Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1927-10-28 · Heft 6 (28.10.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 6 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711614-2711620--0070-2713186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE NEUE WELT Seite 3 PELZWAREN jeder Art in feinster Ausführung billigst bei GEBRUDER BRAININ Wien, 11., Glockengasse S, Telephon 45-4-33 RUNDSCHAU. Graf Bethlen, der ungarische Ministerpräsident, hat eine Milderung des numerus clausus versprochen. Er habe, -sagte er, im Jahre 1925 in Genf die Zusage gemacht un,d er müsse sie halten. Die Frage, weshalb er zwei Jahre gewartet hat, mag als unerheblich beiseite bleiben.. Der Völkerbund, der dem Grafen vor zwei Jahren getraut hat, ist wohl inzwischen zur Ansicht gekommen, daß er sich doch nicht jeden Tag düpieren lassen müsse, und er hat den Grafen an das Versprechen erinnert. Besser spät als gar nicht. Aber da bereitet sich der Graf schon das nou possumus vor. Wozu hat er denn den Hejjas in der Regierungspartei? Wozu gibt' es Erwaeilende? Sic Avaren, wie löblicherweise gesagt sei, ein, halbes Jahr still und ließen.sich sogar den Professor Adam als Mitglied des akademischen Senates gefallen. Jetzt rücken sie aus. Es gibt lärmende Demonstrationen gegen das loyale, hyperpatriotische Theaterstück eines Juden mit den landesüblichen Keilereien und Stinkgasbomben; es gibt einen Resolutionssturm: Wehe der Regierung, wenn sie das Hallersche Gesetz zu ändern sich unterstellt! Lächelnd weist die Regierung auf den Janhagel. Sie kann sich doch nicht wegen der' jüdischen Studenten stürzen lassen! Da bleibt sie lieber beim alten Zustand und der andere Graf, Kuno Klebeisberg, sagt •schon, es werde das philosophische Studium freigegeben werden. Wir werden es wohl auch noch hören, daß die jüdischen Notabein den beiden Grafen verzückt Dank und Anerkennung votieren und den Hymnus singen-werden. Was aber wird der Völkerbund t u n? Wird er nicht finden, daß schließlich und endlich auch der numerus clausus ein Mittel des Pogroms ist, daß der Kulturmord so zu behandeln ist wie der leibliche? Wir sind skeptisch, z il mal ja a u c h d i e a u t o r itä r ej ü d i sch e Stelle fehl t, d i e das interna t i o n a 1 e L ürapent u m a n de r a u t o, r itären Stelle beim richtigen Namen nennt. In diesem Zusammenhang ist auch die Wiener Universität wieder einmal zu erwähnen. Einer Gruppe von Hakenkreuz-Studenten paßte es nicht, daß die K u 11 u r w i ss e n s c h a f r 1 i c Ii e Gesellschaft einen Vortrag des Dr. Stolper an der Universität ankündigte. Die Gruppe verteilte. Flugzettel und drohte mit Radau. Das Rektorat fügte sich ohne Widerrede dieser Erpressung omd setzte den Vortrag ab. Das ist geschehen und niemand in dieser Republik wünscht weiter über die S-.iehc zu reden. Nun ist doch seit einigen Monaten Tag für Tag zu hören, daß man den Terror und die politische.oder soziale Erpressung bekämpfen müsse. Alle Staatserhalter, alle gewiegten Kenner des Eaiistrechtes stimmen darin iiberein und fühlen sich als Lamp-rrlu. Um den Terror zu bekämpfen,, wird gerüstet, von rechts und von links. Die Sozialdemokraten bauen den Schutzbund aus, die Ein'heitsHstler gründen Heimwehren, die auf dem flachen Land sogar mit behördlicher Befugnis ausgestattet werden. D a s i s t die A t ui o- Sphäre, in de r die Erpressung g e d e i h t. Draußen rüsten die Großen gegeneinander, um, wie sie vorgeben, den Frieden zu schützen. Hier kann man's ihnen nicht gleichtun; also rüsten die Parteien widereinander. Und zwischendurch bestätigt das Rektorat so einen Akt des Lainperltums. Er ist gegen die Juden gerichtet (es macht nichts