Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 9 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 30 Groschen V. b. b. DIE NEUERE BEZUGSBEDINOUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljahrig Kc. 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.- vierteljährig Lei 120.—. R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schwefeer Francs 1.50, vierteljahrig Schweizer Francs 4.50. Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitäts&traße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag mMammmmwmmamtmsamä..........■..........iiiemmmmmmmm Nr. 9 Jahrgang 1 Freitag, den IS. November 1927 Aus dem Inhalte: Der ungarische numerus clausus. Die Verhältnisse in Litauen. Der Ritualmordprozeß von Dobrzyn. Erklärungen Balfotirs und Ormsby-Gores . Hans Klein, Kobe (Japan): Jüdischer Brief aus Ostasien. A. S. Ben Ischai, Tel-Awiw: Die nicht in die Verbannung gingen Der palästinensisch-syrische Handelsvertrag. Der Delegiertentag der österreichischen Zionisten. Zum Mord an Else Niego. Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Kau Heute und Gewerbetreibenden. Dr. Sänel Beer: Die unmodernen dicken Beine. Jüdische Turn, und Sportbewegung. Jüdischer Humor. Austritte aus dem Judentum. Schalom Asch: Die Zauberin von Kastilien. RUNDSCHAU. Die österreichischen Sozialdemokraten propa» gieren den Abfall vom Judentum. Bisher hat es die österreichischesozialidemokratiSGhe. Partei dabei genug sein lassen, ihre jüdischen, Anhänger dem Judentum zu entfremden- und -sie•; 'dazu zu erziehen, mit Geringschätzung und Verachtung allem Jüdischen gegenüberzustehen.. Nunmehr .ist sie zur Propaganda der Tat übergegangen. Man verlängte den Austritt a u s d e r j ü d i sehe n G e m e in s c h' a f t, die Trennung von der „jüdischen Kirche" (so lautet die geistreiche Umschreibung) als Erfüllung einer Parteipflicht. Vor uns liegt ein gedrucktes Formular, das den jüdischen Genossen, welche schulpflichtige Kinder haben, mit der Aufforderung zum Gebrauche zugestellt' wird. Es lautet: . Geehrte Schulleitung! Ich bitte zur Kenntnis nehmen zu wollen, daß ich nicht einverstanden bin, /mein Kind..... Schüler(in) der ....Klasse, am mosaischen Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. Die Lehren desselben stehen im Widerspruche mit der in meiner Familie herrschenden Auffassung von Naturereignissen und Menschenrechten und sind auch keinesfalls geeignet, Kinder sittlich zu beeinflussen und'zu aufrechten Republikanern zu erziehen. Mein Kind hat daher den Auftrag, dem Religionsunterrichte fernzubleiben. Hochachtungsvoll -Name: . ... , . . . Adresse: . . V , . . . ' Diese gedruckte Verfluchung und Verächtlichmachung der jüdischen Lehren und Grundsätze wird von den gehorsamen, braven jüdischen Genossen mit Unterschrift und Adresse versehen an die christliche n Schulleitungen -abgeschickt und von diesen der J u den gemeinde zur „Aeußerüng" übermittelt. Der Jude gibt's den Christen schwarz auf weißj . daß die Lehren der Juden im Gegensatze zu den Jen s c h enrec h t e n stehen, daß sie Sitten verderbend sind I und die Kinder zu V e r r ä t e r,n .an der r e p u b 1 i k a n <i sehen Verfassung werden lassen. Vor drei :Jahrhunderten sind ähnliche jüdische Bekenntnisse dazu behützt worden, um einige Hundert Juden auf Scheiterhaufen zu.verbrennen. Heute bringen es diese „Denunzianten auf Parteibefehr nur dahin, daß der jüdischen Gesellschaft noch-mehr Verachtung zuteil wird. Für die geistige Verfassung, in welcher sich die vielfach von abtrünnigen Juden geführte österreichische Sozialdemokratie befindet, ist diese Handlungsweise bezeichnend. Noch bezeichnender aber für das „sittliche Niveau" der österreichischen