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Die neue Welt · 1927-11-04 · Heft 7 (4.11.1927) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 7 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEÜE WELT nach Woloczysk zurück, denn män sagte mir am Bahnhofe, daß der Generalgouverneur auf der-Durchreise Proskurow inspizieren werde, um gleichzeitig die Meldungen entgegenzunehmen. Am nächsten Tag kam. der erste direkte Zug von Odessa, 'dem ein Salonwagen für Seine Exzellenz bei' gegeben war. in Woloczysk fand 'ein •'feierlicher Empfang seitens der Grenzbeamten und des Militärs statt. Der Zug war mit Jüdischen Flüchtlingen vollbesetzt. Nur Wenige Christen wären darin. Ich geleitete Seine Exzellenz'vom russischen Salonwagen zum österreichischen Schlafwagen, Ich hatte einen sechzehnplätzigen Wagen. Im Hinblick auf die große Nachfrage nach Schlafwagenplätzen verzichtete der Generalgouverneur auf die- Hälfte des Wagens zugunsten einer französischen Famili'ei die aus Odessa mitgekommen war. Der Kammerdiener Seiner Exzellenz erzählte mir, daß der Chef der Familie' der Besitzer eines großen Restaurants in Odessa sei, in dem nur die beste Gesellschaft verkehrte. Der Generalgouverneur sei ebenfalls dort Stammgast. Herr Duval. dies der Name des Restaurateurs,'war das Opfer des Progroms in Odessa geworden. Seihe Lokalitäten wurden zerstört und das Mobilar darin zertrümmert. Kein Fenster blieb ganz. Das alles geschah, weil sich ein einziger Jude Im Restaurant befand- In' der Begleitung des Herrn Duval reisten seine Tochter mit ihrem Gatten namens B:büi 11 6n und einer Kammerjungfer. Als wir die österreichische Grenzstation Podwoloczyska verlassen hatten, wandte sich Mousieur Duväl an den Allgewaltigen mit der Frage, wer für den Schaden, den er erlitten habe, aufkommen werde? Denn er sei jetzt ein Bettler und seine Familie sei zugrunde gerichtet. „Mein lieber Herr Duval," erwiderte der Angeredete, „in so einem Falle haben Sie keinen Anspruch auf Schadenersatz. Da muß der Unschuldige mit den Schuldigen büßen".: :. - ■ „Wer ist .für' die Pogrome ^verantwortlich?" frug Mousieur DuVal . weiter, „dieser müßte für den Schaden aufkdm'men." '.. „Wer diese. Pogrome inszeniert hat, weiß ich nicht", gab der Allgewaltige zur Antwort.1' ' .„Verzeihen Sie, Exzellenz! Sie konnten doch diese Greueltaten ' verhindern. Es lag doch in ' Ihrer Macht. Tausend©, unschüldige' Menschen wurden am hellichten Tage, in Gegenwart der Polizei und des Militärs hingeschlachtet. Wie war das möglich ohne Ihr Wissen und Wollen?" .;,Sie: sprechen so, w e i 1 Vhr e Fraueine Jüdin wa r, nicht wahr, Monsieur Duval?' Hätte ich das früher gewußt, dann wären Sie nicht in : meinen Schlafwagen gekommen." Maäänhe Bouillon, die die Konversation hörte, erhob sich von ihrem Sitz und rief erregt, zum Generalgouverneur gewendet: „Sie.'sind der Massenmörder, Exzellenz, denn Sie sind lür alle .Vorfälle in Ihrem Distrikte verantwortlich!" .•; ... ,.; ■_ Hierauf entspann sich eine lebhafte:Kontroverse. Auf Befehl des. :GerieraIgouverneurs sollte ich .die .französische Familie wieder aus dem Wagen schaffen, doch beruhigte sich JSeine Exzellenz, nachdem Monsieur Duval sich geb.