aus, daß Stolper getauft ist, er gilt den Krawallhelden und ihren beamteten alten Herren als solcher) und da haben nichts einzuwenden: I. der Rektor, 2. der Unterrichtsministcr, .3. der Landeshauptmann von Wien. Weil s i e a 11 c b e k a n n 11 i c Ii abgesagte Feinde der E r p r e s s ti. n g s i n d. Die Wiederauirichtuiig des Kirchenstaaies ist eine Angelegenheit, auf deren ernste Bedeutung nicht eindringlich genug hingewiesen werden kann. Die territoriale Souveränität des Papstes ist nur der Vorläufer des Eintrittes der Kurie in den Völkerbund und innerhalb dieser Körperschaft hätte der Vatikan vermöge seiner weltumfassenden Organisation und seiner sehr geschickt operierenden Diplomatie rasch eine überragende Position. Er ist vorwiegend eine geistigpolitische Macht und das bedingt seinen Einfluß. Es gibt aber eine Frage, an der der Vatikan auch ein direktes materielles Interesse hat, und das ist die Frage des Zionismus, respektive des englischen Mandates über Palästina. Hier kommen die historische Gegnerschaft g e g en da s a n t i p a p i s t isclie E n g 1 a n d und die fundamentale Feindschaft gegen das Judentum zusammen. Hatte die Kurie schon bisher alle Mittel, ihres reichen Arsenals angewendet, mm die Mandatskommission unter ihren Einfluß zu bekommen, so wird sie in Zukunft, wenn sie Mitglied des Völkerbundes sein, wird, direkt arbeiten können. Diese Gefahr ist nicht zu unterschätzen und sie muß von der zionistischen Politik ins Kalkül gezogen werden. Es ist noch weit mehr nötig als bisher, daß die englische Regierung i n d e r D u r c h f ü h r u n g des M a n.d a te s , ein .lebhafteres Tempo einschlägt, damit durch die Na tio n.a 1 i sn er-u n g 4 es J <u d e ntums die psychischen Vorbedingungen für die Aufbringung von Menschen und Geld für Palästina gei schaffen werden. Das Judentum hat für die Zukunft mit weit stärkeren Widerständen zu rechnen, denen es nur durch Verdoppelung der finanziellen Energien begegnen kann,. Politisch ist es in der Hinterhand, es kann den Einfluß des Vatikans nicht paralysieren. Eine der wesentlichsten zionistischen Forderungen wird es deshalb sein müssen, daß auch das jüdische Volk Mitglied d es V ö l k e rbundes wird. Das mag heute noch phantastisch klingen, aber der Völkerbund, selbst war noch vor zehn Jahren Phantasie. Es wäre gewiß ein schweres Problem des Völkerrechtes, aus einem über die ganze Welt zerstreuten, unter hundert Souveränitäten lebenden Volke ein S u b j e k t d e s R c c Ii t c s zu bilden, aber die Mitarbeit der jüdischen Juristen würde vieles erleichtern. Wir wollen vorschlagen, daß die Zionistische Exekutive ungesäumt eine Prüfung der Krage vornimmt und vielleicht in der Form eines Preisausschreibens die jüdische Oeffentlichkeit für dieses Problem erwärmt. Die Sache ist nicht so inaktuell, wie sie aussieht. Die Gerüchte über eine Aenderung der Mandatsverteilung und insbesondere über eine Z u w e i s u n g des Palästina- M a n d a t e s an Italien sind von allen Seiten dementiert worden. Trotzdem bestehen aber Stimmungen für einen solchen Kuhhandel und wir finden einen .— wie wir zugeben wollen, nicht ganz schlüssigen — Beweis in einem Artikel des „Temps" über den Wiener Besuch der deutschen Staatsmänner. Es heißt dort, daß Italien den Anschluß Oesterreichs an Deutschland niemals gestatten könnte, obzwarihm im nahen Osten K o mp e n s a ti on e n zur Verfügung stünden. Diese rätselhafte Aeußerung kann «ich hur entweder auf P a 1 ä s t i n a oder auf A b e s s i n i e n beziehen. Wir wünschen, daß man dieser Frage die gebotene Aufmerksamkeit widmet. Das Judentum hat nur eines zu verlieren, aber dieses Eine ist s e i n g a n z e