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Die neue Welt · 1927-10-14 · Heft 4 (14.10.1927) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 4 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr.* DIE N£ÜE WELT Softe 7 Plumer dahin beantwortet, daß die Quellen nicht Gemeindeeigentum, sondern Staatseigentum seien. Demgemäß hat der Oberkommissär die Niederreißung der jetzt bestehenden Gebäude angeordnet, damit Platz für moderne Bauten und Einrichtungen frei werde. Die Regierung wird demnächst über die Vergehung einer Kon« Zession zur Ausnutzung der Quellen nach modernen Gesichtspunkten der Therapie eine Entscheidung treffen. * Die gegenwärtigen Bauten an den Quellen von Tiber.ias wurden im Jahre 1833 zur Zeit der ägyptischen Okkupation von Ibrahim Pascha errichtet. 1890 hat die türkische Regierung einige Renovierungen vorgenommen, die aber noch lange nicht den Bedürfnissen entsprachen. Die Temperatur der Tfberiasquellen beträgt 143 Grad Fahrenheit. Das Wasser ist schwefel-, magnesium chlorld- und eisenhaltig. Die Heilkraft der Quellen war schon in der römischen Epoche bekannt. Man nannte sie damals Ammaus und PHnius lobte ihre wunderbare Wirkung. Auf den die Thermen umgebenden Höhen, wurden von den Römern Villen und Tempel errichtet; die Siedlung wurde durch die Akropolis des Herodes gekrönt. Der XV. Zionistenkongreß im Film* Vor kurzem fand die Presseaufführung eines kleinen, ar>er sehr willkommenen, von Paul Stein mit Geschmack und guter propagandistischer Wirkung zusammengestellten Filmwerkes statt, das den jüngsten Zionistenkongreß, die Kongreßstadt Basel, die Führer der Bewegung und die markantesten Persönlichkeiten der Tagung zeigt, aber auch die wichtigsten Etappen der zionistischen Bewegung in - Erinnerung bringt und die Entwicklung der Aufbauarbeit, in Palästina an gut gewählten Beispielen der landwirtschaftlichen und städtischen Kolonisarion darstellt. Leider sind nicht alle Aufnahmen von gleicher Schärfe, aber da die Bilder nicht „gestellt" sind, sondern unter den gegebenen, oft recht widrigen Bedingungen aufgenommen werden mußten, kann man nicht Ueberdeutlichkeit verlangen. Der tiefe Eindruck, den die Unmittelbarkeit, die Wahrhaftigkeit der betreffenden Filmteile erzeugt, macht übrigens den Mangel an technischer Vollendung wett. Besonders geglückt siud die bewegten Bilder der einstürmenden Gäste zur Eröffnungssitzung im Messepalast, sowie zur Festtagung im historischen Kasinosaale, ferner einige sehr charakteristische Aufnahmen von Weizmann und Sokolow, sowie eine Reihe wunderschöner Baseler Ansichten. — Der Film, der nach dieser Pröbeaufführung noch bereichert wurde, wird wohl von Wien aus durch die ganze jüdische Welt gehen, um erfolgreich für den Zionismus zu werben. _ Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich. In seiner Sitzung am 8. Oktober hat der Parteirat beschlossen, den diesjährigen, Delegiertentag für den 12., 13. und 15. November einzuberufen. Die Tagesordnung wird rechtzeitig bekanntgegeben werden.