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Die neue Welt · 1927-11-04 · Heft 7 (4.11.1927) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 7 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr, 7 DIE NEUE WELT Seite 3 dieses Ziel als auch für die Gegenwart schon zu eng gesteckt bezeichneten. Ich muß jedoch auch nach der Teilnahme an den Züricher Beratungen auf dieser Meinung beharren. Leider gibt es noch keinen geregelten Rechtszug vor dem Völkerbunde in Fällen der Verletzung von Minderheitsrechten und andererseits ist auch die Addition sämtlicher moralischer Kräfte des bewußten Judentums nicht ausreichend, um gestaltend und abändernd eingreifen zu können, Der Großteil der Verletzungen jüdischer Rechte scheut, aber das Licht der Oeffentlichkeit und wird durch einen wirksamen Alarmapparat ausgeschaltet werden können. Bedauerlicherweise blieb keine Zeit, um schon in diesem Jahre das sehr wichtige Problem der politischen Subordination zu behandeln. Dadurch, daß eine Reihe jüdischer Faktoren die Möglichkeit hat, einseitig die Oeffentlichkeit mit jüdischen Fragen nach eigenem Gutdünken zu befassen und durch dieses Vorgehen alle anderen jüdischen Gruppen moralisch zwingen kann, sich solidarisch zu erklären, können dem Willen der Mehrheit noch immer nutzlose, ja schädliche Aktionen aufgedrängt werden. Einen besonders krassen Fall brachte die vor wenigen Tagen geschlossene Sitzung der Völkerbundligen in Sofda, wo die jüdische Oeffentlichkeit mit einem Protest einer nationaljüdischen Vereinigung (Jüdische Völkerbundliga für Bulgarien) gegen die. zi o n i s tisch e Exe k u t i v e unliebsam überrascht wurde, eingebracht vor einem internationalen „JFörum! Hier ist Abhilfe, womögliche Einberufung einer Spezialkommission seitens des Councils dringend nötig. Durch die Teilnahme amerikanischer und palästinensischer Korporationen am Council und der Konferenz, durch die neue organisatorische Verbindung aller' angeschlossenen Gruppen, durch die Unmöglichkeit einer Desavouierung eines einmal geschehenen Schrittes kann durch die übereilte Handlungsweise eines einzigen Mitgliedes der fSrnze Apparat zum Funktionieren gezwungen werden, da die Verbindung nunmehr eine festere und offiziell deklarierte geworden ist. Das Nebeneinander der Aktionen zu eliminieren, ist eine Voraussetzung des'gedeihlichen Wirkens der neuen Körperschaft, die, nunmehr unter geändertem Namen auf amerikanischen Wunsch von Paris nach Genf verlegt, wie wir hoffen wollen, die würdige Nachfolgerschaft des Cömite des . delegations au- PELZWAKIN jeder Art in feinster Ausfährung billigst bei GEBRUDER BRAIHIN Wien, IL, Glockengasse 8, Telephon 45-4-33 IpiMliail In mtmmg^ Grundstück H Angelegenheiten jj jj Kauf * Verkauf jj ■ Verwaltung fj f§ Belehnung jj Iii betreffend ||| I Häuser* Villen I 1 Güter | wendet sich jeder Interessent an die ES Ü| Realitäten-und VerwaHungskanzlei SS Dr. jur. Marem Somer IH Wien,IX.WahringersJröJfje3 §|§ S= Telephone: A26-4-47 * 15-506 SJ und von der politischen Kommission einen Bericht für die nächste Sitzung verlangt hat. Das demnächst erscheinende offizielle Bulletin des jüdischen Zentralkonsistoriums von Bulgarien, enthält einen genauen Bericht über die Tätigkeit der jüdischen Delegierten auf der Konferenz in Sofia. Die Mitteilungen im Bulletin der J. T. A. und in Nr. 5 der „Neuen Welt" enthalten nur Entstell u n gen und die Presse und die öffentliche Meinung sollen die hiefür Verantwortlichen feststellen. Wir geben der Berichtigung des Herrn Dr. M ezan gerne Raum, bemerken jedoch, daß unser Bericht in Nr. 5 der „Neuen Welt" ausdrücklich als Mitteilung der „J. T. A." bezeichnet war. m treten wird, dessen Tätigkeit unter Leo M o t z k i n s weitblickender Leitung heute schon historisch geworden ist. _ Jüdisches auf der Völkerbundkonferenz in Sofia. Eine Erklärung des Herrn Dr. Mezan. Herr Dr. Saul Mez n n, Präsident der jüdischen Völkerbundliga in Bulgarien, sendet uns eine Zuschrift, in der er sich mitden Verhandlungen der Union der Völker.biltidligen in Sofia beschäftigt. Er schreibt uns: Krin Memorandum der . Union sephardischer Juden ist der Konferenz in Sofia oder einer anderen Institution der