Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 9 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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r Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 9 Hotel „NATIONAL" M Restaurant 23 Wien, II., Taborstraße 18 ™ÄS Zentrale Lage, 200 Zimmer, fließendes 111 Unter der bewährten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. G rün er I kaltes'und warmes Wasser und Zentral- Vorzügliche Wiener, ungarische und ORIENTALISCHE Heizung. In allen Zimmern Telephon III (rumänische) Küche. Wienerbräu und Pilsner Urquell Der Ritualmordprozefj von Dobrzyn. Die Verhandlung vor dem Warfchauer Appcllaiionsgericht. — Das Parere des Kreisarztes von Plock. — Das Gericht billigt den Juden Bewahrungsfrist zu. Schwäche, auf ein Nachlassen der Nerven. Es stehen' einander nicht Parteien gegenüber, die unter dem gemeinsamen Dach ihre Ideen propagieren,. sondern bewaffnete Heere und dieser Situation entspricht es> daß die Sozialdemokratie und die Bauernschaft die Feier der Republik mit der Faust an der Waffe begeht. In ihren Resolutionen geloben beide den Frieden und preisen die Einigkeit. Aber beide sind trutzigüch und, verlangen vom anderen die Initiative zu neuem Tun. Das ist nicht die Grundlage, auf der sich echtes republikanisches Wesen sozialer Fortschritt und demokratische Politik entwickeln können, dagegen gedeiht in dieser Atmosphäre die geistige und kulturelle Reaktion mit allem, was dazu gehört: mit Gesinnungsschnüffelei, Denunziantentum, Antisemitismus und Chauvinismus. Der ungarische Unterrichtsminister soll, wie er offiziös ankündigen läßt, heute seinen Gesetzentwurf über die. Abänderung des Numerus clauses im Parlament einbringen. Wir haben schon auf die würdelose Zweideutigkeit hingewiesen, mit der Ungarn diese Frage behandelt. Es will vor dem Völkerbund demonstrieren, daß es seine Versprechungen gerne einhalten möchte, und zugleich wird die Gegenaktion des Pöbels unter dem hohen Protektorat des Erzherzogs Josef Franz und des gewesenen Ministerpräsidenten Grafen Paul Teleki losgelassen. Di« Aenderung des Gesetzes soll nun in der Art erfolgen, daß der § 3, der die jüdische Proportionalzahl feststellt, nunmehr besagt: . . »Der Universitätssenat vollzieht die Aufnahme der Inskribenten mit Berücksichtigung - ihrer g e i s t i g e 11 Vorbildung, ihres Patriotismus, ihrer körperlich e n' und sportlichen B e f ä h i g u n g : in der . Reihenfolge, daß zuerst die Kinder der Kriegsteilnehmer, der Kriegsinvaliden und der Kriegswitwen, in zweiter Reihe die Kinder der öffentlichen Beamten "den Vorrang ' erhalten. In dritter Reihe werden die Kinder .der in der : Landwirtschaft, im Gewerbe und. im Handel Beschäftigten in dem Maße .berücksichtigt, das.der Wirtschaft* liehen Bedeutung der betreffenden Produktionszweige entspricht." Das ist die volle Anerkennung der antisemitischen Rassenparolen, nur verklausuliert und versteckt. Sollte dieses Gesetz in der novellierten Forrri angenommen werden, was nicht gar so sicher ist; So wird dann die Autonomie der Hochschulen den Juden den Riegel vorschieben. Denn ein von diesem Grafen Paul Teleki, den man noch 'aus der Fränkenfälschungsäffäre im Gedächtnis hat, mitunterfertigter. Aufruf, der in'ganz Ungarn plakatiert ist. erzählt; daß die Juden. „gemäß ihrer traditionellen