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Die neue Welt · 1927-10-21 · Heft 5 (21.10.1927) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 5 (21.10.1927)
Date
1927-10-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 5 Inspektor 'James ifirank, einem Mami von etwa 40 Jahren, der wegen seiner Strenge bekannt ist, der vorgeschriebenen Prüfung unterzogen, auf Grund welcher Frank die beiden Frauen zur Deportieruiig mit demselben Schiff, mit welchem sie ankamen, verurteilte. Frau Barlik und ihre Tochter fielen, als sie das Urteil vernahmen, in Ohnmacht. Sie hatten in ihrer alten Heimat nichts mehr zu suchen. Aber Inspektor Frank hatte bereits sein Bureau verlassen und das furchtbare Urteil gegen die zwei völüg verlassenen Jüdinnen aus Polen schien unabänderlich zu sein. Einwanderungsinspektor Frank .hatte einen schweren Tag. Es gab viel Arbeit, die ihn sehr ermüdete. Gewissenhaft, wie er war, nahm er sämtliche Akten der an diesem Tage „erledigten" Einwanderer mit in seine Wohnung, um sie gründlicher aufzuarbeiten und am nächsten Tag das Weitere veranlassen zu können. Befriedigt ging er jetzt die einzelnen Akten durch und fand, daß seine am Tage gefaßten Entscheidungen dem Gesetze entsprechen. Plötzlich fiel ihm der Akt der Frauen Barlik in die Hand. Der Einwanderungsinspektor wird stutzig. Er liest den Akt von neuem gründlicher durch. und buchstabiert laut vor sich hin „Barlik". Wiederholt den Namen immer wieder Barlik, Hudel Barlik .. . Frank leidet es nicht länger in seiner Wohnung. Immer wieder hämmert es jetzt in seinem Hirn Hudel Barlik und auch die Stadt, aus der diese Frau und ihre Tochter kamen, ist ihm nicht fremd. Und so führen ihn seine Gedanken zurück «bis zü jenem Tag, als1 er vor 30 Jahren als zehnjähriger Knabe aus seinem Elternhaus entlaufen und nach einem entbehrungsreichen Vagabundenleben sich durch ganz Europa bis nach London durchgeschlagen hatte. Hier iie! er wie so viele entwurzelte, verwahrloste jüdische Jünglinge in London in die Hände d.er-Mission.är'e. Frank wurde getauft und zum Missionär ausgebildet. Er arbeitete hauptsächlich unter den Juden und wurde als Missionär nach Südafrika geschickt. Hier bekam er plötzlich seine Missionstätigkeit satt, erhielt zunächst eine Beamtenstelle bei der Post und ist seit sieben Jahre eine' Beamitenstelle bei der Post und ist seit sieben" Jahren Einwanderungsinspektor an Kapstadt. Als er vor 30, Jahren seinem Elternhaus entlief, war seine Mutter noch eine junge Frau. Esther war damals noch nicht geboren. Ist es .möglich, ging es ihm durch den Kopf,, daß diese Hudel Barlik, die ich heute als unerwünschte Immir grantin zur Deponierung verurteilte, meine eigene leibliche Mutter ist? Jetzt erinnerte er sich auch, daß er zu Hause den Namen Joel Barlik führte und, erst in London nach der Taufe seinen Namen auf James Frank änderte; Und wieder vertiefte er sich in die Personalakten der Frau Hudel Barlik und je länger er dies tat, desto weniger konnte er daran zweifeln, daß er heute morgens sein e eigene Mutter ausgewiesen habe. Er wollte so-' fort'auf das Schiff eilen, auf welchem jetzt seine Mutter und Schwester sich in Kummer und Sorgen darüber verzehren, wohin sie sich nunmehr in dieser Welt wenden können,, da ihnen die letzte Hoffnung, in Südafrika ein neues Leben zu beginnen, geraubt worden war. Er fand aber noch nicht den Mut, vor seine Mutter hinzutreten. Sie würde es in ihrer gegenwärtigen seelischen Verfassung — befürchtete er — kaum ertragen können, zu erfahren, daß es ihr eigener Sohn war, der sie in das Ungewisse zurückstößt und daß dieser ihr Sohn schon längst das Judentum abgeschworen hat. Am anderen Morgen war sein erster Weg auf den Dampfer, auf welchem sich seine Mutter befand. Er ließ sich Hudel un4 Esther Barlik nochmals vorführen, frug sie eingehend .