-__ Legenden aus alten Judengemeinden. Wir werden von Zeit zu Zeit weniger bekannte Legenden und historische Erinnerungen aus alten, einst berühmten Judengemeinden veröffentlichen und beginnen die Serie mit einigen Legenden aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wilna. Die eiserne Schultür. Wilna war einst im Zentrum jüdischen religiösen und wissenschaftlichen Lebens in der Diaspora und führte deshalb den Ehrennamen „Jerusalem de Lita" das litauische Jerusalem. Zahllös sind die Legenden, die hier enü-< standen. Viele von ihnen sind bereits der Vergessenheit anheimgefallen oder leben verschwommen in der Tradition fort. Die meisten und schönsten Volkserzählungen sind mit der wechselvollen Geschichte der alten Schul verwoben. Da ist gleich die Geschichte der großen Eisentür der Schul: Vor etwa dreihundert Jahren entstand zwischen den Karäern und Juden in Wilna ein ernster Streit um den Besitz der Synagoge. Die Karäer behaupteten, sie seien die wahren Juden und hätten das alleinige Recht auf die Synagoge, während die Juden auf ihrem alten Besitzrecht bestanden. Die Angelegenheit kam vor den damaligen Gutsherrn von Wilna zur Austragung. Der Gutsherr ging mit beiden Parteien zur Synagoge. Die große Eisentür war gesperrt, der Schlüssel war nicht aufzufinden. Der Gutsherr wußte Rat. Er benützte die Gelegenheit, sich eine billige Hetz zu verschaffen. Sein Urteil lautete: „Wer diese Eisentür sprengt und sie auf den Schultern rund um den Almemor tträgt, dessen Volksgemeinschaft soll die Synagoge für ewige Zeiten gehören." Da trat ein jüdischer Schneider, der als Kraftmensch ein, hob sie aus den Angeln, trug.sie auf der Schulter in die Synagoge, umkreiste den Almemor, trug dann die Eisentür wieder zum Eingang zurück und hängte sie in die Angeln. Da, der Gutsherr verkündete eben sein Urteil, durch welches die Schul den Juden als unbestrittener Besitz zufiel, stürzte der Schneiderriese lautlos tot zu Boden. Die große Elsentür besteht auch heute noch. Der Name des Schneiders ist der Nachwelt nicht erhalten geblieben. Der Märtyrer aus Wizon. Diese Legende, die auf der letzten Seite des uralten Pergamentsiddur der alten Schul verzeichnet steht, spielt in der Woche des Sukkothfestes. In Wizon lebte ein getaufter Jude, der in seiner Wut darüber, daß ihm die Juden offen ihre Verachtung bekundeten, beschlossen hatte, Rache an ihnen zu nehmen, Er entwendete aus einer katholischen Kirche ein Heiligenbild und schmuggelte es in die Synagoge, wo er es hinter der Bundeslade verbarg. Dann ging er zum Gutsherrn und erzählte, e«s sei alter jüdischer Gebrauch bei den Juden, alljährlich zur Zeit des Sukkothfestes aus einer katholischen Kirche ein Heiligenbild zu stehlen. Am sechsten Tage des Laubhüttenfestes, am heiligen Tage des Hosonana Rabba, werde dann das HeUigenbMd mit geheiligten Weidenruten gezüchtigt und miohandelt. Am Morgen des Hoschaua Rabba jenes Jahres war die Schul mit Betenden überfüllt. Dieser Tag gilt in der jüdischen Sage als der letzte Tag der himmlischen Gerichtsbarkeit während der Tage der großen Buße. Nach altem Brauch wird durch das „Haschanas-Schlagen" (das Abschlagen der Blätter geflochtener Weidenzweige) die endgültige Losreißung von den Sünden symbolisiert. Mitten in dieser Zeremonie stürzt eine Horde schreiender Christen unter Führung des Gutsherrn in die Schul. Der Gutsherr ging geradeaus auf die Bundesllade zu und zog aus einer Nische das Ufnterschobenie Heiligenbild hervor. Die Folge war ein furchtbares BlutM bad unter den Juden der Stadt, deren Häuser ausgeplündert und zerstört wurden. Ueberdies wurden die angesehensten Mitglieder der Gemeinde in den Kerker geworfen. Diese