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Die neue Welt · 1927-10-14 · Heft 4 (14.10.1927) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 4 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIE NEUE WELT Nr. 4 Hotel „NATIONAL" M Restaurant 1 Wien, II., Taborstraße 18 S?!ÄS Zentrale Lage, 900 Zimmer, fließendes im Unter der bewährten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. 0 r fi n e r I kaltes und warmes Wasser und Zentral- Vorzügliche Wiener, ungarische und ORIENTALISCHE helzung. In allen Zimmern Telephon III (rumänische) Küche. Wienerbräu und Pilsner Urquell Vor dem Schwarzbarth~Prozess. Beginn am 18. Okiober. — Ein Aufruf der französischen Intellektuellen. "Seite 2__ weniger auffällige Wege. Er ist international organisiert und er kann, wie Hitlers Beispiel zeigt, auch auf reiche materielle Unterstützung rechnen. Viel mehr aber kommt ihm das Judentum selbst zur Hilfe. Es wird immer für jeden, dem die ethisch un,d politisch verderblichen Wirkungen der Golusassimilation unbekannt sind, ein Rätsel bleiben, wes% halb das Judentum auf diese große Gefahr nicht so* aktiv reagiert, wie dies eine gesunde und selbstbewußte Gemeinschaft tun müßte. In jedem anderen Volke entfesselt der Angriff alle Energien der Verteidigung und führte sie sogar zur Offensive vor. Die jüdische Gemeinschaft, die auf der ganzen Welt dem systematisch angelegten Haß ausgesetzt ist, beugt sich und schweigt. Sie verteidigt nicht einmal ihre Rechte. Alle Vereinigungen jüdischen Charakters sehen nur sich als Selbstzweck an und kennen nicht die Notwendigkeit des Zusammenschlusses und des solidarischen Vorgehens. Alle, Klerikale und Freisinnige, Individualisten und Sozialisten, Kapitalisten wie Proletarier wollen nur ihre Ruhe haben. Das bedauerlichste Symptom aber ist, daß auch die zionistische Organisation., der Wiedererwecker und Exponent des jüdischen Lebens, dieser Erscheinung kühl gegenübersteht und sie aus dem politischen Kalkül ausgeschaltet hat. Und gerade sie sollte es empfinden, daß alle Widerstände gegen den Aufbau Palästinas, gegen die Errichtung der jüdischen territorialen und politischen Freiheit aus dem' Judenhaß fließen, daß sogar in Palästina der Arierparagrapli im antisemitischen Sinne praktiziert wird und daß durch die fortschreitende planmäßig betriebene Pauperisierung der jüdischen Massen in Europa, durch die Verelendung der jüdischen Wanderer produktive Energien an, der Entfaltung verhindert- oder sogar erstickt werden. Diesem unheimlichen Zustand schenkt die zionistische' Organisation zu wenig Aufmerksamkeit. Wohl sind aus zionistischer Initiative die Organe der Wahrung der Rechte entstanden, wie das Komitee der Delegationen beim Friedenskongreß; aber die Leitung der Organisation blieb reserviert und sie bringt Mr die Sicherung der jüdischen Minoritätsrechte keine werk-; tätige Unterstützung auf* Die Folge davon ist, daß. den Zionisten das Verständnis dafür abhanden kommt, daß sie. in Palästina und im Golus doch nur eine: einzige Front zu verteidigen haben.- Die Apathie wirkt auf das ganze Judentum und . lähmt seine Kraft. Mehr noch aber seine Einsieht, die nicht einmal den Gedanken der Notwehr aufkommen läßt. Rings um uns:entwickel.t sich: der Haß,fort und er weckt nur den Trieb, zur feigen .Flucht. Roter und weißer. Antisemitismus blüht üppig,,aufund. hat. sich, dem unblutigen Pogrom Wgewende^r-^teic^äs'Jü^en-: tum. ist,so stumpf, daß.,es. nicht, ejnmal ^sich selbst seinen Zustand erklärenDie "jüdischbewußte:: Presse wird als lästig empfunden 'und ■abgeschnürt.