Tüchtigkeit" eine Gefahr für die magyarische Nation" sind. Diese Anerkennung enthüllt den wahren -Kern*'der : antisemitischen Schmutzflut: die Angst vor der Konkurrenz und den Brotneid. Das sind Triebe, die mächtiger wirken als der von den magyarischen Regierungsleuten und ihren, jüdischen Preßlakaien vorgeschützte Drang nach dem Westen. Die Verhältnisse in Litauen treiben einer Katastrophe zu. Unter der gegenwärtigen Putschherrschaft ist es so weit gekommen, daß die Führer der litauischen Parlamentsopposition, und zwar der Sozialdemokraten und der christlichen Demokraten ge-, meinsam mit den ins Ausland geflüchteten Vertretern* der Minoritäieri zu einer Konferenz in Riga zu- , sammenge treten sind, in der sie beschlossen, einen Appell an die Liga für Menschenrechte zu erlassen, die schrecklichen Zustände in dem kleinen Land öffentlich untersuchen zu lassen. Sie haben in einer Resolution die zum Krieg treibende Politik der Regierung verdammt und den in der politischen Ge--, schichte einzig dastehenden Beschluß gefaßt, selbst mit Umgehung der fascistischen Machthaber in Verr handlungen mit Polen über die Frage Von Wilna einzutreten, sich also um den Von der Regierung Woldemaras — zehn Jahre nach dem Weltkrieg! —jproklamierten Kriegszustand nicht zu kümmern. In Litauen sind die Kerker überfüllt und es gehört in das System des Terrors, daß unter Duldung, der Re? gierung offen zu einem großen Judenpogrom gerüstet wird, den die sogenannten Schaulisten, Freischärler, durchführen wollen. Eine jüdische Abordnung, die von dem Ministerpräsidenten die öffentliche De^avouierung dieser Hetze fordern wollte, erhielt den Bescheid, der Herr Premier sei mit den Regierungsgeschäften zu sehr überhäuft, als daß er sie empfangen könne. Es muß also die Judenschaft Europas rechtzeitig auf die Meldungen aufmerksam gemacht werden, die aus diesem dunkeln Winkel des Ostens kommen. Henry Ford, der Apostel und Geldgeber des Pogromanrlsemitisrnus, hat sich entschlossen, seinen Gang nach Canossa doch endlich anzutreten. Der amerikanisch-jüdische Kongreß bereitete nämlich, um allen, Zweideutigkeiten ein Ende zu machen, diie Veröffentlichung aller Dokumente über. Fords antisemitische Taten und über seinen Widerruf vor. Um diesen peinlichen Enthüllungen zuvorzukommen, hat Ford an den Fritschschen „Hammer"-Verlag in Leipzig ein Schreiben gerichtet, in wechem er mitteilt, daß er das B uch „Der . internatdo.« naie Jude" in sämtlichen Sprachen aus| dem Handel zurückzieht. Dem Verlag wird untersagt, Fords Namen im Zusammenhang mit die* .' ' Vor dem "Warschauer Appellationsgericht ist am 10. November das letzte Wort über die schweren Unruhen gesprochen worden, die sich vor einem Jahre in dem Städtchen Dobrzyn ereignet hatten.. Die Ursache bildete die Ritualmordlüge, die durch, einen Obduktionsbefund eines Kreisarztes bekräftigt worden war. Der Prozeß hat ungeheures Aufsehen erregt und' insbesondere die Judenschaft sali dem Ausgang mit größter Erregung entgegen. * Die <• Judengemeinde von Dobrzyn bei iHock lebte im besten, Frieden mit der polnischen Bevölkerung. Das . gute Einvernehmen wurde vor einem Jahre durch ein Ereignis gestört, das zu argen Unruhen, führte.; , Ein vierjähriges Kind, die kleine Luzie Tomanow, Tochter eines Bauern, spielte mit einem' änderen Dorfkind, der