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Die neue Welt · 1927-10-07 · Heft 3 (7.10.1927) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 3 (7.10.1927)
Date
1927-10-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3 im NEUE WELT &*M. Theater und Kunst Wiener Theaterbrief. (Ein amerikanisches Jargonstück. — Hebräischer Tan«, abend. Ein Weihnachtsbaum ist gut und ein Rabbiner ist Stil: Wie gut ist erst ein Rabbiner unter dem Weihnachtsbaum? Das neue amerikanische Jargonstück „Dreimal Hochzeit" (Abies Irisb Rose) hat diese Pointe für den Schlußakt aufgespart, ohne sie aber, wie man mutmaßen könnte, satirisch zuzuspitzen oder grotesk umzubiegen. Sie ist vielmehr aus der Gemütskiste hervorgeholt, aus der amerikanischen, meine Lieben, und ergibt ein süßes Genrebildchen: Der streng orthodoxe Kaufmann Salomon Levy und der streng katholische Farmer Patrick Abel, dieser bis dato dem Alten, jener dem Neuen Testament energisch, ja zornig abgewandt, ferner der Geistliche und der Rabbi am Weihnachtsabend unter dem festlich illuminierten Baum, anter einen Hut gebracht, oder besser, dem genius loci atigemessener ausgedruckt: in einem Schmelztiegel egalisiert. Das hat die Liebe zweier junger Menschen verschiedener Konfession bewirkt, aber auch der Zeitgeist, verkörpert durch Rabbi und Hochwürden, zwei Prachtmenschen, die sich förmlich in der Propaganda für die Niederreißung der Scheidewände zwischen Christ und Jud überbieten, es nicht fassen können, worin denn' eigentlich der Unterschied bestehe, ob ihre Schäflein mosaisch oder katholisch getränt werden und, d? sie doch dem nämlichen Gotte dienen, unverzüglich die katholisch-protestantischjüdische Einheitsküche aufrichten möchten. Es ist übrigens ein angenehiner, sauber gearbeiteter Jargonschwank, mit einigen sehr, amüsanten' jüdischen Typen, wobei sich allerdings nicht feststellen läßt, ob die Charakterzeichnüng ' durchaus der Autorin Miß > Anne Nichols gutzubuchen ist oder dem Bearbeiter Felix Saiten. Es ist ein „süffiges" Stück, allerdings strecken', weise ein wenig iaulich, auf die Persönlichkeit und Kunst der Interpreten gestellt und es reicht an Armin Fricdmatin nicht heran. Aber es kommt aus.anderen Zonen, anderen Zeiten und es gibt zu allerlei Betrachtungen Anlaß. Zunächst: Ein Jude mit Zehnzimmerwohnung-geniert sich nicht; auf den Brettern mit alttestamentariscber Leidenschaft aufzubegehren, weil, ihm der Sohn . eine, „Schickse" ins Haus bringt; Seine-Empörung ist nicht um ein Gran geringer, als-die des Antisemiten Patrick Abel, den die Gänsehaut überläuft,- wenn er nur Juden riecht, und der. alles krümm undklein, schlagen; möchte, weil' seine Tochter sich in einen Levy vergafft hat. Diese:..Temperamentsausbrüche' eines jüdischen 'Vaters^'-dieser Shylock-Haß 'gegen die Mischehe wäre früher überhaupt nicht und im westlichen Judentum schon gar nicht-auf die Bühne zu bringen gewesett.'Man hätte eine rührselige Szene eingelegt, den alten Mahn stumm trauern lassen oder laut weinen, am Schemel sitzend, Kaddiscb sagend; aber man hätte ihn, Gott behüte, nicht" wild aufbegehren oder gar „gegen die Andersgläubigen etwas sagen" lassen. Frevelhafte Reizung der antisemitischen Instinkte! ., . Solche Leisetreterei, diese Verlogenheit .bangender Sklaven, diese üble Schönfärbereit erübrigt sich in dem jüngeren Amerika. Wie sich sogar an. einem Dutzendprodukt der Schwankliteratür erkennen läßt. . Hingegen: Tendenz- und Propagandadialoge, wie sie der Pfarrer und der Rabbiner führen, sind im'kultivierteren . Europa längst unmöglich. „Es thront doch nur ein Gott dort droben."'