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Die neue Welt · 1927-10-28 · Heft 6 (28.10.1927) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 6 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr.6 DIE NEUE WELT Seite 5 SIEGM. KORNMEHL aftOSSFLEISCHHAUEREI Zentrale IX., Berggagse 19, Telephon 17-3-99 n. 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten OhMU^enJür^2^£!!!^ unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien IX. Bergg. 13 ✓ XVIII., U/fihrlngerstr. 97 Jüdisch-Politisches aus Polen* Von unserem polnischen Berichterstatter, N. R. — Warschau, am 25. Oktober 1927. Die gefährdete jüdische Einheit bei den kommenden Paria* mentsv. ahlen. — Die Gemeinderatswahlen. — Die bevorstehenden zionistischen Landeskonferenzen In Ost. und Westgalizien. Den prinzipiellen Erwägungen der Aguda in ihrer letzten Krakauer Beratung, daß es zulässig ist, bei den bevorstehenden Parlamentswahlen auch auf einer Liste mit einer polnischen Partei zu kandidieren, folgten bereits Versuche, welche die Verwirklichung dieser Absicht in die Wege leiten sollen. Während einer den Wahlen gewidmeten vertraulichen Konferenz des polnischen Adels in D z i k o w bei Krakau soll eine Fühlungnahme mit den dorthin gereisten Vertretern der Aguda, Senator De atscher und dem Wunderrabbi von Gora Kalwarja, erfolgt sein. Im stillen Kämmerlein fanden sich Schlachziz und Jude. Das parlamentarische Haupt der Aguda, Abgeordneter Kirschbraun, soll mit der polnischen Partei der Arbeit, in »besondere mit deren Führer, dem Vizepremier Bartcl, diesbezüglich Verhandlungen führen. In Krakau hat letztens eine vertrauliche Konferenz der orthodoxen Rabbiner Westgaliziens, ähnlich der von uns berichteten Konferenz orthodoxer Rabbiner Ostgaliziens, in Grodek Jagiel- 1 o n s k i stattgefunden. Auch hier wurde gegen die Demokratisierung des Kultusg e m c i n d ewahlrcchtes Stellung genommen, auch hier soll ein Wahlhilfsdienst für die RegderuugsHstc erwogen wor-* den sein. Es ist zu befürchten, daß diese vielen Einzelheiten sich zu einer gewissen Linie verdichten. Kein erfreuliches Prognostikon für die jüdische Einheit in Polen. Dürfte es ja auch bei einer solchen nicht leicht sein, den jüdischen. Besitzstand zu erhalten. Für die Leser im Westen erseheint es, angezeigt, die Entwickhing der letzten Jahre zu streifen. - ■ Die Legislaturperiode des polnischen Parlamentes läuft im November dieses Jahres ab. Vor fünf Jahren, bei den Wahlen Ende 1922, haben die Juden im Rahmen der gegebenen Wahlkreiseinteilung gut abgeschnitten. Die zionistische Bewegung war zu jener Zeit auf einer gewissen Höhe, die zionistische Organisation nicht geschwächt, die änderen in der jüdischen Gasse hatten vor f ihr Respekt, sie war die unbestrittene Führerin. So konnte sie fast alle jüdischen Parteien, die politischen und sozialen Gruppierungen, mit Ausnahme der jüdischen Sozialisten, ) unter ihrer Aegide auf einer jüdischen. Liste vereinigen. Ueber ihre, > insbesondere des Abgeordneten G r ü n b a u m l Inspiration und unter dessen Führerschaft kam der M i n o- ( ritätenblock in den ehemals russischen Teilen Polens ( (Kongreßpolen) zustande. In Ostgalizien gab es nur eine einzige jüdische Liste unter Führung der Zionisten; sie umfaßte alle jüdischen Parteien von der Aguda bis zur* Hitachdut. Niemand hätte damals gewagt, die jüdische Ein-| heit zu stören. Die Assimilation gab sich ohne Wlanlkatnpf J geschlagen, sie traute sich nicht einmal zu kandidieren,! auch nicht in Galizien, wo sie einst die Macht hatte, | ebenso nicht in ihrer Metropole, in Warschau. Das El gebnis waren fast vierzig jüdische Abgeordnete und Sena-f toren, ein jüdischer Parlamentsklub, der als der Landtag der Judenheit Polens angesehen werden kann. Diese pailamentar'sehe Repräsentanz der drei Mi!