Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 3 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711614-2711617--0031-2713144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 3 DIE NEUE WELT Seite 3 Die „Majorität" in Palästina, Von Adolf Böhm, Wien. In einem Artikel über die jüdische Bevölkerungsbewegung in Nr. 2 dieses Blattes (vom 30. September) sagt der Autor, Herr Dr. Goldhammer, daß ich in einem Referat im Hinblick auf die Geburtenzahl der Araber die Möglichkeit der Schaffung einer jüdischen Majorität negiert hätte. Ich möchte dazu bemerken, daß 'ch diese Frage in meiner Rede nur gestreift und deshalb auch nicht ausführlich erörtert habe. Ich habe aber keinesfalls gesagt, daß die Schaffung der jüdischen Majorität überhaupt unmöglich wäre. Ich wies nur darauf hin, daß der Zuwachs der arabischen Bevölkerung 15.000 Köpfe per Jahr beträgt, daher ein Erreichen der jüdischen Majorität in den nächsten Jahren unmöglich wäre. Wer das leugnen wollte, der vergäße, daß es heute schon in Palästina um zirka 600.000 Araber mehr gi'bt als Juden. Wollte man nach der statistischen Lage ausrechnen, wieviel Juden per Jahr einwandern müßten, damit in zehn Jahren nur ebensoviel Juden im Lande wären als Araber, so ergibt , sich die Zahl von 50.000 bis 70.000! Wenn der geschätzte Autor ausführt, daß die Geburtenrate der Araber zurückgehen wird, so kann man das ebenso von der Sterblichkeitsziffer sagen, da sich die hygienischen, und ökonomischen Verhältnisse der Bevölkerung ständig stark verbessern. Aber das sind ja ganz nebensächliche Kleinigkeiten gegenüber der wahren Lage, die wir einmal mit nüchternen Augen betrachten wollen: Der Ueberschuß der Araber gegenüber den Juden betrug Ende 1926 (nach Ruppin: „Die Bevölkerung Palästinas", „Palästina", Heft 7) 583.000 Köpfe (inzwischen ist er gestiegen). Um nur d i e s e Differenz auszugleichen, bedürfe es einer Einwanderung von 60.000 Juden per Jahr. Ferner: Der natürliche Zuwachs der Araber 1923 bis 1926, das sind vier Jahre, betrug 58.000 Köpfe, der der Juden 10.000 Köpfe; die Differenz beträgt somit fast 5000 pro Jahr. Was immer wir von den kleinen Aenderungen der Geburts- und Sterberaten annehmen" wollten, wir kommen immer wieder darauf, daß es einer Einwanderung von mindestens 60.000 Juden pro Jahr bedarf, um in zehn Jahren eine Bevölkerungsgleichheit anzunehmen. Wem es klar ist, daß die Einwanderung nach Palästina noch auf lange hinaus eine Funktion des miteinströmenden Kapitals ist, der wird mir beistimmen, daß es eine Absurdität ist, anzunehmen, daß wir in den nächsten Jahren je 60.000 Köpfe pro Jahr einwandern lassen könnten! Nachdem dies eine strikte Unmöglichkeit ist, kann ich nicht verstehen, welchen Sinn es haben soll, quasi als , n ä c h t e s (in fünf oder zehn Jahren zu erreichendes) Ziel des Zionismus die Erlangung der Majorität in PalästiL„ zu proklamieren! Die Wirkung kann nur ein erbärmlicher Katzenjammer sein. Daß wir ä la longue eine Majorität, in Palästina sein werden und sein müssen, daran zweifle ich nicht, ich habe sogar noch viel weitergehende Hoffnungen in bezug auf die künftige Stellung der Juden in ganz Vorderasien, nicht nur in Palästina, so daß ich wiederholt sagte, daß wir* einmal dort noch viel weitei kommen werden, als selbst Herzl es träumte. Aber mit solchen Hoffnungen kann man keine praktische Politik führen. Ich leugne nicht, daß wir die Majorität In Palästina werden müssen und können, ich leugne aber, daß auch nur die geringste Möglichkeit dafür besteht, sie in fünf oder zehn Jahren zu erreichen, so daß wir, wenn wir jetzt nach innen und außen mit derartigen Aspirationen auftreten, uns nur glatt lächerlich machen. Josef Tepper. Der Maler des arbeitenden Palästina 2a Wien. Man