Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 4 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2711613-2711614-2711618--0049-2713163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SfeffoS DIE NEUE WELT Nr. 4 Die Tribüne. Ein Sprechsaal für unsere Lesen Dieses Blatt, das ein Blatt Sur den Kampf um das jüdische Recht und für die Erstarkung des jüdischen Volkes sein will, räumt seinen Lesern diesen Raum ein. Die „Neue Welt" wird für das jüdische Recht eintreten, wo immer und in welcher Art immer es gekränkt wird. An dieser Stelle soll der jüdische Leser selbst das Wort erhalten und wir laden jeden ein, der den Sinn und die Funktion dieses Organs begreift, selbst zu sagen, wie ihm ums Herz ist. Jeder Jude, deralsjude, alsBürgerzurückgesetzt wird, soll dies hier aussprechen. Jeder, der für das Leben der Gemeinschaft Wichtiges und Wesentliches zu wissen glaubt, jeder, der sich gegen Unrecht selbst zu wehren hat oder einen anderen leiden sieht, wird aufgefordert, auf dieser Tribüne zu erscheinen. Selbstverständlich steht jeder, der dies wünscht, tinter dem Schutze des Redaktionsgeheimnisses. jüdische Kommunisten veranstalten am Versöhnungstage Festessen, An den Herausgeber der „Neuen Welt". Es dürfte nur einem engeren Kreise bekannt sein, daß jahraus jahrein, während die gesamte Judenheit aller fünf Weltteile am Vorabend des Versöhnungstages das „Kol-Nidrei-Gebet verrichtet, eine Gruppe jüdischer' Jugendlichen in, Wien eine geradezu verwerfliche Demonstration veranstaltet. Es handelt sich um die sogenannte jüdische Sektion der Wiener Kommunisten, die auch heuer durch Plakate in jüdischer Sprache alle Welt zu einem KoJ-Nidrei -Abend in ihrem Heim in der Blumauergasse einlud. Nach einem gemeinsamen Mahle überfällt die Referentin Malkc Schorr in wüster Weise die jüdische Gemeinde und ihre Führer. Sie erklärt, daß die Juden ihre Jugend zum Wucher und zur Ausbeutung erziehen, zur Geringschätzung anderer Völker und Glaubensgemeinschaften. Dieses Auftreten einer gegen alles Jüdische mit Haß erfüllten Gruppe hat nur den Zweck, die jüdische Bevölkerung Wiens in ihren Gefühlen schwer zu kränken und zu provozieren. Sollte man nicht diesen unerzogenen Menschen das Handwerk legen? Konnten nicht das Rabbinat bzw. die Kultusgemeinde bei amtlichen Stellen wegen Hintanhaltung^ dieser Aufreizung intervenieren? Hochachtend Josef -P e r 1 b e r g e r, Wien. Antwort: Die grenzenlose Tölpelhaftigkeit der Wiener jüdischen Kommunistengruppe fällt unter kein Strafgesetz und ist ehrlicher Entrüstung nicht würdig. Niemand 'kann es dieser Gesellschaft verwehren, sich zu blamieren. Die ausreichende und größte Strafe besteht eben darin, daß ,man der Oeffentlichkeit von diesem famosen Streich Kenntnis und damit eine Vorstellung von der Borniertheit von Leuten gibt, die nicht mehr und nicht weniger wollen, als die Welt zu verbessern. Die Revolution in der Karikatur. - . \ Verlautbarung der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Maskirandachten ain Schemini Azereth-Feste. Zur Vermeidung des großen Andranges in den Gemeindetempeln zur „Haskarah", veranstaltet der Vorstand der israel.