Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 5 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 DIE NEUE WELT Seite 3 Brief aus Palästina. Nach dem Kongreß. Von Dr. Fritz Löwensteio, Jerusalem. Mau hat dem Kongreß in Palästina ohne 'besondere Illusionen entgegengesehen. Man wußte wohl, <laß kein Kongreß imstande ist, Wunder zu wirken, daß es aber eines Wunders bedurft hätte, um wirklich mit einem Schlage aus einer Situation herauszukommen, die in jeder Beziehuns kritisch, ja katastrophal war. Als die hauptsächlichsten Charakteristika dieser Lage erschienen: das Aufhören der Einwanderung, die Zunahme der Auswanderung, der Mangel an Kapitalszufluß, das Aufhören jeder kolonisatorischen Tätigkeit; die Arbeitslosigkeit sowie der Mangel an Erwerb auch in weiten bürgerlichen Kreisen; .die Nichterfüllung der Keren- Hajessod-Verbindljcbkeiten gegenüber fast allen zionistischen Schöpfungen im Lande, insbesondere in der Land-; Wirtschaft; die schwere Verschuldung der Zionistischen; Exekutive und damit Hand in Hand gehend das mangelnde Vertrauen zu ihr; die schweren, überall zutage tretenden Mängel des administrativen Apparates. Der weitaus größten Zahl der hier genannten Erscheinungen liegt dieselbe Ursache zugrunde: ungenügende Einnahmen der nationalen Fonds, insbesondere des Kcren Hajessod. Während es aber in einem normalen Staatswesen in einer derartigen Situation selbstverständlich gewesen wäre, daß alJc Aufmerksamkeit sich am die Beschaffung neuer Geldmittel durch Steuern, Zölle, Anleihen konzentriert hätten, war hei uns von vornherein das Gegenteil selbstverständlich. Die Ansicht, daß eine Gesundung nur eintreten könne, wenn die zu erwartenden Einnahmen vorher vorsichtig geschätzt und die Ausgaben sich dann streng im Rahmen der so geschätzten Einnahmen'halten würden, war nicht nur in der Diaspora, sondern auch in Palästina allgemein verbreitet. Es galt also, in einer Situation, wo gar nicht genug Geld zur Verfügung stehen konnte, ein kleineres Budget aufzustellen als vorher. Dieses Ziel konnte nur erreicht werden, indem man es wagte, mit größter Rücksichtslosigkeit im Budget alle Posten geringerer Bedeutung zu beschneiden, jaeventuell sogar zu streichen, um allenur irgendwie verfügbaren Mittel auf die Zweige des Budgets zu konzentrieren, auf die es ankam. Zwei Probleme mußten im Mittelpunkt des Budgets stehen, und zwar: Ueberwindung der Arbeitslosigkeit und 1 a u d w i r t s c h a f t liehe K ö 1 o n isat ton, wobei es im Sinne der meisten Zionismen wohl gelegen hätte, der Konsolidierung der bestehenden Siedlungen den Vorrang vor neuer Kolonisation zu geben, obwohl eine .Ueberwindung der Arbeitslosigkeit kaum . anders als durch neue Kolonisation möglich-war. Neben den beiden Posten Kolonisation und Arbeit mußte also alles weitere zurückstehen. Die Schlagworte von der Konsolidierung und der Rationalisierung der Wirtschaft hätten in Palästina keinen Widerspruch gefunden, wenn sie nicht so schwankend und vieldeutig gewesen wären. Daß sie das aber waren, dürfte nun freilich post festum von niemandem mehr bezweifelt werden. Denn während mau in Palästina das auf dem Kongreß angenommene Budget ungefähr für das krasse Gegenteil von einer« Konsolidiei'ungsbudget ansieht, vertritt man, wie wir zu unserem Erstaunen gesehen haben, in manchen Kreisen des Gallith, die die Forderung der Konsolidierung am energischesten zu vertreten pflegten, den Standpunkt, was der Kongreß beschlossen habe, das eben bedeute den Sieg des Konsolidierungsgedaukens. Wo mußten die notwendigen Kürzungen einsetzen? Man würde zuerst