kennt die Erzählungen von dem märchenhaften Wachstum der Pflanzen in den Tropen. Wenn man des Abends seinen Hut auf eine Bambusstaude hängt, so kann man ihn am nächsten Morgen nicht mehr hinunterlangen. So sehr ist das kurze .Rohr über Nacht in die Höhe geschossen. Von ähnlicher Wirkung ist Palästina auf jüdische Künstlernaturen. Sobald ihre Füße die heimatliche palästinensische Erde berühren und ihre Stirn in die palästinische Sonne taucht, ist es, als schloße sich ein Stromkreislauf und mache sie zu einem Emanationszentrum von ungekatmter Kraft und Fülle. Tausendjähriges Wissen und Ahnen strömt ihnen aus den Steinen und den Firmamenten dieses Landes zu, durch das alle vergangenen Generationen ihres Volkes geistern und das von den Visionen seiner Träumer und Seher erfüllt ist. Und ihr Eigenstes, ihr Größtes vnd Tiefstes wird aus ihnen plötzlich hinausgeboren, wie ein Adam aus einem ungeformten Stück Lehm. Solches hat auch der Maler Josef Tepper an sich erlebt. Er war ein Berufener und Anerkannter, bevor er nach Palästina kam. Hatte sich der Pression seiner Eltern entwunden, die den begabten Jungen nur als Rabbiner glänzen sehen wollten. Kämpfte sich durch zum Maler von Odessa bis nach Paris und schon 1910 als 24jähriger erscheint er auf Ausstellungen in Paris und London preisgekrönt. Seine Pariser Kompositionen, Phantasien von idyllischer Schönheit, verflackern Jedoch sehmerzerstickt in der Welt von Mord und Blut, wie sie ihn für sieben entsetzliche Jahre In Rußland umgibt Kriegsgemetzel, Reich habe in jenem Referat gesagt, was ich schon seit Jahren wiederhole: wenn wir hypnotisiert sind von absoluten Zahlen, so können wir uns nur eine Blamage holen. Wir haben heute zirka 160.000 Juden in der nationalen Heimstätte, von 15 bis 16 Millionen Juden der Welt, das ist gerade 1 Prozent. Wir machen in Palästina selbst, das noch keine Million Einwohner hat, nicht einmal ein Fünftel der Bevölkerung aus! Hüten wir uns daher, uns auf Zahlen zu stützen, denn sie sprechen eindeutig gegen uns. Unsere Kraft und die Bürgschaft für unsere Zukunft liegen in der Dynamik, in dem Auftrieb, den wir der Judenheit geben, in der unbeirrten Kraft, mit der wir den Weg zur Erringung der jüdischen Heimstätte gehen, in der ungeheuren potentiellen Energie, die im Judentum vorhanden ist und die wir in eine kinetische zu verwandeln bemüht sind, wozu die Leistungen in Erez Israel das wichtigste Instrument sind, In der inneren Qualität dieser Leistungen, die nicht nur für das Judentum wesenhaft revolutionäre Taten darstellen, sondern auch für das Land selbst von umwälzender Kraft sind. Wenn wir auch noch kein Fünftel der Bevölkerung sind, so sind doch wir der wichtigste bestimmende Faktor für die Entwicklung des Landes, das heißt mit anderen Worten, daß Palästina zwar nicht jüdisch ist, wie England englisch, daß wir aber am Wege sind, das zu erreichen, was die Staatsnation in anderen Ländern tut: das Geschick des Landes zu bestimmen. Unsere winzige Siedlung in Palästina kann daher zwar nicht mit Ziffern imponieren, wohl aber mit Geschichte machenden Leistungen und mit dem Rang, den unsere Nation heute schon in ihrem Lande einnimmt. In diesem Sinne waren meine kurzen Ausführungen in dem erwähnten Referate gemeint. RUNDSCHAU. Der Amnestieantrag der Sozialdemokraten für die wegen der Juli-Ereignisse in Wien Verurteilten ist vom Justizausschuß des Nationalrates abgelehnt worden. Das ist ein nicht genug zu mißbilligender Akt der Mehrheit, die damit zu erkennen gibt,, daß sie nichts zu einer Beruhigung der Verhältnisse beitragen will. Es scheint,, daß die gegenseitige Verbitterung fortgesetzt werden soll und daß die Reaktion gesonnen ist, die durch die Fehler der Sozialdemokratie entstandene