Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 9 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE NEUE WELT Seite 5 „Das Ungeziefer, das aus der Wüste stammt, muß man unter den Füßen zertreten." In anderen Vorlesungen schimpfte Möller auf „die Sowjetjudeu" und befaßte sich auch mit dem jüdischen Schächten. Die jüdische Studentenschaft wandte sich schließlich mit einer Beschwerde an den Rektor, worauf das Disziplinarverfahren gegen Möller eingeleitet wurde. Am letzten Montag kam es in einer Vorlesung Professor Möllers, als er wieder antisemitische Rüpeleien zum besten gab, zu heftigen Gegendemonstrationen, so daß Möiler den Vortrag abbrechen und den Saal verlassen mußte. _ Die Legalisierung des ungarischen Zionistenverbandes. In «Budapest fand vor einigen Tagen eine gemeinsame Beratung von Vertretern der neologen und orthodoxen L a n d e sk anzlei c n statt. Gegenstand der Beratung war die unerwartete Genehmigung des zionistischen Verbandsstatutes durch die ungarische Regierung und die Mittel zur gemeinsamen Abwehr der zionistischen Propaganda. Das zionistische Organ „Zsido Szcmle" knüpft hieran mit Recht die Bemerkung, daß sowohl die Orthodoxen, als auch die Neologen, die immer vorgeben, die religiösen Interessen der Juden in Ungarn zu schützen, wohl zweckdienlicheres leisten könnten, wenn sie zur Abwehr gegen die neuentstandene Bewegung der cb r i s t u s g 1 äu b i g e n Juden in Budapest aufrufen und entsprechende Vorkehrungen treffen würden. Aber hierüber empfinden die Assimilantenführer beider Richtungen keinerlei Beunruhigung. Beunruhigt sind sie bloß durch den Triumph des Zionismus, den sie bisher durch das Schreckgespenst der Illegalität zu unterdrücken vermochten, der aber nunmehr mit großem Erfolg in die breitesten Schichten der ungarischen Judenschaft dringt. 50 Jahre „Hatikwah". Vor genau 50 Jahren hat der hebräische Dichter Naphtali Herz Imbcr das Lied „Hatikwah" geschaffen, das «oinige Jahrzehnte später zur Nationalhymne der Zionisten geworden ist. Aus Anlaß dieses Jubiläums gibt Schmarjah Imber, der in Palästina'lebende Bruder des Dichters, die Gedichte Naphtali Herz Imbergs gesammelt heraus. _ Zum Mord an Elsa Niego. Man erinnert sich noch an die überaus kritische Lage, in welche die Juden der Türkei infolge der Ermordung des jüdischen Mädchens Elsa Niego und der Beteiligung von Juden an ihrem Leichenbegängnis geraten waren. Die Juden wurden unter Anklage des Hochverrates gestellt und es hat große Mühe gekostet, bis sich die Gemüter wieder beruhigt haben. Als ein Ausläufer dieser Affäre ist, wie uns ans Konstantinopel geschrieben wird, der Prozeß anzusehen, dessen Hauptverhandlung vor kurzem stattfand. Als Angeklagter erschien der 67jährige Josef Pardo, der nahezu 40 Jahre hindurch als Lehrer der französischen Sprache an verschiedenen türkischen Militärhochschmlen tätig war und zu seinen Schülern hochgestellte Militärs und Diplomaten zählt. Als der Prozeß gegen die neun Juden, die sich afl dem Leichenbegängnis der Elsa Niego beteiligt hatten,,begann, richtete Pardo an seinen ehemaligen Schüler und zurzeit Beamten des Ministerrates Ezmat Pascha einen Brief,' in welchem er seinen Schüler bat,'sich für die Befreiung der Juden, von deren Unschuld er überzeugt sei, einzutreten, was* ihm ja bei seinem bekannten Gerechtigkeitssinn nicht schwer fallen werde. Dieser Brief soll nun bittere Ausfälle gegen die türkische Justiz und die Hetzpressc enthalten haben. Ezmat Pascha zeigte seinen Gerechtigkeitssinn in der Weise, daß er den