•! In/Jedem Detail, läßt ."das Judentum.;^ erkennen,..daß ihm das Verständnis für seine' Situation fehlt. Und diese Passivität ist das stärkste Aktivum der internationalen Maffia, deren einziges Programm der Judenmord ist. ■ ' -. Die rote Assimilation und der Zionismus. Eine sozialdemokratische Pressestimme zum Ziönistenkongreß. Das von Friedrich Adler und Otto Bauer .geleitete offizielle . Organ der österreichischen Sozialdemokraten ,JD e r K.a m p fV bringt in seiner letzten Nummer einen Artikel „D i e: K r i s e i m Z i o n i s m u s",- in welchem Betrachtungen, über den 15. Zionistenkongreß und die Lage in Palästina' altgestellt werden. Das bedeutet immerhin einen Fortschritt. Als vor zirka einem. Jahre der englische •Sozialistenführer iwid Ziörüstenfreu.nd Wedgewood seinem Freunde und Gesinnungsgenossen > Otto Bauer- Vorhalte wegen der antizio'nistischen Haltung, der österreichischen Sozialdemokraten machte, antwortete Bauer kurz und ablehnend, daß der Zionismus in seinen Augen lediglich eine religiöse klerikale Angel e g e n h e i t dep Ostjuden sei. Wenn nun im wissenschaftlichen Hauptörgan der Partei eine Behandlung des zionistischen Problems versucht wird, so kann das als Fortschritt bezeichnet werden. Leider aber nur in der Form, nicht dem Inhalte nach, denn die Einstellung ist die Bauersche, das heißt eine rein assimilatorische. . Der Zionismus wird als „kleinbürgerliche Utopie" bezeichnet. Der jüdische Verfasser des Artikels, Jacques Hannak, steht auf dem Standpunkt der liberalen bürgerlichen Antizionisten von ehedem. Wie diese erklärt er, daß die Assimilation, das Auf gehen', und Verschwinden des Judentums, den wahren Fortschritt bedeutet und längst eingetreten wäre, wenn nicht äußere Hindernisse eingetreten wären, das Gelingen der Assimilation verzögert hätten. „Der Gegensatz wäre in wenigen Generationen durch die Aufsaugung des jüdischen Elementes bereinigt . worden, wenn nicht ein unheimliches,- in seiner Kraft schier unbesiegbares Wesen die blutende Wunde, immer wieder neu aufgerissen , hätte; der' Koloß Rußland, dessen Gesellschaftsverfassung von Jahr zu Jahr Massen jüdischer Elendsmenschen, behaftet mit allen Qualen und Lastern des Ghettos, nach Westeuropa; abstieß. Diese lumpenproletarischen, kulturlosen, tinorganisierten Menschen waren es, welche durch den Druck ihrer Zahl, durch das Angebot ihrer Hände und ihre durch Not und Am 18. Oktober beginnt in Paris der Prozeß gegen Schalom Schwar zba r th, der am 25. Mai. 1926 den ehemaligen ukrainischen Ataman Semen. P e 11 j u r ä erschossen hat. Die von dem Staatsanwalt verfaßte Anklageschrift, in welcher Petljura als ukrainischer Patriot und als eine „moralische" Persönlichkeit, dem die Organisierung von Pogromen fern liegen mußte, bezeichnet und die Prsönlichkeit Schwarzbarths in den dunkelsten Farben geschildert .wird, wird von einem Teil . der Pariser Presse scharf kritisiert. Einige Zeitungen drucken den von einer großen Zahl Führer der französischen Intellektuellen schon im Jahre 1920 veröffentlichten „Appell an die Menschheit" ab, in welchem es u. a. heißt: „Im Namen des menschlichen. Gewissens, im Namen der moralischen .Verantwortung, die jeder Mensch für seinen Mitmenschen trägt, richten die. Unterzeichneten den folgenden Aufruf an alle Völker der Welt und speziell an das französische Volk: Ein Schrei des Entsetzens und tiefer Pein dringt zu uns aus Osteuropa. Die Juden, die seit Jahrhunderten dort wohnen, werden jetzt unbarmherzig vertilgt als die Opfer der nationalen, politischen und .wirtschaftlichen Kämpfe. Der ganze. Ambitionskampf der Völker, Regierungen und Parteien, der