ührl^hj entschuldigt, hatte, und meinte, daß seine Tochter dure% den Pogrom viel gelitten habe. In Tarnopol ersuchte H.ew Duval den Stationschef, er möge nach Lemberg telegraphieren, man möge einen Nervenarzt bestellen, um seine Tpchter zu untersuchen. Als wir weiterfuhren, erzählte ich dem hohen Fahrgast, was. ich in Proskurow gesehen hatte, und fragte, was die Juden eigentlich verbrochen hätten, daß man sie wie die Tiere., behandelte. „Mein lieher Herr! Sie kennen die russischen Verhältnisse viel zu wenig, entgegenete Seirie Exzellenz. Die Juden machen Propaganda für die Duma, sie wollen in Rußland herrschen; Sie verlangen die Gleichberechtigung. Dazu darf es nicht kommen." Exzellenz! Bei uns in Oesterreich herrschten vor dem Jahre 1848 dieselben Zustände wie in Rußland. Aber seitdem' Wir die Verfassung haben, der unsere Juden ihre Gleichberechtigung verdanken, wurden sie die besten Patrioten, Kaiser Franz Josef hatte es oft anerkannt. Ich denke, wenn die Duma durchdringt, würden die Russen es auch nicht bereuend AUS PALAST INA. Welzmann über aktuelle zionistische Probleme, Bei einem Empfange in Chedera nahm Präsident Weizmann Gelegenheit, ausführlich über alle aktuellen Probleme im Zionismus zu sprechen, in seiner Rede führte er ungefähr folgendes aus: Es ist 'sehr leicht, Fragen zu stellen, „aber sehr schwer, sie . zu beantworten. Die Frage; bezüglich des KotonlSitttonssyateins ist eine sehr schwierige/. .Sie^-Iit i dJffBx^etterifcotrimisstotlvorgelegt worden. Wir Werden bald1 Ihre Ansicht hören und werden uns anstrengen, alles' zu erfüllen, was uns vorgeschlagen werden wird., Zur Frage . ... . - der Anleihe meinte Weizmann: Das Problem wäre viel leichter, wenn die Siedler imständb wären j irgend einen Betrag dem Kerer) kajemeth zurückzuzahlen; dann wäre die Anleihe viel leichter unterzubringen. Wir suchen Wege, eine Anleihe auf Grund der. Einnahmen des Keren Hajcssod und des Keren Kajemeth zu erhalten, aber ich glaube nicht, daß es bald ausführbar sein wird. Vielleicht wird die neugebildete Jwish Ag ency eine Erleichterung bringen. Wir werden vielleicht die Möglichkeit Haben, eine große Kolonisationsbank zu gründen, die .unter viel günstigeren Bedingungen arbeiten soll als wir. Ich werde wahrscheinlich zum Frühjahr nach .Amerika gehen, und dort werden wir die Sache näher besprechen. Alle Probien^ und ihre Ausführbarkeit scheitern an dc.m'.Mang e 1 a n >M i 11 e 1 n. Die Frage " der Arbeitslosigkeit ist die -einzige große Sorge derjetzigen Exekutive. Ich hoffe, daß das jüdische Volk uns das Geld geben wird, diese Frage zu lösen. Dann werden wir einen freien Kopf für p r o d u k t i v e Arbeit haben. Ich arbeite und glaube an unser Werk. Aber eines möchte ich hervorheben: Bei meiner Tätigkeit in Amerika habe ich igegen verschiedene Lügen und Entstellungen zu kämpfen. Diese Entstellungen kosten uns in Amerika Via Millionen Pfund und kommen meistens aus Palästina selbst. Eure Aufgabe sei es, dagegen Stellung, zu nehmen und mir die Arbeit ztf erleichtern. Bezüglich der Frage , der vierten Einwanderung möchte ich nur das eine feststellen: loh bin nicht gegen den Mittelstand, wie manche glauben. Wir müssen uns aber itets vor Augen halten, daß das Land noch nicht fähig, ist, Menschen aufzunehmen, die davon leben, daß sie mit einem Spazierstock in den Straßen Tel-Awiws herumgehen. Es ist war, es waren. runter ihnen auch . Menschen, die geneigt waren, «auf der ScHoUe, zu arbeiten und denen wir nicht helfen konnten. Aber wir haben hier noch keinen Platz für Luftmenschen. Ich unterscheide hur zwei Arten von Juden: produktive und unproduktive. Der unproduktive Teil hat hier noch keinen Platz. Das Herz tut weh, wenn man diese