Brief seines Lehrers der Staatsanwaltschaft übergab, worauf Pardo verhaftet und wegen Beleidigung der türkischen Justiz unter Anklage gestellt wurde. In der HauptverhandJung benützte der Staatsanwalt die Anklage gegen Pardo zu einer allgemeinena n t i s c mi- 'tischen Anklage gegen die Juden überhaupt, die jede noch so unbedeutende Gelegenheit wahrnehmen, um Iii' der Trükei Unruhen zu stiften. Der Angeklagte verteidigte sich damit, daß er ah seinem ehemaligen Schüler, den er als guten Republikaner kenne, im Interesse der Familie der damals verfolgten Juden einen Brief schrieb, in welchem er den Minister gebeten habe, nicht zuzulassen, daß in der Republik undemokratische Rcchtsh'andlun.gcn durchgeführt werden. In einem Schreiben an das Gericht stellte Ezmat Pasciia fest, daß Pardo sich als Lehrer an verschiedenen militärischen Hochschulen große Verdienste und Verehrung erworben habe. Wenn auch der Brief manche Entgleisungen; enthalten , mag, so sei doch nicht abzunehmen, daß Pardo, den seine Schüler förmlich wie einen Vater anbeteten, auf seine alten Tage sich illoyal erweisen wollte. Auf Grund dieses Schreibens wurde Pardo freigesprochen und aus seiner langen Haft entlassen. TRETORN" 21 25™ Jüdische Geschichte an der Universität Saloniki. Der griechische Unterrichtsminister hat die Errichtung eines Lohrs-tuhles für jüdische Geschichte angekündigt, der Herrn Professor Lazare Belle Ii. der bekannten Autorität auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtsforschung anvertraut werden wird. Die Ernennung wird in kurzem stattfinden. Professor Bciieli wird über die arabisch-spaniolische . Periode vom Jahre 1000 bis 1492 lesen. . Ernennung. Der Assistent an der zweiten chirurgischen Klinik Dr. Felix Man d l ist zum Dozenten für Chirurgie an der Wiener Universität ernannt worden. SPEZIALIST Ifür Kinder- und Mädchenzimmer-, Kuchen- und Vor- ■ zlmmer-MOBEL. Schlaffauteuils, Diwans und Ottomanen elee- ■ ncr Erzeugung. Geschäftsbesfand seit 60 Jahren. Motto: Großer ■ Umsatz — kleiner Nutzen. Größte Auswahl! Billigste Preist! « loset Kobli » &Sohn, VII., Sieben «lerng. 12 | Die Warschauer Stadtgemeinde errichtet jüdische Schulen. Der Warschauer Magistrat beriet in seiner letzten Sitzung über den Bau neuer Schulgebäude, insbesondere auch für die jüdische Schuljugend. Die Regierung wurde ersucht, in den von Juden bewohnten Stadtvierteln drei Bauplätze zwecks Erbauung jüdischer Schulen zur Verfügung zu stellen. Sobald dies geschehen ist, Wird. der Magistrat mit dem Bau dieser Schulen beginnen. Der Magistrat stellte ferner in sein Budget für 1927/28.mehrere Posten für jüdische private Schulen ein. Verstadtüchuiig der Rothschüdschen Bibliothek in Frankfurt. Der Schulaiusschuß der Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt a. M. ist der Magistratsvorlage beigetreten, nach der die Verstadtlichung der Freihcrrlich von Rothschüdschen Bibliothek vorgeschlagen wird. Der Wert der Büchersammlung, die 931000 Bände umfaßt, wird auf 700.000 Mark geschätzt; ferner fallen der. Stadt : damit Liegenschaften zu, - deren Friedenswert man mit' 900.090 Mark angibt. Perser teppicha ■in großerAuswahl enorm billig bei S o m m er freu« «3 VIII. Josef stääterstraße 35 — Telephon 32-1-S7 Im Sommer Ba d Gast cinyRaiserpyomenade wisse er nicht Unsere Brüder-Zionisten erinnern sich Pküns nicht und vergessen es. Bitte, wenn ihr nach Jerusalem imd Jaffa zurückkommt, saget ihnen dort, unseren Brüdern- Zionisten, daß es nicht gut sei, was sie tum. Daß sie unser vergessen und