internationalen Union der Völker^ kun iiichen vorgelegt worden. Es war keine Rede v o n M ä d c h e n h a n d c 1 in P a 1 ä s t i n a; ich weiß nichts von einem solchen und ich habe nie darüber sprechen gehört. Daher konnte der Rat keine E n q u e t e darüber anordnen. Richtig ist, daß ich ein langes Memorandum der Union der sephard i s'c.h e n, J, u de n erhalten habe, in welchem diese "gegen eine' Voreingenommene Behandlung der spaniolisclien und'orientalischen Juden durch die offiziellen jüdischen 'Kreise in Palästina Beschwerde führten. Ich habe es nicht für gut befunden, diese Beschwerde bei der Konferenz von einem n i c h t j ü d i s c h e n Forum vorzubringen, sondern ich habe lediglich die Aufmerksamkeit der . Londoner Exekutive darauf gelenkt und habe Abhilfe verlangt, damit derartige Dinge nicht vor einem nichtjüdischen Forum besprochen werden. Es ist wahr, daß ich die Frage des Sklavenhandels in Tränsjordanien angeschnitten habe und daß der Rat davon Kenntnis genommen Erinnerungen an die Entstehung der Balfour-Deklaration. von Achad H a a m. Die nachfolgenden Zeilen sind nach einem Vorabdruck des „Dawar" aus dem 5. Band der „Reschumot" von Achad Haam übersetzt, der in der nächsten Zeit erscheinen soll. Noch ist die Geschichte der Balfour-Dcklaration und ihrer Vorarbeiten nicht geschrieben. Trotz aller späteren Enttäuschungen wird diese Deklaration aber immer ein einzigartiger Leuchtturm auf dem langen Wege unseres Exils bleiben, indem zum ersten Male die Nationen der Welt unsere Existenz als Nation und unsere nationalen Ansprüche auf Palästina anerkannten. Wenn ich mich an jene Tage in London erinnere, so erbebt mein Merz. Die Hoffnungen waren groß, und wir arbeiteten in einem treuen und einfachen Glauben, da wir in Wahrheit glaubten, daß die Zeit der Realisierung unseres Ideals gekommen sei. So war es in den letzten, Jahren des Weltkrieges. Noch war in London kein Vertreter der offiziellen Leitung der Zionistischen Organisation und nur Dr. Chaim W ei z mann allein, der damals noch nicht der Führer der Organisation war, tat, was er tat, nach eigenem Ermessen. Und da dieser Zustand, daß ein Einzelner alles nach eigenem Ermessen tat, abnormal war, riet ich Dr. Weizmann, dahin zu wirken, daß jemand von der Leitung der Organisation aus Rußland nach London komme. Und wirklich kamen nach einiger Zeit Herr Nahum Sokolow xtnd der verstorbene Dr. Tschlenow. Inzwischen aber hatte Dr. Weizmann ein privates Komitee gegründet, um mit ihm über jede schwierige Frage zu beraten. Auch ich gehörte diesem Komitee an und erinnere mich, daß es im zionistischen Bureau in der Piccadillystraße seine Beratungen abhielt. Man diskutierte alle Fragen, die auf der Tagesordnung standen, und die Protokolle dieser Sitzungen waren sehr interessant. Leider weiß ich nicht, wo diese Protokolle jetzt-Jiegen. Auf jeden Fall. müßte man ihnen nachforschen , und sie der Jerusalemer Nationalbibliothek übergeben. Denn sie sind ein Denkmal von hohem historiischen Wert. Etwas später löste sich das erwähnte Komitee selbst auf, da ja schon die offiziellen Führer zur Stelle waren, mit denen Dr. Weizmann alles beraten konnte. Aber ich beteiligte mich auch weiter, ,an der Arbeit gelegentlich der Ueberreichung der von ntns gewünschten Formel an die Regierung. Zur Abfassung, der Formel wurde ei*e: Kommission eingesetzt und auch an, der beteiligte ich Herren» unb Somenftorfe: illllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllli Samte und Seidenwaren m jetit schon m wirklich herabgesetzten Preise» bei MMM . HIIIIII VI. Linke Wienzeile 40 (im Hofe Unfreiwilliger Fasttag/ . Von J. L. P e r e z. Aus dem 'Russischen übertragen von Kaja Barber. : Ein Winterabend. Sarah sitzt beim kalten Ofen und stopft an einem alten Strumpf. Ihre Finger sind ganz steif, — die Arbeitgeht langsam vorwärts; von der 'herrschenden Kälte siiid ihre Lippen ganz blau. Von Zeit zu Zeit wirft sie die Arbeit weg und beginnt im Zimmer auf und ab zu laufen, um ihre erstarrten Füße zu erwärmen. Am Bett, : auf dem bloßen Strohsack, schlafen zu Kopf und' zu Füßen je zwei, vier Kinder —-...sie sind notdürftig mit altem Plunder zugedeckt. Bald wacht das1 eine oder das andere der Kinder auf, bald hebt sich -dieses oder jenes Köpfchen und eine dünne Kitiüerstimme plärrt: „Huii-T-ger, Hun—gcr!" „Seid brav, meine Goldenen, — beschwichtigt sie Sarah — „bald kommt der Vaier und bringt das Nachtmahl mit; dann werde ich euch alle schon wecken." „Und das Mittagessen?" fragen die Kinder weinend. „Wir jaben ja noch nicht zu Mittag gegessen!