Sozialdemokratie ist der Umstand, daß sie sich d''rcti -diese Handlungsweise anderseits nicht davon abhalten läßt, unter jüdischen R eligion sieh rem und Funktionären der Die Tragödie eines Juden in England. Der Fall Oscar Slater. - 1772 Jahre unschuldig in Zuchthaus. Das englische Arbeiterblatt „Daily Herald" veröffentlichte am 4. November einen Aufsehen erregenden Artikel über den Fall Oskar Slater, des ehemaligen reichsdeutschen Staatsangehörigen jüdischer Abstammung, der im Jahre 1908 nach Amerika -auswanderte, jedoch auf britisches Verlangen wieder ausgeliefert wurde, weil er im Verdacht stand, in Glasgow einen Ra u bra o r d an einer älteren wohlhabenden Frau begangen zu haben. Das hauptbelastende Moment gegen Slater bestand darin, daß er eine wertvolle Diamaiitbroche für 50 Pfund versetzt hatte, die angeblich der Ermordeten gehört hatte. Später stellte sich heraus, daß die Versetzung vier Wochen vor dem Mord geschah, daß also die Brosche der Ermordeten nicht gehört hatte. Dennoch war Slater im Mai 1909 vom. Schwurgericht in Edinburg zum Tode verurteilt worden. , % Am Vorabend der Hinrichtung erreichte eine von 20.000 Bürgern unterzeichnete- Petition, die den Schuldbeweisj}h> .mchl:genügend bezeichnete, daß 'SäterrZU'}^ begnadigt wurde! Schon.' 1921 sollte er wegen' guter Führung entlassen werden, ".allein da Slater wegen zehnjähriger Abwesenheit.' von. Deutschland seine deutsche Reichsangehörigkeit verloren hat und „staatenlos" geworden ist, kann seine Entlassung nicht verfügt werden." Die englische Presse hat sich nun des Falles Slater bemächtigt und widmet ihm größere Aufsätze. Die liberale „Daily News" publiziert die schriftliche Erklärung der Hauptbelastungszeugin, die damals ein 15jähtfLges Mädchen war und jetzt eine 34jährige verheiratete Frau namens Mary Barrowman ist. Sie. erklärt nun, daß sie damals nach New-York gebracht, wurde, wo das Auslieferungsverfahren bei den amerikanischen Behörden auf Verlangen der britischen Regierung schwebte. Bei der Gegenüberstell'ung mit Slater hatte die Zeugin lediglich gemeint, ©s bestehe eine starke Aehnlichkeit zwischen dem Mörder und Slater. Nach ihrer Rückkehr nach Glasgow wurde sie nun vom Oberstaatsanwalt Hart 14 Tage lang vernommen; er ließ ihr keine Ruhe, bis sie ihre ursprünglich e A uss a g e von der Aehn Ii chic e i t d a h i n, ä n d e r t e, d a ß s i e i n S1 a t*e r p ositiv den Mann wiedererkenne, dem sie bei seiner Flucht begegnet war. Frau Barrowman w i d erruft jetzt die damals dem Oberstaatsanwalt Hart gegebene Aussage und erklärt, sie habe nur eine Aehnlichkeit und keine Identität festgestellt. Interessant ist die Mitteilung der „Daily News", daß diese Zeugin damals die Hälfte der von der Polizei ausgesetzten Belohnungen von 4000 Mark erhielt. Das liberale Organ fügt hinzu, daß eine andere Zeugin, Frau Adams, die kurzsichtig war . und bei ihrer Begegnung mit dem Mörder ihre Brille nicht tr.ug, stets erklärt hat, sie hätte in ihrer Aussage nichts weiter als eine Aehnlichkeit zwischen/Slater und dem Mörder festgestellt. Eine dritte Zeugin, Fräulein L a m bie, jetzt Frau Gi M o n, hat sogar die Identität zwischen Slater und dem Mörder ausdrücklichverneint. Sie -ist* zurzeit' unauffindbar.;,7üaiiy News" erlassen reine.»- Aufruf,, lim ihren jetzigen Aufenthalt festzustellen. ■[ Oskar Slater aus der Haft entlassen. Aus London, .11. d.,- wird berichtet: Der Staatssekretär für Schottland, Sir John G i 1 rn o u r, gibt bekannt, daß d a s Unterhaus die Freilassung Oskar Slaters verfügt hat. Die Aufhebung des Urteils, riach dem Slater bereits. 