Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 7 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 7 Hotel „NATIONAL m Restaurant 1 W i en, IL, Täborstraße 18 JE'ÄÄS Zentrale Lage, UOO 2lmmft>t fließendes m Unter der bewährten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. G r ü n e r I kaltes .und warmes Wasser und Zentral- Vorzügliche Wiener, ungarisch« und ORIENTALISCHE | heizurjg. In allen Zimmern Telephon III (rumänische) KUche. Wienerbräu und Pilsner Urquell Versetzung der Juden aus den Städten aufs Land gute Fortschritte macht. Unter dem Eindrucke dieser Mitteilung wurde beschlossen, die amerikanische Judenschaft zu mobilisieren und 25 Millionen Dollars, sage und schreibe fünfundzwanzig Millionen, in diesem Jahre für das russische Siedlungswerk -aufzubringen. Eine Sammlung unter den wenigen anwesenden Komiteemitgliedern brachte sofort 400.000 Dollars bar auf den Tisch. Die Nebeneinanderstellung dieser beiden M ldungen läßt die unselige Geistes- und Gemütsverfassung erkennen, in . welcher sich die jüdische Gesellschaft befindet. In Rußland ein-furchtbares Experiment, welches böser Wille und Leichtsinn ins .Werk gesetzt haben. Man setzt Juden auf konfiszierten Boden, unter eine grollende Bauernmasse, die nach diesem Boden, nach ihrem Boden hungrig ist, wenige Jahre nach den entsetzlichen Judenschlächtereien in derselben Ukraina. Im Schwarzbart-Prozeß wurde es deutlich, allzudeutlich gesagt, daß dieses Unterfangen vom ukrainischen Volke als unerträgliche Bedrückung, als Provokation aufgefaßt wird, und daß das ukrainische Volk bei der ersten Gelegenheit mit den Eindringlingen abrechnen wird. Wie ukrainisch-jüdische Abrechnungen ausfallen, lehren die alten und neuen Pogrome. Bis da- . hin leben die Juden in diesen Kolonien nach bolschewikischen Grundsätzen, das heißt sie werten systematisch entjudet. Entjudung und Pogrome winken als Ziel. Warum das alles? Weil amerikanische Assimilationsjuden und russische Machthaber dem zionistischen Aufbauwerk.feind sind, weil die ameerikanischen nichtzionistischen Führer den Zionisten und Moskau dem verhaßten England, der palästinensischen Mandatsmacht, ein Bein stellen wollen. Und da rinnt jüdisches Geld in Strömen! Blutgeld für die Ukraina! Aber für Palästina nichts oder Brosamen, die von dem für Moskaureichgedeckten Tisch abfallen. In Palästina wird das jüdische Vaterland gebaut. Alle Kulturmenschen begrüßen diese jüdische Tat und verstehen ihre Größe und halten es für selbstverständlich und erwarten, daß das jüdische Volk all seihe Kraft und all sein Empfinden seiner Wiederaufrichtung widmet. Nur die Juden verstehen das nicht! Das jüdische Vaterland darbt und Weizmann und Bialik müssen Bittelegramme in die Welt: schicken, damit die jüdische Jugend in Palästina, unsere Jugend, unsere ganze Hoffnung, unsere Zukunft, unser Stolz nicht verwahrlose. Um hundert-f fünfzigtausend Dollars! Die Porto- und Drucksörten-• Spesen für das amerikanis'ch-sowjetistische Mach-:• werk in der Ukraina. * , Dieser Zustand ist schändlich. Noch nie hat eine Gesellschaft so ganz daran, vergessen, was sie ihrer Ehre und Zukunft schuldet, noch nie ist eine Gesellschaft so tierisch stumpf und blöd und blind an ihrem Heiligsten vorbeigegangen. Es ist ein Zustand tiefer Schmach und verantwortlich für ihn sind alle, die sich Führer dieser' jüdischen Gesellschaft hennen. Schuld sind die- Menschen* drüben in Arne- Tikä,- die «Warburg und Malrshair dje; ihre Macht und. ihren Einfluß dazu mißbrauchen; ^xlie Juden dahin zu bringen, eine schlechte, im