Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 3 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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feto 4 DIE NEUE WELT Nr. 3 Wiener Professors Isidor Singer im „Prager Tagblatt" hingewesen, die in der Wiener Presse bisher ängstlich totgeschwiegen werden. Sie enthalten meritorisch wenig Neues, aber sie sind doch als Dokument zur Geschichte einer Zeit zu werten, an deren Verschüttung so vielen dunklen Elementen gelegen ist. Professor Singer, der zu Kriegsbeginn die „Zeit" leitete, bringt persönliches Material. Er bestätigt den so viel abgeleugneten Potsdamer Kronrat und er bestätigt weiter das gegen die Schiedsgerichtspläne Englands gerichtete Eingreifen Deutschlands. Von allen Seiten, vom Hof, von den Politikern, Generalen, Diplomaten wurde Benzin zum Feuerherd geschafft. Diese Enthüllungen muß sich vor allem der jüdische Bürger besehen. Er ist ja von den Kriegsverlierern zum Sündenbock gestempelt worden und an dieser Lüge von der jüdischen Kriegsschuld, vom jüdischen Dolchstoß sind gar viele Juden im Osten gestorben; diese Lüge ist der Inhalt der Hakenkreiizlerbetze im deutschen Kulturgebiet, sie ist das Unglück der ungarischen Juden geworden und Henry Ford hat aus ihr ein dickes Buch gemacht. Die Hetzer aber führen ihr wohlbehütetes Dasein weiter und streben wieder nach Rang und Amt, nach der sozialen Geltung, die ihnen wieder die Möglichkeit schafft, Menschen in den Tod zu treiben. An die Leser in der Tschechoslowakei! Der Abonnementpreis war in den beiden ersten Nummern Irrtümlich zu hoch angesetzt. Er beträgt tsch. l( 6 pro Monat — tsch. K 15 pro Vierteljahr. Einladung zur GetieralwersamifiBuftg der Zionistischen Bezirkssektion VI—VIII atn Mittwoch, dan 12. Oktober 1927 um 8 Uhr abends im Vereinsheim, VI I., Bennoplatz 1a Tagesordnung; 1. Rechenschaftsbericht. 2. Kassabericht. 3. Bericnt der Revisoren. 4. Neuwahlen. 5. Eventualia. Das Präsidium. Zeigen all diese Bilder Tepper als einen Künstler, der das Individuelle ins Typisphe und Ewige zu heben vermag, so erweist er sich als kein geringerer Könner dort, wo das Individuelle um seiner selbst willen Endzweck sein soll. Seine Porträtkunst fand begeisterte Aufnahme in Paris, Rußland, New-York, Alexandrien und Palästina. Ein durchsichtiges, zerbrechliches Gefäß des Geistes sitzt Achad Ha-Am an seinem Schreibtisch, in seiner ganzen sprunghaften Lebendigkeit hat der hebräische Schriftsteller Frischmann sich in seinem Feuteuil geworfen und zwingt mm sein Visavis zu einem Geist und Sarkasmus sprühenden Gedankenaustausch, und der Denker Dr. Kaplan zieht einen in die beschauliche Ruhe seiner Studierstu.be. Rembrandtsches Goldbraun und seine beseelten .Schatten vollenden vielfach die klassische Linienführung und Technik von Teppers Bildniskunst. Zu leuchtenden Tönen und allen Nuancen von Gelb aber mischten sich die Farben auf Teppers Palette, wenn er die sonnenschimmernde Landschaft Palästinas auf die Leinwand bannen will. Von seinen vielen Städtebildern bleibt besonders das eine haften, wo er das Gehäuse eines Teiles von Jerusalem wiedergibt, wenn es ganz menschenleer ist und wie geronnene Geschichte sich ausnimmt, und der Migdal David, den er in kühner Perspektive luftig in einsame Höhen aufragen läßt als gäbe es außer ihm nichts Ragendes auf der Weit, Wenn aber Tepper beglückt feststellt, daß er, seitdem er in Palästina lebt, nicht mehr irgendwelche «nkörperliche Abstraktionen aus den Tiefen seiner Psyche heraufbeschwören muß, um seine Träume sichtbar werden m lassen, sondern daß diese seither Gestalt und Form angeoommen haben, so ist es vor allem die Seele des arbeitenden ind ringenden Erez, die ihm diese Verkörperung gebracht bat, Dr. NadlaSteia. Zur Massenflucht aus dem Judentum. Das Verzeichnis der Menschen, welche aus der jüdischen Gemeinschaft austreten, schwillt rapid an. Einer der Gründe hiefür liegt darin* daß die in Wien allgewaltige österreichische sozialdemokratische Partei es darauf angelegt hat, die systematisch betriebene Austrittsbewegung aus den christlichen Kirchen auch auf die jüdische Gemeinschaft?u erstrecken. In Massenversammlungen und Vereinssitzungen wird den jüdischen Genossen dargelegt, daß es ein unbedingtes Erfordernis für den Klassenkampf ist, sich vom jüdischen