Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 5 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Äf. 5 DIE NEUE WELT Seite 7 Mitteilung des Zionistischen Landeskomitees. Am 2. und 8. Oktober 1. J. hielt der zionistische Parteirat seine Sitzung.ab. Herr Dr. Leo Goldhammer erstattete ein ausführliches Referat über die gegenwärtige Situation der zionistischen Weltorganisation sowie über die Lage innerhalb der zionistischen Organisationen Oesterreichs. Er wies die Notwendigkeit nach, auch in diesem Arbeitsjahre auf dem vom Landeskomitee eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, daß Insbesondere stärkeres Gewicht auf den Ausbau der Organisation durch eine intensivere Ideen Propaganda zu legen sei. Die vom Kulhiramt initiierte kulturelle Tätigkeit auf dem Gebiete der Erziehung, Jugendarbeit und Verbreitung des jüdischen Buches ist 2U intensivieren. Einen mächtigen Impuls für die künftige Arbeit verspricht sich das L.-K. von dem Pro-Palästina- Köm i t e e, dessen Konstituierung für Mitte November 1. J. zu erwarten ist, da bereits eine Anzahl der hervorragendsten Männer des politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leben Oesterreichs ihren Beitritt in bestimmte Aussicht gestellt haben. Das Zionistische Landeskomitee bereite eine 'Festschrift zur zehnjährigen Feier der Balfour-Deklaration vor, bei welcher voraussichtlich der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Professor Dr. Weizmann, in Wien die Festrede halten wird. Die Festschrift enthält eine An-, zahl von Aufsätzen über die 'Vorgeschichte der Deklaration, der Arbeit der Zionistischen Organisation seit Erlassung derselben, über den kulturellen Wert des Zionismus für die Menschheit, die Bedeutung des Pro¬ Palästina-Komitees. Mitarbeiter, sind, außer dem tschechoslowakischen Minister des Aeußeren Dr.-Ben es, Professor G o d a r d aus Paris, die Herren Adolf Böhm, Oberrabbiner Prof. Chajes, Dr. N. M. Gelber, Dr. Leo Goldhammer, Dr. David Rothblum etc. Er besprach schließlich die durch diezeitweilige Einstellung der „Wiener Morgenzeitung" für die österreichische örgarti- .sation. geschaffene.Situation , und. schlägt die Einsetzung einer . Kommission vor, die sich mit der Vorbereitung des für November 1. J. einzuberufenden Delegiertentages befassen soll. Nach einer eingehenden Debatte, an der sich u. a. Oberrabbiner Prof. Dr. Chajes, Dr. Desider Friedmann, Dr. Gelber, Dr. Hoffmann, Dr. Löwenherz, Dr. Löwy, Münzer, Dr. Plaschkes, Dr. Rothblum, .Salo Schmerler, Dr. J. Taubes und Dr. Waldmann beteiligten, wurden vom Parteirat einstimmig die nachfolgenden Beschlüsse gefaßt: 1. Das L.-K. wird beauftragt, noch im Oktober i J. eine Vertrauensmännerkonferenz einzuberufen, um ihre Meinungen hirtsichtlich sämtlicher Fragen des-Aufbaues-unserer Organisation auszusprechen. 2. Das L.-K. wird beauftragt, bis zum Delegiertentag, der für den 12., 13. und 15.' No-vember 1927 anberaumt wird, in sämtlichen Bezirken Wiens und nach Tunlichkeit auch in der Provinz Agitationsversammlungen abzuhalten und bei Neutralis'ierung der Propaganda die »breite jüdische Öffentlichkeit über zionistische Fragen,aufzuklären. 3. Der Parteirat wünscht, daß die vom L.-K. zur Vorbereitung des nächsten Delegiertentages einzusetzende Kommission aus d<5n nachfolgenden Personen gebildet wird: Dr. Friedmann, Dr. Plaschkes, Dir. Altmann, Dr. Tartakower, Dr. J. "Taubes, Dr. Hoffmann und Josef Münzer. 4. Der Parteirat '"beauftragt1 das Landeskomitee, die nötigen-Vorarbeiten zur Herausgabe eines* offiziellen Organes zu treffen. Das L.-K. soll hiebei von der Kommission ad 3. unterstützt werden. * Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich fordert hiemit sämtliche zionistischen Bezirkssektionen und Ortsgruppen auf, die bereits eingegangenen Parteisteuerbeträge - uuverzüglich abzuführen und zu verrechnen . und dafür .Sorge zu tragen; daß "alle, ihre Mitglieder den Parteisteuerbeträg, der für Erwachsene S 2 pro Jahr und für Jugendliche S 1'beträgt, sofort bezahlen, damit die Wahlen für den-am 12.; 13. und 15.