18 Jahre seiner Strafe im Zuchthaus zu Glasgow verbüßt hat, erfolgt auf Grund des vor einigen Tagen . erfolgten Widerrufs' der ursprünglichen Afuss^gen der Hauptbelastungszeugin. Wie aus Edinburgh weiter telegraphiert wird, hat der Minister für Schottland bereits die Entlassung Slaters aus dem Zuchthaus verfügt. Aus der Mitteilung des Ministerrats ist zu ersehen, daß es sich um die Aufhebung eines s c h w er e n Ju s t i z i r r t u m s handelt, dessen Opfer Slater "geworden war. K u 11 u s g e m e i nd e zu werben und sie p o 1 it i s c h - s o z i a 1 d e m.o k r a t i s c h zu organisieren. Man will eben unter je^er Bedingung Stimmen und Mitgliedsbeiträge, sei es auch von den Trägern und Verkündern der Lehren gegen Menschenrechte und Republik, sei es auch von-solchen, welche jüdischen Religionsunterricht erteilen; das heißt, die Kinder entr sittlichen! Ja noch mehr! Die österreichische Sozialdemokratie verlangt von ihren jüdischen Genossen die Eroberung der Wie n.e r israelitischen K u 11 u s g e m e i n d e. Unter ihrer Patronanz hat sich eine Organisation sozialdemokratischer jüdischer Genossen gebildet und diese Organisation führt den Kampf um die Mandate in der Wiener Kultusgemeinde! Menschen, mit solchen „sittlichen" Grundsätzen können es natürlich nicht zulassen, daß ihren Kindern das Gift der „sittenlosen" jüdischen Lehren eingeträufelt-werde. . Zur Ehre der Arbeiterparteien aller anderen Länder und Völker muß gesagt werden, daß der Fall der österreichischen Sozialdemokratie ein einzigartiger ist. ' _ Der zwölfte November, der Geburtstag der Republik Oesterreich, würde1 so begangen, wie dies in diesem Staate schon zum Usus geworden ist. Eine kalte, vom Gesetz und von der Rücksicht auf das Ausland diktierte Staatsfeier und eine, große Straßendemonstration der Sozialdemokratie. Die regierenden Parteien zeigen sich einverstanden damit, daß die Opposition den Tag als den. ihren reklamiert und sie tragen selbst Schuld daran, wenn ein vollständig falsches Bild der Tatsachen entsteht. Die Republik als Staatsform ist heute fest und gesichert. Sie steht in der Hut aller Werktätigen und es sind wie bei der Gründung Arbeiter, Bürger und Bauern zu ihrem Schutz vereinigt. Alle wissen es, was die Restauration bedeuten würde, die. Wiederkehr der Kaserne und die Einbeziehung Oesterreichs in die großen weltpolitischen Kämpfe. Woran es aber fehlt, ist die Freude'an dem Staate, zu dem sich keine Partei so mit dem ganzen Herzen stellen will, weil keine die Eierschalen der vergangenen Zeit abstreifen.kann und weil jede noch von dem Geist dieser Vergangenheit beherrscht ist. Oesterreich war eine parlamentarisch ' verkleidete- Autokratie, in der alle Schichten der Bevölkerung ihre Entwicklung von oben her sich hatten .diktieren lassen. Sie hatten kein Vertrauen zu sich selbst, zu ihrer eigenen Kraft und Tüchtigkeit und sie •ließen es geschehen, daß ihre-Volksvertretung wie ein lästiger Junge behandelt und beiseite geschoben werden konnte, als es .sich um Entschlüsse über Leben und Tod handelte. In . der Republik gilt der Staat auch vor den Augen sejner Bevölkerung als ein Provisorium. Die Lebensunfähigkeit ist zu einer starren Phrase geworden, als-wärensechseinhalb Millionen-Menschen nicht stark genug, sich ein gemeinsames. Heim zu bauen und'aus sich selbst zu erhalten.;Uneins sind sie nur in bezug auf das endliche Schicksal. Die einen wollen zu Deutschland, die anderen wünschen den Anschluß an irgend eine neue •.mitteleuropäische Konstellation. Eine Bejahung dieses Staates an sich ist kaum zu verspüren. Dieser Mangel läßt den republikanischen Geist nicht aufkommen und verwandelt das innere Leben in einen grotesken Abklatsch der Weltanschauungskämpfe, die sieh draußen vollziehen, Es ist kein Ringen der Geister, sondern ein Lauern auf eine physische