siebenjährigen Mania Pestka, an einem regnerischen Tage des Nächsommers in der Nähe des jüdischen Friedhofes; von Dobrzyn. Nach einer Weile lief die kleine' Mania Weg.' und Meß die. Vierjährige allein. Gegen 10 Uhr vormittags besuchte, ein alter Jude. Mendel Alt yn a,'; ein Grab im Friedhof und bemerkte nahe der Mauer ein im' Grase Hegendes Kind. Der gebrechliche. Mann kümmerte sich darum, nicht weiter, da er der Meinung war",''es sei das Kind des Friedhofsaufsehers. Als er nach einer Weile nach dem Orte ' zurückkehrte, erzählte man ihm, daß die Eltern' der kleinen Tomänow das -Kind; überall suchen und daß . man befürchtet, es wäre An einem nahen Flusse ertrunken. 'i ■■ Altyna erinnerte .sich,; ein Kind '.gesehen zu haben, und erzä^lt^ÄVÖn den besorgten Elteni •Nun eilt© ' r;,deY- - Väter^de* Kirita,f F r a n z i s z e 4c '.T-o m a n p w, in r^gfeHung'.'einiger Mitglieder / der ' Judengemeinde, des ' ■Ojzer ■ Fi u ß b e r g, Szajä Dob'roszklanka und Abräm Warschauer, zum Friedhof!" " Dort f an den ' sie ' knapp neben der Mauer in einer riesigen Blutlache' d-a s t o t e Kind. •Aus dem Munde und der Nase ergoß sich ein dünner Strahl von Blut. Der Vater Verfällt'angesichts der kleinen Leiche in Raserei. " - Er.schlägt„mit dem Stocke auf seine Begleiter, . bezichtigt sie " des Mordes und rennt nach Dobrzyn, indem er unterwegs immer wieder ruft: „Die Juden haben mein Kind ermordet!" Wie Feuer breitet sich die Nachricht vom Ritual- ' mord aus. Die jüdische Jugend rottet sich , zusammen, eilt zum Hause des Tomanow, forciert von ihm den .Widerruf seiner Beschuldigung. Tomanow schickt zu den Nachbarn um Hilfe, Bauern kommen aus der Umgebung und in Dobrzyn gibt es alsbald . eine blutige Straßenschlacht zwischen Juden und Christen, die vier Stunden lang andauert, bis aus Plock eine Eskadron Dragoner kommt und mit blanker Waffe eingreift. Der Kreisarzt Dr. Ciszewski führt die Ob- .dukrion durch und tags darauf wird am Gemeindegasthaus das Ergebnis angeschlagen. Der Tod der vierjährigen Luzie Tomanow sei kein natürlicher. sem Buch weiter zu verwenden. Damit ist also das ganze Gebäude dieser Lüge, die sich auf die. „Protokolle der Weisen von Zion" stützte, zusammengebrochen. ... Sir Artur Samuel Finanzsekretär. Aus London wird gemeldet, daß der bisherige Parlamentssekretär des. Ueberseehandelsdepartements, Sir Artur Samuel, an Steile des kürzlich in dicj Regierung gewählten Sir Mac Nei 11 zum Fii n an zsekr e t är 'des Schatzamtes ernannt worden ist. Mr. A. M. Samuel steht im 55. Jahre und' entstammt, wie er in „Who's who" stolz bekannt hat, einer der ältesten jüdischen Familien Englands. In seiner Jugend war er einfacher Handelsreisender, arbeitete sich, dann .zum Teilhaber seines Geschäftsherrn empor, betätigte sich dabei politisch, und wurde 1012 Bürgermeister von Nor- ,wiph, Die Regierung .wurde bald auf den finauztechnisch ujkI/ kommerziell sehr ^bildeten-Abgeordneten — er .ist seit neun Jahren k^jv^e.r.yati.ves Mitglied des Unterhauses «-» aiHfmerl^ani und vertraute ihm während des Das Kind sei geschächtet worden, ganz nach den Vorschriften des jüdischen Ritus. Es unterliege keinem Zweifel, daß es sich um einen Ritualmord handle. So lautet das vom Kreisarzt Dr. Ciszewski unterzeichnete und mit seinem Amtssiegel unterfertigte Parere. Ein, Fieber ergreift von neuem das