- November 1. J. stattfindenden Delegiertentag rechtzeitig vorgenommen: werden können..... * Samt. . . . . Von Schalom Asch. , Sami ist kein Phantasiename, und das, wovon Ich erzählen' will' — ist keine Erfindung. Sami lebte in unserem Dorfe. Ein Junge von siebzehn Jahren — ein richtiger Dorfbttrsch. 'Er kam unter Bauern zur Welt und wuchs unter den Bauern auf, er sprach, er le-bto, er dachte wie ein Bauer und war über alle 'bäuerlichen Angelegenheiten im Bilde. Er wußte, Was Iwan hat, was dem Iwan fehlt, was Iwan - einmal -haben und was er -niemals erreichen " wird. ' Weil aber Sami" nicht der Sohn ,des Iwan, sondern der des Naphtali war, konnte er lesen, jüdisch und russisch, er, konnte beten, ja — weil er eben der Sohn des Naphtali und nicht ,der <Jös. Iwan war, Jas er sogär Zeitungen und. wußte, was in ihnen steht: vom Krieg und vom Frieden, vom Streik, vom Auifruhr, von den Manifesten und den Pogromen. Und von allen jenen Vorkommnissen, an welchenunser heiliges Rußland so überroiob Ist. „Ihr seid ganz ungebildet," sprach Sani! oft zu den! Bauern,'Jhr "wißt'ja1 gar'nicht, was in der Welt vorgeht. Dumm seid 'ihr." ,,Ja, ja, — so istV' stimmten ihm die Bauern zu, „wir sind noph sejir dumm. Erzähle uns doch mal was aus der Zeitung, was die gebildeten Herren da schreiben.'4 . Und, nicht bloß in, dem Dorfe, wo Satnis Eltern wohnten, war sein Name bekannt In fünfzehn Dörfern ringsherum galt Sami als ein Gelehrter. liMiMMMMeeftMMMMMMMfMeMWMMgMMMW Vortrag Dr. Maxa Nordau, Paris „Max Nordau als Mensch und Zionist" Sonntag, den 6. November 1927, 8 Uhr abends Mittlerer Konzerthaussaal Karten: Zion. Bureau, I. Bezirk, Kärntnerstraße 28 Da ging emmal ein Gerede durch das Dorf, daß '■man In den Städten die Juden verhaut. Und es kamen Bauern aus fünfzehn Dörfer« zu Sami, daß er ihnen aus der Zeltung den Befehl des Zaren vorlese, in welchem steht, daß man die Juden schlagen soM, drei Tage lang. »Geht nach Hause," sagte ihnen Sami, „es gibt keinen solchen Befehl, daß ,man die Juden schlagen soll." Die Bauern ließen sich nicht .gleich abweisen; es hat doch geheißen, daß ein Befehl . . . sie standen da, ließen «ich von Sami noobmatfs alles erklären, standen herum und alberlegten . . . Schließlich meinte einer von ihnen, Sami selbst brauche ja keine Angst äu haben, ihm würde bestimmt nichts geschehen. Aber Sami verstand mit Ihnen zu reden. Sie begriffen endlich, daß es einen solchen Befehl nicht geben kann und sie gingen nach Hause. Und Sami wußte, daß er jetzt ruhig schlafen kann,' daß seine Bauern keinen Juden anrühren werden. Und wenn fremde Bauern kommen sollten, dann werden schon seine Bauern denen helmleuchten. Und seine Bauern kamen wieder zu ihm, er möge doch einmal in der Zeitung nachschauen, was schon wieder im heiligen Rußland vorgeht; man redet von irgend1 einer Konstitution und daß die Bauern Boden bekommen werden. Und wieder mußte ihnen Sami erklären, was es mit der Konstitution an sich hat und wieviel Boden jeder Bauer zugeteilt bekommen ' wird. Die Bauern waren ihm dankbar und sein Ansehen wuchs. „Ja, wenn wir Sami nicht hätten P Da kam plötzlich ein „Vorsteher" aus der Stadt ins Dorf und mit ihm ein „Unteroffizier". Er brachte mit sich das Manifest vom 17. Oktober. Der Unteroffizier trieb die Bauern aus den fünfzehn Dörfern zusammen und las ihnen das Manifest vor. Die Bauern horchten, was da vorgehen wird, dann ließen sie Sami kommen, damit er ihnen erkläre, was der da vorliest. Als er kam, stellten sie ihn auf ein Faß und baten ihn, er seihst möge Ihnen das Papier vorlesen und es ihnen erklären, denn sie glauben niemandem, nur ihm. Der