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Die neue Welt · 1927-10-14 · Heft 4 (14.10.1927) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 4 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 4 DIE NEUE WELT Seite 3 PELZWAREN jeder Art in feinster Ausführung billigst bei GEBRUDER BRASNIN Wien, II., Glockengasse 8, Telephon 45-4-33 die der zionistischen Idee fernestchen, zu überantworten. Ein großer Aufwand ward umsonst vertan, eine letzte Kraftquelle des so rar gewordenen bürgerlichen Idealismus wird zugedeckt mit den Dollars aus Amerika." Es ist nur selbstverständlich, daß grundsätzliche Gegner mit Vergnügen nach den wirklich wunden Punkten am Körper des Zionismus deuten. Die Resignation der derzeitigen Leitung und das weder vom Standpunkte der Vernunft noch vom Standpunkte der Demokratie her begreifliche Projekt der Erweiterung der Jewish Agency durch Nichtzionisten sind bedrohliche Zeichen. Der Feind des Zionismus zieht daraus den Schluß: Bankerott. Aber er hat nicht bemerkt, oder wollte nicht bemerken, daß auf dem Kongresse selbst Anzeichen der Gesundung deutlich zu verspüren waren: Ziffernmäßig hatte die Resignation auf dem Kongresse noch Erfolg, stimmungsmäßig hat die auf die Kraft des jüdischen Volkes vertrauende Opposition gesiegt. Die Hoffnungen assimilatorischer jüdischer Wortführer der österreichischen Sozialdemokratie auf Bankerott des ihnen unbequemen Zionismus werden nicht in Erfüllung gehen. Aber die Aeußerungen im „Kampf" sind doch bemerkenswert. Die Anhänger der Erweiterung der Jewish Agency können daraus lernen, daß das Projekt absolut nicht danach angetan ist, das Prestige des Zionismus zu fördern und ihm neue Anhänger zuzuführen. Der Plan der Erweiterung wird auch von den Gegnern als das erkannt, was er ist, als nutzloses Einbekemitnis der Schwäche, das dem Nichtzionisten weder imponiert noch ihn hilfsbereiter macht, als Preisgabe der Grundidee. Die Lektüre des Artikels im „Kampf" ist insbesondere der zionistischen Arbeiterparteien zu empfehlen, die den jüdischen Führern der österreichischen Sozialdemokratie sonst so große Anerkennung zollen. Urnsomehr zu empfehlen, als ja „Poale Zion" und „Hitachduth" auf dem Kongresse dafür gestimmt haben, den „Idealismus mit Dollar aus Amerika zuzudecken". Das original Kölnischwasser seit 1709 die Qualiiäismarke Die Leiden der russischen Zionisten. Von Ing. David Schechet. Seit Jahren werden die Zionisten in Kußland verfolgt, jede jüdisch-nationale Betätigung wird bestraft und jede Arbeit für den Aufbau Palästinas zunichte gemacht. Aber nicht nur politische und nationale jüdische Bestrebungen werden seitens der Sowjetregierung unterdrückt, die elementare jüdische Kulturarbeit, der Unterricht in der Bibel, im Talmud, in der hebräischen Sprache, in den finstersten Zeiten der Zarenherrschaft geduldet, wird mit aller Strenge verfolgt. Hebräische Lehrer sowie Eltern, welche ihre Kinder hebräisch unterrichten lassen, werden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt und aus ihren Wohnorten ausgewiesen. Das Drucken hebräischer Zeitschriften und Bücher ist strengstens untersagt. Die berüchtigte „Jewsekzija" (die jüdische Sektion der kommunistischen Partei) sorgt dafür, daß die G. P. U. (ehemalige Tscheka) niemals ohne Arbeit bleibt. Tausende junger begeisterter Zionisten werden ohne Untersuchung und gerichtliche Verurteilung mittels einfacher Anordnung der