-J Honen Juden Polens hatte gegenüber Parlament und Re-I gierung einen schweren Stand und konnte sich nur schritfc4 weise während der Regieruugen Sikorski, Grabskiv und W i t o s die nötige Achtung erringen. In die Zeit der' Regierung Grabski-Skrzynski fällt die sogenannte• Ugoda, der neben ihren Schattenseiten in bezug auf die•„. anderen nationalen Minderheiten und ganz unabhängig von den vielen Punkten dieses Abkommens, die Bedeutung zukommt, daß durch diese Tatsache der „Judenbann" offiziell gebrochen wurde, daß zum ersten Male eine Regierung. Polens mit der autorisierten Vertretung der Juden offiziell verhandelt und Abkommen getroffen hat. Iin Mai ,1926 .\ gelangte wiederum P i I s u d s k i, der eigentliche Begründer der polnischen Republik, zur Macht. Das Verhältnis seiner Regierung zum Parlament ist ein sonderbares. Weder wurde von deni der Regierung er--', teilten Auflösungsrecht des Parlaments Gebrauch gemacht' noch aber .irgend eine Fühlung mit dem Parlament genommen. Im Rahmen der Verfassung, oft bei einer eigen-! artigen Auslegung derselben, erwies sich die Regierung _ als der Mächtigere. Sie hat darüber hinaus Erfolge, insbesondere auf dem Gebiete der Wirtschaft und Verwaltung; aufzuweisen. Ihr grimmigster Gegner, die Ailpolen, die' meist antisemitische Partei in Polen, wird systematisch schrittweise zurückgedrängt. Dio Juden haben weniger Grund zu Klagen als gegenüber den früheren Regierungen. Der Antisemitismus in Polen wurde stiller und zahmer. Die sonstige Besserung ist weniger im Erfüllen nationaler Forderungen, als viel mehr im Unterlassen weiterer wirtschaftlicher Extermination der Jaden zu suchen. Auch der unlängst stattgefundenc feierliche Besuch und festliche Empfang des Staatsoberhauptes Moscicki in der alten Synagoge des Krakauer Judenviertels, gelegentlich seines Aufenthaltes in der zweiten Hauptstadt Polens, ist als äußerer Ausdruck des geänderten Verhältnisses symptomatisch. Doch Ist die weitere Entwicklung eine fragliche. Das gilt vor allem für die kommenden Parlamentswahlen. Pilsudski ist der geliebteste und gehaßteste Mann Polens. Die Liebenden überwiegen. Die bisher durchgeführten Gemeinderatswahlen zeigen jedoch, daß es ihm nicht gelungen ist, sich eine mächtige Partei zu schaffen. Nebst den Nationaldemokraten befinden sich die Sozialisten und die Volkspartei in heftiger Opposition gegen sein Regime. Die kommenden Wahlen sollen nach einem Rezept von konservativen Politikern mit österreichisch-galizischer Praxis durchgeführt werden. Die Schatten, die sie vorauswerfen, bergen gewisse Gefahren für die Juden. Es werden Versuche gemacht, eine Regierungspartei für die Parlamentswahlen zu bilden. Dies dürfte auf Kosten der Einheitlichkeit der jüdischen Front vor sich gehen. Gewisse bürgerliche Gruppierungen, die Sanierungspartei, die Konservativen verschiedener Schattierungen, Teile der Ukrainer, Teile der Juden, Aguda, sonst orthodoxe Rabbiner und Wlunderrabbis, die Ueberbleibsel der Assimilation, sollen sie zusammensetzen. In gewissem Sinne ist eine Rückkehr zu den galizischen Verhältnissen der österreichischen Zeit zu befürchten, als die jüdischen Stimmen als eiserner Besitz eines joden Regierungskandidaten galten. Doch ist es noch nicht zu spät, abzuwinken. Die Zionisten müssen mit aller Kraft bemüht sein, die Organisation, die Bewegung