Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 7 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen V« ba b. DIE NEUE WELT IPIE NEUE II ELI BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei " " vierteljährig Kc 15.—; Jugoar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. monatlich Kc. 6.—t slawien monatli ch Dinar R EV U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schwei2er Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Erscheint jeden Freitag Jahrgang 1 Fzeitag, den 4. November 7927 Nr . 7 Aus dem Inhalte: Maximilian Harden. Die Numerus clausus-Koinödie in Ungarn. Christlich-germanische Weltanschauung. Robert S t r i c k e r: Dreitausend Judenkinder ohne Schule. —y: Nach dem Freispruch. Achad H aant: Erinnerungen an die Entstehung der Balfour- Deklaration. Maxim G o r k i über die Schwarzbart-Affäre. Der Kaiser des Ku-Klux-Klan. Der jüdische Selbstschutz in Rußland. J. Perez: Unfreiwilliger Fasttag. Heinz Hermann H u s s e r 1: Mit dem Generalgouver- . neur und seinem Opfer. Mitteilungen des Verbandes jüdischer Kaufleute. Jüdische Sport- und Turnbewegung. Jüdischer Humor. Austritte aus dem Judentum. Schalom Asch: Die Zauberin von Kastilien. 1^ ./v;M&!m1Bini Jffardehi Am 3L:Öktober ist;in -Mpn- «mnac 4n";der Schweiz"Maximilian - H ä r.d c n. im.66. Le-. be^Sr^.^iestpr^.e^.., Seine einstiftals so berühmte Zeitsch^f ,^Die!^ukün#^.w^ still geworden,, wie auch Harden selbst 4em Gedächtnis der Zeit entschwunden war. Und •.doch war er ein sehr mächtiger Mann gewesen, auf *des|en Wort die geistige Welt nicht bloß DeutschlandsVeinmal sehr aufmerksam geachtet hatte. Er stammte aus einer nach Berlin eingewanderten jüdischen Familie aus dem Osten und diese seine Abkunft hat ihm unendlich mehr erbitterte Feindschaft geschaffen als die politische Stellung, die er sich gewählt hatte. Er war ein Kämpfer voll Leidenschaft, Wissen und Rücksichtslosigkeit. Er stand immer rechts und seine berühmtesten Artikel wandten sich gegen den Kaiser und seine Umgebung, denen er Schwächlichkeit und mangelnde Sorge um Deutschlands Heer und Geltung vorwarf. Für die Notwendigkeiten der sozialen Entwicklung hatte der zur Großbourgeoisie neigende Harden wenig Verständnis und er beging mit vielen anderen den großen und folgenschweren Fehler, die BSismarctasche Aera, die ihr - Schöpfer schon verlassen hatte, mit ihrer militärischen Ueberspitzung des nationalen Expansionsdränges für die unverrückbare und unentwickelbare Grundlage, für das letzte Wort der Staatskunst zu erklären. In zahllosen Aufsätzen',, die in einer merkwürdigen, oft fast unverständlichen geschraubten Sprach« geschrieben waren, führte Harden seine Sache und stets waren, die Pfeile, die er schonungslos versandte, von tödlicher Wirkung. Unter erregter Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit rollte enden Kreis der um. Wilhelm stehenden Speichellecker und sexual entarteten Höflinge auf und wandte sich dann schroff und mit einem Mut, der das Byzäntinertum in Schrecken jagte, gegen den Kaiser selbst; aber nicht wegen der unaufhörlichen Provokationen des mißtrauischen Auslandes, sondern wegen der angeblichen Vernachlässigung der Macht. So wurde Harden eigentlich der Wortführer des Großbürgertums,^das genau sq.nationalistisch fühlte wie der Hof : Und. die Generalität,. Erst während'- 'des Krieges,:als .die furchtbare Situation der Mittelmächte von detyWissendOn noch .verschleiert und verleugnet wurde,'brachte Harden den Mut auf, sich zur vollen Wahrheit zu-bekennen. Dies verfehmte ihn und fast; hätte er in der Zeit der moralischen Verwilderung Deutschlands das Schicksal Rathenaus geteilt. ■■• Er wurde von-; ■ zwei HakenkreuzvSöldlingen tiberfallen und schwer, mißhandelt. Seine Attentäter kamenvmit leichten Strafen davon. . Für; das Judentum und die jüdischen Palästinabestrebungen hatte Harpen keine Sympathie und kein' Verständnis. Die antisemitische