- Kultusgemeinde Wien am diesjährigen Schemini- Azereth-Feste Dienstag den 18. Oktober um 6 Uhr früh im Stadttempel, I., Seitenstettengasse 4, und im Leopoldstädter Tempel, ,11., Tempelgasse 5, sowie um 9 Uhr vorm. im Olympia-Saale, I., Rothgasse 5, anläßlich der Maskirandachten feierliche Gottesdienste. Seinem Prinzip getreu, stets nur das Beste zu möglichst billigen Preisen zu bieten, bringt das populäre Leopoldstädter Warenhaus Brüder Schi ff mann auch diesmal zu Beginn der Herbstsaison Außerordentliches. Trotzdem die sprunghafte Steigerung der Baumwoilpreisc am Weltmarkt eine wesentliche Verteuerung aller Textilwaren bedingt, ist dieses Kaufhaus zufolge laufender Riesenabschlüsse in der angenehmen Lage, alle Herbstneuheiten zu den bekannt billigen Sensationspreisen abzugeben. Als besonderer Saisonschlager gelangen in der kommenden Woche prima Sportf lau eile in den modernsten Dessins zum Preise von S —.90 per Meter zum Verkauf. Ferner: Kleider-Schottenstoffe, doppeltbreit, per Meter S 1.90, Kleiderstoffe, doppeltbreit, per Meter S 1.98, Modekleiderstoffe, 140 Zentimeter breit, S 2.90, Ottomaneveloure, moderne Farben, 140 Zentimeter breit, S 7.90, Kamelhaar-Mantelstoffe, moderne Dessins, 140 Zentimeter bje.it, S 9.80, Wipcord für Anzüge, 150 Zentimeter breit, S 14.50, prima Double, für Raglans und Herbstmäntel, HO Zentimeter breit, S 9.80, Seidenbrokate, herrlichste Oessins, 85 Zentimeter breit, S 3.90, Mantelfutter (Seidenersatz), fabelhafte Ausmusterung, 80 Zentimeter breit, S 2.50. Besonders preiswert sind als Neueinführung W a c h s t u c.Ii und Linoleum in allen Größen und Qualitäten erhältlich. E >as wir in unserer Bücher" schwemme für S 3.- bieten: Becquer G. A. Von Teufeln, Geistern und Dämonen, gebd. Boccaccio Giov. Dekamerone. Deutsch von D. W. Soltau, gebunden. Briefe der hl. Catarina von Siena. Herausgegeben von A. Kolb, in Halbpergament gebunden. Brjussof Valerius. Der feurige Engel. Erzählung aus dem 16. Jahrhundert. In elegantem roten Ganzleinenband mit Golddruck. Brod Max. Das große Wagnis. Roman. Eelegant gebunden. — Jüdinnen. Roman. Leinen gebunden. — Schloß Nornezygge. Roman. Leinen gebunden. — Weiberwirtschaft. Novelle. Leinen gebunden. Buysse Cyrlel. Rose von Dolane. Uebertragen von G. Gärtner. (Inselbibl. d. Romane.) Leinen gebunden. de Coster Charles. Vlämische Legenden. (Inselbibl. der Romane.) Leinen gebunden. Daudet Alph. Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon, mit Zeichnungen von P. Preetorius, in Geschenkband gebunden. David J. J. Der Uebergang. Roman, gebunden. Dostojewski F. M. Erinnerungen aus einem Totenhaus, gebd. ■— Im Dunkel der Großstadt, gebunden. — Ein lebenslänglicher Ehemann, gebunden. — Die fremde Frau. Der Mann unter dem Bett. Zwei Erzählungen, gebunden. Duellbuch, Das. Herausgegeben von H. Conrad. Illustriert von S. Königer. Dumas Alex. Der Geliebte der Königin. Uebersetzung von M. Schönau. Leinen gebunden. Ewers H. E. Die verkaufte Großmutter. Ein deutsches Märchenbuch, ^gebunden. Flaubert Gustave. Salambo. Roman aus dem alten Karthago. Uebersetzung von A. Schurig. (Inselbibl. der Romane.) Leinen gebunden. France Anatole. Die Sehnsucht des Johann Scrvien. Roman. — Die Perlmutterdose. Novellen. — Auf den weißen Felsen. Roman. — Der Brunnen von Santa Clara. Novellen. — Clio Balthasar. Novellen. — Peter Nozim. Roman. — Die Ulmen am Wall. Roman. In elegantem Ganzleinen-Geschenkband mit Goldpressung. Grimm Jakob. Kleinere Schriften für das deutsche Volk. Mit einer Einführung von Ludwig Speidel, gebunden. Hearn Lafcadio. Kwaidan. Seltsame Geschichten und Studien aus Japan. Buchschmuck von E. Orlik, gebd. — Legenden, gebunden. Hermann Georg. Rubinka. Roman, gebunden. Kürnberger Ferdin. Der Amerikamüde. Amerikanisches Kulturbild. In elegantem biegsamen Leinenband auf Dünndruckpapier. Langenscheidt Paul. Diplomatische Ehe. Ein Buch für gute und böse Tage. 20. Tausend, gebunden. Märchen der Weltliteratur. In elegantem farbigem Pappband. Afrikanische Märchen. Buddhistische Märchen. Chinesische Volksmärchen». Finnische Mi' -n. Französische Volksmärchen. 