Lage bis aufs letzte auszunützen. Das wird ihr durch die Intransigenz der Opposition erleichtert, die die Basis des politischen Kampfes verschoben hat und ihren Elan in der Hauptsache gegen die Polizei richtet. Das trägt in die innere Entwicklung einen Zug der Gereiztheit, der keinesfalls förderlich sein kann. Die Parteien, die einander schon ziemlich nahestanden, entfernen sich wieder, und die einzige Möglichkeit, zum inneren Frieden zu gelangen, wird verschüttet. Das gibt für die nähere Zukunft die trübsten Aspekten und den Schaden haben nicht die demagogischen Schreier, sondern die ehrlich arbeitende Bevölkerung, die ja wieder für vier Jahre vor den Pflug der Radaupolitiker gespannt ist. So nahe war man wieder am Kriege! Zwei Jahre nach dem Waffenstillstand, ein Jahr nach dem Frieden zündelten alliierte. un.d magyarische Diplomaten mit Einmarschplänen herum. Es handelte sich um die Bekämpfung des Bolschewismus und der aktuelle Anlaß lag in dem bekannten Raid des Kosakenführers B u d z e n n y bis an die Warschauer Forts. volutionsgreuel, Pogromwahnsinn durcheggen seine Seele, während sein mächtiger Körper aller physischen Not standhält. 1921 steht er als ein bis in die letzten Tiefen aufgerührter Beter aufatmend in der traumgeborenen Landschaft Palästina, umflossen von ihrem milden Frieden und der heroischen Musiik ihrer Neubelebung. Da versinkt alles Bisherige für ihn. Es ist ihm, als hätte. er bisnun nur die Oberfläche der Welt gesehen, als ein leidenschaftsloser, kühler, wenn auch treffsicherer Beobachter. Nun offenbart sich ihm in heißen Wellen ihr Innerstes. Was er von jetzt ab malt, das ist kein Abgetrenntes mehr, das ist er selbst, der Rhythmus seines eigenen Blutes, Fleisch von seinem Fleische. Das, was sich da vollzieht, ist seine eigene Erlösung, der Ausdruck seiner eigensten Sehnsucht, die Erfüllung seines ureigensten Selbst. Er ist, nach seinen eigenen Worten, wie ein von Gott Besessener und was er in dieser Stimmung schafft, wird ein einziger Hymnus auf das Land und seine Menschen. Er kann nicht mitroden und Wege ins Gestein mitbrechen helfen, aber er kann die heilige Inbrunst der Pioniere miterleben und aus der Leinwand hervorglühen lassen wie keiner vor und neben ihm. Der ungeheure Ernst, der unablenkbar aufs Ziel gerichtete Wille, das tiefe Wissen um das, was nottut, die dunkle Glut letzterEntschlossenheit und Hingabe sammelt er zu unvergeßlicher Wirkung, besonders in dem prachtvollen, großgeschau.ten Bilde der Ghaluzah, jener heroischen Frauengesalt, die, die schwere Hacke fest im Griff, im frühen Morgengrauen, an den Zelten des Lagers vorbei, an die Arbeit schreitet, und in der wundervollen Figur des jungen Schomer, der, festgewurzelt wie ein Felsen, von Sonne, Wind und den Nöten seines Pionierdaseins verwittert, aber mit der Ekstase liebender Güte im Blick, Inmitten wogender Ge- PELZWAREN * jeder Art in feinster Ausführung billigst bei GEBRÜDER BRAININ Wien, II., Glockengasse 8, Telephon 45-4-33 Die Gefahr eines Durchbruches schien groß imd die Entente, deren Spionageorganisation auch diesmal versagte, glaubte fest daran, daß hinter den Kosaken die Masse der russischen Infanterie aufmarschiere. In dieser Lage wurde von dem Abteilungsvorstande des französischen Außenministeriums, P a 1 e o 1 ogue (der inzwischen abberufen worden ist), eine Denkschrift verfaßt, die das Eingreifen magyarischer Truppen zum Schutze Polens besprach und eventuelle territoriale Kompensationen für Ungarn erwähnte. So wurde vorgeschlagen, die Städte mit größerer ungarischer Bevölkerung, die an die Tschechoslowakei und Rumänien gefallen waren, wieder Ungarn zurückzugeben. (Vorausgesetzt, daß sich dieses die Tschechoslowakei und Rumänien gefallen ließen.) Diese