Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 11 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 11 Hotel „NATIONAL" Restaurant M\ Wien, II., Taborstraße 18 ™«n3 Zentrale Lage, 900 Zimmer, fließendes m Unter der bewährten Leitung des bestbekamiten Rostaurateurs S. Grüner I kaltes und warmes Wasser und Zentral- VorsUgllchft Wlanar, ungarische und ORI1NTALISCHE; heizung. In allen Zimmern Telephon III (rumänische) Küche. Wienerbräu und Pilsner Urquell Der Fall Grünbaum. Von Robert Stricker. Das Attentat, welches auf den Warschauer Abgeordneten und politischen Führer der polnischen Jndenschaft, Izchak G r ü n b a u m, verübt wurde, trägt nicht den Charakter einer gewöhnlichen antisemitischen Ausschreitung. Es ist weder festgestellt noch auch anzunehmen, daß die Täter aus dem reaktionär-antisemitischen Lager der Nationaldemokraten stammen, wo sonst die Ueberfälle auf Juden organisiert werden. Diesmal ließen es sich andere Kreise angelegen sein, die polnische öffentliche Meinung gegen Abgeordneten Grünbaum" zu mobilisieren, nicht so sehr gegen den Juden Grünbaum, welcher für die Interessen seines Volkes eintritt, als gegen den Juden Grünbaum, welcher der Organisator des Wahlblockes der Minderheätsvölker für die bevorstehenden Parlamentswahlen ist. Das Wahlrecht in Polen ist so zugeschnitten, daß die Minderheitsnationen, die Ukrainer, Weißrussen, Juden und Deutschen, unmöglich zu einer ihrer Kopfzahl auch nur annähernd entsprechenden Vertretung im Parlamente gelangen können, wenn sie gesondert dn den Wahlkampf gehen. Sämmenzersplitterung ist dann die notwendige Folge. Nur durch ein gemeinsames Vorgehen kann dem Wahlunrecht wenigstens teilweise begegnet werden. Abgeordneter Grünbaum hatte bereits bei früheren Wahlen die Bildung eines Minderheitsblockes zustandegebracht und dessen Führung übernommen. Das Resultat war ein gutes. Angesichts der kommenden Neuwahlen ging Abgeordneter Grünbaum wieder daran,, den Mindernedtsblock zu. bilden. Die Führer der Minderheitsnationen, folgten willig seinem Rufe, aber von dritter Seite her setzte ein vehementer Widerstand ein, und zwar von seiten der Regierung und ihrer Parteien. Bei den früheren Wahlen hatte sich die Regierung, bei aller Abneigung gegen die Organisation der Minderheiten, /dem Block gegenüber passiv verhalten. Nun aber entfesselte sie mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln eine Kampagne gegen den Block. Ihre Organe stempelten den Abgeordneten Grünbaum zum ,,Hochverräter" und die Bildung des Blocks zü einem Akt der '„Feindschaft gegen den polnischen Staat", Anderseits wurden die Juden mit allen möglichen Versprechungen ge-, ködert und ihnen für den Fall, als sie dem ..Abge- , ordneten Grünbaum die .Gefolgschaft' kündigen, das1; Blaue vom Himmel versprochen^; Peitsche und Zuckerbrot! Selbs^yerstäridliich; j fanden ' sich Juden, welche der Regierung bei ihrem Versuche, den Juden die ihrer Zahl entsprechende Vertretungim Parlamente vorzuenthalten und sie aufs Gnadenbrot der Herrschenden zu setzen, willig halfen. Ein Teil der Trenriungsorthodoxie, der Agudah, ging ins Regierungslager über und schließlich tauchten auch alte jüdische Bekannte aus der österreichischen Zeit wieder auf. Die ehemaligen Hausjuden des galizischen,;Pölenklubs, die Löwensjtedn, Kolischer, ^iVednhaus^, richtenr.<4nfrufe .