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Die neue Welt · 1927-11-18 · Heft 9 (18.11.1927) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 9 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 9 DIE NEUE WELT Seite 3 Balfour-Bankett in London. Erklärungen Ormsby-Gores und Balfours. Aus London wird uns berichtet: Am 10. No- : vember fand hier im Savoy-Hotel ein Bankett zur Feier des zehnten Jahrestages der Balfour-Deklaration statt. Den Vorsitz führte Baron James Rothschild. An 600 führende Persönlichkeiten des politischen Lebens Englands nahmen an der Feier teil. Marquis von Reading, der frühere Vizekönig von Indien, brachte im Namen der Regierung einen Toast auf Lord Balfour aus. Der Unterstaatssekretär Ormsby-Gore entschuldigte die Abwesenheit des Kolonialministers Amery und erklärte sodann: „Die Politik der Baliour-Deklaration ist nicht aHein die Politik der gegenwärtigen Regierung, sondern die aller britischen Regierungen der letzten zehn Jahre; so wird es auch weiter sein. Die Mandats-Politik, noch vor wenigen Jahren ein Kampfobjekt in Palästina selbst, im britischen Parlament und in der Öffentlichen Meinung, wird heute von allen Parteien gutgeheißen und ist Gemeingut aller geworden." Präsident Weizraann sagte u. a.: „Ich erinnere mich, wie der verstorbene Sir Mark Sykes von der Kabinettssitzung zu den draußen auf das Ergebnis Wartenden trat und ausrief: Meine Herren, es ist ein Junge! Jawohl es ist ein Junge, ein unartiger, ein lärmender Junge zuweilen, aber jetzt nach zehn Jahren ist er gereift. Die Balfour-Deklaration wurde in der natürlichen Weise verstanden, daß Palästina den Juden gegeben werden sollte: Judäa den Juden. Sogar die Soldaten Lord A11 e n b y s hatten es so verstanden. In den Straßen- Jerusalems hörte man sie zueinander sprechen: die heilige Stadt wurde den Zionisten gegeben. Jetzt, da wir an der Schwelle €ines neuen Jahrzehnts stehen, ist es an der Administration Palästinas und an der Mandatsmacht, die erforderlichen Schritte zu unternehmen, um die Dinge der Bodenpolitik, Einwanderung und Besteuerung in Fluß zu bringen, Erleichterung zu schaffen." Sir Herbert Samuel, der erste britische Oberkommissär für Palästina sagte: „Zwei Dinge sind für die zukünftige Entwicklung des Jüdischen Nationalheims lebenswichtig: erstens der Ausbau der Jewi'sh Agency als ein alle Teile der Judenheit umfassendes Organ auf fester Basis; zweitens — und dies ist mehr als dringend — müssen die britische Regierung und die Palästina? A d m i n'i s t r a t i o n der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas eine stets steigende Aufmerksamkeit widmen. Nun erhob sich Lord Balfour zu einer Dankrede, die Anwesenden brachten ihm stehend eine stürmische Ovation dar. „Ich bin", sagte er, „tief bewegt darüber, daß man meinen Namen mit einem der bedeutendsten Experimente verbindet. Die jüdische Rasse legt sich tüchtig ins Zeug; es ist aber eine der Pflichten der Mandatsmacht, dieser gesammelten Kraft eine Chance zu geben, alles, was in ihrer Macht steht, zu tun, damit diese Allst r engung nicht umsonst sei. Diese Chance würde aber keine faire sein, wenn irgendjemand die Mandatsmacht einer unfairen Behandlung der übrigen Einwohner des Landes wird zeihen können." Lord Balfour erklärte, er sei von den für die Palästina-Regierung Verantwortlichen ermächtigt, die folgende Erklärung — als eine Art zweiter Deklaration — abzugeben: „Die Palästina-Regierung beabsichtigt