Städtchen. Aber die an jeder Ecke postierten Dragoner mit dem entblößten Säbel in der Hand sorgen dafür, daß die Ordnung nicht wieder "gestört wird. Die Lage wird sehr bedrohlich, in der Umgebung streifen Agitatoren, die die Bauern zu einem Pogrom in Dobrzyn aufmuntern. Die Plocker Staatsanwa 11schaft verfügt die E x Ii u m i e r u h g der L e i c h e und beruf t den bekannten polnischen Gerichtsmediziner, den Warschauer Universitätsprofessor Dr. G r z y w o- Dombrowski. und.drei andere Professoren als Sachverständige. Und nun kommt nach wenigen Tagen die Nachricht: Luzie Tomanow ist einem schweren U n fall zum Opfer gefallen. Das Kind, das an der Friedhofsmauer spielte, dürfte auf diese hinaufgeklettert sein und ist dann durch ©inen unglücklichen Zufall ausgeglitten und von der mehrere Meter hohen Mauer herabgestürzt. Das Kind fiel mit dem Kopfe ins Gras, mit dem Rumpf aber auf einen marmornen Grabsockel. Dabei hat es sehr schwere innere Verletzungen erlitten, unter ihnen mehrere .Rippenbrüche, eine Lungenquetschung, und die Leber ist durch den Fall buchstäblich geborsten. Das Gutachten der Fakultät erklärt ausdrücklich, daß das Untersuchungsergebriis des Kreisarztes einfach nicht wissenschaftlich zu werten sei und ' nur auf Böswilligkeit zurückgeführt werden könne. Damit war die Legende vom Riualmord in Dobrzyn zwar zerstört, lebt aber unter der nichtjüdischen Bevölkerung weiter. Die Vorgänge in dem Städtchen, seit jenem Tage, an dem die Leiche des, unglücklichen Kindes gefunden wurde, . kamen nun vor das Kreisgericht in Plock, vor dem sich die Polen Konstantin Ciwins k i, Boleslaw S z a r i, Waolaw B o r. k o w s k i und Jan K1 e j d a s z und die Juden Kiwa Brau n, Seelig Posner, Jakob Olsztein, Chalm Rys o w y und Nuchem Ro z en zu.verantworten, hatten. Das Gericht verurteilte die Angeklagten zu längeren Fr ei lieits's fr äf en, mit der Motivierung, daß auf beiden Seiten der Rassenhaß die Ursache der Exzesse gewesen war. Die Verurteilten ergriffen die Berufung, über welche am 10. d. das Warschauer Ap pell atiönis'geri cht zu entscheiden hatte. Dieses Tribunal stellte fest, daß ' der Rassenhaß mir auf Seiten der christlichen Angreifer das Motiv war, während die Juden sich in der Position des Verteidiger« befanden. Im übrigen bestätigte das Gericht das erstrichterliche Urteil, 'bewilligte aber den verurteilten Juden fünfjährige. Bewährungsfrist." ,: " , . Krieges mehrere. Aemter an. Samuel yerfaß.te auch das Programm für die Wirtschaftskonferenz der Alliierten im Jahre 1916, er ist ferner der großzügige Organisator der englischen Industriemessen. In der jetzigen englischen Regierung ist er der typische und erste Selfmademan. Nach alter Tradition gilt das neue Amt Samuels als Sprungbrett für einen M i n i s t e r p o s t e n. In seiner .bisherigen Stellung als Unterstaatssekretär der überseeischen Abteilung des Handelsministeriums hat er bereits Bedeutendes für den englischen Ueberseehandel geleistet. Er gilt heute als Autorität in Finanz- und Handelsfragen. i f f f f f 1111 f i f 11 f 111 f 111 f 11111 r 11 f 111 r? 11 f 11111 f f i i 11 f 11111111111 f 1111111 f f 11 ff 1111 QÜÄÜTÄTSMÜBEL Orößte Auswahl! Billigste Preise I Zahiungserlelchterungen l Möbelhaus J. WUHS. Siss&i,^' 3 illlllllUllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllil