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Die neue Welt · 1927-10-28 · Heft 6 (28.10.1927) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 6 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT QUALITKTS-MOBEL Größte Auswahl! Billigste Preise I Zahlungserlef chterungen I MBbelfiani J. WÜHL "^^gSVOStt 1 . '. 1. .—:—:- Die Balfour-Deklaration* Zum zehten Jahrestag. —y Wien, 28. Oktober. Die Grundlage des Völkerbundmandates über Palästina ist die Balfour-Deklaratipn, jene Erklärung, die Artur James Balfour, Minister des Aeußeren im Koalitionskabinett LIoyd Georges, am 2. November 1917 an den Lord, R o t h s c h i 1 d in London gerichtet hat. Diese Erklärung, deren zehnter Jahrestag in die nächste Woche fällt, lautet wörtlich: „Zu meiner großen Genugtuung übermittle^ ich Ihnen namens S. M. Regierung die folgende Sympathieerklärung mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen, die vom Kabinett geprüft und ge-. billigt worden ist: .....> Seiner Majestät Regierung betrachtet die' Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit;Wohlwpllen und wird die größten /Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die, Rechte und die politische Stellung der Juden in irgend einem anderen Lande beeinträchtigen könnte.. ..:" Ich bitte Sie, diese Erklärung, zur Kenntnis , der zionistischen Föderation zu bringen. •'• gez.: James Balfour." Der Inhalt dieser Zuschrift wurde am 27. Februar 1919 von den Westmächten in Versailles anerkannt und am 24." April 1920-faßte der Oberste Rat auf der - Konferenz von San Remo den Beschluß, Großbritannien das Mandat über Palästina zu übertragen; Am 3. Mai 1922 trat der amerikanische Senat und am 30. Juni 1922 das amerikanische Repräsentantenhaus der Deklaration bei; die '; vom Rat des Völkerbundes am 24. Juli 1922 in den Text des Mandatsvertrages, aufgenommen wurde-, und. zwar in folgender Form: r< „In Anbetracht dessen,.daß .die. alliierten. Hauptmächte . . . übereingekommen sind, daß der Mandatar verantwortlich sein soll für die ' Verwirklichung der ursprünglich' am 2. Novem* ber 1917 durch die Regierung :Seiner Britischen Majestät, erlassenen und .VQti :, $ien; erwähnten Mächten anerkannten Deklaration;zug';nsten der Errichtung einer nationalen Heimst das jüdische Volk irr Palästina.: * .• und daß dadurch die 'Anerkennung der historischen Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina und der . Grundlage für .die Wiedererrichtung. seiner' nationalen Heimstätte in. diesem Lande erfolgt ist." Die englische Regierung selbst wiederholte den Wortlaut des Balfour-Briefes in der;am j 10. August 1922 erlassenen Palästina-Verordnung> welche die ' Bestimmungen über Einsetzung und Kompetenz des OberkÖmmissars sowie die ersten Einrichtungen der' Verwaltung normierte. 1 .' r "Pfe Baifour-Deklaratioh. läßt ..in.'.ihrerr Fassung d'eutliC'h die Herkunft von dem Baseler Programm erkennen/das zwanzig Jahre vorher' ,jdie, Schaffung einer Qffentlich-rechtlic'h gesicherten '.Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk": als das Ziel.! des Zionismus erklärt hätte. Was hier wie. dort gemeint war-, ist klar': die volle nationale und territoriale Unabhängigkeit; des jüdischen Volkes ' in. dem Lanäe seiner Abkunft. Dieses Ziel konnte 1897, als Palästina Besitz' des osmanischen Reiches war, .'nicht anders definiert werden und da zur.Zeit der Erlassung der Deklaration die Türkei noch im Krieg stand, war auch 1918 eine andere Formulierung nicht möglich...Es ist, die Frage, ob dies, nicht vier. Jahre spater" erreichbar gewesen wäre "und: pti nicht vielleicht hier eine Unterlassung begangejn. worden ist, die In absehbarer Zeit schwer reparierbar "sein" wird. ... Für alle Fälle .jedoch war die Balfour-Peklaration ein größer Schritt nach vornein den jüdischen Bestrebungen. Sie ist die direkte Fortführung der vom politischen . Zionismus« beschrittenen * Straße. Diese Deklaration war das Resultat mühevoller und langwieriger Anstrengungen der zionistischen , Vertreter und sie schaffte in einer. Zeit, in' der das jüdische Volk mit . allen anderen Kulturvölkern in der großenX'eidgemeinschäft des Krieges verbunden war, den blutenden jüdischen Massen Trost und Hoffnung in ihrer furchtbaren Verzweiflung; , Eine heue Aera wurde aufgeschlossen. Das Recht des Volkes auf Freiheit und Land war anerkannt: und diese Anerkennung, die von den Vertretern der Völker unterfertigt; wurde, kann uns nicht mehr , genommen werden. Sie ist fester Besitz, und in ihr verkörpert sich die politische Kraft des Zionismus. . Das Mandat jjber Palästina wird von der Re«) gierung nicht so durchgeführt, wie:.dies; de» Forde-. rungen des vom Zionismus repräsentierten Volkes .entspricht. Trotzdem aber ist dem jüdischen Volk durch die Deklaration und a<uch durch das Mandat 4er Ansatz zu einem eigenpolitischen Dasein gegeben worden. Die Zionisten haben die Aufgabe, ,-diesen ersten Ansatz zu verbreitern und das Volk .darüber zu belehren, daß die;Ba|four-Deklaration micht historisches Ereignis bleiben, darf, sondern lebendiges .Recht werden muß. ..... Hert Holitscher und Palästina. Man erinnert' sich, wohl hoch des, vor. fünf Jahren erschienenen Büchleins fiie*. Rteise' durch das j ü d. i s c h e P a.l ä s t i ti a" von*;A.r.'f'u r Holitscher, das' sich bemühte!,der Tatsache „tödliches Palästina" gerecht zu werden. Man'.erinnert'.sich auch des wenig erfreulichen 'Aufsatzes in der '„fteuen'lRundschäu". vor zwei Jahren, 'der'.neben der tinverhüllt zutage tretenden Enttäuschung über die nicht' oder nicht genügend kommunistische Entwicklung des jüdischen 'Palästina eine Reihe von Behauptungen enthielt,, die durchaus' nicht den Tatsachen entsprachen, worauf'der ".Autor dann auch hingewiesen wurde!. Ob das' Büch diese "Unrichtigkeiten dann wiederholte, ist mir mchV.bekarint. ich habe es nach der Kostprobe hi der „Neuen Rundschau" vorgezogen, es nicht zu kaufen. Jetzt hat'Herr H o 1 i.t.s c li.e'r1 in Breslau zur Eröffnung des neuen Halbscmesters der dortigen „Jüdischen Volkshochschule" eine akademische Vorlesung gehalten, der man leider an Ort und Stelle nicht widersprechen konnte, die aber unmöglich so hingenommen werden darf. Das Thema lautete: „Das Judentum in der kommenden Weltkrise". Der Gedankengang des Redners .war, ganz kurz zusammengefaßt, etwa dieser: Eigentlich befinden .wir urfs schön jetzt in dieser Weltkrise, schon seit dem Weltkriege. Durch das Aufstreben der linterdrückten Völker und durch den allerdings noch unvollkommenen Widerstand der Arbeiterschaft gegen ihre besonders in dem so gjroße Gegensätze aufweisenden Amerika ' sich immer mehr vervollkommnende Mechanisierung und damit verbundenen Verblödung wird die Krise immer schärfer sich zuspitzen und :zu einer Lösung drängen. Vorläufig herrscht allerdings noch in aller Welt, besonders der englischen, der Kapitalismus,- .der immer