r B esitz. Und wenn der Vatikan in Genf Mitglied werden kann, so ist "nicht einzusehen, weshalb nicht a u c h P a 1ä s t i n a d i e s e P o s i t i o n e r r i n g e n sollte. Alierdings müßte es e i n j ü -d i s c h e s P alästina sein, das heißt, es müßte jüdisch gemacht werden. Die litauisch-polnische Kriegshetze. Die Beziehungen zwischen Polen und Litauen gestalten sich immer gefährlicher. Fiemde dunkie Mächte gießen Oel ins Feuer und daß in Litauen derzeit ehre militaristisch-fascistische Reaktion Oberwasser bekommen hat, trägt zur Beruhigung gewiß nicht bei. Die Juden beider Länder sind die ersten, die daran glauben müssen. Kaum haben sie sich von der letzten schweren Wirtschaftskrise erholt, bringt sie der Konflikt in eine neue. Handel und Verkehr stocken und der Kredit wird abgeschnürt. Wenn nicht G E 5 CH E N K KASS.E.TTEM d&r a'£te^>te.n CKötnlsdrvVä-ssur -jrabnb- JPAMNA GEGENÜBER.'' 5ind eine ^e-rdejedc^ Gaben tuschen Die Sägen der Juden. Zu Micha Josef bin Gorions „Juda und Israel". Man-übertreibt nicht, wenn man das Buch „Juda und Israel", den letzten Band, von Micha Josef bin Gorions Mbnumentalwerk „Die Sagen der Juden", eines der wertvollsten Bücher der Gegenwart nennt. Es ist wirklich ein grandioses Buch der Fäbeln und Märchen, geschöpft aus dem „Born Judas", von jener ursprünglichen Kraft der Phantasie, wie sie mir dem naiven ■ Menschen zu eigen ist; von jener Unbekiimmertheit in der Wahl der Worte und Gleichnisse, wie sie nur der Schöpfer „Volk" findet und auszusprechen wagt; und sehr weise, denn „was kein Verstand der Verständigen sieht, das findet in Einfalt ein kindlich Gemüt". Rasch einige Belege aus dem 500 Seiten umfassenden Buch', wahllos herausgeholt, um zu beweisen, daß nicht Ueberschwang oder oberflächliche Lobhudelei die Feder des Referentenr führt. Hört, warum — nach der Mythe — Josua gegen die Amalekiter zog: „In.der Stunde, da Mose, unser Meister, in das Paradies fahren sollte, sprach er zu Josua: Befrage mich noch um all die Dinge, indenen du Zweifel hast. Josua sprach: Mein Herr, ich habe dich doch nie für' eine Weile allein, gelassen, daß . ich wo anders hingegangen wäre, und du selbst hast van mir geschrieben: Und sein Knecht, der Knabe Josua, wich niemals vom Zelte. Wie sollte mir da noch ein Zweiter übrig «ein? In diesem Augenblick, als er so überheblich sprach, erschlaffte des Josua Kraft; dreihundert Gebote entschwanden seinem Gedächtnis und es regten sich in ihm siebenhundert Zweifel. Da erhob sich ganz Israel wider ihn, ihn zu töten. Nunmehr sprach der Herr zu Josua: Zu ihnen zu reden vermagst du nicht mehr; so zieh aus und treib sie in den Krieg! ..." Ward je der , Urgrund der Kriege deutlicher bloßgelegt, der Krieg kräftiger abgeurteilt? Und wo findet man leicht wieder eine Bibelauslegung von solcher Schönheit und Tiefe, wie diese: „Als Josua zu .Gibeon war. und Krieg führte, sprach er zu der Sonne: Du, Sonne, sei still zu Gibeon! Er sagt^nicht: Bleib stehen! sondern: Sei stille! Demi so lange die Sonne den Herrn preist, hat sie die Kraft, weiter zu gehn; schweigt sie aber, so bleibt sie stehen." -♦- Um die Furchtbarkeit des Riesen Sisera zu schildern, der gegen Israel zog, genügt dem jüdischen Mythos folgende Reportage: „Eines Tages beugte er sich zum Fluß hinab, um Wasser zu trinken, da blieben in seinem Barte fünfhundert Myriaden Fische hängen." Tatsächlich, dieses Detail genügt. Es ersetzt, übertrifft die genaueste Personalbeschreibung des Zyklopen samt Aufzählung seiner Taten. — Will die Sage Simsons Manneskraft deutlich machen, tut sie's ohne zaghafte Umschreibung, aber überzeugend. Delikts Praktiken hingegen, Simsou durch Abschneiden der