*' „Das Mittagessen wird er auch mitbringen!" Sie glaubt ja selbst nicht an das, was sie sagt. Ihre unruhigen Augen suchen spähend im Zimmer herum: ob sich nicht 1 doch etwas zum Versetzen fände . . , aber vergebens!' ✓ Leere, feuchte Wände; ein zerfallener Ofen — es riecht dumpf , und atembeklenuueiid. Ein paar zerbrochene Töpfe und .das verbogene blecherne „Chanuka-Lämpel" sind alles, was sie entdecken kann. Zwei leere Bettstellen, ohne Kissen , , . Sonst nichts! Es dauert lange, bis die Kinder wieder einschlafen. Sarah betrachtet sie voller Mitleid es krampft ihr das Herz zusammen . . , Nun heftet sie ihre verweinten Augen auf die Türe. Schwere Tritte nähern sich ihrer Kellerwohnung — ein Hoffnungsstrahl huscht über ihr vergrämtes Gesicht. Schwerfällig erhebt sie sich und geht zur Türe, um sie zu öffnen. Ein blasser Jude mit gebeugtem Rücken übertritt die Schwelle. „Nun?", fragt Sarah leise. Er läßt die leeren Hände sinken und tief aufseufzend antwortet er noch leiser: „Nichts — wieder nichts! Niemand hat gezahlt — alle vertrösten einen immer auf morgen oder nach dem Ersten . . ." „Die Kinder haben heute fast noch nichts gegessen," entgegnet Sarah. „Es ist ein wahres Glück, daß sie schlafen . . . meine armen Kinder ..." Sic kann sich nicht länger zurückhalten und beginnt leise zu weinen. „Warum weinst du eigentlich, du unvernünftiges Weib?" fragt verwundert der Mann. „Ach Mendl, Mendl, die Kinder sind ja so hungrig!" Sie versucht sich zu beherrschen und den Tränen Einhalt zu tun. „Und wie soll das überhaupt enden?" spricht sie traurig weiter, „es wird doch mit jedem Tag ärger!" „Aerger? Nein, Sarah, versündige dich nicht! Voriges Jahr war es noch viel, viel ärger. Wir hatten auch da keinen Bissen Brot, aber außerdem noch kein Dach über dem Kopf! Erinnerst dii dich nicht, wie damals unsere Kin-' der sich über Tag auf der Gasse herumkugelten und bei Nacht in; der,Gösse schliefen . , , und heute liegen sie wenigstens auf einem Strohsack und zwischen vier Wänden." Sarah schluchzte noch bitterer auf. Sie erinnerte sich in diesem Augenblick daran, wie sie damals mitten auf der kahlen Straße eines ihrer Kinder verloren. Es hatte sich erkältet und war elend zugrunde gegangen ... es war umgekommen, als wäre es in einer Wüste verendet ... ohne jede Hilfe. Niemand hatte ihm ein Sterbegebet gesprochen , , . Der Mann sucht sie zu beschwichtigen: „Sarahlebcn, beruhige dich .... versündige dich nicht an unserem Herrgott . . '." „Hat der Herrgott Mitleid mit mir? Wann wird er sich endlich unser erbarmen?" „Hab du vor allem Mitleid mit dir und nimm dir nicht alles so zu Herzen! Schau dich " einmal an, wie du aussiehst! Seit unserer Hochzeit sind kaum zehn Jahre vergangen — und was ist* aus dir geworden? ... es zerreißt mir ja das 'Herz, wenn ich dich, ansehe . . . Du warst doch einmla das schönste Mädel in der Stadt!" „Und du? Weißt du noch, wie man dich Mendl, der Starke, nannte? Und jetzt.!— dein Rücken ist krumm wie bei einem Greise und du kränkelst fortwährend . . . wenn du es auch vor mir zu verheimlichen suchst . . . o Gott, o Gott!" Plötzlich werden die Kinder munter. „Wir wollen Brot — wir haben Hun—gcr! , . „Gott behüte! Wer wird heute essen dürfen!" läßt Mendl sich plötzlich vernehmen. Die Kinder springen erschrocken auf. „Heute ist ein Fasttag," sagt Mendl unwirsch. Die Kinder verstehen ihn nicht gleich. „Fasttag? Ja was für ein Fasttag?" fragen sie mit träuenerstickter Stimme. Und mit zur Erde gesenktem Blick klärt Mendl sie dahin auf, daß heute während des Morgengebetes einer im Tempel die Thorarolle zur Erde fallen ließ. „Und deshalb," spricht er weiter, „ist über alle, sogar die Säuglinge, ein Fasttag verhängt worden . . ." Die Kinder sind verstummt und er fährt fort:

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