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Die neue Welt · 1927-11-25 · Heft 10 (25.11.1927) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 10 (25.11.1927)
Date
1927-11-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 ME NEUE WELT rfc 10 * negieren ein stärkeres Hervortreten jüdischer Elemente und insbesondere den Bestand einer von Juden betriebenen Organisation. Trotzdem bleibt das Lügenmärchen bestehen und es umgibt sich sogar hin und wieder mit amtlichem Material. So hat im Vorjahre gelegentlich der Londoner internationalen Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels der Schriftführer des deutschen Nationalkomitees, Regierungsrat Dr. K u nd t, einen Bericht vorgelegt, in dem er an der Hand von persönlich angestellten Erhebungen in Oberschlesien Fälle von* jüdischem Mädchenhändel tind Menschenschmuggel erwähnte. Er unter Heß es wohlweislich, diese Fälle im einzelnen zu be sprechen, beschuldigte aber die jüdische Arbeiterfürsorge, daß sie für solche Festgenommene mit Geld und Anwälten eintrete, und er ließ auch durchblicken, allerdings sehr vorsichtig, daß die jüdische Arbeiterfürsorge den Mädchenhandel „zu unsittlichen' Zwecken" unterstütze. Mit diesem Bericht war, was der Regierungsrat in seinem antisemitischen Eifer übersehen hatte, auch das Ansehen der deutschen Behörden getroffen, die er ja der Bestechlichkeit beschuldigte, und der preußische Innenminister beeilte sich, in einem Schreiben an die jüdische Arbeiterfürsorge den Regierungsrat zu desavouieren. Die von jüdischer Seite vorgenommene Ueberprüfung der Behauptungen Kundts (der dem deutschen Auswärtigen Amt angehört) ergab, daß er Wort für Wort gelogen, gefälscht und entstellt hatte. Nicht eine einzige seiner Angaben konnte aufrecht bleiben. Immerhin muß gefragt werden, o'b die deutsche Regierung den Bericht an die Londoner Konferenz offiziell richtig stellen wird und ob es im Auswärtigen Amt noch mehr solcher Kundts gibt. Die Permanente Mandatskommission befaßt sidi jetzt mit der Fertigstellung ihrer Bemerkungen zu den Berichten der verschiedenen Mandatarmächte, die dann dem Völkerbundsrat vorgelegt werden sollen. Unter den wichtigen Angelegenheiten, die die Man'datskommission jetzt behandelt, befindet sich auch die Frage, ob. bei Einkäufen für öffentliche Arbeiten die Verwaltungen der Mandatarländer alle Staaten, die dem Völkerbund angehören, gleich behandeln -müssen, oder nur die Staaten, denen Mandate übertragen worden sind. Diese Frage hat gerade beztiiglicli Palästinas eine gewisse Bedeutung, weil dort im Zusammenhan-g mit -dem Hafenbau in Haifa größere Materialkäufe 201 erwarten sind. Die Konsolidierung in Ungarn schreitet in der bewährten Weise weiter: Der Abbau des Numerus clausus wird'so durchgeführt, daß nunmehr in fast allen Universitäten der-' -Zfös&hd-!der.:iJudehlo^gkeif eingetreten ist. Die Tendenzen der Regierung siiidalso noch überschritten Worden-und diersÄerer^ Jugend bewährte den alten; magyarischen Helden^ geist .Sie; prügelte die jüdischen Studenten hinauf Budapest; Szegedin, rjünikfreberi sind' dem Siegest registe'r einverleibt worden: Alle;Schichten, der tion wetteiferten im Pätnöfismus .und 'auch die ortho d-ox e J uden s~chäff ließ sich nicht ver^ missen. Sie sandte eine " Abordnung zum Unterrichtsminister und ließ ihm erklären, sie habe gegen den Numerus clausus nichts einzuwenden, bitte aber, von dem Kriterium der Nationalität abzusehen, da doch die Orthodoxen sich als Magyaren israelitischer Konfession