an die Verwaltung denken und es für selbstverständlich halten, daß durch weitestgehende Verringerung ihrer Spesen Geld für konstruktivere Zwecke gespart würde. Diese Annahme Hegt. . umso näher, als ja . die Frage der B c a in t c ng c h ä 11 e r und der 0 e k o n o m i e unseres Apparates seit Jahren diskutiert wird. Eine aus Sachcr und Suprasky bestehende Kommission hat den Verwaltungsapparat in Palästina untersucht und Vorschläge ausgearbeitet, die sowohl B e a m t e n e n 11 a s s u n g e u wie Gehaltskürzungen betrafen. Was aber zeigt das 'beschlossene Budget? Der für die Palästiaverwaltung ausgesetzte Betrag ist unverändert geblieben, Pfd. Sterl. 20.000, wie im Vorjahre und das, obwohl die Vorschläge der genannten Beamtenkommission durchgeführt werden sollen. Wieso ist also trotz aller Ersparnisse derselbe Betrag erforderlich? Und dazu kommt, daß das neue Budget zwei neue Posten für Verwaltung enthält, die im früheren nicht enthalten waren, nämlich „Verwaltung außerhalb Palästinas" mit Pfund Sterl. 9000 und „gemeinsame Ujitcrsuchungskommissioii" (der Jewish Agcucy) Pfd. Sterl. 5000. Das heißt also,' daß in praxi unser Erspar ni s b u d g c t Pfund S t e r 1. 34.000 statt bisher Pfd. Sterl. 20.000 f ü r Verwaltung b e w i lügt. Der zweite Posten, bei dem Ersparnisse möglich iinl notwendig gewesen wären, ist der Posten Sauitätswcsen, vor allem der Hauptteil dieses Budgets, Ha das sah. Und obwohl dieser Artikel sich bestrebt, inuerzionistischc parteimäßige Gesichtspunkte auszuschalten, muß hier eine kurze Abschweifung gestattet werden. Vor etwa einem halben Jahre wurde die zionistische Oefientlichkeit durch den Abschluß eines Vertrages zwischen Haclassah und Palästinaexekutive überrascht. Der Vertrag wurde aufs heftigste kritisiert. Erwähnen wir hier bloß denjenigen Teil der Kritik, der mit eleu Budgetfragen in unmittelbarem Zusammenhang stellt. Die Tendenz des Vertrages ging dahin, die Hadassah sozusagen aus dein Rahmen der Zionistischen Organisation herauszulösen. Ihr Budget sollte vom allgemeinen Budget getrennt werden und dem Kongreß nur zur Bestätigung vorgelegt werden. Und das, obwohl die Aufbringung des Hadassahbüdgets in Amerika als ein Teil d e s U n i t e d P a 1 e s t i n c Appeal erfolgt, wobei, wie es scheint, zunächst .die Ansprüche der Hadassah mit 100 Prozent erfüllt werden und erst dann die anderen Teilhaber an.die Reihe kommen. Man klammerte sich an die Bestimmung des Vertrages, ^daß : dieser. Vertrag der Zustimmung des Kongresses bedürfe. Der Kongreß hat den Vertrag „provisorisch" bestätigt. D.er Kongreß durfte gerade in der gegenwärtigen Situation es keinesfalls gestatten, daß ein so großer Budgetposten seiner Kompetenz völlig entzogen würde, sondern er mußte auch hier versuchen, die größtelr Ersparnisse zugunsten der Hauptzweige des Budgets walten zu lassen. Das Gegenteil i s t s e s c h c h c n. Im ursprünglichen Budgetentwur! der Exekutive wurde das Hadassahbudget überhaupt nicht erwähnt und war in ihm nicht enthalten. In dem endgültig beschlossenen Budget steht-es, aber hur formell, damit die Endsumme des Budgets etwas anschn- ■ Ifiiianaii Ini»««Mii|| Grundstück H Angelegenheiten f jj Kauf * Verkauf! H Verwaltung jj Belehnung Hl betreffend i I Häuser »Villen! ■ Güter! ä wendet sich jeder Interessent an die Hl ■--T—\ Realitäten-und Verwaltun$ikanzlei | Dr» jur. Marem Somer H Wien,IX.Währingerltra6c 3 f§|| Sj= Telephone: A26-4-47 * 15-506 5=§1 liehe r sei, während im übrigen der Kongreß sich jeder Ingerenz" auf das Budget enthalten hat. Der Kongreß hat also mehr als Pfd. Steil. 