Unteroffizier war beleidigt und er machte eine . Anzeige bei seiner vorgesetzten Behörde. Es dauerte nicht lange, kamen aus der Stadt zwei Gendarmen und sie forderten die Herausgabe dieses jüdischen Aufwieglers. , . Als das die Bauern hörten, benachrichtigten sie hie von Sami, sie zogen ihm rasch Bauemkloider an und gingen mit ihm von Haus zu Haus, den jüdischen Aufwiegler suchen. ■ - ■ ■ Und seit dieser Zeit kommt jeden Montag ein Befehl aus. der Stadt, man möge nichtaufhören, den jüdischen Aufwiegier Sami zu suchen, manchmal kommen anch Gehelmagenten und Kosaken, und main sucht bis heute Sami. Sami, den Aufwiegler. Und alle helfen mit und sie finden ihn nicht. - Denn was sollten die fünfzehn Dörfer ohne Sami. (Deutsch von Grete N e u f e 1 d.) Bei den Juden in Tunis. Das jüdische Ghetto in Tunis, die Hara, ist durch keinerlei Ringmauer abgeschlossen. Sie haben dies dem Marabu S1 ä i r M a r e -g zu danken,. der noch, wie die Tradition unter den tunesischen Juden behauptet, vor 400 Jahren beim damaligen Bei von Tunis die Aufhebung des Verbotes, die Vorstadt Melazina zu verlassen, erwirkt habe. Aus Dankbarkeit wird an seinem Todestag alljährlich eine Gedenkfeier in der Synagoge verrichtet. Das heutige jüdische Viertel in Tunis Ist noch immer eng und schmutzig und m Seinen schmalen Gäßchen wickelt sich unter großem Lärm der Handel ab. Während die Araber einen großen Teil des Jahres in den Kaffeehäusern verbringen, gibt es im jüdischen Viertel •kein Kaffeehaus; die Juden halten sich die ■ganze Zeit in ihren Wohnungen auf. Während die Judengassen schmutzig und ungepflegt sind, herrscht in den jüdischen Wohnungen selbst die peinlichste Sauberkeit und die, jüdischen. Kinder sind gleichfalls rein und gepflegt, im Gegensatz zu den arabischen Kindern. . . Die Kleidung der Judeu von Tunis unterscheidet Sich kaum von der Tracht der Araber. Es ist dieselbe uralte jüdische Tracht, wie sie die Juden des Orients seit Jahrhunderten hatten. Die Männer trafen Fes als Kopfbedeckung und auf dem Körper die „Gandura". Die jüdischen Frauen kietden ' sich ähnlich \Ne die Araberimwm, als Kopfputz dienen ihnen hphe, mit Goldstickereien und •langen, über die Schulter wallenden Bändern verzierte Hüte und tragen genau so wie die Araberinnen kurze, breite Hosen. Der einzige Unterschied ist bloß, daß die jüdischen Frauen ihr Gesicht nicht mit einem Schleier> verdecken. In manchen jüdischen Familien hat bei der Jugend bereits die moderne europäische Kieldung Eingang gefunden. Tuneslsdhe .Staatsbürger im europäischen Sinne gibt es eigentlich nicht. Die Bewohner von Tunis sind Untertanen des Bei vgn Tunis, während sie in Ihren Familienangelegenheiten ihrer religiösen Gemeinschaft und deren Oberhaupt unterworfen sind; Die Christen dem Bischof, die Mohammedaner dem Scheich ul Islam und die Juden dem rabbhiischen Tribunal. Alle Erbschafts-, Ehe« und sonstigen Streitfälle der Juden werden beim Öeih-Oin aus* getragen, dessen Rechtsspruch inappellabel Ist und unter dem Schutz der Staatspolizei steht. Das Rabbinatstribunaj fällt seine Urteile streng nach dem Kodex des , PELZWAREN \ jeder Art in feinster Ausführung billigst bei GEBRUDER BRA1NIN Wien, IL, Glockengasse 8, Tetephon 45-433 Schufcha-n Aruch. Unter den Juden vdn Tunis herrscht im allgemeinen Monogamie. Nur wenn eine Frau sich als unfruchtbar erweist, darf der Mann sich eine zweite Ehefrau nehmen. Ehescheidungen kommen fast niemals vor. Im Sinne des alten talmudischen Rechts können die Töchter ihre Eltern nicht beerben. Die Juden von Tunis üben verschiedene Handwerke, wie Schneiderei, Malerei, Tepplchknüpfereien und anderes aus und sind besonders im Großhandel stark vertreten. Außer den eingeborenen Juden, den „TuansT, gibt es auch eine ansehnliche Gruppe ausländischer Juden, die „Livorneser" - genannt werden, weil die ersten Einwanderer unter