uns thioht helfen. Wir haben diesen Boden 2000 Jahre behütet. Wir wichen nicht von hier. Hier lebten v unsere Eltern und hier starben sie. Wir haben ein „Stück" Erez Israel gehütet. Warum läßt man . jetzt uns den Boden unter den Füßen entgleiten? Und der verlorene Boden läßt sich schwer zurückgewinnen. Der Druse, der in den Bergen wohnt, ward seinen Boden um keinen Preis der Weit hergeben. (Es gibt noch eine Möglichkeit, im angrenzenden Gebiet Boden zu kaufen; dieser wird so unsere Position auch dort stärken, wo der Boden nicht mehr uns gehört.) Und mhser Messias ist noch immer nicht gekommen , Und wenn unser Messias kommt, dann werde wieder auferstehen R. Josse von Pkiin, dessen Grab wir jetzt be-. suchen gehen; er, R. Josse, und R. Josua ben Chanauia, sind der Stolz der Juden von Pkiin. Ihre Gräber hüten sie yol'er Hingabe. Wenn nicht sie wären, würde wohl schon der letzte von ihnen den Ort in der Not verlassen haben. Sie sind es, deren "Andenken zurückgeblieben ist von all den Heiligen, die in Pkiin begraben sein mögen. Ihr Andenken behüten auch die übrigen Dorfbewohner, die Nichtjuden. Auch sie kommen zur Stätte der „Söhne Jakobs", um ihr Herz auszuschütten. Und die „Söhne Jakobs" selbst kommen zu R. Josse, besonders am Vorabend des Versöhnungstages. Er, R. Josse, werde erwähnt im „Sohar", Abschnitt Balak. Und noch etwas: Sein Grab befindet sich hl der Nähe der Höhle des R. Simon ben Jochai und dessen Bockshornbaumes. Die Höhle und der Baum seien nicht mehr das, was sie'in früheren Tagen gewesen. Die Höhle habe sich gleichsam zusammengezogen, sei eingeschrumpft. Sie sehe wie ein schmaler Felsspalt aus. Sie sei ganz mit Ruß bedeckt. Die Leute Pkiins zünden hier Ocl an zum Andenken an diesen Gelehrten. Unter der Höhle gebe es, die Quelle des R. Simon. Auch sie habe ihr Wasser versagt. Und der Bockshornbaum seit nicht der des R. Simon, er sei der Sohn jenes Baumes, Auch er verweigere seine Frucht:\Er,, dessen Vater dem großen Gelehrten Früchte geliefert* werde keine Früchte mehr anderen geben. So erzählt. R, Abraham. Und noch erzählt er. Alle Sagen, die sich an den Ort knüpfen. Er erzählt eine Geschichte von einem „Goi", der in der Nähe eine Mühle gebaut (er zeigt uns den Ort, der wie ein Ofen aussieht), er wollte seine Mühle mit dem Wasser betreiben, das hier floß. Da sei ihm des Nachts im Traume der Zaddik R. Josse erschienen und habe ihm gesagt: „Baue hier keine Mühle!" Da fragte der j,Goi": „Und wovon soll ich mich ernähren?" Da antwortete der Zaddik: ,,Komme jeden Tag hieher, und du findest hier einen Sack Mehl bereit." Und so geschah's. Als der Goi früh aufstand, war das Wasser verschwunden. Es gab kein Wasser in der Mühle. Fort war es. Und da stand ein Sack Mehl. Er nahm ihn und backte daraus Brot, Und seit damals kam er jeden Tag und fand einen solchen Sack. Deswegen nennen die „Goiim" den R. Josse „Abu Tachin", das heißt „Vater des Mahles". Das sei sein Name und dies sein Grab bis auf den heutigen Tag. Und von den fernen Sagen gellt R. Abraham zu einer näheren Sage über. Der jüdische König (gemeint ist der frühere: Oberkömmissär Palästinas Herbert Samuel) — Gott schenke ihm langes Leben — kam vor drei Jähren, als er den Galil besuchte, auch nach Pkiin. Auf einem Rosse reitend sei er gekommen. Mit großem Gefolge. Er habe die Höhle des R. Simon gesehen and das Bethaus. Er, der Erzähler, habe seine Hand leibhaftig gedrückt, er habe sie auch geküßt. Er wollte ihm sagen: Du bist doch ein Jude. Deine Eltern sind in die Verbannung g e g a n g e