in Anbetracht der Schwierigkeiten, mit denen die Zionistische Organisation zu kämpfen hat, so bald als möglich gewisse allgemeine Reformen in Sachen der Bodensteuer einzuführen. Ein besonderer Stab ist vor kurzem ernannt worden, um das Werk der Landbesiedlung zu führen, dies bedeutet eine wichtige Vorstufe in der Reform der Bodenbesteuerung. Nach Beendigung der Arbeit dieses Stabes wird die Regierung in der Lage sein, die gegenwärtige einschneidende Wirkung der Bodenbesteuerung zu beheben." Sie dürfen versichert sein, schloß Lord Balfour, daß alles, was nach Recht und Billigkeit getan werden kann, auch getan werden wird, um die vielen Aufgaben der Zionistischen Organisation erfolgreich zur Durchführung zu bringen. Dies ist der Wunsch aller Alliierten Großbritanniens und der Juden der ganzen Welt, und es gibt keine Macht, die dies hindern könnte. Es kamen noch zu Wort das Unterhausmitglied Wedgwood, Sir Alfred Mond, Nahum Sokolow, Mr&. Philip Snowden u. a. m. Sokolow kündigte an, daß auf dem Boden 'des Jüdischen Nationalfonds in Palästina e i n „B a 1 f o u r-W a 1 d", der 50.000 Bäume zählen wird, gepflanzt wird. Mrs. Snowden teilte mit, daß in England ein Palästinamandats- Komitee aus Nichtjuden. mit dem Ziele, das Mandat verwirklichen zu helfen, in Bildung begriffen sei; Lord Balfour ist eines der Mitglieder des Komitees. Jüdischer Brief aus Ostasien. Deutsche als Träger des Antisemitismus in Japan. — Missionäre dringen am Versöhnungstage in eine Synagoge in Schanghai ein. Ein Leser der „Neuen Welt" sendet ■uns aus K o b e (Japan) einen Bericht über die Lage der Juden in Japan und China, dem wir die) Stellen entnehmen: Den Japanern ist der, Antisemitismus völlig fremd und unbegreiflich. Trotzdem stößt man auch nicht selten auf Aeußerungen des Judenhasses. Träger dieser Bewegung sind die Deut sehen. Die deutschen Offiziellen und Niohtoffiziellen machen aus ihrer Feindschaft gegen die Juden kein Hehl, und jeder Jude,, der genötigt ist, mit einer dieser Stellen in Verkehr zu treten, wird brüskiert. Deutsche Vereine lassen keine Gelegenheit vorüber, um die Juden zu beschimpfen und zu verdächtigen. PELZWAREN jeder Art in feinster Ausführung billigst bei GEBRÜDER BRAININ Wien, II., Glockengassc 8, Tetephon 45-4-33 Die Judenschaft von Schanghai (China) ist durch einen Vorfall, der sich am Jörn Kippttr abspielte, in große Aufregung versetzt. Die christlichen, Missionen machen sich in immer unangenehmerer For.m an die Juden heran. Jüngst, am Versölinungstage, setzten sie der Zudringlichkeit die Kröne auf. Am Versöhnungstage drang ein Trupp von Missionären in die Synagoge Betii Aron, Museum Road, ein, besetzte in der Männerabteilung mehrere Bänke. Unter ihnen befanden sich christliche Chinesinnen, die dann auch die Frauengalerie besetzten. Während des Gottesdienstes begannen die Missionäre in jüdischer Sprache abgefaßte Flugschriften zu verteilen, in welchen die Juden zur Bekehrung aufgefordert wurden. Auch ein Flugblatt, welches die baldige Wiederkehr Jesus in Aussicht stellte, wurde in, großer Zahl ausgestreut. Die Missionäre wurden aus der Synagoge gewiesen, ließen sich jedoch nicht abschrecken und kamen zweimal wieder. Die jüngeren Mitglieder der Judengemeindc konnten nur schwer davon abgehalten werden, die Frechheit der Missionäre gewaltsam zu ahnden. ( - Der Vorfall hat auch in niclitjüdischen Kreisen großes Aufsehen, hervorgerufen. Chinesische und japanische Zeitungen haben den