Menschen sieht, aber wir sind vorläufig außerstande, ihnen zu helfen. Wir haben Fehler gemacht. Wir waren auf diesen Strom der Einwanderung nicht vorbereitet, . aber wir haben trotzdem Fortschritte gemacht, und ich hoffe, wir gehen den richtigen Weg zur ' Verwirklichung unseres Zieles. Ich hoffe Sie im nächsten Jähre wieder besuchen und Ihnen dann sagen zukönnen:- „Wk ri ä h e r n u ns langs am, aber sicher u nse r e m l de all" ■>. . * In J e r u s a 1 e m fand dieser Tage eine zweite Unterredung " zwischen Weizmann und dem Oberkommissär Lord P1 u m e r statt. v ,■' ' * , Präsident Weizmann wurde vom Kommandanten des in I^äifa stationierten Kriegsschiffes „Warspite" zu clneHBesiohtigung eingeladen. W'eizmann, der mit mili-, t ä r i s c h e n Ehren empfangen wurde, besichtigte das Schiff. Unter anderem wurde ihm der Tisch gezeigt, auf dem nach dem Waffenstillstände das Abkommen über die deutsche Kriegsflotte unterzeichnet worden war. Die Expertenkommission der Jewish Agency. Sir John C a m p b e 1, der Vertreter des Völkerbundes bei der griechischen Repatriierung der Flüchtlinge aus Kleinasien, übernahm die Stelle eines Experten der Jewish Agency. Er begab sich am 17. Oktober nach Palästina, um die Fragen der Ansiedlung und Immigration zu studieren. ' „Information." Unter diesem Titel behandelt der „Haaretz" die in verschiedenen Ländern verbreitete Nachricht von großen Unruhen in Tel-Awiw. Die Zeitung stellt fest, daß es wohl eine Arbeitslosenkundgebung gegeben hat — es sei aber zu gar keiner Ruhestörung gekommen. Sacher im Amte. Am 16. Oktober übernahm Herr S a c h c r, der Vorsitzende der Zionistischen Palästinaexekutive sein Amt. Er hielt wichtige Besprechungen mit den Leitern aller Departements ab. Insbesondere wurde die Frage des Erziehungswesens erörtert. Die Sitzung des Rates der hebräischen Universität verschoben. Für den 13. d. sollte, wie schon mitgeteilt, in Berlin unter dem Vorsitz von Prof. Albert Einstein eine Sitzung des Akademischen Rates der hebräischen Universität zu Jerusalem stattfinden. Auf Verlangen des Kanzlers der Universität, Dr. Magnes, der jetzt in Amerika weilt und nicht rechtzeitig nach Berlin kommen kann, wurde die. Sitzung auf einen späteren Zeitpunkt v e r s c h o b e u. Die neue Währung. Am 30. Oktober waren die Banken in Palästina geschlossen, um den Umtausch der ägyptischen in die. neue palästinensische Währung vorzubereiten. Nach, langen Unterhandlungen hat jetzt laut dem „Haaretz" auch die transjordanische Regierung beschlossen, an Stelle der bisherigen ägyptischen Währung die neue Palästina-Währung einführen. Baron Edmund Rothschild. Die Judenheit von Haifa sandte an Baron Edmond de Rothschild, den „Vater der jüdischen Kolonisation", zur Feier seiner g o 1 d e n e n H o ch z e i t mit Frau Baronin de Rothschild eine Glückwunschbotschaft. In der Synagoge von Haifa wurde aus dem gleichen Anlaß ein Festgottegdienst abgehalten. Die Einwohnerzahl von Tel-Awiw. Auf Grund des .. Verzeichnisses der Tel-Awiwer Steuerzahler wurde die Bevölkerung der Stadt mit 37.729 Personen festgestelt. Davon wohnen 20.277 Personen, in. Mietwohnungen. ' - * ' Zusammenschluß der Arbeiterschaft. Die beiden größten Arbeiterorganisationen in Palästina, Achduth Haavodäh (Poale Zion) und Hapoel Hazair (Hitachduth), haben beschlossen, sich zu einer einzigen Partei zu vereinigen. Die Achduth Haavodah ist ungefähr doppelt so stark wie die Hapoel Hazair. In der Gewerkschaft (Histädruth), die 23.000 Mitglieder zählt, besteht der Rat aus 18 Ver-. tretern der Achduth, 9 Vertretern des Hapoel Hazair und 6 Vertretern kleinerer Gruppen. Grundsteinlegung für ein orthodoxes Seminar in Jerusalem. Aus Jerusalem wird berichtet: Am 15. Oktober fand hier die Grundsteinlegung für ein orthodoxes Seminar statt. Es sprachen Vertreter der Regierung wie auch aller arideren jüdischen Institutionen. / Die Kommunisten. Wie aus Jerusalem berichtet wird, hat sich eine Ärbeiterdelegation aus sechs Arbeitern und fünf Juden nach Rußland begeben, um an der Feier des sehnten . Jahrestages der bolschewikischen Revolution teilzunehmen. ■ Es scheint sich um den radikalen Flügel der Arbeiterschaft zu handeln, von dem auch gemeldet wurde, daß er für eine Uebersiedlung in die Krim eiirrtritt. Die Leute, die diese Tendenz verfolgen, bilden eine verschwinu dende Minderheit in der palästinensischen Arbeiterschaft. .„Nein, niemals darf die Duma durchdringen! Für Rußland wäre sie ein Unglück!" rief der Generalgo'uverneur; erregt,'„Lieber opfern wir tausend Juden als einen Russen.' .'Mittlerweile hatten wir Lemberg erreicht. Dort kam der r4ery'enspezialist, um Madame Bouillon, zu untersuchen.' per Profesor stellte Verfolgungswahn an ihr fest/Die junge Dame sojlte in ein Sanatorium geschafft werden. Ihr Vater entschloß sich dazu, aber er wollte sie erst in Wien unterbringen, Da sie bis dahin beobachtet werden sollte, reiste der Prozessor mit. Das erste, was der Spezialist anordnete, war, daß das Schubfenster im großen Coupe, indem die Kranke lag, mit Stricken fest verbunden sein müsse, damit: kein Unglück geschehe. Im selben Coup£ hatte die Kammerjungfer Platz genommen, um auf ihre Herrin zu achten. •■ '< \ Ab. Przemysl wurden die Liegestätten hergerichtet, , Als wir .'nach Jaroslau kamen, hatten sich meine Fahrgäste/ zur Ruhe ,begeben. Herr Bouillon und der Arzt blieben* wach, Im.Korridor des Wagens besprachen sie die Pogrome" in der Ukraine. Beide Herren'waren einig, daß nur der. Genewlgonverneur als Chef der Regierung verantwortlich, sei. AI», solcher hatte er die Macht in Händen. Er hätte die Pogrorhe verhindern können. ,/Es, war eine herrliche Winternacht. Es lag viel7 Schnee auf den Wiesen und Fluren und das Thermometer zeigte 20 Grad Kälte bei prachtvollem Vollmond. So kamen wir nach der Station Tarnow, wo ich für die Patientin Tee bestellt hatte. Als Monsieur Bouillon die Tür öffnete, war seine Frau gerade im Begriffe nach dem warmen Getränk zu fragen. Ihre Jungfer schlief bereits fest und war nicht zu erwecken. Nachdem die Dame den Tee getrunken hatte, schlief sie weiter.. Jhre Nerven schienen sich schon beruhigt zu haben. Vor der Station Bochnda wollte der Arzt nach seiner Patientin Umschau halten. Beim Oeffneri der Coupes tür brach er vor Schreck zusammen. Die Jungfer schlief noch immer fest. Das Schubfenster war off en. Die Stricke waren sorgfältig aufgeknüpft, aber die Kranke war verschwunden. Madame Bouillon war während der schnellsten Fahrt des Zuges aus dem Fenster gesprungen. Ihr armer Gatte schrie weinend: „Ou 'est ma pauvro femme? Elle est dispartie, eile ce süjoidee. Mon Dieu! Mon Dieul" : Furchtbare Erregung im Schlafwagen, Alle§ sprang aus den Betten, um zu erfahren, was geschehen ijej. Der 'Schnellzug wurde zum Stehen gebracht. Der Professor und die Franzosen stiegen aus, um nach der Selbstmörderin

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