Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 4 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DieWirtschaftskrise in Palästina Blühende Staatsfinanzen und eine Bevölkerung im Elend. In ihrer Sonntagsnummer bringt die Waener „Neue Freie Presse" nachstehenden Bericht ihres palästinensischen Korrespondenten Artur Ko estler. Der Bericht hat lebhaften Eindruck hervorgerufen. Er ist in der Darlegung der Gründe der Krise gewiß nicht erschöpfend und in seinen Folgerungen vielfach einseitig, bietet aber Stoff zu der so dringend nötigen/gründlichen und freien Erörterung der palästinensischen Wirtschaft und der zionistischen Politik. Jerusalem, Anfang Oktober. Das einzige Land unter den Nachfolgestaaten des Ottomanischen Reiches, das die übernommene ottomanische Schuld regelmäßig bezahlt, ist Palästina. Es kann sich diesen Luxus erlauben, da seine Finanzen glänzend stehen. Das am 31. Dezember 1926 abgeschlossene Regierungsbudget weist einen Ueberschuß von nicht weniger als anderthalb Millionen ägyptischen Pfund auf. In diesem Jahre beabsichtigt die Regierung sogar jene Schulden zu zahlen, die noch die alte Militärverwaltung unmittelbar nach Eroberung des Landes hinterließ, eine Schuld, die etwas über 200.000 Pfund ausmacht und beim besten Willen nicht als allzu .drjngend bezeichnet werden Jcann. Dieses wohlsituierte Land, das imstande ist, seine Schuldner so gentiemanlike zu behandeln, obwohl es nur 160.000 europäische Einwohner hat, von denen seine Einnahmen fast zur Gänze herrühren; obwohl nach den optimistisch esien Schätzungen höchstens 30 Prozent seiner Bodenfläche kultiviert und seine Naturschätze bisher fast gar nicht erschlossen sind; obwohl es eine nach europäischen Begriffen lächerlich kleine Industrie und keinen wirklichen Hafen und keine anständigen Straßen für seinen Handel hat. ist noch dazu ein Immigrationsland und seine Regierung laut Mandat verpflichtet, die Ansiedlung der Einwanderer in jeder Weise zu fördern. Man müßte also annehmen, daß die eingewanderte Bevölkerung über unbegrenzte Mittel verfügt, da sie ihrer Regierung zu einem solchen Wohlstand verhilft. Jedes Land wird die palästinensische Regierung um diese idealen Bürger beneiden. Diese Bevölkerung sieht nun wie folgt aus: Ein Viertel der Arbeiterschaft — 5 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung — ist arbeitslos; der überwiegende Teil der übrigen Eingewanderten erwerbslos; einige Fabriken haben ihren Betrieb eingestellt, andere balancieren seit anderthalb Jahren ständig am Rande des Bankerotts; die Stadt Tel-Awiw, in der ein Viertel aller Eingewanderten lebt, ist wirtschaftlich vollkommen ruiniert und lebt von heute auf morgen, ohne sebst zu wissen, wovon. Die Einwanderung stagniert; die Auswanderung, obwohl auch iiicbt nennenswert, übersteigt die Einwanderung. mal vorher erschlagen, sondern er wird mich zwingen, zuzuhören, wie mein kleiner Aronschik kläglich rufen wird: „Väterchen, Väterchen, so hilf mir doch!" Ihr haltet mich für irrsinnig? Meinetwegen, aber ich fürchte mich doch. Ich will es nicht, ich darf das nicht geschehen lassen! Lieber guter Gott, so hilf mir doch, mache mit mir, was du willst, nur das Gräßliche gib nicht zu! Ich will alles auf mich nehmen. Jede Strafe, die du mir auferlegst, werde ich geduldig tragen, nur das Furchtbare wende ab von mir! Aber die Nächte . . . Wer hat für den Menschen diese Nächte erfunden! Beim geringsten Geräusch fahre ich zusammen, horche auf jeden Schritt im Hofe, auf jeden Laut — gleich stürze ich zur Haustür und horche. Am Ende sind s i e es gar schon? Wo sich verbergen? Im Keller? Da finden sie uns. Wir können uns nirgends verstecken, denn sie finden un* überall. Es bleibt uns nur Eines übrig: Wir müssen alle aufs Dach steigen und uns hinunter