fühlen. Im Ernstfall würde das wenig nützen und auch die Studenten orthodoxer Konfession würden dies zu verspüren haben. Aber die Erwachenden freut es doch, wenn sie von Juden moralische Unterstützung bekommen und wenn sie erfahren, daß die jüdische Solidarität ein Phantom ist. Die Orthodoxen haben noch ein übriges getan. Sie haben die Zionisten, deren Legalisierung durch die Regierung eben erst erfolgt ist, in den Bann getan. Das ist große Ehre iür alle Zionisten ... Ein Gesetz über Frauen- und Kinderarbeit in Palästina. London. (J. T. A.) In der Sitzung des Unterliauses ersuchte Miß Susam Lawrence den Unterstaatssekretär für die Kolonien um die Mittellinie des Inhaltes des Gesetzentwurfes betreffend die Regelung der Frauen- und Kinderarbeit in Palästina, der dem Kolonialamt unterbreitet werden soll. Mr. Ormsby-Gore erwiderte: Ich habe bereits den High Cömimissioner ermächtigt, dieses Gesetz sofort wirksam werden zu lassen. Auf eine Anfrage Kenworthys erwiderte Ormsby-Gore, die Palästina4?egierung stelle 100.000 Pfund zwecks Gewährung von Krediten an Erdbebengeschädigte zur Verfügung; reine Hilfsmaßnahmen seien der privaten Hilfstätigkeit vorbehalten. lllllllllllllllHIIIllllllllllllH^ QUALITÄTS-MÖBEL QröBt« Autwahl I Billigste Preise I Zohluhgserlelchter ungen! mwum j. wuhi a^,g»Br»3 IIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII Hotel „NATIONAL" S Restaurant S Wien, II., Taborstraße 18 E!Ä3 OO Zlmmftr. fltaßenries .n linier rief hpwÄtiifen f.<*ltun(T rfes hesthekfttitifoti Restaura! Zentrale Lage, J100 Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser und Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewahrten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. Grüner VenUgllche Wiener, ungarische und ORIENTALISCHE (rumänische) KUche. Wienerbräu und Pilsner Urquell Der Feind im Hause. —y. Wien, 25. November. Der Kampf wider alles Jüdische ist von der österreichischen Sozialdemokratie auf -ein neues Gebiet getragen worden. Sie befiehlt den jüdischen Genossen den Austritt aus der Religionsgemeinschaft und um sie in dem Gewissenskonflikt vollständig zu erproben, legt sie ihnen ein Formular zur Unterschrift vor, in welchem die Kinder aus dem jüdischen Religionsunterricht abgemeldet werden, weil die jüdischen Lehrer keinesfalls geeignet sind, Kinder sittlich zu beeinflussen und zu erziehen. Den jüdischen Eltern wird also zugemutet, nicht nur auszutreten, sondern auch ihre Kinder mit dem Gefühl der Verachtung für die jüdische Religion zu erfüllen. Damit wird der Antisemitismus in das jüdische Haus selbst verpflanzt und es ist eine neue, aber sehr bösartige Form der Assimilation geschaffen worden. Das Verdienst gebührt der österreichischen Sozialdemokratie, einer bekanntlich für Freiheit und Recht kämpfenden Partei. Und daß sie sich dieses Lorbeerreis winden kann, erklärt sich zum Teile aus der alteingesessenen Judenfeindschaft dieser Partei, zum anderen Teil aus den Erfordernissen der Taktik: Die österreichische Sozialdemokratie zieht aus der. gegenwärtigen Lage ihre Konsequenzen. Damit hat es die folgende Bewandtnis: Nach den Juli-Ereignissen hatte der freidenkerische Flügel der Sozialdemokratie als Antwort auf Seipels Ablehnung der Amnestie für die Verurteilten eine Abfallsbewegung in der katholischen Bevölkerung propagiert. Die Agitation schien ziemliche Erfolge zu zeitigen und die sozialdemokratischen Zeitungen verzeichneten ansehnliche Listen von Personen, die der katholischen Religionsgemeinschaft den