ihnen aus Livorno stammten. Obgleich auch* diese Juden Sephardim sind wie die Eingeborenen, herrscht zwischen den beiden Gruppen ewige Zwietracht. Eheschließungen zwischen den beiden Parteien kommen fast nie vor. "Beide Gemeinden haben ihre eigenen religiösen und sozialen Einrichtungen. Die Livornesen stehen unter dem Schutz des Staates, aus welchem sie stammen. Es gibt unter ihnen französische Staatsbürger, ein Teil, der aus Malta stammt, steht unter englischem Schutz, die meisten jedoch stammen aus; Sizilien und •sind italienische Untertanen. Bei den Livornesen, wie auch bei den eingeborenen tunesischen Juden herrscht die Sitte, ihre Toten, in sechsfachen Gewändern zu be«, graben. Ein unbekannter jüdischer Stamm entdeckt Seit 3000 Jahren in Samarkarid. In einem Vortrag in Berlin berichtete kürzlich de» Anthropologe der Leningrader Akademie der Wissenschaften, Professor Wischnlewski, vor einer wissenschaftlich interessierten Gesellschaft, in deren Mitte auch Prof. S. Du b no.w. zu. sehen war, über die mittelasiatischen jüdischen Gemeinschaften und insbesondere über einen abgesondert lebenden jüdischen Stamm, der mehr als 10.000 Seelen zählt und in einer der Vorstädte von Samarkand eine, geschlossene Gemeinde bildet. Prof. Wischnlewski hat unter diesen Juden anthropologische Messungen vorgenommen, fand aber, daß sia sich rassisch nicht viel von'ihrer Umgebung unterscheiden? vorherrschend ist bei Ihnen jedoch der ärmenoide (hei titische) Typ. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß dieser jüdische Stamm zu den ältesten Einwohnern des Gebietes gehört' Und Wahrscheinlich seit mehr ais; 3000 Jahren hier lebt, Für diese Annahme; spricht ins-i besondere Ihr Dialekt, T ad s Chi tisch, die.Sprache der Ureinwohner des Landes, während ihre nichtjüdische Umgebung usbekisch spricht. Diese Juden leben meist von Handwerk und Handel; ihre Verhältnisse' sind sehr dürftig. Jetzt macht sich unter ihnen das Bestreben bemerkbar, zur Landwirtschaft überzugehen. Sie führen ein kulturell eigenartiges Leben, lassen Ihre Kinder im „Cheder" erziehen. Jetzt gibt es auch einen Ansatz für modernes Schulwesen. In ihrer Kleidung unter-* scheiden sie sich von den Übrigen Einwohnern des Landes* die Männer tragen einen langen „Chalät" und statt des¬ Turbans der übrigen Einwohner ein Käppchen.- Die Frauen bevorzugen bunte wallende Gewänder. Die Zusammen-! Pferchung in dem Vorstadt-Ghetto war bis zur Revolution keine freiwillige, denn'die Juden lebten bis dahin unter Ausnahmegesetzen. Nach der Revolution haben die Juden Freizügigkeit erlangt. Prof. Wischnlewski erwähnte, daß seit sechs Jahren der Leningrader jüdische Kulturforscher Lurje in dieser Jüdischen Gemeinde Samarkands lebt und um deren kulturelle Hebung sich große Verdienste erworben hat. Er begründete ein Museum für jüdische Altertümer sowie eine Gesellschaft zör Erforschung der Geschichte der mittelaslatlsohen Juden. Der Vortragende - schloß mit dem Wunsche, daß die europäischen Juden das Unternehmen Dr. Lurjes unterstützen. Ein Einwanderungsinspektor deportiert seine Mutier, Eine in Manchester erscheinende englische Zeitung erzählte kürzlich die folgende Geschichte als IUnstration dafür, welche Tragödien sich oft mit sehen Auswanderern abspielen. Die Geschichte spielt in .Kapstadt in Südafrika, wohin sich, seitdem Amerika den Einwanderern seine Tore fast ganz verschlossen hat, ein stärkerer Einwandererstrom ergießt. Auch Südafrika hat sehr strenge Eänwanderergesetze und die Immigranten in den südafrikanischen Häfen werden mit äußerster Strenge gesiebt, ehe ihnen die Landung gestattet wird, Vor einiger Zeit mm kam eiu6 Gruppe von Einwanderern, mm größten Teil Juden, in Kapstadt an. Unter ihnen befanden sich eine ältere Frau namens Hude! Barlik und ihre aflährJ-ge Tochter Esther. Sie wurden von dem Einw«nd^WKigs-«