stürzen. Meinen kleinen Aronschik werde ich fest in die Arme nehmen. Wenn sie kommen — lebend werden sie mich nicht kriegen! Alles auf der Welt, nur nicht das! Ich nehme ein langes scharfes Messer und . . . Meinen Liebling Aronschik soll ich damit . . . Um Gottes willen, nein! Es bleibt uns nur Eines: Hinauf aufs Dach, und dann — und dann — stürzen wir uns alle hinunter . . . und meinen Aronschik halt' ich fest in den Armen . . Die bärtigen Männer sitzen in der Runde. Mit sanften Blicken vor sich hinschauend, hören sie schweigend zu — am Ende sind sie gar schon irrsinnig geworden? ,, „ __DTE NEUE WEIT_ Die Ursachen der Krise. Diese Krisis des jüdischen Kolonisationswerkes war seit Jahren vorauszusehen und wurde von den oppositionellen zionistischen Politikern, die sich von der Scheinkonjunktur, die die Einwanderungswelle des Jahres 1925 mit sich brachte, nicht blenden ließen, vorausgesagt. Der Bankerott der bisherigen Methoden mußte aus drei Gründen eintreten. Erstens konnten die Kapitalien der Zionistischen Exekutive nicht produktiv im Lande verwurzelt werden, da sie zum großen Teil für Aufgaben verausgabt wurden, die in jedem normalen Staate die Regierung erfüllt (Schul- und Sanitätswesen, öffentliche Arbeiten usw.) und da man gezwungen war, den Boden hektarweise zu unmöglich hohen Preisen zu kaufen, denn die Regierung stellte dem Repatriierungswerk Brachländer nicht zur Verfügung, obwohl das Mandat dies vorsieht. Zweitens hat die Zionistische Exekutive die Industrie, die es am raschesten ermöglicht, eine große Zahl von Einwanderern zu absorbieren, vernachlässigt und in der landwirtschaftlichen Kolonisation für kostspielige sozialistische Experimente, die an starrer Dogmatik beispiellos in der ganzen Welt, Sowjetrußland nicht ausgenommen, dastehen, ihr Geld verausgabt, da Zehhtausende in- und außerhalb Palästinas der Ansiedlung harrten. Und drittens — dies die Hauptursache der Krise — hat die palästinensische Regierung, welche Schulden auf Kosten ihrer Bevölkerung zahlt, die kein anderes Land zu zahlen sich verpflichtet fühlt,, zu einer Zeit, da diese Bevölkerung in beispiellosem Elend lebt, die Aufgaben eines Kolonisationsregimes vollkommen verkannt und die jüdische Kolonisation nicht nur nicht gefördert, sondern oft und schwer geschädigt. Die nicht unbeträchtliche Summe von zehn Millionen Pfund wurde in der Nachkriegszeit durch die zionistische Organisation, ihre Fonds sowie ihr verwandte Institutionen und durch Privatinitiative für Palästina mobilisiert. Rund 100.000 Seelen sind eingewandert, im Durchschnitt entfallen also rund 10.000 Mark auf die Familie. Und trotzdem die niederschmetternde Krise. Wo ist das Geld? Erstens in den Taschen der Araber, denen für Boden oftmals Preise gezahlt wurden, welche diejenigen der fruchtbarsten Böden in Nordamerika übersteigen; zweitens in den durch die Regierung erzielten Ueberschüssen; drittens in den unrentablen neuen Kolonien; viertens auf dem Wege der passiven Handelsbilanz (sechs Millionen Pfund im letzten Jahre) ins Ausland zurückgewandert. Und so weiter. Der Rest, der fruchtbringend im Lande verwurzelt wurde, reicht natürlich nicht aus, um allen Eingewanderten stabile Existenzen, wohl aber um eine sozusagen stabilisierte Krise zu schaffen. Diese Krise, die die zionistische Bewegung so sehr ihres Kredites beraubt (zu Unrecht, denn der Bankerott gewisser Methoden und gewisser Führer einer Bewegung bedeutet noch lange nicht, daß die Bewegung selbst Bankerott gemacht hat), wird solange anhalten, bis neue, rationellere Methoden der Kolonisation gefunden werden und bis die Mandatregierung ihre Haltung ändert. Ein Handelsvertrag und seine Folgen. Eine-aktuelle'Illustrierung dieser Haltung, bilden die gegenwärtig' von ' der palästinensischen Regierung