Rücken - gekehrt hatten. Dies rief natürlich eine starke Reaktion hervor und die christlichsozialen Kreise boten ihren ganzen Apparat zur Gegenwehr auf. In einem Ausschuß des Nationalrates kam es zu einer Debatte Mischet S»fr^ .Staatskän-zler,- der:rgegenwärtig>; an der- Koalition der fielengroßen Parteien"arbeitet, beeilte sich, die foejdenkeriabzuschuitelftirDie Sozialdemokratie sorgt ^Lallen heiklen Aktionen.vTechtzeitig für ein Alibi. $e:hat die gegen ,Schältef|dorf Demonstrierenden als fie^nmun-gslosen 'Pöbet; -abgewiesen .und sie hat die Freidenker als eigenen Verband. organisiert, um sich ihrer zu bedienen oder sie zu verleugnen. Wie das die Taktik verlangt. Hier schien es opportun, von. ihnen' abzurücken. Da aber der metaphysische f Kämpfergeist nun einmal geweckt war, mußte man { dafür sorgen, daß er abreagiert werden kann. Und so wurde die Bewegung mittelst einer einfachen £skamotage auf das Judentum abgelenkt. Das ist antisemitische Praxis. Niemals aber ist das Antijudentum darauf verfallen, das jüdische Ha -u s und d i e jü d i sch e Familie zu unterwühlen. Die jüdische Religionsgenossenschaft ist die einzige Form, in der wir heute anerkannt sind, sich in irgendeiner Weise von ihr zu lösen, ist unter den bestehenden Verhältnissen ' einfache Desertion. Auch der freisinnigste Jude,, der sich von jedem Glauben frei weiß, darf Reih' und Glied nicht verlassen. Tut er dies aber trotzdem, so begeht er Fahnenflucht. Wenn er dies aber aus eigener, freier Ueberzeugung tut, so hat er noch eine innere Rechtfertigung. Läßt er' sich aber für politische Zwecke, für das Machtgelüste einer Partei zum Abfall verleiten, so heißt das, daß er sich zum Herdenvieh herabwürdigen läßt. Er läßt sich aber vollends zum Verbrechen bestimmen, wenn er dazu beiträgt, daß Kinder von den Eltern getrennt, daß sie dazu erzogen werd e n, i h r V 01 Je s t u m, für das Tauseride von Märtyrer 11'geb'lutet haben, zu verachten und zu beschimpfen. Gewiß, neben dem Linzer Programm und den Literaturzeugnissen der österreichischen Sozialdemokratie kann sich die jüdische Religion noch sehen lassen. Aber was sollen sich Kinder vom Judentum denken, wenn ihre Väter einen Zettel unterschreiben, wie ihn die Sozialdemokratie ins Haus schickt? Es ist sicher auch hier für das Alibi gesorgt. Bei den letzten Wahlen, als die Sozialdemokratie mit den jüdischen Gruppen um ein Kompromiß bezüglich" Burgfriedens verhandelte, entstand das Komitee der werktätigen Juden, um das zu besorgen, was die Partei offen nicht tun konnte, Jetzt ist so eine Gruppe jüdischer Freidenker in Bereitschaft, die, wenn sie Erfolg hat, belobt werden kann; wennr nicht, so — hat die sozialdemokratische Partei nichts mit ihnen zu tun. Das ist bödenständiges Doppelspiel und die zur Wahrung der Rechte und der Stellung des Judentums berufenon Institutionen müsseh darauf achten, daß das freche Attentat abgewehrt wird. Der Feind kommt ins Haus. _____ Ein getaufter Professor als Förderer der Hakenkreuzler. Der Arierparagraph im österreichischen Skisport. Obmann des Oesterreichischen Hauptverbandes für Körpersport und Delegierter des olympischen Weltverbandes ist "der getaufte Jude Universitätsprofessor Doktor Hau deck. Der Herr hat sich ein nettes Stückchen geleistet. Der haikenikrctizlerische, österreichische Ski verband, welcher satzungsgemäß keine Juden aufnimmt und mit Juden keine Wettspiele -austrägt, ist dieser seiner Tendenz wegen vom Hauptverband ausgeschlossen. Haudeck trat nun an den unpolitischen