ganze blutige Wahnsinn des Bürgerkrieges entlädt sich heute niit einer verbrecherischen Brutalität auf die unglückliche jüdische Minderheit. Hunderte ukraini- . sehe Städte >yurden durch Pogrome verwüstet, , Zehntausende jüdische Opfer, sind gefallen. Die Tage der schrecklichen Inquisition sind wieder , da, denn den Metzeleien gehen fürchterliche moralische { und * physische < ^Peinigungen der Opfer voraus. Der Judenschaft der Ukraine droht vollständiger Untergang. Millionen Männer, . Ffauen imd Kinder'haben unsagbare Leiden zu erdulden und stehen waffenlos dem Tode und der Schändung gegenüber. Was der Krieg von jüdischem Vermögen noch zurückgelassen hat,, wird jetzt systematisch geraupt und zerstört. Dies geschieht mitten im zivilisierten Europa bei Beginn einer neuen Epoche der Freiheit . u n d G e r e c h t i g k e i t in der Welt. Solche Verbrechen müssen das menschliche Bewußtsein in Auf-.; rühr bringen. Die Unterzeichneten appellieren an alle Völker der Welt und bitten sie, ihre Stimmen dagegen zu erheben, daß ein Volk Opfer niedrigster Verbrechen wird. Ueberall müssen Verteidigungskomitees für die Otsjuden, erstehen, die eine energische Aktion gegen die Unterdrücker einzuleiten haben. Die öffentliche, Meinung, die Presse und die Parlamente müssen ihre Stimmen erheben, die freien Völker und Regierungen Jammer begreifliche Skrupellosigkcit den Lebensstandard der übrigen mittelständischen und proletarischen Gruppen bedrohten. •> Die Reaktion darauf war eine Welle des Antisemitismus. Der Antisemitismus wurde von der Sozialdemokratie entlarvt Sic hat dem arbeitenden Volke gezeigt, daß nur der Sieg der Revolution im Osten Europas die K u 1 t n r 1 o s i g k e i t der Menschen dieses Gebietes aufheben und sie zur Höhe westeuropäischer Gesittung emporfüh'ren könne Die Ungeduld der vom Antisemitismus bedrängten Juden aber ertrug es nicht, so lange zu warten. Assimilation, Anpassung und Aufgehen in den Wirtsvölkern schien unmöglich. Also — das Gegenteil. Die Antwort der jüdischen Intellektuellen auf den Antisemitismus ist das Bekenntnis zum jüdischen Nationalismus. Aber was war damit geholfen? Man schafft ein Uebel nicht aus der Welt, indem mau sich einfach zu ihm bekennt... Als ein Pro b 1 cm kleinbürgerlicher Ungeduld war der Zionismus ins Leben getrete n." Also ist das Judentum nichts anderes als noch nicht überwundene Kulturlosigkeit! Schutt, den die siegreiche sozialdemokratische Revolution wegräumen wird. Zionisifjus ein Produkt törichter Ungeduld jener, die auf den beseligenden Moment, da das Judentum verschwunden sein wird, nicht warten konnten und wollten! Gäb's keine kulturlosen Ostjuden, Träger geistigen und körperlichen Schmutzes, dann gäb's kein Judentum, also auch keinen Zionismus. Man staunt! Ist das die Höhe unvoreingenommener, gerechter Beurteilung der Freiheitsbewegungen alier, auch der kleinsten Völker? Ist das jenes Niveau, sind verpflichtet, der frevelhaften Vergewaltigung der Menschenrechte Einhalt zu gebieten." Der Aufruf war u. a. unterschrieben von Anatole France, Paul Ape 1, Prof. Au 1 ard, Henry Barb u sse, George Duhamel, Prof. Charles Gide, Senator Emile Combes, Michael Cordey, Gustave Herveux, Victor Marguerite, Senator de M o n z y u. v. a. Die Unterzeichner dieses Aufrufes erklärten auf Befragen, sie stehen noch heute zu ihrem Aufruf und wünschen, daß die damalige jüdische Tragödie in der Ukraine bei Gelegenheit des Prozesses Schwarzbarth wieder aufgerollt werde, damit das Weltgewissen, das auf den Aufruf von 1920 nicht reagierte, jetzt endlich wachgerüttelt werde. Ein Schreiben des