G. P. U. in die entlegensten Teile Sibiriens und Turkestans verschickt Hunderte junger Leute schmachten in den sogenannten „politischen Isolationen", Gefängnissen schlimmster Art aus der Zarenzeit. In Gegenden, wohin nicht einmal die Zarenregierung ihre politischen Gegner zu deportieren wagte, verschickt die Sowjetmacht unsere jungen Freunde. Ohne warme Kleidung, ohne Geld wandern die Opfer zu Fuß nach Orten ihrer Verbannung, die gewöhnlich hunderte Kilometer weit von der Eisenbahn liegen, zu welchen die Post nur drei- bis viermal im Jahre gelangt. Die Regierung, stellt den Verbannten großmütig sechs Kübel (zirka 20 österr. Schilling) monatlich zur Verfügung, so daß die Unglücklichen dem Hungertod preisgegeben sind. Nach den Berichten des „Raßwjet" (Nr. 33-34) leben derzeit in harter Verbannung: 135 Mitglieder der vereinigten zionistischen Jugendorganisationen „Hechawer" und „Kadimah", 176 Mitglieder der zionistisch-sozialistischen Partei, 167 Mitglieder der „Hitachduth", 98 „Haschomer Hazair". 170 Mitglieder des „Heclialüz" warten derzeit in den Gefängnissen ihre Aburteilung ab. 108 Zionisten sitzen in eleu politischen „strengen Isolationen". „Strenge Isolation" bedeutet „schwerer Kerker". Von einer großen Zahl von Zionisten hat man überhaupt keine Nachricht, man weiß nicht einmal, wo sie zu suchen sind. Tuberkulose und Wahnsinn sind die gewöhnlichen Folgeerscheinungen dieser Behandlung. Selbstmorde sind an der Tagesordnung. Niemand ist davor sicher, bei Nacht aus dem Bett gerissen und, ohne gerichtliche Verhandlung, auf rein „administrativem Wege", nach Sibirien verschickt zu werden. Offiziell hat der Volkskommissar für Aeußeres, Herr T s c Ii itscherin in Berlin, erklärt: „In Sowjetrußland gibt es keine Zionistenverfolgungen." Das stimmt insofern, als die Gerichte sich mit den Ziorrjsten nicht beschäftigen und in der Oeffentlichkeit nichts von den Greueln bekannt wird. Dafür gibt es doch eine G. P. U., welche volles Verfügungsrecht über das Leben jedes Sowjetbürgers hat. Still und ohne Aufsehen werden die der Regierung und der „Jewsekzija", dieser allmächtigen Gesellschaft jüdischer Abtrünniger und Verräter, unerwünschten Elemente bei Nacht verhaftet und sofort abgeschoben. Trotz aller mittelalterlichen Verfolgungen, aber ist der zionistische Gedanke im russischen Judentum stark wie nie zuvor. Keinerlei Inquisition vermag ihn zum Erlöschen zu bringen. Viele Jahre dauert bereits das traurige Spiel. DSs Zionistische Organisation hat es erst jetzt, auf dem 15. Kongresse, für nötig befunden, die Angelegenheit von der Kongreßtribüne aus zur Sprache zu bringen. Es ist vielleicht für den gegenwärtigen. Zustand der Zionistischen Organisation charakteristisch, daß es so langer Zeit bedurfte, che man sich zu einer großen Kundgebung entschloß. Der Protest des Kongresses wird zweifellos den russischen Zionisten große Genugtuung dafür gewähren, daß es ihnen unter Aufopferung von Freiheit und Gesundheit, ja sogar ihres Lebens, schließlich doch gelungen ist, die Augen der jüdischen Oeffentlichkeit auf ihre trostlose Lage zu lenken. Aber die Wirkung ist eben nur eine moralische: zu tatkräftigem Handeln dürfte es kaum kommen. Die bureaukratische Maschine unserer Exekutive wird in absehbarer Zeit kaum dahin gebracht werden können, die Arbeit in dieser Richtung aufzunehmen. Die Sorgen um Palästina werden noch lange als Entschuldigung für die Untätigkeit