war endlich. ein Merks für die Regierung. Da endlich raffte sie sich zu einer energischen Maß n ahme auf. Sie ließ halbamtlich erklären, daß erstens die Vorlage der Gesetzesnoyelle verschob en werden soll, und zweitens, wenn das Abänderungsgesetz — Gott behüte — a u f B e f ah 1 d e s V ö 1 k e rbund es doch noch in dieser Session eingebracht werden DIESE WOCHE lllllllllllllllilllllllllllllllllllilllüllllllllülllllllilllllllllllllllll RXUMEN WIR VOLLSTÄNDIG alle wahrend der Saison angehäuften hochfeinen Stoffreste für Anzüge, Modehosen u.Winterröcke Kann&Fried VI.. Linke Wienzeile 40 Im Hoff „La Fanny." Von Otto Abeles. So nannte man sie in Wiener Diplomatenkreiseri, die Fanny von Arnstein,' geborene Vögele Itzig. Der Arnsteinsche Salon am Hohen Markt war ihr Königreich, hier hielt sie Hof, assistiert von ihrer schönen Tochter, der Frau von Pereira, ihrer Schwester Cäcilie Eskeles und'in der gesellschaftlich so anstrengenden Zeh? des Wiener Kongresses von den übrigen weiblichen Angehörigen ihres Berliner Stammhauses. Die Literatur drängelte sich und wer eines zustimmenden öder gar, aufmunternden Wortes von „La Fanny" teilhaftig wurde, war beglückt. „Ihr Urteil galt ebensoviel und noch mehr, als das einer ganzen Akademie," sagt ein Zeitgenossin scher Memoirenschreiber. Der überragende Einfluß einiger reicher hochkultivierter jüdischer Familien auf das damalige geistige und künstlerische Wien mag manchem wider den Strich gehen. Das Mäzenatentum dieser jüdischen Frauen des Vormärz war gleichwohl eines im besten Sinne des Wortes, und sie haben schon ihre Meriten um Wiens Kunstvünd Literaf« tur. „In den jüdischen Salons Eskeles, Arnstein, Wertheim1» stein," stellt der Historiker Fried jung fest, „fanden Grillparzer, Waldmüller, Lenau, Brahms, Bruckner ein Heim — und nicht im Salon der Fürstin Schwarzenberg..,.1" Es ist ergänzend eine Anzahl Berühmter zu nennen, die speziell im Hause der Freiin Franziska von Arnstein Anlegung und Förderung fanden: Theodor Körner und Justinus Kerner, die Schlegels und die Karoline Pichler, Zacharias Werner und August Varnhagen von Ense. Der letztgenannte hat „La Fanny" folgendermaßen beschrieben: „Eine hohe, schlanke Gestalt, von Schönheit und Anmut strahlend, vornehmen Tons und Betragens, lebhaften, feurigen Ausdruckes, scharfen Verstand und Witz mit fröhlicher Laune vereinend, nicht ohne Belesen^ heit und fremder Sprachen wie der eigenen mit Meisterschaft kundig, war sie in Wien eine höchst auffallende und merkwürdige Erscheinung" — Pßtetau&endl Das nenne ich mir ein Huldigungsblatt. — Varnhagen hat das Porträt bestimmt nicht geschmeichelt. Ein sehr berühmter Monarch soll es überaus bedauert haben, daß die „in Jugendreiz, Anmut, Bildung und Geist prangende" Frau von Arnstein nicht immer in seiner Nähe sein könne — ihr sollt seinen Namen nie erfahren, es war der Kaiser Josef. Frau von Arnstein ga*b den Geist, Herr von Arnstein das Geld, welches für die Gesellschaftsabende in der Stadtwohnung am Hohen ^/larkt sowie in den Arristeinschen Villen zu Hietzing und Baden erforderlich war. Fabelhafte Auslagen! Denn insbesondere während des Wiener Kongresses wurde hier an Aufwand, Großartigkeit, Glanz alles auf Id'em Gebiete der S,alonbetriebe bisher Dagewesene überboten. Bis an die zweihundert Tischgäste, Darbietungen, wie ein