wieder zu stärken. Nur eine wiedererstarkte zionistische Organisation kann die Gefahr des Verlassens der einheitlichen jüdischen Front durch die Aguda, des Galvanisierens assimilatorischer' Kadaver bannen. * Die in diesem Jahre in Polen stattgefundenen Gerne! nderatswahlen zeitigten für die Zionisten und für die sonstigen Juden in verschiedenen Gebieten Polens verschiedenartige Ergebnisse. In Warschau und in einigen anderen Orten Kongreßpolens haben im Frühling dieses Jahres die Zionisten nicht gut abgeschnitten. •. In G a 1 i z i e n, insbesondere in Ostgalizien vor-' mochten die Zionisten eine, Verständigung der nationalen Juden 'mit der Sanierungspartei (Pilsndski-Anhänger) und den Ukrainern herbeizuführen, wobei die Juden im allgemeinen, die Zionisten im besonderen im großen und-ganzen die gebührende Vertretung erlangten. Das Ergebnis kann unter verschiedenen Umständen nicht als ungünstig bezeichnet werden. In den letzten Tagen wurden in Lodz, Kali s"z und Grodno, Gemeinderatswählen vorgenommen. In Lodz haben beide zionistischen Listen (Allgemeine und Hitachdut) 13.370 (im, Jahre 1919 11.241, im Jahre 1923 8375) Stimmen erlangt. Die Zahl von vier zionistischen Mandaten blieb die gleiche wie bei den letzten Wahlen. Efurch diese zionistische Zersplittetung ist zumindest ein Mandat verloren gegangen,, wobei die Hitachdut leer ausging. Im Verhältnis zu den anderen" jüdisch-bürgerlichen Gruppierungen haben sich die Zfonisten behauptet. Der Bund (jüdische Sozialisten) erreichte 13.943 Stimmen gegen 8081 der letzten Wahlen, etwas mehr vielleicht als sonst der natürliche Zuwachs infolge Vergrößerung der Zahl der Wahlberechtigten, ist es Ja das polnische Manchester. Ein ähnliches Ergebnis für die Zionisten zeitigten die Wahlen in Kalisz und Grodno. Doch darf die Zersplitterung nicht nur unter den Juden^ sondern auch unter den Zionisten nicht übersehen werben. Für die Zukunft muß Abhilfe geschaffen werden. Der Kommunismus hat bei diesen Wahlen unter den Juden schlecht abgeschnitten. Mit Rücksicht auf die herannahenden Parlaments \v a h 1 e n kommt den bevorstehenden z i o n i s 11schen Landeskonferenzen eine größere Bedeutung als sonst zu. Trotz neunjährigen Bestandes des neuen Polen haben es die Zionisten nicht zu einer gemeinsamen , territorischen Organisation gebracht. Es gibt deren drei, für Kongreßpolen, für West- und Ostgalizien. Aus dem Oberbau, dem gemeinsamen obersten Rat, sind die Vertreter Gajiziens ausgetreten. In den ehemals russischen Teilen Polens konnte sich zur Zarenzeit die zionistische!Organisation nicht legal entwickeln. Im jetzigen Polen kamen Rückschläge, noch bevor die dem Zionismus gün* stige Stimmung in einen Orgauisationsrahmen gespannt werden könnte. Der Kampf der Meinungen wegen der Art der Erweiterung der Jewish Agency, die wirtschaftliche Krise in Polen und in Palästina, die Rückwanderer der vierten AJiah, die Zersplitterung im Zionismus bewirkten, daß Organisation und Leistungen leider lange nicht auf der Höhe des Landes mit der größten Judenzahl Europas stehen. Die Konferenz der Zionisten Westgaliziens findet am 31, Oktober und 1. November in K r a k a u, die der Zionisten Ostgaliziens am 30. und 31. Oktober in Lemberg statt. In diesen Gebieten gibt es eine jahrzehntelange organisatorische Tradition, aber auch da wäre aus'den Er. fahrungen der letzten Jahre so manches zu lernen,, so manches -nachzuholen. Die Zionisten Ostgaliziens müßten Hei Regei, Wind, Källel wird man leicht von Erkältung befallen. Man muß daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, daß im Hause nie fehle der in seiner schmerzlindernden Wirkung einzige DIANA- [Franzbranntwein! mit Menthol welcher für Massage, Einreibung, Umschläge und als Qurgelwasser gleich unentbehrlich ist. | Nehmen Sie nur Diana!| Wertlose Nachahmungen weisen Sie entschieden xuriiek! Ueberau erhältlich. zum Geiste der Führer Adolf Staud und Gerszon Zipper zurückfinden. Zum jetzigen Parteitag sind nebst der von Dr. Leon Reich geführten Liste der Parteieinheit noch fünf andere, zumeist oppositionelle Wahlvorschläge angemeldet worden, darunter einer unter Führung des Abgeordneten Dr. Abraham I n s 1 e r. Dr. Insler gehört der radikalen Vereinigung an. Seine Wahlliste führt die Bezeichnung Leman Zion. Neue antijüdische Skandale in Ungarn. Der Numerus clausus. Die Ankündigung des Grafen Bethlen von der Abmilderung des Numerus clausus-Gesetzes ist nicht aus dem freien Willen der Regierung erfolgt. Der Außenausschuß des englisch-jüdischen Gemeindeverbandes hat gemeinsam mit dem Rat zur Verteidigung der jüdischen Minoritätsrechte am 7. Oktober d e m V ö 1 k e r b u n d eine Eingabe überreicht, in welcher erklärt wird, daß das von Ungarn am 12. Dezember 1925 abgegebene Versprechen nicht eingehalten würde, weshalb der Völkerbund ersucht wird, die Frage auf die Tagesordnung seiner Dezembertagung z u stellen. Unter diesem, vorläufig nur moralischen Druck hat sich Graf Bethlen, entschlossen, eine n e u.e r 1 i c h e Z u s a;g ezu mächen. Das Gesetz wurde im Jähre 1920" von dem damaligen Unterrichtsminister Stephan Ha 11 er, der Nationalversammlung als Regierungsantrag vorgelegt und am 20. September 1920 angenommen. Im § 3 des Gesetzes wird ausgesprochen, daß bei der Inskription darauf Rücksicht zu nehmen ist, daß die Zahl der Inskribenten n a c h R a s s e u n d Nationalität dem. Verhältnis ihrer Rasse und Nationalität zur übrigen Bevölkerung entspricht. x Die angekündigte Reform soll nun darin bestehen, daß dieser Paragraph aus dem Gesetze eliminiert wird. Das ist ein billiges Vergnügen. Denn die Autonomie der Hochschulen wird für das weitere sorgen. Für den Gesetzentwurf hat, wie offiziös mitgeteilt wird, Graf Klebelsbefg bereits die Vorsanktion des Reichsverwesers Horthy erhalten. , ' Die Ankündigung hat heftige antisemitische Skandale hervorgerufen, die sich zunächst gegen das im Budapester Nationaltheater aufgeführte Schauspiel Szomorys (eines getauften Juden) „Die große Herrin" (A nagy aszony) richteten. An drei Abenden nacheinander wurde in und vor dem Theater von dem Pöbel der Erwachenden demonstriert, bis die Direktion endlich das Stück vom Repertoire absetzte.' Dieser Sieg der Straße äußerte augenblicklich seine Wirkung an der Universität. Die chauvinistischen Studentenverbände veranstalteten am Montag die bewährten Kundgebungen mit Ochsenzimmern und Prügeln. Die jüdischen Studenten wurden aus den Hör« sälen getrieben» an \ den Toren übten magyarische Hakenkreuzler den Legitimationszwang aus. Es kam zu w ü s t e n Keilereien, bei denen die jüdischen Hörer, insbesondere aber die Hörerinnen schwer mißhandelt wurden. Weder das Rektorat, noch die Polizei schritten ein und so wurde es offenkundig^, daß die Bewegung mit Gutheißung durch die Regierung arrangiert worden war. Die Assimilantenpresse hatte bereits von dem Wiedererwachen des liberalen Kurses gefaselt. Die Voffälle beweisen, wie stark der christlich-nationale Kurs sich fühlt und daß er nur wieder vor der europäischen Welt eine Komödie aufführt, deren Autoren Bethlen und KlebeJsberg sind. :f

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