-— „Wir sind doch alle Menschenkinder." — „Im Krieg waren wir doch.alle Brüder." — „Die Kugeln haben doch kein en Unterschied .gemacht zwischen Jud lind.Christ" -^ Solche Ausgleicherei unter Belassung von kirebe,. Tempel und Moschee, dfc; schließlich unter\dem Weihnachtsbaum für den/ Hochwürdein einen gekochten Schinken, für E'hrwürden einen koscheren Braten; bereithält (tatsächlich!) — solche . gar nicht spitzig-witzige, sondern picksüß und feierlich aufgemachte Allerweltsverbrüderung mit obligatem; gleichzeitig . gesungenem Christnacht- und Sabbatlied'kann man sich nur als amerikanischen Import gefallen lassen; Dort drüben erreicht das Stück Aufführungsziffern vou amerikanischen Dimensionen und es wird auch hierzulande' vermutlich lange am Spielplan stehen. Man...be- . Segnet nämlich in den gefällig geformten drei Schw^nkakten nebst den konventionellen auch zwei-besonders gelungenen Figuren, die an Soholem-AJechern erinnern, zumal sie von Frau Wcrbezirk und Herrn Moser unvergieicblich gespielt werden. -Daist die-jüdische Bürgersfrau,; aus tieferen Gesellschaftsschichten zu sorgloser, gedankenloser Wohlhabenheit gediehen, die gutgenährte, gutartige „Prlze", die sehr viel spricht, natürlich nur von sich und am liebsten von ihrer glücklich.. überstandenen Blinddarmoperation.. Frau : W e r b e z i r k, in ihrem Element,, aus dem Vollen schöpfend, setzt dieser rundlichen Frau Cohen hundert heitere Lichter auf. Und da ist ein betulicher,, von der Gattin an die Leine'gelegter, jeden Augenblick, aber, ach, stets vergeblich zum Ausreißen anschickender amerikanischer Jude Czernowitzer Provenienz, zum Schreien komisch, weil sich Herr Moser mit sichtlichem Behagen um diese Gestalt bemüht hat, ein unerhört ergiebiger Anlaß, die Kunst seiner Charakterkomik zu üben. < Im übrigen wünschte ich, diesen Schwankabend bei den „Wilnaern" oder bei ■ der leider inaktiven »Freien jüdischen Volksbühne" zu sehen. Wie d i e sich wohl im Milieu der amerikanisch-jüdischen Posse einrichten würden? leb wette draaf: Lustiger Hoherpunkt HaaptspaB wäre der Dialog zwischen Rebben und GaHach. Und keiner würde ahnen, daß soeben die gemütvoll-ernste, die Tendenzszene des Stückes vor sich ging. Aber das Zwerchfell wäre erschüttert Hingegen kann ich mir nicht ausmalen, wie sich dort der Rebbe unter dem Weihnachtsbaum ausnehmen würde. Um so neugieriger wäre ich auf die Aufführung. Otto Abel es. Baruch Agadati veranstaltete im dichtgefüllten Neuen Saale der Hofburg einen Abend „Hebräische Tanzkunst" und hatte sehr starken Erfolg. Der junge ernste Künstler ist Pantomimiker von Rang. Er hat mit heißem Bemühen die einzelnen Charakterszenen — das sind sie weit mehr als „Tänze" — geformt und gestaltet. Nur ist die Wirkung nicht gerade elementar. Diese Vorführungen regen eher die nachdenkliche Betrachtung an, als daß sie mitreißen würden. War es rächt ein. wenig prätentiös, von einem neuen Tanzstil zu sprechen, dazu noch , von einem hebräischen? Jedenfalls*,, würden eine oder zwei der Programmr nummern im Rahmen eines bunten Kunstabends weit größere Wirkung üben als das Tanzprogramm dieses Abends in seiner Gesamtheit. Denn wesenhaft und eigenartig sind diese Darbietungen durchaus, nur in reicherer Folge einförmig, kühl. Das lag vielleicht auch nur an der allzustrengen Auswahl der Tänze. Agadati, der über ein sehr großes Repertoire verfügen soll, möge an einem nächsten