2 Bände. Kaukrfs e Märchen. Musäus, Volksmärchen. 2 Bände. Multatuli. Millionenstudien. Aus dem Holländischen von N. Spohr. Titelzeichnung von Fidus, gebunden. Philippe Charl. Louis. Marie Donadieu. Aus dem Französisenen von Fr. Burschell. (Iuscl-Lcinenband), gebunden. Renard Maurice. Orlacs Hände. Roman. Eine Verbrechergeschichte, voll gespenstischen Grauens, gebunden. Scheffel Vikt. Ekkehard, in Ganzleinenband. — Ekkehard,, in Insel-Leinenband. Shaw Bernhard. Cashel Byrons'Beruf. In elegantem Seidenleinenband. — Der Amateursozialist. In elegantem Scidenleinenband. Sinclair Upton. Metropole. — Die Wechsler. — Sintflut. In einem Band, gebunen. Ssolajub Fjodor. Der kleine Dämon. Roman. In elegantem roten Ganzleinenband. Strlttdberg Aug. Die Leute von Hemsö. Roman. Insel- Leinenband. Tagore Rabindranath. Der zunehmende Mond. — Gitanjoli (Sangesopfer). — Nacht der Erfüllung. — Fruchtlese. — Der König der dunklen Kammer. — Nationalismus. — Das Postamt. — Sadhami. — Persönlichkeit. — Frühllngskreis. — Alle Bücher in elegantem Halblederband mit Goldschnitt und mit goJdgcprägtcn Initialen. — Gora. Roman. Zwei Bände broschiert. Tausendundeine Nacht. Ausgewählt und herausgegeben von Banse-Jansen. Mit farbigen Bildtafeln nach Originalen von Plette. Gebunden. Tleck Ludwig. Vittoria Accorambona. Roman in fünf ■Büchern. Insel-Leinenband. **• Tolstoi L. N. Kindheit. Knabenalter, Jünglingsjahrc. Roman. (Insel-Leinenband.) Thüle. Altmodische Dichtung und Prosa. Band I; Edda. 1: Heldendichtung. In elegantem Halbleinen-Geschenkband. Unheimliche Buch. Das. Herausgegeben von Felix Schhiemp mit Vorwort von K. H. Strobl und 15 -Bildern von A. Kubin. Vasari Giorgio. Lebensbeschreibung der ausgezeichneten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance, Nach Dokumenten und - neuerlichen Berichten dargestellt. Herausgegeben van E. Jaffe. Mit 31 Vollbildern in Tonätzung, in imitiertem Geschenk-Pergamentband. ' '•*', Zola Emile. Das Werk. Roman. Iiisel^Leinenband.' — Nana. Roman. Insel-Leinenband. Bei schriftlichen Bestellungen bitten wir Ersatztjte! anzugeben, da die teils nur noch kleinen Vorräte meist rasch ausverkauft sind. Buchhandlung R. Löwit Modernes Antiquariat Wien, I., Rotenturmstraße Nr* 22 Tetephon 71-4-25 Theater und Kunst Wiener Theaterbrief. Eröffnungsabend der Jüdischen Künstlerspiele, — „Troilus und Cressida*' Im Burgtheater. Eine neue Wiener jüdische Bühne: „Jüdische Künstler spiele" hat sehr glücklich debütiert. Welche Fülle darstellerischer Möglichkeiten, welcher Reichtum urkräftiger, wesenhafter Gesten, welche Skala der Gefühle ist doch dem ostjüdischen Schauspieler eigen und wie künstlerisch ergiebig ist die Pflege jüdischer Theaterkunst! Dankenswert, daß sich nach zahlreichen gescheiterten Versuchen immer wieder begeisterte Pioniere finden. Nach den ausgezeichneten Eindrücken dieses ersten Abends wünscht man dem jungen Unternehmen aus ganzem Herzen,, daß es sich in dieser schweren, theaterfeindlichen Zeit behaupte und — Niveau behalte, dem jüdischen Publikum aber", daß es nicht wieder versage, vor den „Jüdischen Künstlerspielen", die uns diesen Abend schenkten, nicht durchfalle. Man spielte „Unser Glauben", ein Drama von S c h a 1 o m A s c h. Es besitzt Qualitäten, welche die Bezeichnung „Volksstück" rechtfertigen. Der Dorfjude will seine Tochter standesgemäß, das heißt an einen Talmudjünger verheiraten. Das Mädchen aber und der Sohn des Bauers sind längst ein Liebespaar. Der Konflikt „Mischehe" wird hier natürlich nicht nach dem Schmelztiegelrezept lustspielmäßig gelöst, wie in dem amerikanischen Jargonschwank, der gegenwärtig bei Reinhardt