Vorfall ausführlich behandelt und fordern das Einschreiten der Behörden gegen den Missionsunfug, der sich immer störender fühlbar macht. So schreibt „The Japan Times"* „Das unverschämte Vorgehen dieser Missionäre verdient schärfste Verurteilung. Es ist ganz danach angetan, den, Haß gegen das Christentum ins Maßlose zu steigern. Falls sich derartige Schamlosigkeitbn wiederholen sollten, kann dies zu. den schwersten Konsequenzen führen." Es wiurde ^.festgestellt, daß es sich um eine von amerikanischen Kreisen geförderte Missionsabteilung handelt; Die Jiudenschaft in Muk de n'zählt 70 Familien russischer und polnischer Abkunft.. Die Mehrzahl der Juden sind Kaufleute. Sie teilen sich in eine liberale eine orthodoxe Gruppe. Hans Klean, Kobe (Japan). Ehrung jüdischer Kriegstoter. hi Paris wurde dieser Tage durch Minister Herriot im Pantheon feierlieh ein'^Gedenkstein zu Ehren von 560 im Kriege gefallenen französischen Schriftstellern eingeweiht. Unter diesen befinden sich 17 jüdische Schriftsteller und Dichter. Die nicht in die Verbannung gingen ... Von Ä. S. Ben-Ischai, Tel-Awiw. Berge, Berge, Berge. Und eiti niedriger Himmel über ihnen. Und kein Weg, kein Steg, kein Laut, kein Ton. Wann werden wir endlich unser» Ziel erreichen, das Dorf Pkiin? Seit Morgenanbruch steigen und klettern wir von Berg auf «Bügel, von Hügel auf Berg. Als wir den Azmon bestiegen, war diese Bergeshöhe ganz in dicken Nebel gehüllt. Stundenlang gingen wir im Gänsemarsch auf dem schmalen, gestreckten Stege. Lautlos gingen wir. Der Gott der Berge leidet den Lärm nicht. Geschlecht auf Geschlecht weben die galiläischen Töchter der Berge Teppiche des Schweigen«. Diese Teppiche sind hier allerdings ausgebreitet; sie verschlingen jedes Geräusch und saugen den leisesten Ton auf, jedes Anstoßen des Fußes auf einen Stein, jeden Pfeifenton, jeden Seufzer des zunickgebliebenen Wanderers. Berge, Berge und Schweigen. Nach Pkiin kamen wir gegen 3 Uhr nachmittags. Müde und matt. Unsere erste Station war •— der uralte jüdische Friedhof am Dorfeingang. Wie Heuschrecken stürzten wir uns auf die alten Grabsteine, 'um ihre Inschriften zu lesen. Die Inschriften waren verwischt, nur wenige waren noch deutlich lesbar, unter diesen eine noch ganz frische: „Hier ruht der frühverstorbene Rabbi Izchak Meir Halevi ben Susan, gestorben 14. Adar 584" (1924). Also, in Pkiin starben Juden auch im Iahre 1924, folglich lebten auch in diesem Jahre dort Juden; also leben auch dort heute noch Juden. Ihr Lebensfaden ist hier niemals abgerissen. Die Juden von Pkiin sind nicht in die Verbannung gegangen; so las ich in 'einer Sage, Und von den Juden, die nicht in die Verbannung gingen, begegneten wir dem ersten gleich bei unserem Eintritt ins Dorf. Ein achtjähriger Junge, Gabriel mit Namen. Das Gesicht , des Kindes ■ war schön, mager und schmutzig, und er schielte auf einem Auge ein wenig. Mit großer Freude grüßten wir den Kleinen mit „Schalom", und er lief ins Dorf, um unser Kommen zu melden. Mit großer Freude begrüßte uns auch der Onkel des Kindes, R. Abraham Nakibli, und der Sohullehrer, Herr Zion Levi aus Zfath. R. Abraham Nakibli ist heute Dorfältester, der Senior der jüdischen Bewohner des Dorfes Pkiin. Er. ist der Träger der Tradition und der Sagen des Dorfes. Sein Gesichtsausdruck ist teils der eines sephardischen Juden, teils der eines Samariters. Dies waren wahrscheinlich die Gesichtszüge derjenigen, die an den Wassern Babylons saßen und