n. Warum schenkst du nicht deine Aufmerksamkeit Pkiin und seinen Bewohnern? Warum bist du wie ein Fremder hier? Er wollte das sagen, aber habe nichts gesagt. Vielleicht war es gerade der rechte Augenblick gewesen, und er habe ihn versäumt. Er sei doch ein Jude ... Andere jüdische Gäste kämen fast gar nicht nach Pkiin. Früher pflegten die Leute aus Zfath und Tiberias, die im Sommer frische Luft genießen wollten, Iterzuikommen. Jetzt nicht mehr. Vor einigen Jahren, im Kriege—-* erzählt der Alte — habe er Zuckerwaren in Bet G'en verkauft. (Dies sei ein drusisches Dorf, doch haben früher auch: Juden dort gewohnt. Jetzt gebe es dort einen jüdischen Friedhof.) Er habe einen einzigen Sohn gehabt, der auch , verkaufen konnte, doch sei er in den Kriegstagen fort und ist verschollen. Damals habe man ihm, dem Vater, mitgeteilt, daß sein Sohn in Jaffa sei. Er ging, ihn zu suchen. Er kam nach Jaffa, da sagte man ihm, er sei in einer der Siedlungen Judäas; und er ging auch hin. Er fand ihn nirgends. Er habe viele Tränen um ihn vergossen, wie unser Vater Jakob um Josef. Auch jetzt weine er noch um ihn. Es sei ihm so weh. Er war jung, ein Einziger, und von solcher Größe (er zeigte auf mich). Jakob habe er geheißen und Schuhputzer sei er gewesen.. Bitte, wenn ihr irgendwo einem Schuhputzer namens Jakobbegegnet, der so groß ist wie der da, saget ihm, sein alter-Vater Abraham Nakibli aus dem Dorf Pkiin gräme sich sehr um ihn. Bei Tag und bei Nacht nage der Gram an seinem . Herzen. Er wolle, daß er zurückkommt. Bitte, vergeßt es nicht .zu sagen. Es wird euch hoch angerechnet. werden. -Sieben Jahre sind es, seitdem er verschwunden ist, "wer weiß, ob er noch lebt? Die Worte Abrahams waren voller Trauer; Der Gott der Melancholie begann seine Fittiche ' um uns zu breiten. Da stand einer auf, überwand die Stimmung und begann ein Lied, ihm folgte die ganze Gesellschaft; Auch getanzt wurde. Bei der Höhle des R.' Simon'ben -Jochai. Ach, wäre hier der einzige Sohn des Alten, er würde auch mitgetanzt haben. Doch wer weiß,-ob er noch lebt? ~ Als wir in unsere „Herberge", in das Bethaus des R. Simon ben Jochai, zurückkehrten, war es Nacht. Zu unseren Ehren zündete man' sämtliche Oellamperi an. Zu unseren Ehren versammelten sich dort alle Pkiiner, alle, deren Eltern nicht in die Verbannung gingen. Alle, welche — nach den Worten des alten Naki'oli — weder Sephardim noch Asohkenasim noch „Schomronim" sind, sondern einfach Juden. So werden sie auch in die Regicrungsinatriken eingetragen. Es fehlte auch nicht an „Reden"* Einer aus unserer- Gesellschaft erhob sich und sagte; „Freunde, hier steht vor uns ein Jude,-der nicht in d.:e Verbannung ging, dessen Eltern und Ureltern nicht in die Verbannung gingen. Wir sollten uns vor ihm schämen. Wohl uns, daß wir es wert waren, ihn .zu sehen. Nicht wir, sondern er und seine Väter haben dieses Land behütet." Eine Woge von Sentimentalität ergoß sich über uns alle. Tränen in den Augen. Vielleicht war es das erstemal, daß wir uns wirklich schämten, Galuthkiiider zu sein. Und nachher kam die „Hora". Ein weiter Kreis, mitten im Kreis der alte R. Abraham, und das Bethaus ertönt von Gesang: „El jiwneh Pkiin! El'jiwueh Pkiin!" Gott erbaue Pkinn.) Inzwischen kam eine Gruppe Drüsen aus dem Dorfe, Ihre Nachbarn, die Juden, haben Gäste, da kamen sie, um sie zu sehen. Und der Kreis erweiterte sich und die Drusen im Kreis. Dann ein- „Ouett"-Tahz, einer von uns, einer von ihnen. Und hier sahen wir zum erstenimal den drusischen ,,Doib!ka"-Taiiz, feurig, flammend.