Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 10 (25.11.1927)
- Date
- 1927-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 10 DIE NEUE WELT Seite 3 LLOYD JRIESTIHO RASCHESTE Wgft BIN DUNG ZWISCHEN EUROPA UND PALÄSTINA ÜBER AaVPTBN MIT DEN LUXUSDQMP ERN „VIENNA" und „HELOUAN" Fahrtrekoid; Triest {Venedig—Alexandrien 3 Tage W[un der volle und wohlfeile Vergnügungsreisen mit ganz modernen Motorschiffen nach INDIEN, CHINA UND JAPAN Auskünfte: Passagebureau, Wien I. Bezirk, Kärntnerring 6 nationalen Hoffrfungen nicht mehr. Judentum war lediglich eine religiöse Ueberzeugungsform; wer sich zu ihr bekannte, war Jude. So entstand eine unhistorische, verblaßte Anschauung, in der das eigentlich jüdische Element sich immer mehr verdünnte, je mehr im täglichen Leben und in der Familie jüdische Form und Sitte schwand und je mehr das Streben nach Gleichmachen die jüdischen Synagogen dem Typus einer deutschen israelitischen Kirche anzuähneln sich bemühte. Verbunden war dieser Emanzipationsliberalismus mit einer durchaus rationalistischen Einstellung, die weiter die Ergebnisse der protestantischen Bibelkritik vielfach zum Maßstab für die Wertung jüdischer Kultur-, 'guter nahm. Ueber das Ergebnis der Entwicklung braucht nicht mehr als ein Satz gesagt zu werden: Areligiosität auf der ganzen Linie, Taufe, Mischehe, weitgehendste Indifferenz. Die Krisis, von der eben gesprochen wurde, hat zu ernster Nachprüfung geführt. Man horcht wieder auf die Manifestation des Traditionellen, man begreift, daß für den spezifischen Charakter der jüdischen Frömmigkeit nicht gleichgültig ist, wer ihr Träger ist und ob dieser Träger, nämilich die Judenheit, ein normales Leben führt, das ihm in Freiheit ein seiner Eigenart entsprechendes kulturellreligiöses Sich-ÄU'Sleben ermöglicht. Fragen der jüdischen Wanderung, der jüdischen Berufsumschichtung, des Aufbaues Palästinas, werden so, während sie dem Liberalis- ' müs öestenfa'*lls; Fragen des jüdischen' Altruismus waren, zu Fragen von eminent religiöser' Bedeutung, weil sie der gesunden Erhaltung des Trägers gerade der spezifisch jüdischen Religiosität dienen und weil als jüdische Religiosität nicht mehr jenes überwundene theoretisch konstruierte Anschaitungssystern gilt. ' Im Lager dieses Jungliberalismus stehen die feinsten Köpfe der jungen Rabbinerwclt in . Deutschland, nicht zuletzt durch Leo Baccks feinsinnige Arbeiten beeinflußt. Fas't alle sind sie treue Anhänger des zionistischen Gedankens; letzte Normalisierung und somit tiefste Ausprägung jüdischer Religiosität soll ein von den abziehenden Einflüssen der Gallith freies Leben in der alten Heimat bieten. Selbstverständlich stehen sie auf dem Boden des jüdischen Volkstums und fordern die Anerkennung der nationalen Bindungen, die das deutsche Judentum mit den Juden der ganzen "Welt, verkn.