-an,.; die, Juden, denr^ochverräter Grünbaum; zu ^verlassen. Wie „sie seinerzeit immer dabei waren, wenn es galt, im Dienste der polnischen .Schjachta ..Ukrainer, Juden und Deutsche zu entrechten, so sind sie jetzt wieder : zur Stelle. Sie, derem fluchwürdigen Treiben im alten Oesterreich nicht zuletzt zuzuschreiben ist, daß der ukrainische Antisemitismus so scharfe Formen angenommen hat, sie, die. Hausjüdeh, welche inr alten Oesterreich den Zionisten in den Weg traten/ als sie ehrliche, . stolze und vernünftige jüdische Politik treiben, fallen jetzt auf Kommando wieder den jüdischnationalen Demokraten in den Rücken.; Abgeordneter Grünbaum . hat sich durch alle, ölese Manöver nicht von seinem geraden Wege abbringen lassen. Er tut, was ein «Gebot der Ehre und der Vernunft ist. Seine Politik macht die Juden unabhängig, Sie sichert ihnen eine ausreichende Vertretung, .die als gleichberechtigter Partner bei niemandem zu betteln braucht, sondern tiberall das Recht für die Juden fordern darf. In Polen und vor dem Völkerbund. Indem er die Juden in ein freundschaftliches Verhältnis zu den gleichfalls um gebührende Vertretung ringenden. Ukrainern, , Weiß-f russen und Deutschen.bringt, dient er dem Gedanken der Demokratie, der Völkerversöhnung und der Solidarität aller nationalen Minderheiten. Er nützt den Juden, aber er nützt vor allem dem. polnischen Staate! Minderheiten, welche systematisch von der Volksvertretung fernegehalten werden, müssen staatsfeindlich werden! Minderheiten, denen man den gerechten Anteil an der Regierung und Verwaltung gibt, werden zu nützlichen- und loyalen Mitgliedern des Staatswesens gemacht. Nur der Staat, welcher diesen Grundsatz anerkennt, kann bestehen und sich ruhig entwickeln. Gewisse Anzeichen sprechen dafür, daß in Kreisen der polnischen Regierung diese Ein** sieht doch zu wirken beginnt. Der Ton der Regierungspresse ist milder geworden. Der polnischen Regierung, welche vor allerschwersten' außenpolitischen und inn'erpoUtischen Aufgaben steht, ist zu wünschen, daß sie zur vollen Einsicht und Erkenntnis gelangt, daß Grünbaum kein Feind, sofern ein wertvoller Freund des polnischen Staates ist, der in seiner aufrechten Art seinem Interesse unendlich mehr Dienste erweist als tausende jüdischer Speichellecker und gelegentlicher, auf Bezahlung spekulierender Liebediener und Häusjuden. Auf Menschen wie Grünbaum kann sich ein Staat in ärgster Not verlassen, die Hausjuden werden weglaufen, wenn's schlechter geht. Auch den Juden Polens ist zu wünschen, daß sie Grünbaums Politik als das erkennen mögen, was sie ist: gut jüdisch, gut demokratisch, daher richtig. Das Geständnis einer edlen Seele. Diamand und Potocki. In dem'Lemberger Organ der polnischen sozialistischen Partei veröffentlichte vor kurzem der ehemalige Reichsratsabgeordnete und jetzige Seimdeputierte Dr. Hermann D i arn a n d Erinnerungen aus der österreichischen Zeit. Die folgende Erzählung scheint uns im Hinblick auf; die in Polen kommenden Wahlen von allgemeinerem Interesse: „Es war im Jahre 1907. In Klelnpölen gingen die ersten Wahlen, auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes vor. sich. , . Der Statthalter, bestimmte, wer in einem jeden der Wahlkreise gewählt werden sollte, und wehe dein Bezirkshauptmann, aus. dessen Wahlverschukleri jemand anderer als gewählt liefvorging. Ich war bereits gewählt. In Stryj hatten Stichwahlen zwischen dem sozialistischen und dem zionistischen, Kandidaten, von denen keiner die absolute Mehrheit hatte, stattzufinden. Die polnischen Nationaldemokraten beschlossen, offen für den Zionisten zu stimmen (?.), und der Bezirkshauptmann stellte den Sozialisten die amtlichen Stimmzettel für die