sollten öffentlich gerichtet werden. In jener Zeit lebte in Wizon ein Greis namens Rabbi -Menachem Amnon, der als großer T,aünudgelehrter in hohem Ansehen stand. Als er sah, in welch großer Not sich seine Brüder befinden, stellte er sich selbst, dem Gutsherrn als Opfer für sein Volk. Er erklärte, das Heiligenbild gestohlen und hinter der Bundeslade verborgen zu haben. Seiner Selbstbeschuldigung wurde Glauben geschenkt. Die jüdischen Geiseln wurden In Freiheit gesetzt. Rabbi Menachem Amnon fand den Märtyrertod durch Vierteilung; sein Leichnam wurde öffentlich verbrannt. Die Kanonenkugel im Dachpflock. Unweit von der alten Schul in Wilna steht ein Haus, auf dessen Dach ein hervorstehender Pflock, in dem eine Bleikugel steckt, sichtbar ist. Hierüber erzählt die Legende: Vor 120 Jahren wurde die Stadt von' den Russen) bombardiert und drohte unterzugehen. Da versammelte sich die ganze Gemeinde mit dem Gaon von Wilna in der Schul, um für die Errettung der Stadt und der Synagoge zu beten. Eine Kanonenkugel schlug in unmittelbarer Nachbarschaft der Schul ein, die Mauern der Synagoge zitterten, es schien, die Schul müsse im nächsten Augenblick einstürzen.. Da erhob sich der Gaon, schlug mit der Hand, auf sein Betpult und rief in die bebende Menge: „Beruhigt euch, Brüder! Gott hat unsere Gebete erhört, wir sind gerettet. Die Kugel ist im Dach stecken geblieben!" Noch heute verkündet die Kugel im Dachpfosten bei der alten Schul die wunderbare Errettung vor 120 Jahren. „Balebesl." Dichtung und Wahrheit zu einer Volkslegende verschmolzen, ist die romantische Geschichte des „Balebesl",. wie der berühmte Sänger und Geiger Joch David, Sohn " eines gutsituierten Gememdcmitgliedes im Volksmund hieß. Noch heute wird Fremden i<m „Durchhof", der das alte Ghetto mit dem jüngeren Wilna verbindet, das Fenster gezeigt, hinter weichem Joch David schon als Kind mit seinem Gesang und Geigenspiel die Menschen entzückte. Als zwölfjähriger Knabe war bereits der berühmte Chason der.Wilnaer Schul. Eines Morgens sang loch David bei offenem Fenster und begleitete sich selbst auf seinen Geige. Da sah er, wie ein Mann, dem Aussehen > nach ein polnischer Adeliger, vor dem Fenster stehen blieb und mit geschlossenen Augen dem Gesang und Spiel Balebesls lauschte. Es war der berühmte polnische Komponist Moniuszko. Am nächsten Tage schon mußte Joch David im Hause Moniuszkos vor geladenen Gästen ein improvisiertes Konzert geben. Die Zuhörer -— es waren lauter Intellektuelle — waren von den Darbietungen so begeistert, daß sogleich die Mittel aufgebracht wurden, um Balebesl zur künstlerischen Ausbildung ins Warschauer Konservatorium zu entführen. Des Nachts floh Joch David aus dem Hause seiner frommen Eltern und zog, begleitet von Moniuszko nach Warschau. Sein erstes Konzert in der polnischen Hauptstadt hatte sensationellen Erfolg. Plötzlich nahm das junge Leben Balebesls eine j tragische Wendung. Der seiner Gemeinde und dem Eltern- \ haus entlaufene O'ioson wurde in Warschau von den : Damen der Gesellschaft umschwärmt. Besonders stark trieb es damit die Tochter eines hohen Aristokraten, die eine* Tages ihren Eltern eröffnete, daß sie in den jdüischen Sänger sterblich verliebt sej und lieber aus dem Leben '■ scheide, als von zu lassen. In den Warschauer Salons sprach man bereits von der bevorstehenden Vermählung