ürien r Tau sende -so; :1cstimmter haben in Berlin die Jüdische Volkspartei gewählt, weil sie in deren Programm, das die Judenheit Deutschlands hineinstellt in den lebendigen Strom zeitgenössischen jüdischen Geschehens, sich identifizieren. Eine ähnliche Entwicklung läßt sich in weiten Kreisen der r e Ii g i ö s - k o u s e r v a t i v c n Bevölkerung feststellen. Bei aller Anerkennung der Bedeutung der Erhaltung traditioneller Werte war doch etwas von Assimilation auch in diese Kreise gedrungen. Man betete für Zion und Jerusalem, aber eine Frage des persönlichen Lebens, eine Frage von heute und morgen waren die nationalen Hoffnungen und Forderungen des jüdischen Volkes für weite Kreise des konservativen Judentums nicht mehr. Aus dem lebendigen, national-religiösen, historischem Judentum entwickelte sich vielfach etwas Starres, Lebensfremdes, das der jungen Generation keine Erfüllung letzter und tiefster Hoffnungen gewährte. Auch hier, wenn auch in viel geringerem Maße. Abfall, andererseits bei den Besten der Wunsch, dis Fühlung mit dem Gesamtjudcnlum wieder zu gewinnen. Da die konservative jüdische Bevölkerung zum großen Tcii derselben sozialen Schichtung angehört, traf hier besonders stark d;u* gelegentlich erhobene Vorwurf, daß ihre Frömmigkeit sich weit mehr noch, als das bei den deutschen Juden im allgemeinen der Fall sei, zu einer Bourgeois-Religion umbilde, für die ein großer' Teil gerade der tiefsten religiösen Vorstellungen nicht mehr vom Leben erfüllt und deshalb verurteilt seien, versteinerte Formeln zu werden. Auch aus diesen Kreisen strömten breite Wählermassen der jüdischen Volkspartei zu, Menschen, die nicht zuletzt ihre innere Entwicklung direkt oder indirekt misrachistischen Gedankengängen dankten. Einen beträchtlichen Teil der Wähler bilden die Ostjuden. Aus allen möglichen Ländern und Kulturen Osteuropas nach Deutschland verschlagen, gibt ihnen selbstverständlich in erster Linie der Zusammenhang mit dem Gesamtjudentum Kraft und Sicherheit. Es ist uatür- Leset und abonnieret DIE NEUE WELT"! ff1 PELZWAREN jeder Art in feinster Ausführung billigst bei GEBRÜDER BRABNIN Wien, IL, Glockengasse 8, Telephon 45-4-33 lieh, di sie der philanthropischen Haltung sich ihnen kulturell hoch überlegen dünkender westindischer Assimilanten die brüderliche Einstellung der Volkspartci vorziehen, die nur ein einheitliches jüdisches Volk auf der Welt kennt und jede Wertung nach geographischer Herkunft als anmaßend und deshalb ethisch verwerflich, vor alelm aber als unjüdisch schroff ablehnt. Hiezu kommt die breite Schicht der organisierten zionistischen Kreise und ihrer Jugend, und zwar in allen ihren Schattierungen, die selbstverständlich von vornherein der gegebene Kreis sind, aus dem die volkspartcilichcn Wähler stammen. An sie ist Theodor Herzls Ruf von der Eroberung der Geineindesütbcn ergangen, sie haben der neuen Bewegung die Führer gestellt und in rastlosem Ringen und zielbewußtem organisatori- schein Aufbau die Voraussetzungen geschaffen, die die Nicdcrhojaiug der liberalen Fahne ermöglichte. Es darf hie-' bei natürlich nicht verkannt werden, daß die charakterisierte Krise im liberalen Lager, die Entwicklung bei den konservativen und die durch soziale und politische• Maßnahmen ermöglichte Erfassung der osljiidischen Kreise letzten Endes doch nur das Ergebnis dauernder ideologischer und praktischer Arbeit des Zionismus darstellt. Die liberale Majorität, die 70 Jahre in Berlin unbeschränkt die Gemeinde beherrscht hat. ist gebrochen. Das gleiche Ergebnis hatten die letzten schweren Wahlkämp-o in den Großgemeinden Köln und Königsberg. Das heißt selbstverständlich nicht, daß von nun an die religU^- liberale Weltanschauung 'nicht respektiert