amüsiert. Der Bauer holt sich die Geliebte bei der Judenhochzeit. Hier wird nicht dreimal, sondern bloß zweimal Hochzeit gefeiert, und diese zweite Trauung hinter der Szene bringt eine jüdische Familie ins tiefste Unglück. Die Bauern, die bisher mit dem Dorfjuden wie Brüder lebten, haben es leichter. Das Mädchen wurde natürlich Christin, bevor es Gattin des Antik Stach werden konnte. Aber im Hause des Pferdehändlers Leiser ist die Tochter, die im nämlichen Dorfe wohnt, jetzt ihrer Niederkunft entgegensieht und nach der Mutter ruft. Pogromgespenster bedrohen das Haus des „fanatischen Juden", der seiner Frau nicht f erlauben will, der Tochter in der schwersten Stunde beizustehen. Nach hartem Seelenkampf'-- hier muß ich einschalten: die große Mina Deutsch spielt diese Mutter — entscheidet sie sich gegen den, Gatten für das Kind, geht ins Bauernhaus, die Tochter stirbt an dem Geburtsakt, der Dorfjude schreit: „Wie ist's richtig zu vollbringen, o Gott, daß ich ein treuer Jude bleibe?" Eine ganze Reihe scharf umrissen.er Charaktergestalten, heitere und ergreifende Szenen, Verlobungs- und Hochzeitszeremonien, Tänze, Lieder, jüdische Musikanten — in, diesem Volksstück wird alles geboten, nur billige Rührseligkeit nicht, und kitschige Stimmungsmache schon gar nicht. Tatsächlich: Ein Volksstück-Ensemble von Niveau, ein lebensvoller, ein packender Abend und — ich weiß sehr gut, daß solche Beifügung geboten ist — kein Gran Wohlwollen mußte auf die Wagschale des Kritikers gelegt werden. Es ist ein vielversprechender Start. Herr Brün n. als Spielleiter wie als Darsteller des jüdischen Vaters gleich bedeutend, die Damen Rosenberg und Weißberg, die Herren Wittler, Herschkowitz, jMeier, Dr. Nahum sehr eindrucksvoll, die Charakterfiguren des Ehevermittlerpaares (SigaU und M eis eis) ein Kabinettstück ostjüdischer Komik, alle anderen Mitglieder des Ensembles voll Verdienst, Mina Deutsch aber wirklich erschütternd. * „Troilus und C r e s s i d a", Shakespeares ingrimmig gemaltes Genrebild aus dem Generalstabsquartier vor Troja run.d um Achill, dem „Abgott der Dummheitsanbeter4", ist ein Volltreffer, wie immer \ die Dichtung aufgefaßt und gebracht wird. Mit oder ohne Offenbach und Shaw (wie's jetzt beliebt). Als Lustspiel oder Trauerspiel. Direktor Herterich läßt aus der bitteren Komödie des Weibchentums die Tra-; gödie der Kriegskorruption und Unzucht aufwachsen, will sie mächtig formen und gibt dem Raispnneur des Stückes, Thersites, das Schlußwort. Herr Heine : spielt und spricht den scharfsinnigen, gallisch-empör- ' ten, die Verderbtheit, Hohlheit, Selbstsucht, Gemeinheit der „Prominenten" genialisch kritisierenden Krüppel außerordentlich und Frau Wagener als Cressida ist ein süperbes, unschuldig-schuldiges Luderchen. M a r r spielt den Ajax mit Sliawschem Witz und Mayerhofer den Kuppler Pandarus mit war-; mem Humor. Aber leider sind die Fehlbesetzungen ' dieser Aufführung nicht gering. Höbliiigs Achill i hat keine Faser Griechentum an sich, Hartrnann verrsagt als Liebhaber und Devrient ist als Ulysses ' unmöglich, während der einzig mögliche Ulysses, iÄslan, dem Hektor, der einzigen Heldengestalt des Dramas, mit Klugheit nicht beikommen, kann. 'Schütze, ein, neuer Burgschauspieler (Aeneas), fällt , durch Organ und Haltung angenehm auf, Warum die Beratungsszene im Griechenjager so opernhaft starr (förmlich: Herrenchor aus „Lohengrin"), warum das Sctolachtengettimmel so lustig harmlos, so offenbachisch karikiert, wenn doch hier, laut Anzeige im Theaterprogramm, die Tragödie von Hektars feiger Ermordung erschüttern soll? An diesem Abend ward manche Chance vertan. O, A.