ihre Harfen zertrümmerten, als ihre Bedrücker von ihnen Lieder verlangten. Solche Gestalten waren es wahrscheinlich, die durch Nebukadnezar und Titus vertrieben worden sind. So sahen wahr-n scheinlich die Priester und Leviten aus, die auf den Sklavenimärkten Babels und Roms verkauft wurden. So wahrscheinlich ... Aber diese Juden, vor denen ich Jetzt stehe, diese Juden haben ihren Wohnort niemals verlassen, sie nicht, auch nicht ihre Eltern und Ureltern. Sie wichen niemals von hier. Ehre ihnen und Hochachtung. Wenn ich mich nicht geschämt hätte, wäre ich jedem von ihnen um den: Hals gefallen und hätte sie mit Tausenden Küssen bedeckt, die Juden, die nicht in die Verbannung gingen , . , Das Judenviertel in Pkiin ist eine Art Ghetto. Ein Ghetto, das nicht etwa errichet wurde, sondern das von selbst entstand. Es ist eine Art „Kreis im Kreise", wie ihn die gelehrten Mystiker zu machen pflegten, daß er ihnen Schutz biete gegen Samiel und Lilith und deren Gefolge, die ihren Seelen auflauern. Vormals war dieses ganze große Dorf im Besitz der. jüdischen Fellachen von Pkiin, Aber im Laufe der Zeit ging ihnen der Boden unter den Füßen verloren. Der größte Teil des Bodens befindet sich in den Händen der Drusen, Teile davon auch in den Händen von Christen und Muselmanen, Dieses Dorf ist wie ein Territorium für sich, ein Territorium ohne König. Dort leben vier Gruppen: Juden, Drusen, Christen und Moslems. Und Friede und Eintracht herrscht dort unter all diesen — in diesem einzigen Territorium. {, Einen besonderen Einfluß haben dort, scheint's, die Christen. Dieser Einfluß kommt vom Abendland. Auch die Russen wollten hier Fuß fassen. In das Bethaus des R. Simon ben Jochai (wo. wir einquartiert waren) kamen die Nachbarn des Dorfes, um uns zu betrachten, die Gäste ihrer jüdischen Freunde. Von den „'Betrachtern" fiel mir besonders einer auf, seine Frisur war'nach Art der Donkosaken und sein Schnurrbart nach Fasson etyes russischen „Monopoltschik", Ganz und gar Moskal! Woher sproßte hier solch ein Gewächs? Was macht eine Kosakenfrisur in den Gebirgen von Oibergalil? Dieser Kerl ließ seinen Blick eine Zeitlang auf mir ruhen, wie wenn er mich prüfen wollte. Endlich begann er russisch. Er sei der Lehrer des Dorfes. Er heiße Iwan Ibrahimowitsch. Er sei ein christlicher Araber. Seine Ausbildung habe er in der russischen Schule von Nazareth genossen. Sein ganzes „Moskalentum" hatte er also von dort geschöpft. Er war vollständig, bis zur Unkenntlichkeit assimiliert. Er murmelte etwas in seinen Schnurrbart und begann über „Politik". Ob es jetzt in Rußland gut;sei? Den Zaren, sagt man, habe man ermordet. Ist's wahr? Und ob Lenin besser sei als Kerenski! (Die Geschichte der Revolution und der Unterschied zwischen Lenin und Kereroski scheint nach Pkiin ein wenig verspätet eingelangt zu sein!) Und was für ein Kommissär würde er, Iwan Ibrahimowitsch, wohl werden, wenn er sich bemühen wflllte, nach dem fernen Moskau aufzubrechen? Welches Gehalt würde er wohl erhalten? Die Schule, in welcher cävunterrichtete, sei eine Regierungsschule, Es besuchen sie Christen-, Moslem- und Drusenkinder. Vormals seien auch jüdische Schüler dort gewesen. Aber seit einigen Jahren, seitdem die Zionisten IlllllllJJIlllJIIIIIIllIllfJIIJllllüilllllllillllllllllllllfllllllll Vn$ttg< miD Menftoffe bis mt mnttm üuaWiftsu ftaöt- Mütrnt billigen Reifen ftei fitafe asieitaeile 40 (im#ofe)

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