über ihre Lebensschicksale aus, und schloß, seine furchtbare innere Erregung mit Gewalt unterdrückend, jedoch ohne sich noch seiner Mutter zu offenbaren, das neuerliche Verhör mit der Versicherung, daß ihnen die De Portierung erspart werden solle. Dann ging Einwanderungsinspektor James Frank in sein Bureau, verfaßte eine Rekursschrift gegen seine eigene Entscheidung, erzählte den wahren Sachverhalt und bat um die Erlaubnis, seine Mutter und Schwester im Lande behalten zu dürfen, wo er für sie zeitlebens sorgen wird. Seinem Gesuch wurde mit Rücksicht auf seine Verdienste stattgegeben. Bevor er seiner Mutter die frohe Botschaft überbrachte, vollzog er noch alle für seinen Rücktritt zu seinem alten Glauben erforderlichen Formalitäten .. < Die jüdische Selbstinordepidemie in Polen. Die erschreckliche Zunahme der Selbstmorde unter den Juden in, allen Ländern hat Warschauer Berichten zufolge in Polen in den letzten drei Jahren solche . Dimensionen angenommen, daß man bereits berechtigt ist, von einer Selbstmordepidemie unter den Juden Polens zu sprechen. Wohl liegt eine einwandfreie, die ganze Materie umfassende Statistik noch nicht vor, doch hat der Warschauer „Haint" aus den Ziffern des statistischen Amtes und der Rettungsgesellschaft sowie der privaten Nachforschung folgendes festzustellen vermocht; In Warschau allein wurden in der ersten Hälfte des Jahres 1927 insgesamt 140 Sclbstrnordfälle bei Juden verzeichnet, Vh Prozent dieser jüdischen Selbstmörder waren Kin<Jer im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren, wobei noch zu berücksichtigen ist, daß es sich bei einem großen; Prozentsatz ' dor „plötzlichen" Todesfälle gleichfalls um Selbstmorde handelt. Charakteristisch ist, daß 70 Pro«. zent der jüdischen Selbstmörder das blutlose Mittel der Vergiftung wählen, um ihrem Leben vorzeitig ein Ende zu bereiten. Ueber die wahren Selbstmordursachen bei Juden läßt sich schwer etwas Sicheres sagen. Die in der Presse angegebenen Motive, wie wirtschaftlicher Zusammenbruch, Notlage, Liebesgram, Nervenzerrüttung und dergleichen mehr halten der wissenschaftlichen Forschung nicht immer stand. Wie weite jüdische Kreise die Selbstmordepidemie in Polen .bereits ergriffen hat, ist auch daraus ersichtlich, daß die Zahl der jüdischen Selbstmörder im ersten Halbjahr 1927 gegenüber 1926 um 20 Prozent und gegenüber den Jahren 1922—1923 um das Dreifache gestiegen ist. Aber nicht nur absolut, sondern auch im Verhältnis zu den Selbstmorden bei Nichtjuden ist die Zahl der jüdischen Selbstmörder um ein Gewaltiges gestiegen. In den polnischen Provinzstädten sind die Verhältnisse nicht viel besser. Eine Bombe unter der Sukkati. Wie aus Warschau berichtet wird, ist in der ersten Sukkothnacht die Laubhütte eines jüdischen Hausbesitzers in der Bialystoker Gasse durch eine unterlegte Bombe in die Luft gesprengt worden. Außer geringem Sachschaden an den angrenzenden Häusern ist kein größeres Unglück geschehen, da, wie die Untersuchung ergab, die Zündschnur zu kurz war, und die Bombe zu einer Zeit explodierte, als die Besitzer der Laubhütte noch nicht anwesend waren. Die polizeiliche Untersuchung ist nun bemüht, die Attentäter auszuforschen und festzustellen, ob es sich am einen persönlichen oder politischen Racheakt handelt. Schändung des Judenfriedhofe^ in Gerolzhofen (Bayern.) Die reichsdeutschen Hakenkreuzler haben sich eine Spezialität zureshtgelegt: das Schänden jüdischer