Denkschrift ist durch einen der vielen magyarischen Faiseurs namens Haimos der ungarischen Regierung übergeben und von ihr behandelt worden. Die Regierung — es war das Kabinett Simony-Semadam — sah offenbar die Denkschrift eben nur als eine Denkschrift an und konnte politische Konsequenzen nicht ziehen; die Ententeoffiziere in Budapest drängten, auf eine positive Erledigung, aber der britische Oberkommissär Hohler, der bekannte Protektor der Brachialmörder, erhob Einspruch. Die Sache verlief im Sand. Durch Veröffentlichungen des legitimistischen „Magyarsag" ist die Angelegenheit jetzt bekannt geworden und sie soll auf die Höhe einer weltpolitischen Affäre lizitiert werden. Dieser Erfolg kann nicht erreicht werden, weil es sich doch, wie bereits gesagt, nicht um eine amtliche Note, sondern höchstens um eine private Denkschrift handelt. Was sonst dazu erzählt wird, ist Fälschung. Aber das Symptomatische liegt nicht bei den glücklicherweise versandeten Aeußerlichkeiten. Nehmen wir an, der Handel mit Menschenfleisch, der Ankauf von vier Divisionen magyarischer Soldaten wäre geglückt. Wie schwungvoll hätte die magyarische Presse den. Ueberfall auf das Vaterland verkündet und -wie-groß wäre die Gefahr für die' ungarisclibn Juden gewesen,' die doch immer als Bolschewiken vernadert wurden!, Das Ganze ist natürlich auch als Exempel auf die Beschlüsse des Völkerbundes zu werten. Was wäre wohl in diesem Falle der Angriffskrieg gewesen, der jetzt so feierlich verdammt wird?/ So wurde nach dem Krieg mit der Lunte gespielt. Wie es vor dem großen Unglück zuging, ist uns allen ins Gedächtnis geschrieben, aber doch nicht so unverwischbar, wie dies notwendig ist. Es ist gut, daß man immer wieder daran erinnert wird, wie der verbrecherische Machtwahn des Militarismus mit dem Leben und dem Glück der Menschen umgesprungen ist, und es sei deshalb auf die Enthüllungen des treidefeider starke Wacht hält In der gesamten Kunst aller anderen Völker wird man vergebens das Bild eines schwerbewaffneten Wachtpostens suchen, der so wenig von kraftbetonter Heldenpose weiß und soviel von wahrem menschlichen Heldentum und geistigen Kämpfen. Auch die in geschlossener, mauerähnlicher und undurchbrechlicher Front anrückenden drei Chaluzim, die nach getaner Arbeit in die sinkende Nacht schreiten, bereit, allen Gefahren zu begegnen, die in ihr drohen mögen, und der Steinbrecher, der mit seiner mächtigen, weit ausladenden Geste imstande scheint, die Welt aus den Angeln zu heben, gehören in die Reihe der Meisterwerke Teppers aus dem arbeitenden Palästina. Ein Palästiner Schulkind, das sie ausgestellt sah, schrieb über sie die ergriffenen Worte in das aufgelegte Merkbuch: „Draußen ist die Arbeit, in diesen Bildern ist der Gesang von der Arbeit." Jawohl, packend ertönt das Lied von der Arbeit aus diesen Gemälden, aber was sie heraushebt aus den Darstellungen der Arbeit, wie sie in den Schöpfungen eines Meunier, eines Rodin, eines Hodler verewigt ist und die Teppers Lehrmeister gewesen sein mögen, ist, daß sie nicht die Arbeit an sich verherrlichen, sondern die heiligende, erhabene, eine über sich selbst hinaussteitgerride Arbeit, die höchsten Idealen unterstellt ist. Auch das alte Judentum hat Tepper oft gemalt^ Wie viele Bilder von frommen, betenden Juden habet» wir gesehen, seitdem die Bezalelschule dies Motiv auf den Schild erhoben hat. Aber wie viele reichen an die Abgrüudigkeit der Gestaltung von tausendjährigem Leidwissen und schmerzlicher Koheletweisheit heran, wie sie den alten Safeder Chachara niederbeugen oder an die Tiefen jenes Innern Schauens, in die sein Mystiker versunken ist. Auch das verwandte melancholische Pathos in den Augen.e4tar Araber findet ia Topper einen kongenialen Erfasser.