Hauptverband, der auch Juden und jüdische Vereine umfaßt, mit dem Ansinnen •heran, den Hakenkreuzverein in den Verband aufzunehmen, ohne daß dieser auf den Arierparagraphen verzichten müßte. Darauf erhoben natürlich die Mitglieder des Weltverhandes berechtigten Protest. Herr Dr. Haudeck aber bestand auf seiner Forderung, ja .noch mehr, er teilte mit, daß er "den •Häkenkreuzverein, ohne jemanden,zu fragen, für die nächste Olympiade angemeldet habe. Ohne diesen hinterlistigen Streich eines getauften Juden hätten die österreichischen Hakemkreuzler nie .an der Olympiade teilnehmen können, da der i n t e r n. a t i .0 n a 1 e W e 11 s k iv erb and Vereine mit Arierparagraphen grundsätzlich ausschließt. Wie man sieht, hat es Dr. Haudeck zuwege gebracht,, die Hakerakreuzler .auf krummem Wege zur Olympiade zu bringen und seine Freunde und Wähler beiscu^. zu schieben. Als sich in der Sportpresse gegen dieses Vorgehen Stimmen erhoben, wußte Herr Professor Haudeck gründlich Rat zu schaffen. Unter seinem Vorsitz beschloß der Hauptverband, ," . die Presse zu den Sitzungen der Hauptleitung nicht mehr zuzulassen. Aber noch eine andere Frucht hat die Agitation dieses Herrn gezeitigt. Offenbar' durch das Vorgehen des Obmannes ermutigt, hat der Oesterreichisclie Skiverein, eine •bis. nun unpolitische Organisation und als solche Mitglied des Hauptverbandes, in seiner vor wenigen Tagen abgehaltenen Generalversamml-Uiing plötzlich die antisemitische Fahne gehißt und .die A u f n ahme des Arie r.p a r a- •graphen in sein Statut und damit die Ausstoßung seiner jüdischen Mitglieder beschlossen. Man sieht, wohin es führt, wenn jüdische Renegaten irgendwo .am Ruder sind. Dr. Haudeck hat als Jude seine Karriere begonnen, natürlich von Juden gefördert. Dann wollte er. rascher und höher hinauf und hat sich zu diesem Zweck taufen lassen. Aber die Juden haben ihn weiter (geduldet und gefördert. Jetzt hat er ihnen seinen Dank erstattet. Und sie haben , diesen Dank ehrlich und reichlich verdient! (Siehe auch Artikel „Ein verdienter Fußtritt' im Sportteil.) Berliner Brief. Von Hans Klee-Berlin. Die neue Aera. Die Wandlung .in den Majoritätsverhältnisse*! der Berliner Jüdischen Gemeinde hat in weiten Kreisen auch der nichtdeutschen Judenheit nicht geringes Aufsehen erregt. Berlin galt seit unvordenklichen Zeiten als ein unerschütterliches Böiilwerk des assimilatorischen liberailismus. Von Berlin war im vorigen Jahrhundert die theoretische Begründung der nicht so sehr aus religiösem Bedürfnis wie aus den Interessen des Bmanz-ipationskampfes entstandenen liberalen Weltanschauung ausgegangen. In kaum einer Stadt der Welt hatte die jüdische Volks-idee Jahrzehute hindurch mit so schweren Widerständen zu kämpfen, wie in Berlin. Das alles hat sich so völlig geändert, daß es an der Zeit scheint, dem Gang dieser Entwicklung einmal nachzuforschen. Zunächst kriselt es im L i b e r a 1 i s m u s. Es ist nicht richtig, daß der deutsche Liberalismus noch heute, wie es Jahrzehnte hindurch war, eine festgefügte Gruppierung dar^ stellt, und es ist noch viel weniger richtig, wenn angenommen wird, daß eine einheitliche Ideologie existiert. Recht bezeichnend ist, daß auf der liberalen Tagung in Frankfurt a. Main, die vor kurzem" stattfand, kein einziger, vqu den jüngeren liberalen' Rabbinern teilnahm. Die liberale Doktrin hatte bekanntlich das jüdische Volkstum ydl-lig negiert. Vom Tage der Emanzipation Em galten die mwsianjschen und

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