mit Syrien gepflogenen Handelsvertragsverhandlungen. Zwischen Palästina .und Syrien. .bestand,., seit 1921, ein Abkommen, demzufolge syrische1 und palästinensische 'Erzeugnisse gegenseitig zollfrei exportiert werden konnten. Vor ■ einigen Monaten hat nun die palästinensische Regierung die Initiative zur Abänderung des Vertrages ergriffen, in dem Sinne, daß für Erzeugnisse, die mehr als 75 Prozent ausländischen Rohmaterials enthalten, die Zollfreiheit zwischen Palästina und Syrien aufgehoben werden soll. Nun ist die gesamte palästinensische Industrie fast vollständig auf importiertes Rohmaterial angewiesen, so daß sie durch die neuen Bestimmungen fast ausnahmslos getroffen wird. Anderseits basieren heute die wichtigsten palästinensischen Industrien — TextH- und Lederfabrikation, Oel, Zement usw. — mit 27 bis 100 Prozent ihrer Erzeugnisse auf dem syrischen Markt. Der Export nach Syrien, der in rapidem Wachsen begriffen ist und im ersten Halbjahr 1927 bereits die Höhe des gesamten Exportes von 1926, übertraf, ist conditio sine qua non für die Entwicklung der jungen palästinensischen Industrie; durch die Aufhebung der freien Einfuhr in Syrien ist die Existenz der bedeutendsten - palästinensischen Fabriken ernstlich gefährdet, die gesamte Industrie aufs schwerste geschädigt, neue Initiative fast unmöglich gemacht. Die gesamte Industrie, die Zionistische Exekutive, die Stadt Tel-Awiw protestierten — es half nichts. Es wurde der Regierung bewiesen, daß das Maximum der Einnahmen, die sie durch die neuen Einfuhrzölle erzielen kann, die lächerliche Summe von 30.000 Pfund per Jahr beträgt, daß sie aber viel mehr an Einnahmen verlieren werde, wenn infolge ihrer Politik die Industrie in Palästina zugrunde geht — die Regierung sagte nein. So schließt das Memorandum, das der Industricllenverband in dieser Sache an die Regierung richtete, mit dem Satze: „Das kleine Palästina,.getrennt von seinen Nachbarländern, nicht geschützt gegenüber der ausländischen Produktion und ausgeschlossen vom Markt des englischen Imperiums durch die Nichtanerkennung des Vorzugszolles aller sonstigen englischen Kolonien für Palästina, gibt wirtschaftspolitisch keinen Raum mehr für einigermaßen größere Kolonisation." JIIIllllilllllllllllllilllillllM Klub radikaler Zionisten I Mittwoch, den 19. Oktober 1927 um halb 9 Uhr §§ abends findet im Klublokale Cafe Atlashof, Wien, I., S Aspeinplatz eine Klubversammlung sta,t Gegenstand: Referent: Julius Löwy Im österreichischen Landesverbände organisierte Zionisten als Gäste willkommen. Zu dieser Versammlung ergehen keine besonderen Einladungen llUllllllllllililUIIIIIIIIUUllUlU^ _______Hr. 4 1 Zionist. Landeskomifee für Oesterreich 55 ~ ~ 53 |Uer-iii-UlirI ss Sonntag, den 16. November 1927 =3 2 Uhr nachm. fohne Wartezeit), Olympiasaal, I., Rathg. 5 §§ jH Aus dem Programm: Ansprache, Lieder, Märchen Ü fs und Rätsel, Lustige Lichtbilder, Marionettentheater, Spiele =5 H der Kindergärten usw. || S Zur Beachtung! Bei rrreichung der polizeilich fest- ES Sj gesetzten Teilnehmerzahl wird der weitere Einlaß be- Ehördlicherseits esperrt. Es emptiehlt sich daher recht- £5 U zeitig zu erscheinen. p | V | 1 Vortrag §§ H Dr. Maxa Nordau, Paris: g H „Max Nordau als Mensch und Zionist" B H Sonntag, den 6. November 1927 f| H Mittlerer Konzerihamiaal §f H Karten Im Vorverkauf: Zionistisches Büro, I., Kärntner- Ü §| Straße 28. — Telephon Nr. 77485-6 || ilUllltllllllllllllllllllllllllffl Englands Interesse an Palästina. Vielleicht hätte die Regierung „ja" gesagt und würde in vielen Fällen „ja" sagen, wenn die Zionisten verstünden, die Karten, die sie in- Händen haben, richtig auszunützen, wenn sie in ihrer Propaganda schärfer die Interessen unterstreichen würden, die England an einem jüdischen PaJästina