wieder Kriege braucht und sie immer v/ieder hervorrufen wird, und dieser wendet , sich geschlossen gegen das.. arbeiterbefreiende sowjetistische Rußland- Auch, der Idealismus junger Juder^ die auch in Palästina das Sowjetsystem herrschend machen wollen,: was aber als auf einer.Insel mitten im Meere des Kapitalismus kaum, möglich .ist,.! wird,.wegen dieser .Bestrebungen verfolgt „und, kann., sphon darum zu keinem, Ziele : kommen. Demgegenüber.,, haut R uJB.La n d . d.e n J u d e n; K o 1 o n i e n, "die ihnen eine, sichere Zukunft geben werden, wenn nicht etwa die Sowjetherrschaft vom Kapitalismus gestürzt Avird. Dann allerdings .gäbe es „schon bei der ersten kfi e ge r i s c Ii e;i H a n d 1 u.n.g geg.en: RuJ3J an d.d en blutigsten Pogr om, den die, Ge.sicjii.ch t.e j e e r. 1 e b t. Ji a..t"... Um das zu ..vermeiden,, müßten, die. Juden die .Sowjetherrschaft stützen, sie, die,, selbst „stets, unterdrückt, doch, das meiste Verr ständnis für die Unterdrückung; anderer Völker und der Arbeiter . aufbringen müßten. Sie, das Volk des Indi? vidualj$mus, haben auch das. tiefste'Gefühl für die' Notwendigkeit der Entrnechanisierung der Massen und für die jetzt neu aufstrebenden religiösen Ideetf, die sich im Bolschewismus zeigen.' Sie,;aus deren Mitte Männer wie Spinoza,' Heine, Marx; Lassale und Trotzki •(!!) hervorgegangen sind, die stets Vorahner'und Vorbereiter neuer Zeiten waren, müßten auch hier'wieder Führer der Menschheit zu großen neuen Idealen sein ... - . / :;. Wenir das Publikum nach diesen Ausführungen dem Redner Beifall klatschte,' so war das nur die übliche Anerkennung der geistigen Leistung. Schonwährend des Vortrages machte sich eine bei einer solchen akademisch sein -sollenden Vorlesung sonst i:ungewohnte Unruhe bemerkbar und es wurden sogar Zwischenrufe laut. Auch der. stets liebenswürdige Vorsitze nde der Volkshochschule dankte nur dem geistvollen Mami, setzte aber hinter den Inhalt der Ausführungen ein deutliches Fragezeichen. Und JlllllliP^ 1 Palästina^ » Monatsschrift für die Erschließung Palästinas Pas einzige Organ, das aUe den Aufbau des jijdi chen Palästina betreffenden Fragen rein aachlich behandelt und das ganze sonst weithinzerstreute darauf bezügliche Material konzentriert Redaktion; Adolf Böhm Zu beziehen durch die Administration . Wien, I, Kärntneratrafje Bezugspreise: Fyr Österreich, ganzjährig , S 8.— Fürs Ausland, ganzjährig , S 10 -~ ^llllllilllllllllll^ wenn man, wozu man wohl berechtigt ist, Aeußerungen des kritischeren und orientierteren Teiles der Hörerschaft beim Verlassen des Saales, wobei sich immer wieder erregt diskutierende Gruppen bildeten, heranziehen darf, so hat viele; und nicht gerade die schlechtesten;der Hörer,' nur der gesellschaftliche Takt davor zurückgehalten, während des Vortrages schon den Saal zu verlassen. Aber nicht so sehr wegen der Gesamttendenz. Sondern wegen des Beiwerkes dieses übrigens auch rhetorisch und stilistisch durchaus nicht auf besonderer Höhe sich haltenden Vortrages. Und um dieses Beiwerkes willen wird überhaupt an dieser Stelle berichtet . . . Daß der Vortrag den offenbaren Zweck, zu den Ideen des Kommunismus und des Sowjetismus zu bekehren, nicht erfüllt, ist sicher. Aber was er erreichte, war ein anderes, war eine natürliche Folge der psychologischen Tatsache, daß Negatives immer mehr am Hörer haften bleibt als Positives, besonders wenn es seinen inneren Strebungen entspricht. Und