Abend ein bunteres, reicheres Programm ansetzen. Dankenswert, wie diese interessanten Tanzpantomimen, waren die ausgezeichneten musikalischen Darbietungen von . Rita Kurzman n und J. Stut s c h e w s k y. Eine neue jüdische Bühne. Unter dem Titel „J ü d i s c h e K ün s t 1 e r s p i e 1 e" wurde airi 6. Oktober im Theater Reklame in der Praterstraße 34, eine neue Jargonbühne eröffnet. Eine Schar junger, begeisterungsfähiger Schauspieler hat es gewagt, sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenzuschließen und ein neues jüdisches Theater zu errichten. . * Der Eröffnungsabend brachte das dreiakti.se Volksstück „Uns er G 1 o j b e n" von Schalom Asch. . Als Regisseur fungiert Schalom Brünn, dem ein guter Ruf vorausgeht, als musikalischer Leiter Felix Tim ari, als Bühnenarchitekt Percy Gibson. Das Ensemble besteht aus den Damen Brünn, Deutsch, Meiseis, Weintta u b - G.<r.va L W-cißbcrg und den Herren Brü n n,r. Dr. B-.r-Ln d, Feldbau tri,: M e r «.ch k o-wi-t z, M e i e r, M e i s--e-,l-s/?vS i g-a'-l 1, - lW;m I e-rV W e i n b er g, Z e«ln i k e r. Als' Gäste wurden 'Berta' Rosen berg und Emil Fried es verpflichtet. Für die .'Bunten Abende" und Melodramen wurde Frau Berta Licbgold als erste Soubrette engagiert. ' ' ' , Das jiddischeTheater in Amerika. Von L. Blumcnield. New York,'im September. Gleich dem jüdischen Volke ist das jüdische Theater jiddischer Sprache über die ganze Welt verbreitet. Man spielt jiddisch in Warschau wie \\v Montreal, in - Moskau, Bukarest, Czernowitz wie in Rio de Janeiro, Paris, London, Buenos Aires'und New York. •Wandertruppen, ständige Theater, .Improvisationen, Gaukler, Possenreißer und Bänkelsänger, Purimspiele, all das erregt die Aufmerksamkeit der jüdischen Massen mit BÜCHERSTUBE M.RATH Wien, II. 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' In Nordamerika ist der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung ein sehr hoher, da in den Vereinigten Staaten nach den letzten Statistiken etw» vier Millionen Jude» leben; daher findet, dank dem allgemeinen Wohlstand, da« Theater dort einen günstigen Boden, weshalb (fieses Land und in ihm New York, die Riesenstadt mit ihren zwei Millionen jüdischen Einwohnern, als typisches Beispiel für, die Entwicklung der jüdischen dramafischen Kunst gewählt sei. Es gibt vierzehn jiddische SpJelgesellschafte« in New.York. Vierzehn Theater spielen neunmal wöchentlich jiddisch. Die jiddischen Dramatiker besitzen eine besondere Begabung für Bühnenwerke. Dennoch ist die Produktion keineswegs reich. Die häufigst gespielten sind: Goldfaden, "Dymön, Juschkewitsch, Asch. Hirschbein. Gordin, Kohr in,- : Bimko, Heivik, Leyeles, Pinsky, Kornblüh, LBbin, Stciman, Sekler, Schalom-Asch . . . Schon längst haben diese Autoren' der jiddischen. Bühne ihr Bestes geschenkt, so daß dieses Theater einer gewissen Erstarrung verfallen ist, die sieb in äußerst beunruhigenden Mißerfolgen ausdrückt. Während der letzten Saison haben die New Yorker jid-' diseben Theater ein Defizit \vön einer Million Dollar verzeichnet. Unter den erwähnten vierzehn Bühnen könne« sich zwei mit Recht „Kunstinstitute" nennen, die ein kultiviertes, intellektuelles Liebhaberpublikum anziehen/- Die zwölf anderen Theater, unter Leitung von schau- . spielenden Direktoren, bringen sehr Unterschiedliches; Dem Publikum zu Gefallen müssen in bekannten Städten Gesang-, Tanz- und mimische Einlagen gemacht werden, die oft einen ganzen neu arrangierten Akt bilden. Man improvisiert bei den