Stichwahl nicht zu. Alles verdichtete sich gegen uns und für; den Zipnisten. Die Genossen aus K p 1 o m e a, wo ebenfalls Siicli- < wählen vorzunehmen war^U; baten mich um eine Intervention 'beim. Statthalter Grafen! Andreas Po tocki, der meineKandidatur leidenschaftlich bekämpft hatte. Nach Erledigung der Intervention lud mich der Statthalter ein, noch zu bleiben, fragte, ob ich, die gegen mich gerichteten , Wahlmachinationen vergessen könne. Als ich antwortete, daß diese nur die Bedeutung des sozialistischen Sieges unterstrichen haben, bat er, daß ich ihm die Ursachen seines Mißerfolges aufkläre. Gerne benutzte ich die Gelegenheit, und in einem zweistündigen' Vortrag versuchte; ich dem: Stätthalter - die; Bedeutung des Kampfes zwischen; uns' und den Nätiohaldemökraten klarzumachen "und vsei'nehr Fehler nachzuweisen, 'der darin bestand, daß er mit Gewalt gegen uns "zugunsten seiner unmittelbaren Erben der Mächt dm Lande entschied. ' .'vr 7 Potöckf sprach kein Wort, er fragte um uichtspiach Beendigung ^des . Vortrages stellte er nur die Frage, w a s er f ür •meine Fr cu nd e tun könne. Das Wort „für die Sozialisten" konnte er nicht herausbringen. — Ich w i e s a u f S t r y j h i n. ,,Es wird der gesetzliche Zustand wieder hergestellt werden. Was soll man noch tun?" „Nichts, überall hat bereits die Gewalt den beabsichtigten Erfolg gezeitigt." In Stryj hat dann der. Bezirkshauptmann am zweiten Tag unseren Kandidaten (Den heutigen Minister Mor acze wski. Anm.'der Red.) zu sich geladen und nach einer kurzen Unterredung verließ er das Zimmer, wobei er den Kasten offen stehen ließ, in dem die den Arbeitern nicht zugestellten Zettel für die Stichwahl versteckt waren. Der Kandidat, nicht dumm, ein Kenner der Geheimnisse der Diplomatcnsprache, nahm unter die Pelerine so viel Stimmzettel als möglich, und ohne Abschied zu JlllllllllillllllllllU i I Klub radikaler Zionhtai B Mittwoch, den 7. Dezember 1927 um halb 9 Uhr abends findet im Klublpkale Cate Atlashof, Wien, I., . Aspemplatz, eine . Klubversammlung *» Gegenstand: „Pas Recht auf Kritik" Referent: Anitta Cohen-Müller Im österreichischen Landesverbände organisierte Zionisten als Gaste willkommen. Zu dieser Ver- Ü Sammlung ergehen keine besonderen Einladungen llllllllllllllllllllllllllillllllM nehmen, eilte er ins Wahllokal, wo die Stimmzettel nioht lange liegen blieben. Zum Wahlkreis Stryj gehörte damals K a 1 u s z. Dort hatte der Bezirkshauptmann schon alles in die Hände der Zionisten übergeben. (Von Diamand erfunden. Die zionistischen Kandidaten wurden ausnahmslPs von den Bezirkshauptleuten verfolgt. Die Red.) Er begriff aber, .daß der Kandidat des damaligen Mussolini nicht mehr der Zionist, sondern der Sozialist war und daß die Windrichtung sich jäh geändert hatte. Der Herr Bezirkshauptmann verfiel auf einen genialen Ausweg. Er verständigte unser Wahlkomitce unter Wahrung des strengsten Geheimnisses, es sei nicht ausgeschlossen, daß am Wahltag um 5 Uhr nachmittags am Rande der Stadt ein Feuer ausbrechen könnte; in diesem Falle wäre die Feuerwehr genötigt, mit dem ganzen Löschapparat am Wahllokal vorbeizufahren; die Sozialisten mögen sich aber nicht vom Platze rühren. Die Voraussehungen des Bezirkshauptmanncs erwiesen sich als richtig. Die Feuerwehr' fuhr aus und riß die vor dem Wahllokal versammelte Masse mit sich. Nur die Sozialisten b 11 e b e n s t e h e n. Die "Wähler wurden in den Hof gerufen, die Tore wurden geschlossen. Als die Masse sich an Ort und Stelle zusammen mit der Feuerwehr