dienen. Noch am 14. Kongreß wurde bei Besprechung der Angelegenheit geantwortet, die Exekutive könne leider nichts unternehmen. Merkwürdig ist die Tatsache, daß sich die oberste zionistische Leitung die ganze Zeit hindurch jeglichen Protestes gegen die unmenschlichen Verfolgungen enthalten hat und Stillschweigen wahrte. Man hat den russischen Zionismus ruhig seinem Schicksal überlassen. War es die, uns gewöhnlichen Sterblichen so unverständliche, „höhere Raison, staatsmännischer Weisheit (!) und politischer Kunst",' welche das oberste Organ der Bewegung daran gehindert hat, auf die grausame, planmäßige Vernichtung' des größten und wichtigsten Teiles der Bewegung in irgend einer Form zu reagieren? War es die traditionelle Angst, die Lage unserer russischen Brüder durch tatkräftiges Eingreifen zu verschlimmern? Die heute herrschende politische Zerfahrenheit u.nd Hilflosigkeit werden die zionistische Exekutive höchstwahrscheinlich auch jetzt daran hindern, au3 der Protestresolution des Kongresses praktische Konsequenzen zu ziehen. Aber den russischen Zionisten muß geholfen werden! Wenn nicht von oben, dann von unten her, Die Leser werden gebeten, ihren Bedarf bei unseren Inserenten zu decken. um Eine antijüdische Broschüre der litauischen Regierung. Die litauische Regierung hat in offizieller Form eine Broschüre erscheinen lassen, die direkt auf die antisemitischen Gefühle der Massen wirken will. D?e frühere demokratische Regierung wird als die „Regierung der Oser Fink eiste in u. Co." bezeichnet. Es wird die Notwendigkeit einer durchgreifenden Äenderung der bisherigen Verfassung durch eine Volksabstimmung dargetan, in dem Sinne, daß die „Juden und andere Minderheiten" keinerlei Einfluß auf die litauischen Staatsangelegenheiten haben sollen. Um trotzdem die orthodoxen jüdischen Kreise für das Referendum zu gewinnen, stellt die Regierung die Ornüdung einer R a b b i n c r - IOo m m i s s i< o n beim Innenministerium in Aussicht. Dieser Kommission soll die Verwaltung der Synagogen und des Eigentums der jüdischen Gemeinden unterstehen, die bisher in den Händen der Gesellschaften „Esra" und „Adas Jisroel" war._ Pogromgespensfer. Skizze von S. Juschk6witsch. (Aus dem Russischen übersetzt von Raja Barber.) Ein Häuflein Juden saß im Laden David Kotpaks beisammen. Das Tagewerk war zu Ende. Von der Straße her drang mit der nächtlichen Feuchtigkeit und Kälte eine dunkle Bangigkeit herein. Man rauchte. Dann kratzte man sich ab und zu. David Kolpak betrachtete der Reihe nach seine Glaubensgenossen, seufzte tief auf, blickte dann auf sein Weib Jettel, das sich vor Kälte iii ein großes Tuch eingewickelt hatte und zuletzt auf seinen fünfzehnjährigen Sohn Abram, der, die Mütze auf dem Kopfe, dastand, dann sprach er: „Ja, ja meine Lieben, so ist es-. Ich fürchte mich, fürchte mich ganz einfach wie ein kleines Kind. Wir s&d am Ende, meine Lieben. Wenn man nur wüßte, wofür wir so heimgesucht werden. Wofür? Je weiter, desto mehr fürchte ich mich. Denn w'58te ich, ich hab's verdient, würde ich mich ja fügen und mich damit abfinden." Die Juden nickten stumm. Reb David hatte ganz recht. Wenn man sich wenigstens darüber klar ge- * wesen wäre, wofür, — dann in Gottes Namen. Jettel stampfte mit den Füßen auf den Boden, um sie zu erwärmen. „Ich bin", fuhr David Kolpak fort, „ein einfacher Mensch, arbeite den ganzen lieben Tag, mein Weib arbeitet, Abram arbeitet. Wir