Hetze ging von seiner jüdischen Abkunft aus und warf ihm immer den ursprünglichen Namen Isidor Wittkowski vor. In einem Manne von geradem, männlichem Empfinden hätte dies den Trotz herausgefordert, aber Harden, der Publizist der reicllgewordenen, nach dem Glanz Potsdams schielenden assimilierten Schicht, geriet in trostlose Verlegenheit, wenn an diese wunde Stelle gerührt wurde. Er war weit von jeder wahren'Freiheitlichkeit und vielleicht ist es richtig, was ihm von so vielen Gegnern ins Gesicht geworfen wurde, daß er immer ein Schauspieler war, bar des ursprünglichen echten Empfindens. Ein Jude wie so viele, clie sich enthusiastisch und bis zur letzten Kraft der Funktion des Hausjuden hingeben und ihre reichen Gaben, ihren Mut und ihren Willen einem Götzen opfern. .. . Die numerus-cIausus-Komödie in Ungarin ist richtig von den Erwachenden zum Stillstand gebracht worden. In Budapest sind die jüdischen Hörer aus den Vorlesungen entfernt worden; im ganzen Lande •haben die chauvinistischen Verbände eine heftige Propaganda gegen die angeblichen;, Pläne der Regierung eingeleitet. Es wimmelt, von Taten und Drohungen des Terrors und es mag angezeichnet sein, daß die stärkste Agitation .von dem» Rehmen verband „Tüsz" 'ausgeht, an dessen'Spitze ein leibhaftiger E.rZr therz.o'g aus dem Hause ,'Habsburg stdit; selten "S^ rung eine sehr cfäiefr^olie^^ ".; ih%. Läge eingetreten, die .siclr seitab sie allein beschränkt. Für die ganze jüdische Bevölkerung Ungarns sind wieder schwere Tage gekommen. Die Regierung hat ein 'Gaukelipielv^'urc^ffefiihrt'; sie hat vor dem Ausland und den{ Völkerbund ihren guten Willen gezeigt, im Inland aber die Faus;t. Sie hat erklärt, daß sie die im Frieden von Trian.ph vorgesehenen M i n o r i t ä t e n b c s t Im m u n gen •anwenden wolle und dies auch im 'Hinblick'' auf.die magyarischen Minoritäten in den abgetretenen Gebieten. Bei.'dieser Erklärung bleibt es, und selbst wenn die angekündigte Novellierung des Halleloschen Gesetzes vom Parlament angenommen, wird, hat die Regierung die bekannten und bewährten Praktiken der Rassensohützler zur Hand, um das neue Gesetz durch die angewandte Autonomie' der Hochschulen sabotieren zu lassen. Es wird eine Komödie aufgeführt und die magyarisch-jüdische Demokratie unter Führung des;,Pester Lloyd" bildet eine stets bereite Komparserie. Wie könnte es denn auch in diesem;Staate anders sein, dessen Rechtspflege eben jetzt in dem Kommunistenprozeß gegen S z a n t q ix n d G e n o ssen enthüllt wird! Es sind neun Angklagte, unter ihnen einige Juden. Die Anklage stützt sich auf die Geständnisse dieser Neun. Diese Geständnisse sind durch fast u n g i a u b 1 i c h e F ö 41 e r u n g e n erzielt worden und im Gerichtssaal, in öffentlicher Verhandlung sind Einzelheiten darüber mitgeteilt worden, deren Wahrheit durch das Verhalten des .Senates selbst bestätigt wird. Jeder, der -seine.; Schicksale in den gepolsterten Zellen der ObersfadthauptmaiMischaft schildert, wird niedergebrüllt und disziplinarisch bestraft. Am schlimmsten ist es: den jüdischen Untersuchüngshäftlingen ergangen, für die , keine andere Bezeichnung gebraucht wurde» als „jüdisch es Schwein". Sie wurden geprüge 11, mit Z a n gen g e z w i c k t, mit b r e n nn d e n : Zigaretten yerbrannt, mit Ochsenziemern geschlagen,, bei 'manchen wurde die S c Ii w e s te r oder' F r a u als Geisel mitverhaftet,'um 'eine'Aussage zu erpressen. Das ist der Rechtsstaat Ungaru, Mitglied des Völkerbundes, der Staat, der immer iiber das Unrecht weint, das ihm von den bösen Siegern zugefügt wird, der Staat, für den sich Lord Rotherniere einsetzt. y Die christlich-germanische Weltanschauung, die einmal vom Hof rat und Burgtheaterdjr^ktor Millen-, ko vicii -aj-svdas höchste Erfordernd;geistiger Kultur gepredigt, wurde, wäre fast in Vergessenheit geraten, Sie ist jetzt von Herrn Lach, den der Unterrichtsmiuister zum Professor