früheren ukrainischen Ministers Pinchas Krasni an den Pariser Oberstaatsanwalt Herr Pinchas K r a s n i, der in der ersten Regierungszeit Petljuras Minister für jüdische Angelegenheiten war und noch jetzt in der Ukraine lebt, richtete an den Pariser Generalstaatsanwalt ein Schreiben mit der Bitte, ihn a 1 s Z e u g e n in dem Prozeß gegen Schwarzbarth zu vernehmen. Er drückt seine Verwunderung darüber aus, daß mehrere frühere ukrainische Minister wie Prokopowitsch, Mazepa, Schulgin, Mokarschewski usw., die selbst durch die jüdischen Pogrome beiastet sind, als Zeugen erscheinen dürfen, während er, der gewesene jüdische Minister, nicht geladen wird. Der Prozeß, führt Krasni aus, hat nicht nur eine große historische Bedeutung, sondern er hat auch die Mission, das menschliche Gewissen gegen weitere Grausamkeiten /aufzurütteln.' " -•• Er sofl zeigen, daß der Plan, von Petljura; und seinem Kreise, auf dem Blut und den Knochen des jüdischen Volkes einen zeitweiligen Volkswohlstand aufzubauen, in dem gleichen Blut er- * sticken mußte.' Die furchtbare Tragödie der drei ' Millionen uki'ainisöher Juden ist hoch .heute nicht überwunden. Auf der ganzen Erde irren 200.000; Vollwafsen .umher, deren Eltern durch die blutige Hand des „Hauptatamans der ukrainischen Volksrepublik", .Semen Petljura, vernichtet worden sind. Diese .Waisen sollen erfahren, .daß es in der Welt noch .Gerechtigkeit gibt. Niemand auf der Welt hat die große Parole des französischen Volkes von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" so tief geschändet wie Petljura und seine Banden. Die französischen Richter müssen sich zu der ganzen 'Höhe ihrer Historischen Aufgabe. erheben. Der Prozeß gegen Schwarzbartli muß mit einer, Verurt e i 1 u n g d e s\g r ö ß i'e n ..V e,r b r e c h er s, der je gegen die leidende Menschheit gewütet hat, des Semen Petljura, enden. . welches die „wissenschaftliche" sozialdemokratische Forschung einzuhalten hat? Armes arbeitendes österreichisches Volk, dem Erkenntnis und Erleuchtung in solcher Form gespendet wird! ... Von dieser allgemeinen Betrachtung geht der Artiketschreiber im Kampf" zum-Kongreß und zur Krise in Palästina über. Er summiert alle Schwierigkeiten und schildert die zionistische Sache als verloren. „In dieser verzweifelten Situation schlägt Weizmann dem Zionismus vor, eine finanzielle Anleihe bei n i ch tzionis tischen amerikanischen Großkapitalisten zu machen und diesen dafür die Hälfte der Plätze in der „Jewish Agency" einzuräumen. Damit soll nun den Nichtzionisten, denen Palästina ein verrücktes Experi- * ment, unternommen von verachteten Ostjuden, ist, der gleiche politische Einfluß in Palästina gewährt werden wie den Zionisten. Da die Zionisten nur ihr Ideal beizusteuern haben, . jene Kapitalsmagnaten aber ihre Mittel, kann es nicht zweifelhaft sein, wo in nicht ferner Zeit die Macht liegen wird. Der Zionismus ist im Begriff, Selbstmord zu begehen: er opfert seine Idee, um die Mittel zu ihrer Durchführung zu erhalten . . Mit diesem Ausgang aber ist der Zionismus in ein . «ieues Stadium getreten, vie 11 eicht sein letztes. Entfremdet seinen ursprünglichen Träumen, die Judenfr a ig e in der ganzen Welt zu lösen, getäuscht In seinen frohen Hoffnungen, aus Palästina einen Judenstaat zu machen, resigniert in der Er wart uns, einen tüchtigen Menschenschlag jüdischer i :;;tcrii heranzuzüchten, zurückgezogen auf den letzten Wunsch, wenigstens das relativ Wenige zu behaupten, schickt sich der Zionismus jetzt an, selbst dieses Wenige fremden Kapitalsmächten,,

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