werden w>fd. Was aber endlich not tut, ist die Intensivierung des jüdischen Lebens, das Aufhören der Fiktion einer „deutschisraelitischen Konfession", an deren Stelle die normale Einordnung der deutschen Judenheit in das Leben der Gesamtiudenheit zu erfolgen hat. Die Auswirkungen dieser veränderten Einstellung werden sich auf maunigfaen^n: Gebieten zeigen müssen. Es sei der pädagogischen Fragen, der kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen gedacht, vor allem des weiten. Gebietes der Jugendpflege und nicht zulk 1 ^j^]^^C^^^^ '^^JI^C^E^^ijE^^' 3 ffl Drei Prager Judinnen. Sie leben längst nicht mehr und ich kenne sie nur aus einigen wenigen Briefen ihrer Hand, die erhalten blieben. Aber die kargen Episteln genügen. Verehrungswürdig, stolz und treu stehen die drei Judenfrauen vor mir, und ich werde mich-hüten, den Vergleich, mit Zeitgenossinnen anzustellen, ganz ergeben der Abmagerungskur, der Eurythmik und den Geheimnissen des Rommyspieles. Nämlich:- Just um diese Jahreszeit, aber um einige Jahrhunderte zurück, Ende November des Jahres 1619, ritt ein Bote von.Prag nach Wien. Der Jude Löbel Sarel Gutniaun hatte ihm ein wohlversorgtes Päckchen Briefe eingehändigt., damit er es Wiener Adressaten bestelle. Diese Briefe, geschrieben von Prager Juden und Jüdinnen, kamen nicht in die Hän'de' der sehnsüchtig harrenden Anverwandten. Der Reitersmann — es waren ja die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges — wurde unterwegs erschlagen . und beraubt. Die Räuber sichteten die Beute, warfen das wertlose, versiegelte Päckchen Briefe weg und durch eines de/ Wunder, die auf dieser Erde walten, gelangte später das Kouvolut völlig unversehrt in das Wiener Staatsarchiv. Vor etlichen Jahren haben zwei jüdische Gelehrte, Landau und Wachstein, den kostbaren Schatz gehoben („Jüdisohe Privatbriefe aus dem Jahre 1619", Verlag Braurimüiler, Wies) und ich dürfte nicht der Einzige sein, der innner wieder nach diesem Buche greift, weil es eine Fülle unschätzbarer jüdischer Kultlirdokumente enthält, unvergleichlich in ihrer Besonderheit. Diese Briefe, sämtlich in der Prager Judengasse zur nämlichen Zeit geschrieben, ja, zur nämlichen Stunde abgeschlossen — in vielen Episteln entschuldigt sich der Schreiber oder die Schreiberiu, daß hier'die Mitteilungen abbrechen müßten, denn „die Braut zieht ein" — * heben gleichsam die Dächer des Prager Ghetto ab. Du siehst bei der Lektüre die Judenheit von damals-in ihrer bewegten Enge, du siehst den Menschen in die Augen, du fühlst den Puls der Hände, die in fliegender Hast über den Briefbogen hineilen — es ist, meine Lieben, ein jüdisches Buch des Lebens, Ich zähle es zu den teuersten, die wir besitzen. Aus der großen Zahl der Gestalten hole ich mir nun mit bestimmter Tendenz einige Frauenbriefe hervor, und ich zweifle nicht, daß auch dem Leser die Drei, deren Wesen aus den rasch ins Hochdeutsche übertragenen Brieffragmenten aufleuchtet, so teuer., sein werden, wie sie mir es sind, seitdem ich das erstemal in diesem Buche las. Die Tochter des Abraham Ha Levi Heier hat böse Tage .hinter sich., Ein Familienmitglied war dem Ni'kolsburger Pogrom Entflohen, kam als abgerissener Bettler heim und die Prager Gasse hat ein blutiger Aufruhr .erschreckt. Sie aber schreibt