Bekenntnisse loszu-? sagen. Es werden Vergleiche zwischen dem katholischen Klerus und einem, von den Sozialdemokraten zu diesem Zwecke frei erfundenen „jüdischen Klerus" gezogen. „Der Oberrabbiner Chajes beherrscht und verdummt die jüdischen Massen ebenso, wie Kardinal Piffl die christlichen!" Diesen Ausruf kann man in allen Austrittsversammlungen hören. Doppelt widerwärtig macht diese verlogene Demagogie der Umstand, daß es gewöhnlich jüdische Redner sind, die als „Kronzeugen" wider den in Wien herrschenden „jüdischen Klerikalismus" auftreten, Z-U dieser systematisch betriebenen „Aufklärungsarbeit" gesellen sich viel wirksamere, interne Zwangsmaßregeln. In Vereinssitzungen und Mandatarenkonferenzen werden die Genossen namentlich befragt, ob sie bereits der Austrittsparole Folge geleistet haben. Das immer kleiner werdende Häuflein schwarzer Schafe, die sich noch nicht zur befreienden Tat der Flucht aus dem Judentum aufschwingen konnten, fühlt sich an den Pranger gestellt wie seinerzeit unter der katholisch-monarchistischen Aera, wenn in der Kaserne, in der Schule oder in Aemtern die kleine und doch so inhaltsschwere Frage „Christ oder Jud?" ertönte. Zur Sicherung der Position in der Partei gehört.heute der Austritt, und Erschütterung der Stellung in der Partei ist heute vielfach gleichbedeutend mit Erschütterung der wirtschaftlichen Position. Man will Dozent, Kassenarzt, Parteianwalt, Lieferant usw. werden und bleiben, man braucht Einbürgerung^ Darlehen und Steuererleichterungen. Die Vorherrschaft der Partei hat es dahin gebraoht, daß in das Austrittsproblem ein ganzer Komplex von, Fragen einbezogen ist, die wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Natur sind und mit geistigen Problemen nichts zu tun haben. Noch intensiver wird der Seelenfang unter der jüdischen Jugend betrieben. Einerseits werden den Jungen reale Vorteile geboten: Sportplätze, Schwimmhallen, Klublokale, Freifahrten, Ferienreisen, Dinge, die bei einer Partei, die heute über große Wirtschaftsorganisationen verfügt und die Steuergewalt besitzt, Kleinigkeiten sind, aber über die Kräfte der Judengemeinde und der jüdischnationajen Organisation reichen. Andererseits werden jüdische; Jugendorganisationen geschaffen, um die jüdischen ' Jungen und Mädchen vom zionistischen Ideal langsam, aber sicher abzuwenden. Typisch für die Methode ist ein Aufruf zu einem jüdisch-sozialistischen Jugendtag in der „Arbeiter-Zeitung",, der u. a. sagt: „Den Klassenkampf, wie ihn die Unternehmer verstehen, lernen die Arbeiter geradein Palästina kennen, wo der Aufbau einer jüdischen Heimat angestrebt wird und die dort im. Entstehen begriffene jüdische Bourgeoisie den Arbeitern die Richtigkeit der Klassenkampf theorie eindringlich vor Augen führt. In Oesterreich aber versucht die jüdische Bourgeoisie die jüdische Arbeiterjugend in ihre Fangarme zu bekommen. Diesen Versuch, die jüdische Jugend von der Arbeiterschaft zu trennen, will der Verband der jüdisch-sozialistischen Arbeiterjugend durchkreuzen. Der heute zusammentretende Verbandstag wird organisatorische Fragen zu lösen haben, die es ihm ermöglichen sollen, den Teil der jüdischen Arbeiterjugend, der noch bei den Bürgerlichen ist, für den Sozialismus zu gewinnen." Der Zionismus, den die Wiener Sozialdemo* kraten totschweigen wollten, aber nicht konnten, wird frisch umgelogen und so entstellt, daß er sich für Zwecke des Seelenfanges eignet. Zur Lüge vom jüdischen Klerikalismus hier gesellt sich die Lüge von der reaktionären bourgeoisen Gewaltherrschaft in Pa. lästina. In Palästina ist der Arbeiter frei und arbeitet auf einem Boden und mit Mitteln, welche das gan&e jüdische Volk gegeben hat. Die Wiener Sozialdemokraten aber mächen aus Palästina eine „Zwingburg* jüdischer Ausbeuter. So wird's gemacht. Von einer Abwehr seitens der berufenen jüdischen Faktoren ist wenig zu merken. Man fürchtet anscheinend die Macht der Partei und will nicht als „reaktionär" gelten. Und so schwillt die Flut der roten Assimilation an, die hundertfältig stärker wird als die Taufseuche von ehedem und die „Austrittslisten" in Wien werden immer spaltenreicher. An unsere Leser im Auslande! Wir bitten, bis auf weiteres den Abonnementbetrag bar mittels eingeschriebenen Briefes eiuzu- Walter Rathenau. Er ist gründlich vergesseü und