Innersten unjüdische Sache zu fördern rund Geld dafür zu geben, ihre vaterländische Pflicht Palästina gegenüber hintanzusetzen. Verantwortlich ist aber auch die zionistische Leitung, welche es verabsäumt hat, das jüdische Volk aufzuklären und vor die Entscheidung zu stellen. Als vor drei Jahren die Kunde vom Krim-Ukraina-Projekt bekannt wurde, ging ein Sturm der Entrüstung durch die zionistischen Reihen. Man rüstete zum Kampfe gegen den nationalen Verrat, für Palästina. Aber bald begann ein Beschwichtigen und Abwinken. ö Kleinliche Erwägung und kleinliche Spekulation überwucherten den gesunden Kampfinstinkt. Warburg und Marshai sind mächtige Herren. Vielleicht kann man sie doch mit der Zeit für Palästina günstiger stimmen, vielleicht ist da für Palästina -„auch" etwas zu bekommen. Man begann damit, das Krimprojekt zu dulden und gelangte schließlich dahin, es zu loben. Weizmann erklärte in Amerikaner wünsche,, daß seine zionistischen Anhänger das Rrimprojekt achten und als vollwertige jüdische Arbeit einschätzen mögen. Vor wenigen Wochen sprach der Zionistenführer Ruppin, bevor er in die Ukraine fuhr, über das Krimprojekt und sagte, daß dieses Projekt in keinerlei Gegensatz zur zionistischen Arbeit stehe und dem palästinensischen Aufbauwerke keinen Abbruch tue. Das Resultat dieser Politik der Beschwichtigung, der Verleugnung des inneren Gefühles, des Nichteritscheidenwollens ist da. Gedankenlos geben die Juden Amerika Millionen und Millionen für die Ukraine. Sie finden nicht Uebles daran. Wie sollen sie auch, sie brauchen nicht zionistischer zu sein als die Zionisten. Millionen für die Ukraine, für Palästina — dreitausend Judenkinder ohne Schulen. Dieser Zu* stand ist nicht länger zu ertragen. Die jüdische G/- Seilschaft muß vor die Entscheidung gestellt werden. Sie wird Palästina wählen, trotz Warb%rg und Marsbai. Man muß sie nur zur Wahl aufrufen! Nach dem Freispruch. —y Wien, 4. November. .Schwarzbart ist freigesprochen worden, und das Urteil konnte gar nicht anders lauten. Nachdem die Leiden und Martern der ukrainischen Judenschaft vor den Geschworneh in einer tagclangen, peinigenden und hervenerschütternden Erörterung vorbeigezogen, waren, nachdem durch'Erzählungen und Dokumente die Schuld Petljuras aus: allen Zweifeln gehoben -Worden war, ' mußten die Richter aus dem Volke dem,Uhrmacher Schwarzbart die sittliche Rechtfertigung zusprechen. Trotzdem, hat die jüdische Oeffentlichkeit dieses Verdikt mit tiefer "Freude aufgenommen, und das befreiende Aufatmen klang in ein stürmisches „Vivc'la France!" aus, einen Ruf,.der in jedem jüdischen Herzen nachhallt. Das Selbstverständliche wurde begrüßt. Wir sind so wenig verwöhnt, daß wir die in dem Urteil liegende Verdammung der ungeheuerlichsten Verbrechen als einen Sieg des Rechtes feiern, das beleidigt und geschändet worden ist. . Das französische Volk kann mit berechtigtem Stolz den Schwarzbart-Prozeß an, den Drcyfuß-Prozeß anschließen, beide als Manifestationen des ehrlichen Willens zur Gerechtigkeit. Leicht war es nicht, diesem Entschluß freie Bahn zu schaffen, und es ist eine interessante Erscheinung, daß' dieselben Elemente, die dem Volke die Schuld des Juden Dreyfuß an dem nationalen Verrät einzutrichtern versuchten, auch diesmal an der Arbeit waren, die Wahrheit zu verfälschen. Die französische 'Rechtspresse unter Führung des „Figaro" ist seit je antijüdisch gestimmt und jeder antisemitische Angriff hat dort Rechtfertiger und Verteidiger gefunden. Wie im , Dreyfuß-Fallc, so wurde auch jetzt mit Verdrehungen und Entstellungen gearbeitet. Daß die Pogrome in der Ukraine stattgefunden hatten, daß jüdische Frauen und Kinder hingeschlachtet worden waren, das konnte selbst der „Figaro" nicht ableugnen. Aber Herr'Coty, sein Besitzer, trug seinen eigenen .' 