haben nicht einmal Zeit, über etwas Erhabeneres nachzudenken. Davon kann doch nie die Rede sein. Aber jetzt sind wir dazu gezwungen worden. Was ich mir meinen armen Kopf zerbreche, das glaubt ihr nicht. Was ging mich früher dies oder jenes an? Es kam Verschiedenes vor, aber was dachte ich mir in solchen Fällen? „Das ist nicht deine Sache, David, für dich gibt es nur eines: die Arbeit. Solange du arbeitest, ist alles gut, bleibt alles auf seinem gewohnten Platz!" Und so lehrte ich meine Kinder. Und sogar der kleine Aronschik, mein Sorgenkind, auch der mußte daran glauben, daß es nur eines gibt: arbeiten. Wenn mal ein Pogrom drohte, so pflegten Jettel und ich uns mit den Kindern im Keller zu verstecken. Da hieß es, eine Zeitlang für sein Leben zittern — das war auch zu etwas nütz'. Man weinte sich von Herzen aus. Inzwischen war die Gefahr vorbei, und dann hieß es wieder: arbeit' von neuem! Aber jetzt? Von mir ist nur die Hälfte geblieben — ich bin schon gar kein Mensch mehr. Immer nur das eine: die Angst und das Nachdenken und die Qual und das ewige Grübeln, wie man sich schützen soll! Oh, diese nie enden wollende, quälende Furcht!" Die große Bangigkeit hat nun auch Eingang in den Laden gefunden. In Furcht erstarrt sitzen die bärtigen Männer mit den Kinderaugen da. Jettel hat ihre Blicke starr auf das Oellämpchen geheftet, das im grauen Dunst schwach glimmt. „Am Tage geht's ja noch," fährt David Kolpak fort, „da ist es hell, Menschen gehen aus und ein. Es ist wahr, manchmal hört man auch einen scharfen Pfiff und sieht einen Menschen über die Gasse laufen, da bleibt einem das Herz stehen. Geht's am Ende schon los? Soll man rasch den Laden schließen? Was meinst du dazu, Abram? Aber dann kommt die Nacht . . . Oh, diese verfluchten Nächte! Schon um dieser Leiden willen muß einem der liebe Gott helfen! Ob ich im Zimmer sitz', ob ich Tee trink' oder mit jemand rede, immer bin ich mit meinen Gedanken draußen auf der Gasse oder im Hof: „Jettel, ist's noch immer ruhig? Mir scheint, ich höre schreien! Du meinst, ich habe mich geirrt? Kann schon sein, daß es so ist! Ist da nicht ein Schuß gefallen? Ich höre draußen im Hofe Schritte. Am Ende sind sie es!" Meine Lieben, ich bin ein einfacher Mensch, aber ich habe ein sehr weiches Gemüt. Ich liebe meine Jettel, meine Kinder, den Aronschik ganz besonders! Ach, mein Aronschik, der ist ein Geschenk vom lieben Gott! Für Aronschik lasse ich mich in Stücke schneidenI Er ist doch der Einzige, der uns noch aufrecht hält. Wer lacht bei uns? — Aronschik. Wer macht Dummheiten? Wer läßt sich nichts sagen? — Aronschik! Und wen liebt vor allem Aronschik? Mich, David, den großen David, der ewig nach Hering und Petroleum riecht, den nimmt er mit seinen haardünnen Aermchen zärtlich um den Hals, küßt ihn auf die bärtige Wange und sagt zu ihm: „Väterchen, ich hab' dich so lieb, du bist gut!"' Und da soll ich ruhig blieben und am Ende zusehen, wie man vor meinen Augen meinem Aronschik die Aermchen ausreißt oder wie man ihm die Augen aussticht? Hört ihr es meiner Stimme nicht an,, daß ich schon jetzt weine und mich bereit mache, die Hände des Unholds zu küssen? Aber der wird sich dadurch nicht erweichen lassen, das weiß ich und wird erst recht vor meinen Augen meinem Aronschik die Händchen abhacken, damit*mein Kopf vor Entsetzen berstet! Und der Unhold wird mich nicht ein-

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