sein Name wurde jetzt gelegentlich des 60. Geburtstages nur von ein paar demokratischen Blättern Deutschlands genannt. Das Bild des Mannes, der in einer sehr trüben und entscheidungsschweren Zeit die Außenpolitik Deutschlands leitete, ist verblaßt, und nur der jähe Tod seines Mitarbeiters, des Botschafters Maitzahn, gab Anlaß zur Erinnerung, daß die beiden gemeinsam die Rapallo-Politik inauguriert hatten, mit der eine neue Periode in den Beziehungen zwischen Deutschland und seinen Gegnern eingeleitet wurde. Der Vertrag mit Sowjetrußland, der kaum je effektiv geworden ist, war eine Demonstration und sie glückte dank der tiefen psychologischen Kenntnisse, die Rathenau von den Stärkeren und Schwächeren der Entente besaß. Seine politische Methodik hat die Voraussetzungen für die Besserung der Friedenslage geschaffen, und ohne Rathenau ist Locarno und der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund undenkbar. Er hat dies mit dem Leben bezahlt, trotzdem aber muß heute die offizielle Regierung Deutschlands auf der Linie Rathenaus gehen. Der Anreger dieser Richtung, Walter Rathenau, ist kaum mehr bekannt. Sein Bild ist verblaßt und eine der Mittejpumktfiguren ist in das Dunkel zurückgetreten. Andere, weit weniger bedeutende Personen sind im lebendigen Gedächtnis geblieben, und wenn nicht hin und wieder In einer Hakenkreuz-Rülpserei Rathenau angespuckt würde, so wüßte man nichts mehr von ihm. Das ist die übers Grab sich fortsetzende Tragik des Juden, der eine ganze Persönlichkeit war, aber niemals als solche Anerkannt werden konnte. Er hat vergebens gelebt, vergebens sein Bestes geleistet, vergebens sich geistig und seelisch von seinem jüdischen Stamm losgelöst. Er ist ein Fremder geblieben, als ein Anderer, im Tiefsten Unverstandener durch die wildbewegte Öffentlichkeit Deutschlands gegangen. ": Was Rathenau dem deutschen Volke geschenkt hat, sein so reiches Wllssen und Können, die Ehrlichkeit seines Wesens, das schenken seit Jahrhunderten Juden ihren Gastvölkern. Niemand ist je imstande, die Amplitude jüdischer Arbeit z"u bestimmen, und selbst einem jüdischen Ueberprüfer würde es heute unmöglich sein, die lange Reihe dieser Adeligen im Geist lückenlos niederzuschreiben. Gott sei Dank ist unser Volk nie verkümmert, immer reich geblieben Aber welcher Dank wurde denen zuteil, die ihr Erbe des Blutes aufgegeben haben und sich in fremden Dienst stellen mußten? Was sie erarbeiteten, nahmen die anderen in festen Besitz. Dem jüdischen Volke blieb nur der magere Stolz auf den ihm Entfremdeten, blieb nur die wenig trostvolle Ueberzeugung, was dem Volk und seiner Höherführung entgangen ist. Wie Rathenau die deutsche Politik ins Positive geführt hat, so hat Hugo Preuß die Verfassung von Weimar geschrieben» Ballin die Ueberseeschiffahrt organisiert.In •'• Wirtschaft in Kunst, in Forschung haben Juden Wertvolles geschaffen. Ihre Leistungen sind geblieben, ihre Namen sind nur mehr — den Juden im guten Sinne geläufig. Das Gastvolk hat sie vergessen oder beeilt sich, sie zu vergessen. Walter Rathenau ist wieder ein Beispiel. Wie die RathenowLegende von den 300 %ueltb> herrschenden Juden entstanden ist. Zum 60. Geburtstage des vor vier Jahren von den Hakenkreuzlern ermordeten Walter Rathenau ist ein« Ratbenau-Biographie von Etta Federn-Kohlhaas im Verlag Karl Reißmann in Dresden erschienen, deren Stoff die Familie Rathenau beigestellt hat, Da ist auch von den berühmten .Dreihundert" die Rede, toi Jahre 1909 veröffentlichte Rathenau einen Aufsatz „Unser Nachwuch s", der für ihn —• wie es in der Biographie heißt — verhängnisvoll wurde. Es heißt da: .Dreihundert Männer, von denen jeder Die vornehme Klassiker « Ausgabe auf holzfreiem Papier, in elegantem Seidenleinenband mit reicher Goldprägung pro Band nur 5 Scbilliag Büchner, herausgegeben und eingeleitet von Arnold Zweig in 1 Band Cervantes, herausgegeben von Max Krelfin 3 Bändtn Hauff, herausgegeben von CO. v.Maawen in 5 Bänden Heine, herausgegeben von, Rudolf Frank in 10 Bänden Hoftmann, E. T. A, herausgegeben von Rudolf Krank in 11 Bänden Kleid, herausgegeben von Arnold Zweig in 4 Bänden Novalis, herausgegeben von Ernst Kamnitzer in vier Bänden SdiUler, heraausgegeben von Alexander Qleichen- Rußwurm in 14 Bänden B ehfiandltiiig R. Löwit, Wien, I. Hotenturmetrasse %%