Friedhöfe. Diese liebe Gewohnheit zeigt so recht die Geistesverfassung dieser Gesellschaft. Es vergeht keine Woche, ohne daß nicht solche mitternächtliche Heldenstückchen gemeldet würden. Im September wurden, wie kürzlich mitgeteilt, in G e rolahofen (Bayern) auf dem jüdischen Friedhofe Grabsteine umgeworfen und zertrümmert und das Leichenhaus von oben bis unten mit Hakenkreuzen; bemalt. In derselben Nacht wurden Zettel „Kauft den „Stürmer" (das berüchtigte Nürnberger Organ des Nationalsozialisten Streicher) an die jüdischen Häuser geklebt. Für die Ermittlung der Täter hat die jüdische Gemeinde eine Belohnung von 300 Mark ausgesetzt. Den Bemühungen der Gendarmerie? ist es gelungen, die Täter zu ermitteln: Es sind ein wegen Diebstahls bereits vorbestrafter 17 Jahre alter Friseurgehilfe, der von seinem Arbeitgeber sofort entlassen wurde, und ein im gleichen Geschäft tätiger Lehrhngvvon 15 Jahren,- der von dem Gehilfen zur Mithilfe verleite^ wurde. Beethovens Neunte Symphonie in Jerusalem, Aus Jerusalem wird uns geschrieben; Vor Tausenden von Zuhörern fand in Jerusalem durch das Orchester der hebräischen Universität unter Leitung des Kapellmeisters Ben Z w i kürzlich die erste Aufführung der Eroica statt. Im Anschluß daran wurde dann die jüdische Nationalhymne gespielt. Das Programm war an hebräischer, arabischer, abessinischer. koptischer, englischer, deutscher, griechischer und lateinischer Sprache gedruckt,; ' , Die Habitna in New-York reorganisiert. Die in- A m e r i k a zurückgebliebenen Mitglieder. des hebräischen:Theaters Habima haben sich unter der Leitung des Direktors Benjamin Gemach zu einem neuen Habima-Ensemble organisiert und werden schon in dieser Saison-in Amerika Vorstellungen geben. 'Jüdische Bühne. (Hotel Stephanie, IL, Taborstraße Nr.-12). Freitag und Samstag „Die Kaukaser Liebe". Sonntag 3 Uhr Nachmittagsvorstellung bei freiem Eintritt. ~ •'. Programm der Jüdischen Künstlerspiele; Freitag den 21. Oktober: „Bunter Abend". Samstag den 22., Sonntag den 23. und Montag den 24. OkT ttober: „p er blinde Male r", Lebensbild in drei Akten und einem Epilog von J. (F r e i im a n n, Musik von J. fi u ms c h i n s k y. Karten von 1 bis 3 S an der Kassa des Cafe Reklame und an der Abendkasse. Montag den 31. Oktober, 8 Uhr, W erbe-Fes.taben.di.zu dem sämtliche jüdische Führer, Institutionen, Körperschaften und Kulturgruppen auf diesem Wege eingeladen werden. Zur Aufführung gelangen dramatische Dichtungen von I. L. Perez, Schalom Asch und Jüdische Volksmotive in Bildern. Verlautbarung der Wiener Kultusgememde. Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag den 22. Oktober d. J. um 3 Uhr nachmittags findet der erste Jugendgottesdienst im Schuljahre 1927-28 für die israelitische Schuljugend in den Gemeindeurid Bezirkssynagogen statt. * Die Einschreibungen in die Blebelschule, IL, R e mbr an dt straße 3 2, finden für das Schuljahj 1927-28 Sonntag/ <ten 23- Oktober 1927, von 10 bis 12 Uhr vorm., Dienstag den 25. Oktober 1927 von 2 bis 4 Uhr nachmit» tag und Sonntag den 30. Oktober 1927 von 10 bis 12 Uhr vormittag im Schullokale statt. Der Unterricht Ist unentgeltlich. per 15. ZionisteukongreB im Film. Der große zionistische Propagandafilm wird Sonntag den 23. d, im Phö« uijcldflö, VII., Lerchenfelderstraße 35, um halb U Uhr vormittags aufgeführt. Einleitende Worte: Dr. Josef Löwen* h e r z.-Karten von S —.80 bis 1.80 im Vorverkauf: Zionistische Sektion VI—VIII., Bennoplatz la (5 bis 8 Uhr abends); Ri.x, Zollerlasse 37, Tel. 32-1-32. Neuestes aus der Bucherschwemme der Buchhandlung R. 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