Locken zu schwächen, sind der Volkssage nicht überzeugend genug. Sic kommentiert und korrigiert den Bibeltext also: „Delila bedrängte ihn mit' ihren Worten und zerpiagte ihn. Wodurch zerplagte sie ihn? Sic riß sich aus seinen Armen, kaum daß sie vereinigt waren, und so ward seine Seele matt bis an den Tod ..." Und der Mythos richtet Samson in zwei Sätzen: „Simson folgte Zeit seines Lebens der Lust seiner Augen; darum war auch sein Ende, daß die Philister ihm die Augen ausstachen." Micha Josef bin Gorioirhat die Herausgabe dieses Schlußbandes seines Standardwerkes nicht erlebt. Sie wurde von Rahel und Emantiel bin Goriou besorgt (Rütten & Loening Verlag, Frankfurt a. M.), in seinem 'Geiste. Ihr ausgezeichnetes Vorwort ist gleichzeitig eine kritische Beleuchtung der Sammlung: Die mit dem Stichwort „Juda und Israel" iiberschriebene Zeit ist von einer Unzahl zusammen- und gegeneinander wirkender Helden , bevölkert und der dem kleinen Pentateuch folgende dreimalso große Teil des Alten Testaments operiert mit mehr oder minder historischen Begebenheiten. Anders stellt sich der Volksgeist zu den Fragen nach der Entstehung der ersten Dinge, der ersten Mensclien, der ersten Juden ein, als zu den geschichtlichen Personen und Ereignissen. Dort lebt sich der Mythos aus, hier stellt er die vielfathen Geschehnisse nebeneinander und sucht „die vieleu Zentren kürzend, zu einem zu machen". .Wenn die Sago von Salomos Sünde berichte^ sieht sie schon die Vernichtung seines Werkes durch Rom voraus. Wiederholt werden historische Parallelen mit dem Verlauf der griechischen und römischen Geschichte gezogen. Aber so wichtig und aufschlußreich dieser einleitende Essay ist — die Wunder des schöpferischen Geistes, die uns dieser Band nahe bringt, lassen sich in einer Einleitung (oder gar „Besprechung") nicht aufzeigen und enthüllen sich nur allmählich bei der-Lektüre der einzelnen 'Abschnitte. Das köstliche Erbgut des Judentums, die Lebensbejahung, drückt einer Unzahl von Sagen und Mythen den Stempel auf. Gestalten, die das Volk liebt, bedenkt es mit fabelhaft langer Lebensdauer. Ruth sieht noch ihren Epigonen Salornon auf dem Thron sitzen. Und die Freude am Da-Sein schimmert ebenso hell aus den unvergleichlich bunten Kiudermärcheu von Salomos Hof und 'Hofstaat, wie die Klage um das vernichtete Leben den gewollten Opfertod der gottergebenen Tochter Jephtahs verdüstert: „Die Bäume werden ihre Wipfel neigen über meine Jungfrauschaft und die Tiere des Feldes werden sie zertreten, denn meiner Jahre Lauf wird gehemmt und die Zeit meines Lebens' soll im Dunkel vollendet werden....." Als Hinweis auf die ungemeine Kunst der jüdischen Mytiie, die Wirkung einer historischen Gestalt zu kennzeichnen oder die Bedeutung eines Menschen, genügen wohl zwei knappe Zitate: „Solange Nebukadnezar am Leben war, spielte kein Lachen um die Lippen der Menschen." — „David starb an einem Sabbat zur Zeit des Naobmittaggebetes, und in dem Augenblick ward der Mond verdunkelt, und das Licht der mündlichen Lehre erlosch, und von dem Tage an mehrte sich der Streit »in die rechte Auslegung des Gesetzes." Herzstück dieser Sammlung ist der Abschnitt, der die Sagen der Juden von Jerusalems Belagerung und Fall enthält. Angeregt durch die Scheltworte des Propheten. Jesaias, liest der Volksmund den Töchtern Zions den Text, mißt ihnen die Hauptschuld an dem ^nationalen Unglück bei und schildert sie folgendermaßen: „War eine hochgewachi sen, so ließ sie sich von zwei Mägden begleiten, die kleiner waren als sie, damit die Größe ihrer Gestalt noch-mehr ans Lieht trete. War eine klein, so trug sie Schuhe, mit-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.