'Odleiir* in den jBlutgerüch: Schwarzbart ist ein Agent des; Bolschewismus, er. hat im Auftrage; Moskaus gehandelt. Die Lüge wurde im Gerichtssaal in Fetzen gerissen, aber Herr Coty hat die Frage nicht gestellt und nicht beantwortet, in wessen Auftrag die Juden vott Proskurow und Sehitomir gemordet wurden. Das ist . nun, nicht so, daß irgend eine physisch existierende Stelle dem Petljura eingeflüstert hätte, er solle die Metzeleien veranstalten. Nein, es besteht keine faßbare Institution; aber ds besteht die Theorie von der Rechtlosigkeit der Juden, die Lehre von einem natürlich gewachsenen jüdischen Helotentum, an dessen Leib die Bestie ihre Krallen schärfen kartn. Gegen diese-.sogar mit .Wissenschaftlichem. Material /arbeitende Lehre-: kaim, sp. scheint es.das Judentum nichts unternehmen,^ EsIkaiin sich nur, "Und das ist sogar noch ein Glücksfall, gegen -die ihm imputierten Schändlichkeiten verteidigen. Immer ist "die Sache des Judentums bei irgend einem Gerichte anhängig. Das jüdische Volk muß beweisen, daß es kein Christenblut verwendet; daß es keinen heimtückischen Imperialismus hegt, daß es die Wirtschaft nicht ausrauben will. Es muß beweisen, daß ihm der Kriegsgeist fernliegt, und es hat diesmal sogar beweisen müssen, daß Pogrome veranstaltet worden sind, an denen die Juden keine Schuld tragen. Dieser uns, durch die Abnormalität unserer Lage" aufgezwungene Defensivzustand freilich kann nur so lange dauern, als wir ihn dulden. Wenn das Judentum zum Angriff übergeht und die Hintergründe der antisemitischen Hetze als des ersten und wichtigsten Mittels der sozialen und politischen Unterdrückung bloßlegt, so wirdes sich auch wirkungsvolles Gehör schaffen. Es ist ein Ehrentitel des französischen Volkes, daß seine Geschwornen der Suggestion des Coty und seiner Getreuen standgehalten haben, so sehr, daß sie Schwarzbart nach kurzer Beratung und einstimmig freigesprochen haben, Sie haben wie in der Dreyfuß-Zeit gezeigt, daß im französischen Volke der Geist der Menschenrechte noch lebendig ist und über die Hypnose siegt. Aber das Judentum, das zum erstenmal als Ankläger auftrat, muß aus diesem Prozeß lernen. Es erkennt, wie schwer es ihm gemacht wird, das Recht auf Leben und Existenz zu behaupten, und es erfährt, daß sich dieser Zustand/erst dann wird ändern können, wenn ein organisiertes, freies, jü« disches Volk bestehen wird, das seine Kinder unter den Schutz der vollberechtigten Nation wird stellen können. QUALITÄT5-MÜBEL OröQte Auf wählt Billigste Pralle! ZahlungserleSchtarungan I Möbelhaus J. WÜHL TIMJef&Ss^Z Der Council. Von Dr. Oskar Karbach. Der XV. Zionistenkongreß wurde unmittelbar nach Schluß der nach Zürich einberufenen Konferenz zum S c h utze der jüdischen Mi nd e r h e i t s r e c h.t e eröffnet. So kam es, daß die jüdische Oeffentlichkeit bisher kaum Gelegenheit gefunden hat, sich über die Ergebnisse dieser Tagung zu informieren und sie kritisch beleuchtet zu sehen. Die Tatsache der Konstituierung eines perrnanenten Rates (Council) und einige Personalien sind alles, was in kurzen offiziellen Bulletins hierzulande darüber bekanntgemacht wurde. In ihren Funktionen nahezu ausschließlich nach außen hin orientiert, darf an diese Neuschöpfung, die vorher schon jahrelang Gegenstand der öffentlichen Diskussion gewesen ist, nur der Maßstab strengster