Wachsfigurenkabinett als lebendes Tableau, von dem es in der Polizeirelation hieß, die Aru,- stein habe ihren Zweck, die Tableaux mouventa vom Hof zu übertreffen, mit diesem Gesellschaftsabend örreicht. (Wer über den Salon Arnstein zur Kcngreßzei*, insbesondere auch über eine bemerkenswerte Christbautrifeier im Judenhaus näheres erfahren will, möge in dem ausgezeichneten Werke „Die Judenfrage auf dem WiCnter Kongreß" von Dr. Sa!o Baron, R. Löwit-Verlag, nachlesen.) Es waren aber keine bloß auf den äußeren Prunk zugeschnittene Festivitäten, sondern Veranstaltungen voll innerer Kultur und edelster Geselligkeit,- bei denen man — wie die göttliche Rahel nach Berlin schrieb — „nur so viel spricht und zu sprechen braucht, als man will, Leute sieht und hört, die nicht schreien und diskutieren und sich in der Artigkeit halten, die wohltut". Wie sich „La Fanny" darauf verstand, ihr Heim den Gästen angenehm zu machen, geht insbesondere aus einer Epistel der Rahel hervor, die aus Baden datiert ist: „...Frau-von Arnstein noch tausendmal besser als in der Stadt- Au.cn nicht der entfernteste Gedanke an Prätension ihren hausgenössischen Gästen gegenüber, die die völligste Freiheit und nur das Gute genießen, was das bequeme Haus, jg.it sjch bringt,- mit seinen/ zahlreiche« Dienern und Pferden. Sie wollen hier nichts, als sich und die Gäste . unterhalten, ohne Aengstlichkeit." * Ja, die Tochter des Ghetto wußte die angenehme Lebenskunst zu pflegen, wie man sie damals verstand, und war darin ihren seit Generationen in Freiheit und allgemeiner Hochachtung Lebenden noch um einige Nasenlängen voraus.! * „La Fanny" machte auch Politik. Preußische Politik. Da sie aus Berlin kam und eine heiße Patriotin war, nahm sie — als die sächsische Frage die Beziehungen zwischen Preußen und Oesterreich zu trüben begann — eindeutig für ihr. Vaterland Stellung. Gefährlich eindeutig — nämlich durch Verbreitung von Flugblättern. Ihr Haus war ja auch das preußische Hauptquartier während der Kongreßzeit. Ein Tischgespräch wird überliefert, erweisend, daß auch die in jeglicher Kunst der Zurückhaltung so Geübte, in der Wahrung gesellschaftlicher Formen so Erfahrene, sich gelegentlich vergessen konnte. Ihr Gemahl, der ruhige, einfache Bankier Arnstein, war ein hundertprozentigof Oesterreicher und da er seiner Gattin nicht gewachsen war, gab er seinem Protest gegen ihre „skandalös-preußische" Haltung in seiner Weise Ausdruck. Als eines Abends — just in der Zeit gefährlicher Spannungen zwischen den beiden Ländern — ausschließlich Preußen im Hause Arnstein aus den blendenden Salons zur blendenden Tafel strömten (kein einziger Oesterreicher war unter den Tischgästen), setzte Herrn Arnsteins passive Resistenz ein: Er verweigerte die Erfüllung der Hausherrnpflichten und kam nicht in den Speisesaal. Tableau! Eine Schwägerin bewog ihn schließlich mit heißen Tränen, doch noch mit „seinen Gästen zu speisen", aber Frau von Arnstein, aus der Gontenance geraten, rief laut (so überlaut, daß diese Entgleisung der Nachwelt durch Herrn Stägemann erhalten blieb): „Ihr verderbt ihn mir, ich hätte ihm gesagt: Iß du hübsch unten allein, ich werde dir alles schicken." Sie war damals bereits eine Fünfzigerin, weiterfahren, über. kleinliche Eitelkeiten längst hinaus und sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.