hat. Wie sehr die Regierungsfinarizen von der jüdischen Einwanderung abhängig sind, zeigt die Tatsache, daß die Einnahmen der Regierung im laufenden Jahre, da die Immigration stagniert, ebenfalls sehr empfindlich — bis zu 50 Prozent — gesunken sind. Anderseits liegt Palästina auf dem kürzesten Wege nach Indien, stellt die Verbindung Mossals mit dem Meere dar, hat die ungeheuren Mineralreichtümer des Toten Meeres, von denen kürzlich in der englischen Presse wieder viel die Rede war, und grenzt an den Suezkanal. England hat daher großes Interesse daran, an diesem wirtschaftlichen und strategischen Knotenpunkt im Orient eine kompakte europäische Majorität zu haben, die ihm zu Dank verpflichtet ist, und auf dessen Freundschaft es bauen kann, einen ruhenden Pol in der Flucht der Erscheinungen ira nahen Orient, wo man nie so recht weiß, woran man ist. In Hodeida werden Propagandazentralen der Sowjets errichtet, . Persien entläßt zwar den Standardoilmarm als Finanzberater. kokettiert aber auf der anderen Seile mit den Sowjets, und die Drusen und ähnliche Völker stellen eine zwar momentan freundliche, ansonsten aber nicht gerade die gemütlichste Nachbarschaft dar. Die Zionisten brauchen England, und England'braucht ein jüdisches Palästina, aber nur ein wirtschaftlich gut fundiertes, schlagkräftiges, jüdisches Palästina. Mit bankerotten Partnern schließt man keine Geschäfte. Aber der Partner wird so lange dem Bankerott nicht entrinnen, als England ihm nicht unter die Arme greift. Das ist die Linie, auf der sich die zionistische Politik zu bewegen hat; tut sie es nicht, wird die stabilisierte Krise sich in das endgültige Scheitern der Judenstaatsbestrebungen des zwanzigsten Jahrhunderts verwandeln. Ein Aufruf der Zionistischen Exekutive. Die von dem 15. Zionistenkongreß in Basel gewählte Exekutive der Zionistischen Organisation hat einen Aufruf an die Angehörigen der zionistischen Bewegung und an die Judenheit der ganzen Welt erlassen. Der von Dr. Chalm Weizmann, Nahum Sokolow, Dr. M. D. Eder, Kolonel F. H. Kisch, Louis Lipsky, Felix Rosenbliith, Harry Sacher und Miß Henrietta Szold unterzeichnete Aufruf besagt u. a.: Die ueue Exekutive sieht es als ihre erste Pflicht an, das Budget zu balanzierenr'sie will diejenigen Aenderungen durchführen und Ersparnisse erzielen, die sich in Anbetracht der gegenwärtigen Lage der Organisation als notwendig erweisen. Bei der Durchführung dieser Aufgabe wird die neue Exekutive, die keine Partei vertritt und keine anderen Interessen und Ziele verfolgt, als das Wohlergehen des jüdischen Palästina in seiner Gesamtheit, sich von keinerlei Vorurteilen (leiten lassen, sondern jedem Probleme die gebührende Beachtung schenken und versuchen, eine Lösung zu erzielen, die das Wachstum des jüdischen nationalen Heims zu fördern geeignet ist. Die schwierigsten Aufgaben ergeben sich in Pa-i Iästina, und Palästina, muß darum in erster Reihe die notwendige Selbstverleugnung aufbringen. Aber eben weil Palästina schließlich die Früchte dieser Mühen und Opfer ernten wird, und da die Geschichte Paiästinas voller Beispiele von mutiger und selbstloser Hin-j gäbe an die Sache Zions ist, erwartet die Exekutiv» voll Vertrauen von Palästina die gleiche Bereitschaft zu Rat und Hilfe, wie sie ihren Vorgängern zuteil geworden ist. Die aus der Arbeitslosigkeit erwachsenen Probleme sind schwer und akut; die Exekutive wird sich mit ihnen sehr gründlich zu beschäftigen, haben, ohne be« haupten zu wollen, daß sie bereits eine sichere Lösung sieht. Eine nicht weniger wichtige, wenn auch weniger schwere Aufgabe haben die Zionisten in den Ländern der Diaspora zu erfüllen. Sie müssen die Verantwortung für die Beschaffung der Mittel zur Durchführung der Aufgabe, mit weicher die neue Exekutive betraut worden