Sachlichkeit angelegt werden. Immerhin muß auch eine objektive Betrachtung zugestehen, daß diese Körperschaft infolge der Entwicklung der letzten Jahre notwendig geworden ist und heute einen festumrissenen Kreis positiver Aufgaben vorfindet. Die zionistische Weltorganisation und ihr Kongreß, der ja für . sich zu den Zeiten H e r z l s .und No rdaiis die Stellung eines jüdischen Weltparla:- mentes mit Kompetenz auch für die Angelegenheiten der Gallith angestrebt hatte, haben heute-als Ergebnis einer wohlbekannten inneren Entwicklung der zionistischen Bewegung sich ausschließlich auf das Aufbauwerk in Erez Israel beschränkt. Das Comite des delegations in Paris, . ursprünglich lediglich ,als jüdische Vertretung., bei der . Friedenskonferenz geschaffen und als solche eines ehrenvollen Platzes in der jüdischen Geschichte dieser Epoche sicher, ermangelte des demokratMien Unterbaues und war in seiner Organisation den Erfordernissen der Gegenwart nicht mehr vollkommen angepaßt. .. .... .........; Anderer^eijls jdrän-gje ,..einv. .^un^eordnet^s :^ebeh- ■-' einander vou!jüäscfie^ dhfeirrTsM*issfcn öffentlichen Wirkungskreis —' Parlamentsklubs,' Nationalräte, ' Völkerbundligen usw. — deren Tätigkeit sich oftmals kreuzte oder widersprach, seit Jahren zu einer organisatorischen Zusammenfassung. »Dazu kam, daß es galt, .die, gewaltige , moralische Hilfe , eines Teiles des amerikanaschen Judentums, das unmittelbar nach den Friedensverhandlungen gegenüber der internen Entwicklung der Gallith eine desinteressierte Haltung eingenommen hatte, für Europa wieder bereitzustellen. ..*"".;' >. v. ' •■. . . '■• Die Aufgabe def Züricher Konferenz mußte also im. wesentlichen eiife' organisatorische sein, Vor Reicher alle anderen Fragen'bei dieser allerersten Tagung vielleicht noch mehr in den Hintergrundhätten treten sollen, als. es der Fall gewesen ist. . " ' Immerhin muß es begrüßt werden, daß man nicht der Versuchung unterlegen ist, für den ganzen Erdball ein starres Schema aufzustellen, in das sich die verschiedenen jüdischen Zentren mit ihrem teilweise untereinander stark differenzierten Charakter unmöglich hätten einschachteln lassen, sondern daß man es bei einer „Addition ungleicher Dinge" bewenden ließ, die aber im konkreten Fall der ein.zig mögliche Ausweg war. . Die (alle zwei Jahre zusammentretende) Konferenz und der aus ihr hervorgehende ständige Rat (Council) vereinigen so als gleichberechtigte :Teile und Glieder Einzelpersonen und Korporationen der verschiedensten Art: alle auf ein jüdisches Programm gewählten Parlamentsmitglieder, prominente Einzelpersonen, Nationalräte, Parteien, interterritoriale jüdische Organisationen mit verwandtem Tätigkeitsgebiet, jüdische Völkerbundligen. Die Juden der Republik Oesterreich sind in Ermanglung jeglicher anderer Organisationsform lediglich durch die Jüdische Völkerbundliga für Oesterreich im Council und in der Versammlung vertreten, ein Umstand, der dieser Vereinigung eine neue und ganz besondere Bedeutung verleiht.- Vor dem Zusammentritt der Konferenz, habe ich in mehreren Blättern der Meinung Ausdruck'gegeben, daß es unter den faktischen politischen und rechtlichen Verhältnissen des gegenwärtigen Augenblickes schon ein außerordentlich befriedigendes Resultat bedeuten würde, wenn es gelänge, einen wirksamen „Alarmä p p a r a t" für Fälle der drohenden oder vollzogenen Beugung jüdischer Rechte zu schaffen, der die öffentliche Meinung der Welt rasch und vollständig auf diese Tatsachen hinzulenken imstande wäre. Auf der Konferenz wurden Stimmen laut, die