der Musikakademie ernannt hat, wieder aufgefrischt worden. Er Imt in seiner Antrittsvorlesung den- Hörern auseinandergesetzt, Studium'und Pflege der tönenden Kunst sei nur auf der G r u n d 1 a g c c h r i s 11 i c Ji - g e r m a n a s c <h e r AnscIiau'Ung denkbar. Das stellt einigermaßeii4m Gegensatz zu den Tatsachen, entspricht aber üer Richtung, die der politischen Entwicklung des deutschen Volkes von dem rassenmäßig fundierten Nationalismus vorgezeichnet werden soll. Wie weit dies möglich ist, mag' unerörtert bleiben, zumal ja der Niedergang des österreichischen Hochschulwesens durch diese Devise eklatant geworden ist. Der Herr Professor Lach müßte aber doch einmal auch erklären, was er mit der romanischen, und slawischen Musik beginnt, wohin er Mendelssohn und Bizet steckt, und ein boshafter Jude ä la Offenbach würde eine sehr lustige Operette rings um den Freimaurer Mozart schreiben. Dieser Professor Lach, der die .Geschichte und das Wesen seiner Disziplin so gut kennt, ist aber der Nachfolger Guido Adlers ...; ' Sodom und Gomorrha. Die Palästina-Regierung hat, wie aus London berichtet wird, dem englischen Chemie-Trust die Konzession zur Ausbeutung der mineralischen Schätze des Toten. Meeres erteilt. An -der Spitze dieses Trusts steht der Zionist Sir Alfred •Hon d, ehemals Minister im Kabinett Lloyd George. Aha! - schreit die sozialdemokratische , „Arbeiter-Zeitung", jetzt weiß man;*,weshalb sich England für Palä- •$ijft,^ih^ die Kreundschäft1 .zum Ziomsmus^stämtntl Jet^| weiß man; spottet sie, wes— .halb: dptt;Feuei;A^ud ^ch^eM auf S o d p m und '£* p in*!Ö"jf'r:J'f-älia|';T'egrieii."V^aäsen. Wir meinen, daß aueli der verbohrteste'; sozialistische Doktrinär sieh freuen müßte, wenn eine blutarme Gegend auf geflossen, wenn -in Ä lagernde Schätze der Allgemeinheit nutzbar gemacht werden un.d wenn fiir ar beitswi 11 ige M ens ch en Ve r di en st und Brot geschaffen wird. Aber der gesinnüngsfesten „Arbeiter-Zeitung", die über die soziale Arbeit des J.udentums.;in. Palästina so gar nichts zu •berichten weiß, entgeht' auch diese Seite der: Sache. Ihr ist alles recht, wpraus sich nur Feuer und Schwefel über den ZiomSmus machen läßt, und-deshalb verflucht sie auch die Konzession, aus der, Gott behüte, Arbeit für jüdische Arbeiter entstehen könnte 1 Dreitausend Judenkihder ohne Schule. Von Robert Stricker. Aus Jerusalem wird berichtet, •■daß dreitausend J u d e n k in de r ohne Sc hu 1 u n t e rrieht bleiben müssen. Das vom Zionistenkongreß aufgebrachte Unterrichtsbudget ist so klein, daß nicht .nur die Einrichtung neuer Schuleu für den :Nachwuchs unmöglich ist, sondern .. auch: beatehende Schulen gesperrt ' werden müssen. Der Fehlbetrag .beläuft sich, auf ungefähr hundertfünfziglausend Dollars. Wenn die Kinder nicht ohne jede Erziehung bleiben sollen, wird >man sie in christliche Missionsschule n; schicken müssen. Das jüdische Aufbauwerk ist dadurch in seiner Grundlage erschüttert. Eine gemeinsame Sitzung des Nationalrates und des Eraiehungsrates hat. sich mit diesem lebenswichtigen Problem beschäftigt. Präsident Dr. Weizmann und der Dichter Bialik waren anwesend'. Vorschläge, durch Sparmaßnahmen •Erleicjiterung zu schaffen, blieben .ergebnislos. Die Lehrergehalte sind bereits auf das Minimum herabgedrüc^t. VVeizm,ann und Bialik wandten, sich telegraphisch an die amerikanischen-Zionisten,'mit der Bitte, alle An- 'strengungen zu njachen, um, ihren Beitrag für das palästinensische Erziehungswerk;zu. erhöhen. Es geht Um 'dreitausend Kinder und lumdertfünfzigtausend Dollars. - Die gleiche Post bringt eine Nachricht- .aus C hlka go. Die i§t v|el lustiger. Dort wurde-unter dem Vorsitze des Bankiers Warburg eine . Sitzung nichtzionistischer Juden abgehalten, der ein Bericht über die jüdischen Kolonien in der Ukraiua und der Krim vorlag. Es wurde mitgeteilt, daß die unter;4em Protektorate der Moskauer Bolschewiken betriebene