ihrem Vater nach Wien: „Ich will nicht, .Ihr sollt lesen, was schmerzlich ist, und will nicht klagen, weil uns Gott um das Verdienst unsere» Vorfahren willen errettet hat." Und die Briefschreiberiu beginnt mit anmutiger Frische von Tagesereignissen zu plaudern, erkundigt sich — man erkennt an der geistigen Regsamkeit die bedeutende Frau, wie sie später in der Emanzipafionsperiode die „Salons" beherrschte — nach den großen Geschehnissen der Welt, zeigt besonderes Interesse daran, ob es auch wahr sei, daß Nördlingen durch den Herzog von Bayern erobert wurde . . . Schade, daß-der bangende Vater den Brief der hochgemuten Tochter nicht erhielt. Ihr Schreiben hätte ihn über die Gemütsverfassung der heldenhaften Frau beruhigt. Frau Sarel berichtet ihrem Gatten nach Wien: „. . . Ich weiß nicht, wie ich leibe vor Kummer. Ich esse nicht und schlafe nicht. In guten Zeiten, wenn ich zwei Wochen keine Nachricht hatte, meinte ich, nicht leben zu können. Und jetzt warte ich schon sieben Wochen. Schwer ist die Zeit und ein Pfennig ist jetzt tausend Dukaten wert. Und doch — verflucht sei mir alles Geld und Gut, wenn ich nur von Deiner teueren Gesundheit Nachricht hätte-. . ." Welche Not der Zeit — welche Kraft der Seele! Aber Resel Landau — ich stelle mir sie mit starken, buschigen Brauen und blitzend-kilugen, tiefschwarzen Augen vor — liest ihrer Tochter folgendermaßen die Leviten: „Bcle ist angeikominen. Wie kann man in solchen Zeiten ein Mädchen auf die Reise schicken? Beinahe wäre sie ins Lager geraten, hätte sie sich nicht mit ihren Habseligkeiten ausgelöst. Du schreibst, bei Euch sind viele Fremde. Auch unsere Gassen sind mit fremden' Juden überfüllt. Wir sind knapp dem Verderben entgangen, sie habeu'dic Gasse überfallen. Und i n d i e s e u Zc i t e n schreibst Du wegen des Schleiers. ■ Gott gebe, es fehlte uns nichts als S c h 1 c i e rs c h in u c k . . ." Ich wünschte nicht, daß Frau Resel Landau aufstünde und unsere Dämchen musterte, just wenn s,ie zum Nachtisch die ramponierten Lippen frisch röten, den Etoukopf glätten und das modernste Schönheitspflästerchen, das Monokel, in die Wange stemmen! — Sie war' kurz angebunden, wußte sich kräftig und humorvoll, knapp und vielsagend auszudrücken, wie aus folgender Briefstellc zu entnehmen ist, gerichtet an ihren Wiener Schwiegersohn, dessen Kind sie bei sich in Prag hatte: „Josef fragt immerzu: Großmutter, hat Dir der Vater kein Geld gci schickt? Er möchte gerne schreiben, kann es aber' nicht. Schickst Du ihm Geld, wird er es lernen ..." Drei Präger Jüdinnen aus dem beginnenden' .siebzehnten Jahrhundert. Die tapfere und feinsinnige Tochter des Abraham Ha Levi Heier, die treue, bangende Frau Sarel, die kluge, resolute Resel Landau. Drpi Bildnisse jüdischer Frauen',' aufzubewahren im besten Schrein des Herzens. ' f . Aus einer fremden versunkenen Welt? — Denkt au die Großmütter in euren Familien, sucht unter den alten Damen eurer Sippe, die ihr in Jugeudtageu noch gekannt habt oder die, so Gott will, noch leben. Ihr werdet, ihr müsset Wesensverwandte finden! Otto Abel es. B!ss&su«jäis kommende Woche RÄUMEN WIR VOLLSTÄNDIG unser Lager In hochfeinen Stoffresten für Anzüge, Hosen u. Winterrocke xu wirklich tief reduzierten Preisen Kann.Fried VI,, Mnke Wienzelle 40 Im Hoff