100.000 für die Hadassah bewilligt, eine Ziffer, deren Ungeheuerlichkeit'erst dann klar wird, wenn man die Ziffern für die anderen Budgetposten sieht, etwa die Pfd. Sterl. 65.000 des A r b c i t sb u d g e t s oder den Posten landwirtschaftliche Kolonisation, der,'etwa ebenso groß ist, wie der Posten Hadassah. Daß man nicht etwa die Gesundheit als ein so hohes Gut eingeschätzt hat, daß mau bei ihr keine Kürzungen vornehmen wollte,, zeigt die Tatsache, daß man bei Kupath Cholim (Krankenkasse) zu streichen verstanden hat: statt Pfd. Sterl. 20.500 im Vorjahr erhält sie Pfd. Sterl. 3400 und als ..man die offenkundige Absurdität dieser Ziffer einsah,.veranlafite man die Hadassah, der armen Schwester Pfd.. Sterl. 10.000 von ihrem Uebcrschuß abzugeben. Und-uiäu vergesse .nicht, daß fast der gesamte- Sanitätsdienst, im. Ein e 1c .in den Händen der Kupath Cholim liegt und die Menschen des Emek im'Falle einer Epidemie weit schwerer; betroffeii' werden, als die Bewohner Jerusalems, oder Tel ■ A'wiws, für die außerhalb der Hadassah auch andere Möglichkeiten existieren. Administration und Hadassa h haben' sich also siegreich behauptet! Wir ollen, nicht alle „weiteren Budgetposten behandeln, sondern nur einige, typische Fälle herausgreifen. Wir halten die Herabsetzung des Erzi.ehuugs.- «budgets von Pfd. Sterl. 74.000 auf 53Ü00, so gefährlich sie ist, für durchaus vertretbar, obwohl wir . befürchten, daß die nächsten Wochen Palästinas im Zeichen einer allgemeinen Krise des Schul werkes stehen werden. Aber das sind unvermeidliche Folgen eines Abbaues und eswürde bestimmt möglich sein, hier schließlich;eineh niodus vivendi zu finden, wenn nicht die Empörung der' Lehrerschaft immer neue Nahrung in.der Tatsache fände, daß ^einflußreichere Budgetposten", wie etwa Hadassah, sich besser behaupten konnten. Die Herabsetzung des Postens; „Handel Tagebuch eines jüdischen Knaben* Von Otto Abeles. Vor dreißig. Jahren war es in den besseren jüdischen Kreisen von Wien und Prag, Brünn und Budapest verpönt, sich zum Judentum zu bekennen. „Bessere Kreise" waren: Fabrikant und Großhändler, Arzt und Advokat, Bankier und Juwelier, aber auch Kplden- und Versicherungsagent, Kommis in guter Position, sowie der gesamte Verein der reisenden Kaufleute. Es galt für unfein, vom Judentum zu sprechen, kulturlos, sich mit deu westlichen Tempelleuten oder gar östlichen Kaftanträgern zu identifizieren. Das Schicksal, Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde bleiben zu müssen, so lange Großpapa in Nikolsburg, oder eine Erbtante in Boskowitz lebte, wurde durch Lebensführung, gesellschaftlichen Verkehr und Hochhaltung der nationalen Belange (der deutschen und tschechischen natürlich) nach Tunlichkeit kaschiert. Man entwertete die deutschesten Vornamen, etwa Hans und Paul,, indem man. sie .den Kindern .sämtlicher jüdischer Familien - gab. Man erwies dem nichtjüdischen Zeitgenossen, .daß das Judentum tatsächlich jeder Verachtung wert sei, indem auch die Besten, Unabhängigsten ihre jüdischen Namen änderten. (Ohne äußeren Zwang, ohne tiefere Bedeutung wurde aus Süd-Feld "ein Nor4*Au.) Was damals jüdische Eltern an der Psyche ihrer Kinder verbrachen, ist nicht zu, sagen. Nur Speichellecker, Plusmacher oder Affen konnten nach dem damals selbstverständlich notwendigen Abiturium aus den Mittelschulen hervorgehen. Die Sucht zu gelten,, war die edelste Leiden-» Schaft, die Jagd nach dem Erfolg war das löblichste Tun. Und die besten Jünglinge wurden ruhelose, mit sich selbst zerfallene, lauernde Nervenpinkel, Menschen unterm Rad, Menschen in ewiger