Reprisen ins Ungemessene. .; Im allgemeinen zeigt das Repertoire gute alte Stücke. Die Besucher dieser Theater sind sehr'genügsam. Eine,sentimentale Sängerin, eine etwas freie Romanze^ ein ^'melancholisches Volkslied, die Schlüpfrigkeit •-eines als ■ :Tempeldiener verkleideten Theaterlieblings bilden das Entzücken 4'cses wenig verfeinerten, konservativen Publikums. Das Repertoire an alten biblischen Opern wird textlich und . musikalisch derart zerstückelt, daß die ursprünglichen Autoren die größte Mühe hätten, ihre 'Werke wieder zu erkennen. Man plündert die alten Stücke, weil hiefür keine Tantiemen mehr zu entrichten sind unddas Publikum sich ausgezeichnet unterhält ■ v w ' Der'Schauspieler hat' einen überaus schweren "Stand; Er muß nicht nur ständig improvisieren,' sondern auch die fehlenden Personen darstellen, singen, tanzen,. immer neüe Einfälle? bringen und in den dadurch entstehenden verworrenen Situationen einen Ausweg finden. -Die Theaterdirektoren arbeiten um einen Pauschalbetrag., Irgend ein Souffleur, der eine fremde Sprache beherrscht', richtet die Novität ein. .Titel und Persorienverzeichnis werden geändert und da keine Genossenschaft die Interessen der Autoren vertritt und kein Nlchtjdde Jiddisch versteht, ist der Direktor sehr billig zu einem neuen Stück gekommen. Trotzdem sind : die Kosten der Aufführungen so hoch, daß häufig Defizite daraus resultieren. In diesen Theatern werden ab wechselnd ^Sragspiele, Melodramen, biblische Opern und Wiener Operetten' i« entsprechender Umfärbung gegeben. Sie böden ehrt' merkwürdige Mischung von Groteskem« Possenhaften, KSmischera und Larraoyaht-Tragischenn and man kann eine solche szenische Verbaliung als typisch jüdisch ansehen, die in keinem nicbtjödiscben Theater ein' Vorbild hat Auch römische, französische and deutsche- Stücke stehen auf dem Spielplan, natürlich ohne Wilsen "der Autoren. Während der Spielferien begibt sich'der' Direktor nacb Enropa, meist nach Paris, wo ihn schon' eine Menge engagementloser Schauspieler, verhungerter Souffleure arid Schreiber erwartet, die ihn mit Uebersetzungeu und 'Neueinrichtungen überschütten. Heuer ist JCaock" von 'Jules Römains verkauft worden, das bald über alle jiddischen Buhnen gehen wird. Der Uebersetzer hat 300 Francs erhaften . . . 1. ' Nur zwei Knnstbühnen bringen wirkliches Theater. .Unter den zahlreichen Stücken befanden sich aber' In dieser Saison mir wenig neue jiddische Werke. Morris ^chwartz brachte „Die Wölfe" von Romain' Rolland ^erjans. Nach den alten »Zehn Geboten" von Goldfaden gingen JHendel Spirak" von Juschkewitsch oftd S|ücke ton Evreinow and Antonie erfolgreich über die^ühiie. Ben Ami mit seinem neuen Drama *Die Fabrik'4, ßuieni realistischen Zeitgemälde, und BearbeitiHigen von Gaisworthy nnd Dostojewski fand nur geringen Beifall, .i^bschon er selbst zu den ersten jiddischen Schauspielern -zählt Auch Schalom Asch, einem der berühmtesten Jargondichter, wnrde für seine neue Seelenstudie „Reverend Silier", einem in Ibsenscher Manier aufgerollten Gewissenskonflikt zwischen religiöser Pflicht, öffentlicher Meinung und Gattenpflicht, nur ein Achtangserfolg zuteil Ganz im Gegensatz zu den zweitrangigen jiddischen Theatern, die mit überraschender Leichtigkeit ihrem genügsamen Publikum dankbar aufgenommene Unterhaltungsstücke vorsetzen dürfen, herrscht in den guten Theatern mangels eines ständigen Publikums und; neuer zeitgemäßer Stücke eine schwere Krise.

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