überzeugt hatte, daß ein Mißverständnis vorlag und daß kein Feuer ausgebrochen war, kehrte alles zur A b s t d m m u n g z u r ü c k. Es war aber niemand mehr da u n d d i c. W a h 1 h a n dl uns war zu E n d e. Angeblich wurde der Bezirkshatiptmann belobt." Dieser ganz kleine Ausschnitt ans der Vergangenheit ist der unachsamen Feder des Abgeordneten Diamand entfahren. Die Tatsachen stehen gewiß im grellsten Gegensatz zur Notwendigkeit der Reinheit und Ehrlichkeit im öffentlichen Leben, die auch Diamand in seinen Memoiren hervorzuheben nicht müde wird. In uns weckt diese Historie aber noch ganz andere Erinnerungen. Jahrzehnte gehörten die jüdischen Stimmen, die .die jüdiscli'en .Bürge.rmeistcr, Kultusgemcindevorsteher und sonstige Wabimacher deii polnischen Regierungskandidaten gegen Entlohnung lieferten, zum Hauptkapital der Macht des polnischen Adels in Galizieh und in Oesterreich. Nach einer Aufklärungsarbeit von einem Jährzehnt führten im Jahre 1907 die Zionisten in Galizicn die Juden unter eigener Fahne" zur Wahl. Es war eine nationale Erhebung, ein Aufstand. Die Väter folgten den Söhnen. Die Schwarzen in den Ge'meindestuben, der Statthalter, die Bezirkshauptleute, aber auch1 die jüdischen Führer der : polnischen sozialistischen Partei, die Diamands, Liebernl<lnns, sahen sich um -ihr Hauptgut, um die jüdischen Stimmen/gebracht. Es wurden damals die Zionisten Adolf St a nd, Heinrich' G a b e l und Arthur Mahl er gewählt.. Es wäre eine drei- bis - vierfach so starke zionistische' parlamentarische Vertretung erreicht worden, wenn nicht der grausamste Wahlrechtsraub des Statthalters, und seiner Organe erfolgt wäre, denen die Sozialisten gerne die Hand reichten. Dem Abgeordneten Diamand ist für dieses Bekenntnis seiner dien Seele zu danken, Nicht uninteressant dürfte es sein, daß Diamand damals in der Stichwahl gegen Samuel de Horövitz mit Hilfe der zionistischen Stimmen das Mandat erlangte. Moskaus Judenpunkt Von Dr. Benno Hepnor. In Europa und Amerika hört man nicht selten, und in dem Chor der Kommentare zum Schwarzbart-Prozcß waren diese Stimmen besonders vernehmlich, daß die Sowjetherrschaft bei all ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Misere zumindest dem Leib und Leben der Juden den sichersten und kräftigsten Schutz gewähre. Die Bolschewiken, heißt es, besitzen die Macht in Rußland, und ein aggressiver Antisemitismus müßte ihnen am fernsten liegen. In Wirklichkeit sehen die Dinge doch etwas anders aus. Freilich fanden bis jetzt unter dem Bolschewismus keine Pogrome statt, weil durch die mit den Pogromen verbundene Anarchie die Staatsordnung der Sowjets stark gefährdet wäre. Nicht so sehr die kommunistische Ideologie (zumal doch die Masse der jüdischen Bevölkerung zum „Kleinbürgertum" gehöre) und noch weniger natürlich die westlichen Prinzipien des Rechtsstaates, sondern die bolschewikischc Staa tsraison war es also, der die antijüdische Exzeßpropaganda zuwiderlief. Staatsraison ist indessen etwas in seiner Richtung durchaus Unstetes, höchst Opportunes. Weil sich die Juden So >yjetrußlarid vor Pogromen nicht zu fürchten brauchen, möchte die Sowjetmacht nunmehr die Herzen und in weiterer Folge die Kapitalien des Weltjudentums für sich haben, und im Falle einer explosiven inneren Krise rechnet sie mit der angeblichen Konformität ihrer Interessen und der Interessen der jüdischen Bevölkerung als mit ihrer letzten Chance. Diese sehr gefährliche Tendenz wird schon seit ein paar Jahren verfolgt und es wird gut acte, daß mm übe« sie