Fechterposition. Unverstand, Sklavengeis't, Seelenvcrlo.tterung des israelitischen Bürgertums von damals hat an der nächsten jüdischen Generation nichts Minderes verbrochen als Rassenhaß und Radau-Antisemitismus. Als Student habe ich mir in den Schriften Ludwig Börnes (auch sein Schriftstellernamc war eine feige Lüge) die nachfolgende Stelle angestrichen, welche das jüdische Elternhaus ebenso anklagt, wie die Hasser jenseits der Judengasse: „Ihr habt mir Salz geworfen in den süßen Becher der Jugend; ihr habt die tückische Verleumdung und den albernen Spott hingestellt auf den Weg des Mannes — abhalten konntet ihr mich nicht, aber müde, verdrossen und ohne Freudigkeit erreichte ich das Ziel. Empfindung nach Empfindung haty ihr mir getötet und einen Kirchhof geschaffen aus dieser lebensvollen Brust..." Die Erinnerung an jene Zeit würdeloser, sklavischer Angleicherei der Deiitschliberälen, Tschechischliberalen israelitischer Konfession und ihrer vernichtenden Folgen für Geist und Charakter der Heranwachsenden wird durch die Lektüre eines französischen Romans „Der kleine Prophet" von E d m o n d F1 e g*) lebendig, des erschütternden Tagebuches eines jüdischen Knaben. „Oh, das hübsche Kind, ein richtiges Jesuskind", sagt der geistliche" Herr. „Wie heißt du denn?" „Claude Levy." „Er ist ein kleiner Jude, Herr Pfarrer/* fügt die begleitende Bonne hinzu. „Schade." Diese Begegnung beim Spaziergang ist für den Knaben von entscheidender Bedeutung. Die guten Eltern haben ja bisher verschwiegen, daß er Ju'de ist. Und warum hat der Herr Pfarrer „Schade" gesagt? Erste Aufklärung kriegt er von der katholischen Spielgenossin, die es ihm überbringt, wie sie's *) Deutsch von Mimi Zuokcrkandl. R. Piper & Co.- Verlag, München, 1927. von der .Mutter hörte: „Ein kleiner Jude ist: ein sehr unglückliches Kind." Da beginnt . Claude sein Gehirn zu martern, bleibt einsam ini reichen Elternhause, wird gut genährt, sorglich gepf|egt, voii Aerzten betreut, wird .Vorzugsschüler;im,Gymnasium, wird ein hervorragender Pfadfinder,, aber über die dunkle Angelegenheit „Judentum" kann, er sich mit Mutter und Vater nicht aussprechen. ■ „Ich habe immer Angst, daß man „Jude" vor mir sagen könnte... Niemand sagt dieses Wort, wenn ich dabei bin und trotzdem..' habe ich! Angst, daß.man es sagen könnte. Meine Mitschüler während der Pause. Und in den Ferien im Hotel, wenn -ich mit Buben spiele, die mich nicht kennen: ick glaube immer, daß sie daran denken! Wie soll ich diesen Fehler ablegen? Ich habe es versucht! Ich kann es nicht! „Jude", was heißt das? Ich weiß noch .nicht mehr davon, als ich mit fünf Jahren wußte." Endlich — o, es wird ergreifend berichtet, wie es dem Jungen auf Umwegen doch gelingt, beim 'Mittagstisch; über das Judentum zu sprechen — endlich belehrt ihn Papa, daß man nicht „Juden", sondern „Israeliten" sagt und „daß wir night mehr im Mittelalter; leben." Und wie vor dreißig Jahren in unseren Breiten, rächt sich hier, im westlicheren Paris, der ^Unverstand der Eltern. Die Angst dieser Intellektuellen, „erkannt zu werden", die sie überallhin verfolgt, an der Psyche ihres Claude, an seiner Entfremdung ihnen gegenüber, an der niederschmetternden Kritik, die er an Papa und Mama übt. Herr Levy senior ist gerichtet, wenn sein kleiner Sohn in diesem Tagebuch vom „Papa-Lächeln" spricht. * Ich will hier die Fabel des Buches nicht erzählen — man soll es lesen — kann nicht die starte •Liebesgeschichte besprechen, die darin verwoben ist, auch nicht die grausamen Erschütterungen bestellten, die der Heranwachsende, der mit dem Katholfeisarass