der bildhübschen Aristokratin mit dem gottbegnadeten Sänger, der am Morgen des Hochzeitstages in der Haüskapelle des Brauvaters in die katholische Kirche aufgenommen werden sollte, In den Judengassen von Warschau und Wilna bildete das, Lebensschicksal Balebesls gleichfalls das Tagesgespräch. Der Stolz auf den ungewöhnlichen kleinen Aufstieg des kleinen Chasons wandelte sich in Trauer wegen der Nachricht, daß Balebesls, der noch vor kurzer Zeit mit seiner süßen Stimme die Allmacht des Gottes von Abraham. Isak und Jakob lobpreisend verherrlicht hatte, jetzt auf Abwege geraten, fremden Göttern dienen solle. Die Hochzeit Balebesls mit der polnischen Aristokratin hat niemals stattgefunden. David Joch weigerte sich — so schließt die Volkssage — seinen jüdischen Glauben Ein langsam wirkendes Gift, das ihm seine adelige Geliebte, nach dem sie sich überzeugt hatte, daß sie ihn aufgeben muß, während eines Beisammenseins unbemerkt in den Wein goß, brachte Joch David allmählich um. seinen Verstand. Nach wochenlangem, qualvollen Leiden starb Balebesl in seiner einsamen Kammler fern von de* Seinigen verlassen von seinen aristokratischen Gönnern. Vier jüdische Kandidaten für den Obersten Gerichtshof in Amerika. Aus New York wird gemeldet: Die nächste richterliche Versammlung wird sich mit. der Ernennung eines Nachfolgers für das am 31. Dezember d. J. zurücktretende Mitglied des Obersten Gerichthofes, Oberrichter L. Erlanger, befassen. Unter den Kandidaten sind vier jüdische Rechtsgelehrte, nämlich: Irwin Untermeyer, Jonah J. Goldstein, Henry L. Sh ermann und. Abraham Benedict. 80 Jahre jüdische Gemeinde in Chikago. Die jüdischen Kongregationen von Chicago und die, Jüdische Historische Gesellschaft von Illinois feierten am 9. Oktober d. J. den 80. Jahrestag des Beginnes jüdischer Gemeindetätigkeit in Chikago. Vor 80 Jahren hat eine jüdische Vereinigung in Chikago ein Grundstück zum Preise von 40 Dollar von der Stadtgemeinde erworben, um dort einen jüdischen Friedhof, den ersten in Cliikago, anzulegen. Es war dies der erste gemeinschaftliche Schritt von Juden in Chikago. An dem Gedenktag wurde in dem Lincoln-Park, wo im, Jahre 1847 der erste jüdische Friedhof angelegt worden war, eine Gedenktafel enthüllt. ' Zwei Millionen tschech. Kronen für ein jüdisches Altersheim in Karlsbad. Der New Yorker Richter Otto Rosalski, der im Laufe dieses Sommers mehrere Wochen, zur Kur in. Karlsbad weilte, machte dort die Beobachtung, daß alte, kranke Juden aus aller Herren Länder in Karlsbad Heilung! suchen, wegen ihrer Mittellosigkeit jedoch vorzeitig zugrunde gehen. Auf Anregung seiner Frau beschloß Richter Rosalski, wie er nach seiner Rückkehr nach New York erklärte, zwei Millionen tschech. Kronen für die Errichtung eines großen jüdischen, Kurhauses und Altersasyls in Karlsbad aufzubringen. Seine Anregung hat in den Kreisen der reichen New Yorker Juden solchen Anklang .gefunden, daß der bekannte Multimillionär Frederik Brown bereits eine Million tschech. Kronen erlegte und sich an der Sammelaktion persönlich beteiligen wird. Eilen Sie! e Weißware wird teurer. Die enorme Erhöhung der Baumwollpreise am Weltmarkt hat eine zirka 50prozentige Preiserhöhung bei sämtlichen Rohprodukten und in weiterer Folge eine große Verteuerung aller Weißwaren bewirkt. 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