das war 'Ablehnung, Bekämpfung des Zionismus. Nicht bloß der jetzigen Leitung; sondern des Palästina-Gedankens an sich. Redner erklärte, sich nur gegen erster.ei zu wenden. Was der. Redner vorbrachte, war geradezu unverantwortlich. Schon als er von dem Brüsseler Kongreß der unterdrückten Nationen berichtete und von dem jungen C.haluz sprach, - der dort als „D e 1 e g i e r t-e r a u s P a 1 ä s t.i n a" war- -und dort. den. <B o l.s c h.e w Is^m u s-:a 1s, d,a.s!,H1e\L , der, Welt pries, hielt er es nicht für nötig, zu sag-sn, welche G r u p p e a u s P a 1 ä s t i na ihn dahin delegiert hatte und wie klein diese Gruppe war. Jeder Hörer mußte . annehmen, daß es ein. offizieller Delegierter des gesamten, arbeitenden Judentums in Palästina war. •Er sprach dann weiter von der „von der Exekutive verbrecherisch- : vernachlässigten - Arbeiterschaft", wörtlich! Daß män. der. Zionistischen Exekutive alles andere eher nachsagen. kann, als eine „Vernachlässigung" der Arbeiterschaft, sollte doch Herr Holitscher wissen. Nein, das weiß Herr Holitscher und spricht doch einen solchen Satz aus ... .;... Er sprach weiter von Chaluzim, die er 1925 im Emek krank und -elend antraf, ,nachdem er sie . drei Jahre .zuvor bei seiner ersten Palästinareise dabei getroffen hatte, wie sie mit Hergabe all ihrer Kräfte und-ihrer Gesundheit den Boden ameliöriert haben „für jetzt in Tel-Awiw sitzende Schieber" .. . Weiß Herr Holitscher nicht, daß der jüdische Boden des Emek nicht spekulierenden Privatpersonell gehört, .sondern Volkseigentum,-Besitz des Ke.ren Kajeme.tlu des Nationalfonds, ist?. Wann und wo haben, überhaupt Chaluzim für „in Tel-Awiw sitzende Schieber" Boden ameliöriert? Und wo sitzen diese „Schieber" in Tel-Awiw? Heraus'mit' den Namen, Herr Holitscher, wenn Sie Ihre Behauptung belegen können! Es fällt wahrlich schwer, dem Redner objektive Glaubwürdigkeit zuzugestehen, wenn man ihn so reden hört. Daß er von Ärlosoroff als einem der linksstehenden Arbeitervertreter in Palästina sprach und ähnliche kleine Schnitzer machte, zeigt allerdings, daß Herr Holitscher ' erst, vielleicht noch ein dritter Mal nach Palästina gehen müßte und dort vielleicht auch mit einigen anderen oder anders eingestellten Menschen zusammenkommen müßte, um selbst genügend orientiert zu sein. Das noch weriiger mit den Dingen vertraute Publikum nahm solche Unrichtigkelten genau so gläubig hin, wie die Behauptung, daß die englische Politik sich jetzt immer mehr den Arabern zu* und von den Juden abwende, eine Behauptung, deren' Gegenteil den Tatsachen entspricht. Er erzählte welter von einer „starken Abwanderung" von palästinensischen Chaluzim nach Rußland, etwas,'was zwar die j.Daily Mail" gleich nach dem Erdbeben pröphezeite, dessen Eintreten indes bis jetzt -die Statistik noch nicht berichtet hat. Welter schilderte er die Chaluzim als Menschen, die ganz bewußt auf eine neue Form des Glaubens hinarbeiten,^ die ein „Jenseits hlenieden" schaffen wollen, die aber gerade darum vernichtet werden sollen (von wem, das sich zu denken, blieb dem zum Schweigen genötigten Zuhörer überlassen), obwohl sie im Grunde stark religiöse Menschen sind, allerdings nicht für „eingefleischte Formen und Riten, die je4e wirkliche Religion unmöglich machen", und sprach welter von/ den - Bemühungen des offiziellen Zionismus, den Chaluz zu „unterdrücken, well er nicht

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